Sonntag, 2. Oktober 2016

Too big to fail? Sie wankt, die Deutsche Bank. Über existenzbedrohende Probleme einer "deutschen Institution"

Von Stefan Sell
Wer hätte das vor einigen Jahren, ach: bis vor kurzem, gedacht? Dass mal darüber diskutiert wird, ob eine Schräglage die Titanic der deutschen Privatbankenwelt das Schicksal des hier verwendeten maritimen Namensvetters in die Frankfurter City versetzen kann und diese Ikone im wahrsten Sinne des Wortes absäuft? Wer hätte sich solche Schlagzeilen vorstellen können: Erdogan-Berater empfiehlt Kauf der Deutschen Bank: »Yigit Bulut, der Wirtschaftsberater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, ... gefalle der Gedanke, dass aus der Deutschen Bank die "Türkische Bank" werden könnte«, wird die Nachrichtenagentur Bloomberg zitiert. Auch, weil sich dieses Aushängeschild der deutschen Bandenlandschaft "zum Schnäppchen" entwickelt. Wie tief muss das Bankhaus gesunken sein, wenn beispielsweise Stefan Kaiser unter der Überschrift Warum die Bundesregierung die Deutsche Bank retten sollte räsoniert: »Die Deutsche Bank taumelt täglich tiefer in die Krise - doch die Bundesregierung will von Staatshilfe nichts wissen. Dabei könnte ein Einstieg des Bundes genau die richtige Lösung für das Geldhaus sein.« Wenn sogar in der FAZ von Georg Meck die Frage aufgerufen wird: Wer braucht die Deutsche Bank?, der dann auch noch nachlegt: »Über den Niedergang einer deutschen Institution.«

Und wer ist schuld an dieser eigentlich unmöglichen, genauer: bislang nicht vorstellbaren Entwicklung? Die USA dürfen bei der Suche nach den Verursachern des drohenden Absaufens nicht fehlen.

Denn aus den USA kam doch der Auslöser für die aktuelle massive Schräglage des großen Tankers Deutsche Bank, die sich auch in einer beschleunigten Talfahrt des Aktienkurses übersetzt hat. Wobei der Blick auf die Kursentwicklung der vergangenen drei Jahre zugleich aber auch einen ersten Hinweis geben kann, dass wir es hier offensichtlich mit einem komplexeren Thema zu tun haben, denn bereits die vergangenen drei Jahre waren geprägt von einem Absinken des Kurswertes der Deutschen Bank an der Börse, was darauf verweist, dass es hier schon vor dem aktuellen Auslöser Faktoren gegeben hat, aufgrund deren Existenz der Börsenwert des Unternehmens geschrumpft wurde.
Das Kapital ist beim größten deutschen Geldhaus ohnehin knapp. Und nun droht ihm auch noch eine riesige Strafe aus den USA. 14 Milliarden Dollar will das US-Justizministerium laut einer ersten Forderung von der Bank, so Stefan Kaiser - mittlerweile hat sich die erwartete Strafzahlung zwar reduziert, derzeit wird von 5,4 Milliarden Dollar berichtet. Aber das wäre angesichts der Rücklagen des Bankhauses für die in den USA möglichen Strafzahlungen (knapp drei Milliarden Euro) immer noch eine schwere Belastung. Auch mit Blick auf den "Wert" des Unternehmens: An der Börse ist der ganze Konzern nicht einmal mehr 16 Milliarden Euro wert, so Stefan Kaiser. An anderer Stelle heißt es, die Vertreter der Deutschen Bank selbst verweisen darauf, »dass sie 215 Milliarden Euro flüssige Mittel gebunkert haben; mehr als zehnmal so viel wie die kollabierte Investmentbank Lehman Brothers seinerzeit.« Allerdings folgt dann auch der Hinweis: »Allein die Tatsache, dass die Kassenbestände verglichen werden, verdeutlicht den Ernst der Lage.« Die Größenordnungen erklären teilweise, warum die Deutsche Bank von Spekulanten zum Abschuss freigegeben ist.

Nun handelt es sich bei der Deutschen Bank nicht um irgendein Finanzinstitut, sondern - wie Georg Meck ausführt - um einen Konzern mit dem Ruf, die „gefährlichste“, da am stärksten vernetzte, Bank der Welt zu sein:
»Mit Billionen an Derivaten dreht die Deutsche Bank das große Rad, traditionell unterlegt mit möglichst wenig Eigenkapital. Nur so konnte Josef Ackermanns Traum von 25 Prozent Rendite blühen. Davon redet schon lange keiner mehr: auch hat sich die Bank unter dem Druck der Regulierer seit der Finanzkrise etwas gestärkt, sie ist aber noch immer viel zu schwach ... Noch immer liegt die Eigenkapitalquote, gemessen an der Bilanzsumme, bei etwa vier Prozent. Anders formuliert: 96 Prozent des Geschäfts läuft auf Schulden.«
Bei der Suche nach den Ursachen der Strafzahlung muss die Antwort auf die Frage, ob es die Ereignisse in den USA sind, die zur Existenzbedrohung geführt haben, ambivalent ausfallen.

