Montag, 31. Oktober 2016

Deutschland wird 2016 wieder Weltmeister. Beim Kapitalexport. Und ein Billion Euro sind einfach weg

Von Stefan Sell

Das sind doch tolle Nachrichten, wird der eine oder andere denken: »Deutschland ist auf dem besten Weg, in diesem Jahr wieder Weltmeister beim Kapitalexport zu werden. Damit würde es China ablösen. Das haben Berechnungen des ifo Instituts ergeben. Es erwartet für das laufende Jahr 310 Milliarden US-Dollar Überschuss in der Leitungsbilanz (Waren, Dienstleistungen, Übertragungen), nach 285 Milliarden 2015. China dürfte in diesem Jahr einen Überschuss von etwa 260 Milliarden US-Dollar aufweisen. Auf Rang drei folgt Japan mit rund 170 Milliarden US-Dollar«, berichtet das ifo-Institut unter der Überschrift Deutschland wird 2016 wieder Weltmeister beim Kapitalexport. Der deutsche Überschuss beruht auf dem Warenhandel; allein dort erzielte das Land bis zum Juni einen Überschuss von 159 Milliarden Dollar. Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss wird demnach rund 8,9 Prozent des Bruttoinlandproduktes erreichen, nach 8,5 Prozent im Vorjahr. Die deutsche Volkswirtschaft exportiert auf Teufel komm raus. Große Freude in Deutschland.

Und dann so eine Kommentierung: Deutschlands wahnwitzige Rekordfahrt, schreibt Mark Dittli. Er fragt: Das ist doch toll - oder etwa nicht?
»Es ist gefährlich und bedenklich. Denn dieser riesige Leistungsbilanzüberschuss bedeutet, dass Deutschlands Binnennachfrage viel zu schwach ist und das Land seine Überschussproduktion sowie seine inländische Überschussersparnis dem Rest der Welt aufbürdet.«
Während der gesamten 1990er Jahr, also in den Jahren nach der Wiedervereinigung, lag der Saldo der deutschen Leistungsbilanz stets leicht im Minus. Ab dem Jahr 2000, mit der Einführung des Euro, ändert sich das Bild. Seit 2002 ist der Leistungsbilanzsaldo positiv, und er ist seither stetig weiter gestiegen. Was stört Dittli daran?
»In Deutschland wird diese Entwicklung typischerweise mit der hervorragenden Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft erklärt: Deutschland ist Exportweltmeister!
Doch das ist bestenfalls die Hälfte der Erklärung. Die andere Hälfte lautet: Deutschland spart zu viel. Viel zu viel.«
In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) bildet sich das entsprechend ab, wie er ausführt:
»In der Zahlungsbilanzrechnung einer Volkswirtschaft hat die Leistungsbilanz nämlich ein Gegenstück: die Kapitalbilanz. Vereinfacht gesagt: Einem Überschuss in der Leistungsbilanz muss zwingend ein Defizit in der Kapitalbilanz gegenüberstehen.
Das bedeutet am konkreten Beispiel: Deutschland wird im laufenden Jahr in seiner Kapitalbilanz ein Defizit von 310 Milliarden Dollar ausweisen. Oder anders gesagt: 310 Milliarden Dollar fliessen aus Deutschland ins Ausland ab.«
Auch der  Internationale Währungsfonds hat in seinem jüngsten Länderbericht zu Deutschland erneut auf das Missverhältnis zwischen Ersparnissen und Investitionen hingewiesen.
Die Lücke zwischen der am BIP gemessenen Sparquote des deutschen Privatsektors (Haushalte und Unternehmen) und der Investitionsquote wird immer größer. »Weil auch der dritte Akteur in Deutschland, der Staat, spart und nicht investiert, fliessen die überschüssigen Ersparnisse ins Ausland«, so Dittlis Befund.

Damit baut Deutschland laufend höhere Forderungen gegenüber dem Rest der Welt auf. Was ist dagegen zu sagen? Das hier: Die »Überschuss-Ersparnisse flossen in den vergangenen Jahren über das deutsche Bankensystem zu einem grossen Teil in allerlei zweifelhafte Anlagen: Amerikanische Subprime-Kredite, spanische Immobilienhypotheken, Forderungen gegenüber dem Bankensystem Griechenlands, Portugals und Italiens, Forderungen bei Gläubigern in Grossbritannien, Brasilien, der Türkei, Südafrika, und so weiter.«

