Donnerstag, 27. Oktober 2016

Die Drogen und die Ökonomie. Bewegung in den USA und alles ein paar Nummern kleiner in Deutschland

Von Stefan Sell

Bereits der letzte Blog-Beitrag hatte sich auf das Feld der Drogenökonomie begeben. Diesen Ausflug kann man mit neuem Stoff etwas anreichern.

Highlife in Tüten, so ist ein interessanter Artikel überschrieben: »Sollte Kalifornien bald den Konsum von Cannabis erlauben, rückt eine US-weite Legalisierung näher. Es entsteht ein Multimilliarden-Dollar-Markt mit erheblichen Risiken.« Denn am 8. November finden in den USA nicht nur die Präsidentschaftswahlen statt, sondern im mit 40 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat, also in Kalifornien steht auch die "Proposition 64" (vgl. hierzu Official Voter Information Guide) auf der Abstimmungsliste, ein Gesetzesvorschlag, mit dem die Nutzung von Marihuana legalisiert werden könnte, die über den begrenzten medizinischen Gebrauch hinausreicht. Nicht nur in Kalifornien - in insgesamt neun Bundesstaaten wird es entsprechende Volksabstimmungen geben - und die Chancen stehen nicht schlecht für die Legalisierungsbefürworter, weil Umfragen zeigen, dass inzwischen 60 Prozent der Amerikaner das noch immer bundesweit geltende Cannabisverbot für überholt halten, vor zehn Jahren waren es nur 32 Prozent. Bisher haben nur die Bundesstaaten Washington, Oregon, Alaska und Colorado sowie die Hauptstadt Washington DC die Droge unter strikten Auflagen als Genussmittel freigegeben.

Die Berichte in der Wirtschaftspresse sind euphorisch zu nennen, beispielsweise Auf der Jagd nach dem grünen Gold: »Marktanalysten sagen voraus, dass der Umsatz mit Joints und „Edibles“, essbare High-Macher wie Schokoriegel oder Kuchen, von heute 5,5 Milliarden Dollar bis Ende des Jahrzehnts auf 23 Milliarden Dollar wachsen wird. Investoren winken gewaltige Gewinnen, der Fiskus kann sich über zusätzliche Steuereinnahmen freuen.«

Sollten die Wähler an der Westküste grünes Licht geben, wird Richard Baca zitiert, ausschließlich zu Marihuana-Themen arbeitende Zeitungsredakteur der „Denver Post“ im Pionierstaat Colorado, wo am 1. Januar 2014 mit der strikt kontrollierten Freigabe begonnen wurde, „dann ist der Zug in ganz Amerika nicht mehr aufzuhalten.“ Richard Baca betreibt übrigens die renommierte Website The Cannabist - Marijuana news, culture, resources.

Aber in dem Ausgangsartikel geht es weniger um grundsätzliche Fragen der Drogenökonomie, sondern um einen speziellen Aspekt, der allerdings - sollte er zutreffen - wiederum fundamentale Auswirkungen haben könnte/wird auf die Morphologie der im Entstehen und in der Entfaltung befindlichen Cannabis-Industrie.

