Montag, 24. Oktober 2016

Drogenökonomie: Afghanistan als monopolistischer Produzent und schwerreiche Taliban auf der Seite der Profiteure

Von Stefan Sell
Wenn von Kartellen gesprochen wird, dann denken viele vielleicht nicht sofort an Wurst-, Zement- oder gar Matratzen-Kartelle, sondern an Drogen-Kartelle. Kolumbien beispielsweise, mit der Figur des Pablo Escobar als Oberhaupt des Medellín-Kartell, bereits seit 1993 nicht mehr unter den Lebenden, ist selbst den jüngeren Jahrgängen ein Begriff - und sei es durch die Umsetzung in der Serie Narcos auf Netflix. Der eine oder andere wird auch an Mexiko denken, wo seit Jahren ein unglaublich blutiger Krieg der Drogen-Kartelle gegen den Staat und vor allem gegen die Gesellschaft tobt, mit Zehntausenden Toten. Nun dienen Kartelle bekanntlich dazu, über die Aufteilung von Märkten und Absprachen bei Preisen und Mengen zum Nachteil der Verbraucher in die Lage eines monopolistischen Anbieters zu kommen.
Hart man eine monopolistische Marktmacht, dann lebt es sich profitmäßig gesehen sehr gut - und wenn es sich dann auch noch um einen illegalisierten Markt handelt auf der Konsumentenseite, dann winken besonders hohe Gewinne.

Verdeutlichen kann man das an der weltweiten Opium-Produktion. Die Zahl der weltweiten Opiat-Konsumenten wird von der UNDOC (United Nations Office on Drugs and Crime) auf etwa 17 Millionen Menschen im Jahr 2014 geschätzt. Hinsichtlich der Produktion zeigen die UNDOC-Zahlen, dass mit »183,000 hectares, Afghanistan still accounted for almost two thirds of the global area under illicit opium poppy cultivation«, Afghanistan also eine marktbeherrschende Stellung im weltweiten Produktionsgefüge einnimmt.

Vor diesem Hintergrund sind dann solche Meldungen zu lesen: »Die Opiumproduktion in Afghanistan ist wieder stark gestiegen. Dies zeigt ein neuer UN-Bericht. Zu den größten Profiteuren zählen die Taliban«, kann man dem Artikel Taliban werden zu schwerreichen Drogen-Fürsten entnehmen:
»Nach Milliarden der Anti-Drogen-Kampagnen hat Afghanistan wieder eine fette Opiumernte hervorgebracht. Die Botschaft: Das Land wird zum Narko-Staat, die radikalislamischen Taliban werden zu schwerreichen Drogen-Fürsten, die weltgrößte Opiumindustrie wächst weiter - ungehindert ...  Die Anbauflächen des Schlafmohns, Basis für das Opium, sind um zehn Prozent gewachsen, auf etwa 201.000 Hektar. Nur 2013 und 2014 gab es mehr Schlafmohnfelder in Afghanistan. Hauptlieferant ist nach wie vor die bitter umkämpfte Provinz Helmand. Aber auch im Norden, wo in vielen Provinzen lange die Bundeswehr stationiert war, explodiert der Anbau. Die Mohnfelder haben sich hier mehr als verdreifacht.«
2015 war die Ernte stark eingebrochen, vor allem wegen Pflanzenkrankheiten. Das hat aber nur dazu beigetragen, in diesem Jahr Preise und Nachfrage nach oben zu treiben. Auf den Einbruch auf der Produktionsseite hatte auch die UNDOC mit ihren Zahlenangaben hingewiesen: »... global opium production in 2015 fell by 38 per cent from the previous year ... The decrease was primarily a consequence of a decline in opium production in Afghanistan (a decrease of 48 per cent from the previous year).«

Aber diese Zahlen sind bereits Schnee von gestern, wie man den neuen UNDOC-Daten entnehmen kann: Afghan opium production up 43 per cent. Eine ausführliche Darstellung gibt es im Afghanistan Opium Survey 2016 der UNDOC.

Das hängt natürlich auch zusammen mit der spezifischen Konfiguration in Afghanistan. Dazu aus dem bereits zitierten Artikel:
»Es ist kein Zufall, dass es mehr Opium gibt, seit die radikalislamischen Taliban 2006 ihr Comeback begonnen haben. „Da ist ein gut dokumentierter Zusammenhang zwischen Unsicherheit und Mohnanbau“, sagt Jelena Bjelica vom Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network. „Mohn hat wenige Risiken in einer Hochrisiko-Umgebung. Es ist eine natürliche Wahl für Bauern im Krieg.“ ... Das zementiert eine gefährliche und mittlerweile fast unumkehrbar erscheinende Entwicklung. Das afghanische Opium ist nicht nur ein globales Gesundheits- oder Kriminalitätsproblem. Es ist auch ein Sicherheitsrisiko. Denn Opium und Terrorismus sind eng miteinander verquickt. Die radikalislamischen Taliban sind Teil der Drogenmafia. In der Provinz Helmand kontrollieren sie mittlerweile 85 Prozent der 14 Bezirke - und damit Mohnanbaugebiete und Schmuggelrouten.
Schon 2009 sollen die Taliban laut UN 155 Millionen Dollar am Drogengeschäft verdient haben. Im vergangenen Jahr sollen es mindestens 500 Millionen gewesen sein, sagt ein in Südafghanistan ansässiger Sicherheitsexperte.«
Für ür viele Hunderttausende bitterarmer Menschen in Afghanistan ist das Opium die einzige Einnahmequelle. Den Anbau von Schlafmohn durch Zerstörung der Felder zu verhindern, ohne Alternativen anzubieten, habe jahrelang „bloß dazu beigetragen, verzweifelte Bauern in die Arme der Taliban zu treiben“, schreibt die Afghanistan-Expertin Vanda Felbab-Brown in einer Studie für die Brookings Institution.
Vgl. dazu ausführlicher: Vanda Felbab-Brown: No Easy Exit: Drugs and Counternarcotics Policies in Afghanistan, The Brookings Institution, April 29, 2015.

Auch hier zeigt sich einmal mehr - der "Krieg gegen die Drogen", der so viele Menschenleben gekostet hat, kann auf dem bisherigen Weg nicht gewonnen werden. Da gilt es erneut, auf die Arbeiten der Global Commission on Drug Policy zu verweisen. Die haben bereits 2011 einen wegweisenden Report vorgelegt:
Krieg gegen die Drogen. Bericht der Weltkommission für Drogenpolitik, Juni 2011 (Deutsche Übersetzung herausgegeben vom Fachverband Sucht, Zürich 2012)
Darin (S. 17) die bittere Erkenntnis: »Mit jedem Jahr, in dem der gegenwärtige Ansatz fortgesetzt wird, werden Milliarden von Dollar für unwirksame Programme verschwendet. Millionen von Bürgerin- nen und Bürgern werden unnötig ins Gefängnis gesteckt. Eine noch viel höhere Zahl von Menschen leidet unter der Drogenabhängigkeit von Angehörigen, die keinen Zugang zu Gesundheits- und Sozial- leistungen haben, und Hunderttausende von Menschen sterben an einer vermeidbaren Überdosis und an Krankheiten, die auf einen unsachgemässen Drogenkonsum zurückzuführen sind.«

(24.10.2016)

Foto: © Rosel Eckstein / pixelio.de