Dittli bewertet das so: »Ein hoher Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands bedeutet nicht einfach, dass deutsche Produkte auf dem Weltmarkt so wahnsinnig gefragt sind. Er bedeutet vor allem auch, dass Deutschland viel zu viel spart und zu wenig investiert.«

Innerhalb der EU verursacht das Spannungen, auch wegen der offensichtlichen Verletzung von vereinbarten Obergrenzen, denn innerhalb der Europäischen Union gilt eigentlich die allgemein akzeptierte Regel, dass hohe Leistungsbilanz-Ungleichgewichte die Stabilität des Wirtschaft- und Finanzsystems gefährden. Der maximal tolerierte Leistungsbilanz-Überschuss wurde innerhalb der EU vor wenigen Jahren auf 6 Prozent des BIP limitiert. Deutschland liegt mit 8,9 Prozent des BIP massiv über diesem Wert.

Die Kritik von außen wird seitens der deutschen Bundesregierung schroff zurückgewiesen und bei manchen unbefangenen Beobachtern könnte der Eindruck entstehen, dass das bloß Neid sei, der sich hier ausprägt. Weil die anderen nicht so hohe Überschüsse erwirtschaften (können).

Aber man muss genauer hinschauen: Es ist auch nicht im Interesse der deutschen Bevölkerung, dass derart viel Kapital – 310 Milliarden Dollar in einem Jahr – aus dem Land abfließt. Dazu Dittli:
»Der horrende Kapitalabfluss bedeutet nämlich nichts anderes, als dass die deutsche Bevölkerung die Früchte ihrer eigenen, harten Arbeit nicht voll geniessen kann. Die Lösung wäre simpel: mehr Investitionen und mehr Konsum im Inland.«
Aber der Staat verweigert sich, aus politischem Kalkül. Das Motiv dahinter: Der krampfhafte Wille der Bundesregierung, im Haushaltsbudget eine "schwarze Null" respektive sogar einen Überschuss zu erzielen. Das ist absurd. Wenn jemand in der aktuellen Lage nicht auf Teufel komm raus sparen muss, dann ist es der deutsche Staat. Die inländischen Privathaushalte sparen schon mehr als genug.

Apropos inländische Privathaushalte sparen schon mehr als genug, auch da muss man natürlich genauer hinschauen: Wer spart eigentlich (nicht) und wie viel? Dazu gibt es jetzt eine neue Studie:
Jochen Späth und Kai Daniel Schmid (2016): The Distribution of Household Savings in Germany. IMK-Study 50, Düsseldorf: Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK)
Besserverdiener in Deutschland bilden hohe Ersparnisse, sagt die Studie. Das wird nicht überraschen. Schauen wir genauer hin - der Pressemitteilung des Instituts kann man entnehmen: »Das Prozent der Haushalte mit den höchsten Einkommen sparte zuletzt im Durchschnitt rund 58.000 Euro pro Jahr oder ein gutes Drittel seines Einkommens. Dagegen stehen die Haushalte der unteren Einkommenshälfte im Durchschnitt leicht in den roten Zahlen. Die 30 Prozent mit den niedrigsten Einkommen verschuldeten sich sogar um durchschnittlich gut 600 bis 1.200 Euro im Jahr.«

Umgerechnet auf die Sparquote heißt das: Die untere Hälfte verschuldete sich im Durchschnitt mit 1,6 Prozent ihres Einkommens, das oberste Prozent sparte 35 Prozent.
Zu der Datenbasis der Studie erfahren wir: Die verwendeten Daten stammen aus der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) 2003, 2008 und 2013, die Einnahmen und Ausgaben von mehr als 40.000 Haushalten detailliert auflistet. Die EVS-Welle von 2013 ist die derzeit aktuellste, die nächste Befragungsrunde wird das Statistische Bundesamt erst 2018 durchführen.
Insgesamt sind Ersparnisse in Deutschland höchst ungleich verteilt: Die untere Hälfte der Einkommensverteilung bildet in Summe gar keine Rücklagen, auf das oberste Zehntel entfallen knapp 60 Prozent aller Ersparnisse eines Jahres. „Über die Zeit zeigt sich, dass die Konzentration von Ersparnissen immer weiter zunimmt“, schreiben die Wissenschaftler.