Auch hier lohnt der Blick auf Colorado: »Im Großraum Denver hat sich in nicht einmal 24 Monaten eine hoch diversifizierte Industrie mit Tausenden Arbeitsplätzen entwickelt, die vom Marihuana-Anbau über den Verkauf in lizenzierten Läden bis hin zum touristischen Lifestyle-Produkt (Kiffer-Touren mit Chauffeur in Luxuslimousinen) die komplette Verwertungskette abdeckt«, berichtet Dirk Hautkapp in seinem Artikel Auf der Jagd nach dem grünen Gold.
Dem Artikel Highlife in Tüten kann man entnehmen, dass selbst unter den bestehenden Produzenten von Cannabis (das wir gesagt für medizinische Zwecke eingesetzt werden darf) skeptische Stimmen hinsichtlich der allgemeinen Legalisierung zu hören sind. Wie das?
»Viele der kleineren Anbauer befürchten, bei einer breiten Legalisierung von großen Unternehmern aus dem Markt gedrängt zu werden und fühlen sich außen vorgelassen. Höhere Kosten durch die Besteuerung und Lizenzgebühren könnten Kleinanbieter und Verbraucher – die bislang die geltende Zulassung für medizinische Zwecke nutzen – zurück auf einen gut funktionierenden Schwarzmarkt drängen, fürchtet Steve Dodge. "Die Motivation hinter der Legalisierung ist fraglich, für die Unternehmen geht es vor allem um ein Multimilliardengeschäft", sagt der Direktor der Humboldt Growers Collective, einem Zusammenschluss von kleinen Produzenten im Norden Kaliforniens, der viele der Vorschläge in Proposition 64 ablehnt ... Schon jetzt zeige sich in Colorado und Washington, wie mächtig die Industrie geworden sei. Zwar gebe es noch kein General Motors oder Budweiser, "aber die Firmen wachsen schnell". Der Markt ist bestimmt von Produzenten mit mehreren Zehntausend Pflanzen, während die kleinen Anbieter auch angesichts weiter fallender Preise unter immer größeren Druck geraten. Die drei größten Produzenten in Colorado haben schon jetzt einen Anteil von mehr als zehn Prozent. Sollten die Schranken in wenigen Jahren ganz fallen, glaubt Caulkins, werde der Kleinanbau bis auf wenige Nischenanbieter zum "Anachronismus". In 25 Jahren würden die USA bereuen, dass der Markt den großen gewinnorientierten Unternehmen überlassen wurde, glaubt Caulkins. "Wir sind dabei, ein neues Monster zu schaffen."«
Auch hier sind wir also mit den ökonomischen Grundtatbeständen Größenwachstum sowie Konzentration konfrontiert. Durchaus passend an dieser Stelle eine Meldung aus der Welt der legalen Drogen: Großfusion in der Zigarettenindustrie, kann man der Wirtschaftspresse entnehmen. Da wird über eine ganz große Nummer der legalen Drogenproduzenten berichtet: British American Tobacco will für 47 Milliarden Dollar Reynolds komplett übernehmen. »Die britische BAT (unter anderem mit den Marken Lucky Strike und Pall Mall), die in Deutschland auf einen Marktanteil von knapp 20 Prozent kommt, kündigte am Freitag einen ganz großen Deal an. Für 47 Milliarden Dollar will BAT den US-Konzern Reynolds („Camel“) übernehmen und damit zum weltgrößten börsennotierten Tabakkonzern aufsteigen.« Was für Argumente werden von den Befürwortern des Konzentrationsprozesses auf der Produzentenseite vorgetragen?
»Die Kombination der beiden Unternehmen stärke das Geschäft für die Zukunft, betonte BAT-Chef Nicandro Durante. Ähnlich argumentiert Jan Mücke vom deutschen Zigarettenverband. Bei der Entwicklung neuer Produkte habe ein neuer Großkonzern naturgemäß mehr Möglichkeiten; ob das die Weiterentwicklung der E-Zigarette sei oder Veränderungen am Tabak, sodass beim Verbrennungsvorgang nicht so viele Giftstoffe entstünden wie bislang. Auch die Präsenz in Schwellenländern in Südamerika, Afrika, dem Nahen Osten und Asien würde sich verbessern für das fusionierte Unternehmen. Die meisten internationalen Tabakkonzerne richten ihre Tätigkeit zunehmend auf diese Länder aus, um die nachlassende Nachfrage in Westeuropa auszugleichen. In Deutschland etwa sinkt der Zigarettenverbrauch jedes Jahr um rund ein Prozent. Seit 2002 fiel der Absatz um mehr als 40 Prozent.«
Fazit: Es ist eine Menge Bewegung auf dem Feld der Legalisierung bislang illegalisierter Drogen. Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass es den ernsthaften Befürwortern einer Legalisierung nicht darum geht, dass man Drogen gleichsam beim Aldi oder Edeka einkaufen kann, sondern - für Ökonomen besonders bedeutsam - es geht um einen regulierten Markt. Damit verbunden sind dann gewichtige Folgefragen, beispielsweise der Umgang mit der Angebotsseite, denn es reicht eben nicht, nur die Nachfrageseite zu entkriminalisieren oder gar die Nutzung dort zu legalisieren, wenn man nicht gleichzeitig auch legale Optionen auf der Angebotsseite schafft. Zugleich muss mit Blick auf die Besteuerung seitens des Staates bei einem legalisierten Vertrieb und Konsum natürlich immer auch das rechte Maß gefunden werden, um die Preise nicht wieder so hoch zu treiben, dass es Anreize gibt für die Ausbreitung eines Schwarzmarktes mit all seinen negativen Nebenfolgen. Da sind noch viele Fragen offen bzw. zu bearbeiten.

Und in Deutschland? Da ist man noch weit weg von Volksabstimmungen und auch in der herrschenden Politik gibt es keine erkennbare Regung, sich mit diesem Thema zu befassen, von einzelnen Politikern mal abgesehen - so hat sich beispielsweise mit Cem Özdemir einer der grünen Parteivorsitzenden mit einem Beitrag zu Wort gemeldet, der so überschrieben ist: Schützt unsere Jugend! Legalisiert Cannabis!

Auch in der Fachwelt wird seit Jahren mit Blick auf eine von nicht wenigen Vertretern dort unterstützte Legalisierung geworben. Dazu ein aktuelles Beispiel: »Bei einer Fachtagung im Hamburger Schanzenviertel werben rund 250 Fachleute aus Politik, Kommunen und Verbänden für eine Legalisierung von Drogen. Unter dem Titel "Schluss mit KRIMInalisierung" fordern sie eine Regulierung der Drogenmärkte und einen kontrollierten Konsum, insbesondere von Cannabis. Polizeiliche und strafrechtliche Maßnahmen gegen Drogenkonsumenten seien wirkungslos«, so der Bericht Drogen-Experten werben für Legalisierung. Auf dieser Tagung war auch ein ehemaliger Polizeipräsident vertreten - Huber Wimber,  der 17 Jahre lang der oberste Polizeibeamte in Münster war. Wimber forderte staatlich kontrollierte Ausgabestellen für Cannabis und wird mit diesen Worten zitiert:
"Wir brauchen einen Markt, in dem ähnlich wie bei Tabak und Alkohol Jugendschutz-Bestimmungen exisistieren und wir brauchen einen Markt, der es nicht mehr möglich macht, dass kriminelle Organisationen exorbitant hohe Profite aufgrund ihrer kriminellen Tätigkeit generieren."
Besser als Verbote sei eine ehrliche Aufklärung über die Gefahren - das zeige sich am Besten am Beispiel Tabak. Zigaretten gibt es legal, aber die Zahl gerade jugendlicher Raucher nehme weiter ab.

Das Thema wird uns weiter begleiten. Auch wenn die meisten Akteure in der Politik keine Lust haben, sich auf dieses kontroverse Terrain zu begeben.

(27.10.2016)