Wieder zurück zu der kritischen Sichtweise von Dittli auf die deutschen Zahlen. Er bekommt Schützenhilfe von der Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann. Die hat ihren Beitrag dazu so überschrieben: Auf der Spur des verlorenen Geldes. Ihre Hauptthese lautet: »Ein gigantischer Teil des deutschen Auslandsvermögens hat sich in Luft aufgelöst. Der Grund: Es geht der Exportwirtschaft zu gut.« Eine wuchtige These. Wie begründet sie die?
»Eine Billion Euro sind einfach weg. Verschwunden. Dieses deutsche Vermögen gibt es nicht mehr; es ist im Ausland abhandengekommen. Doch niemand regt sich auf. Die allermeisten Deutschen wissen nicht einmal, dass Jahr für Jahr Milliarden verlorengehen.
Die verschwundene Billion lässt sich nämlich nur entdecken, wenn man zwei Statistiken miteinander abgleicht, die beide – auf den ersten Blick – nicht besonders aufregend wirken. Das erste Zahlenwerk sind die deutschen Exportüberschüsse. Bei der zweiten Aufstellung handelt es sich um das deutsche Auslandsvermögen, das die Bundesbank erhebt. Diese beiden Statistiken passen nicht mehr zusammen.«
Sie schreibt weiter: Das deutsche Netto-Auslandsvermögen belief sich Ende 2015 auf 1,476 Billionen Euro. Diese Summe ergibt sich, wenn man von den deutschen Geldanlagen die deutschen Schulden im Ausland abzieht. 1,476 Billionen Euro, das wirkt sehr stattlich. Doch eigentlich müssten die Deutschen noch viel mehr Nettovermögen im Ausland besitzen. Denn seit 1999, seit der Einführung des Euros, exportiert Deutschland permanent mehr Güter und Dienstleistungen, als es importiert.
»Die Exportüberschüsse summieren sich mittlerweile auf insgesamt 2,634 Billionen Euro – sie liegen somit mehr als 1 Billion Euro über dem Auslandsvermögen. Dabei müssten beide Summen ungefähr gleich hoch sein. Wo also ist diese Billion geblieben?«
Ja wo bitte? Die Erklärung hat wieder zu tun mit dem notwendigen Denken im Zusammenhang, anders formuliert: Wenn der eine Überschüsse macht, muss es jemanden geben, der Defizite macht. Unterm Strich kann es nur eine ausgeglichene Bilanz geben.
»Deutsche Überschüsse kann es nur geben, wenn andere Staaten mehr importieren als exportieren. Die Bürger und Firmen dieser Defizitländer können sich ihre Einkaufstouren in Deutschland aber nur leisten, weil sie dafür Kredite aufnehmen. Diese Darlehen stammen direkt oder indirekt von den deutschen Banken, denn sie ertrinken in Geld. Schließlich sammeln sich bei ihnen all die Erlöse, die die deutschen Exportunternehmen im Ausland erzielen.
Es gibt vielfältige Formen, wie die deutschen Banken die Bürger, Firmen und Banken in den Importländern mit Geld versorgen können: Sie können direkt Kredite vergeben, aber sie können auch Aktien kaufen, Staatsanleihen erwerben, mit Derivaten handeln oder Devisen aufhäufen. All diese Posten finden sich dann später in der Bundesbank-Statistik zum deutschen Netto-Auslandsvermögen wieder.«
Die deutschen Banken verbuchen Verluste, wenn die ausländischen Kreditnehmer irgendwann überschuldet sind und die Kredite nicht tilgen können. Dann ist das Geld weg. Das ist keine Theorie. Das Beispiel Finanzkrise verdeutlicht die Zusammenhänge:
»Typisch war die weltweite Finanzkrise ab 2007: Damals versanken Länder wie die USA, Großbritannien, Irland oder Island im Chaos, weil ihre Banken zuvor höchst windige Baukredite vergeben hatten. Als die heimische Immobilienblase platzte, brach natürlich auch das Geschäftsmodell der britischen oder amerikanischen Banken zusammen.
Doch seltsam: Auch der gesamte deutsche Bankensektor war pleite – obwohl es in Deutschland gar keine Immobilienblase gegeben hatte.«
Zweites Beispiel: »Auch in der Eurokrise wurde dieser Mechanismus sichtbar: Die Krisenländer hatten sich vor allem in Deutschland und in Frankreich verschuldet. Der Eurorettungsschirm wurde nicht etwa aufgespannt, um Griechenland zu retten – sondern um das Überleben der deutschen Banken zu sichern.«

Merksatz: Die deutschen Exportüberschüsse sind nur möglich, wenn man permanent Kredite ans Ausland gewährt. Mit allen notwendigerweise damit verbundenen Risiken und Problemen.

(31.10.2016)