Zum einen kann man durchaus die These vertreten, die Bank ist ausschließlich selbst schuld an ihrer Malaise (so beispielsweise u.a. Jill Treanor: Deutsche Bank: how did a beast of the banking world get into this mess?).
»Bei allen windigen Geschäften, Manipulationen, Tricksereien, Betrügereien, Geldwäschedelikten und Steuerhinterziehungen im globalen Finanzzirkus waren ihre Manager dabei«, so hat das Heike Jahberg in ihrem Artikel Bloß keine Pleite auf den Punkt gebracht.
Die amerikanische Justiz will die Deutsche Bank abstrafen für windige Hypothekengeschäfte, als Vergeltung für die Finanzkrise, die dadurch angeblich ausgelöst wurde. Dass das Fehlverhalten der Deutschen Bank dann im Mittelpunkt der Ursachensuche zu stehen hat, könnte man auch dadurch bestärken, dass es noch eine Reihe anderer überaus kostspieliger Baustellen gibt, die teilweise aus kriminellen Machenschaften resultieren und unabhängig vom Ausgang der Strafzahlungsforderung in den USA weitere Milliarden-Beträge binden können und wohl auch werde, man denke an dieser Stelle an den Geldwäsche-Skandal in Russland, der noch bereinigt werden muss.

In einer anderen Interpretationslinie wird darauf hingewiesen, dass die USA ihre ganz eigenen Interessen verfolgen und die Chance sehen (könnten), einen großen Spieler auf den internationalen Finanzmärkten und dann noch aus Europa und mit Stammsitz am Bankenplatz Frankfurt zugunsten der amerikanischen Banken in die Knie zu zwingen. Ziemlich konkrete Andeutungen in diese Richtung finden sich beispielsweise in diesem Artikel: „Was wir erleben, hat wirtschaftskriegsähnliche Züge“. Der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses im Bundestag, Peter Ramsauer (CSU), wird hier in den Zeugenstand gerufen: »In Amerika gebe es eine lange Tradition, jeden Anlass für handelskriegsähnliche Scharmützel zu nutzen, wenn das der eigenen Wirtschaft nutze. Damit seien erpresserische Schadensersatzforderungen verbunden, wie das im Fall der Deutschen Bank zu sehen sei.«
Und der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber wird mit der Einschätzung zitiert, die in Aussicht gestellte Strafzahlung gegen die Deutsche Bank mute wie eine Retourkutsche der USA an, wegen der Überprüfung von Steuerdeals - etwa bei Apple, Amazon und McDonald’s. Von der anderen Seite des großen Teichs wird ebenfalls kräftig zurückgeschossen, beispielsweise von John Engler, Präsident der mächtigen amerikanischen Industrielobby Business Roundtable, der beklagt, dass Akte der Aggression gegen amerikanische Unternehmen zu erkennen seien.

Wie sagt man? Eine unklare Gefechtslage.

Einen anderen Zugang wählt Markus Sievers in seinem Leitartikel Wenn die Deutsche Bank wankt: »Heute bedroht nicht die Macht der Finanzkonzerne die Gesellschaft, sondern ihre Schwäche. Ihr Fall könnte die gesamte Volkswirtschaft mit in die Tiefe reißen.« Das hört sich nach einer steilen These an. Wie begründet er sie?
»In guten Tagen zocken ...(die) Banker nach Herzenslust, streichen unverschämte Gewinne ein, zahlen üppige Gehälter und horrende Boni. Läuft es schief, rufen sie den Steuerzahler. Gestärkt mit Staatsknete machen sie weiter wie zuvor.« Dieses Bild von den starken, skrupellosen Großbanken sei Sievers Meinung nach heute, im Jahr 2016, völlig überholt.
»Der schleichende Niedergang zieht sich nun über so viele Jahre hin und hat solche Ausmaße erreicht, dass von einem historischen Umbruch die Rede sein muss. Nicht mehr die Macht der Deutschen Bank bedroht die Gesellschaft, sondern ihre Schwäche.« An dieses Bild müssen wir uns, so Sievers, erst noch gewöhnen:
»Die Deutsche Bank kämpft um ihr Überleben. Ihr mangelt es an Kapital, um ihre Geschäfte abzusichern und die Anforderungen der Aufsicht zu erfüllen. Bei ihrem mickrigen Börsenkurs aber wird sie schwerlich bei privaten Investoren genügend Milliarden einsammeln können. Direkt nebenan verkündet die Commerzbank ein brutales Sparprogramm, durch das Tausende Arbeitnehmer ihre Stelle verlieren. Schrumpfen erscheint diesen Unternehmen als einziger Ausweg, wenn ihre alten Geschäftsmodelle versagen.«
Den Banken bricht der Boden weg, auf dem sie in der Vergangenheit ihre durchaus lukrativen Geschäfte haben tätigen können, so wie anderen klassischen Akteuren in anderen Branchen. Ein radikaler Strukturwandel zeichne sich ab. Hinzu kommt:
»Die deutschen Geldhäuser leiden darüber hinaus unter hausgemachten Schwierigkeiten ... Zu Hause kämpfen sie in einem vergleichsweise zersplitterten Markt mit Sparkassen, Volks-und Raiffeisenbanken um die Kunden. In der Heimat konnten sie nie eine starke Basis für ihre internationale Expansion aufbauen. Als einzige Vertreterin des Exportriesen Deutschlands erhob die Deutsche Bank lange den Anspruch auf globale Bedeutung. Längst schauen die Konkurrenten vor allem in den USA auf die Frankfurter wie auf Zwerge. Gemessen am Börsenwert spielen die Deutschen in der Kreisklasse.«
Und die niedrigen Zinsen machen den Bankhäusern in Deutschland besonders zu schaffen, denn ihre Erträge hängen stark an der Darlehensvergabe. Und diese Renditequelle versiegt.

Wir sind also auch, aber nicht nur mit hausgemachten Problemen der Deutschen Bank konfrontiert, mit einer Infragestellung der bisherigen Geschäftsmodelle der Banken in Deutschland, wo es derzeit mehr Fragen als Antworten zu geben scheint. Eines aber ist sicher: Auch wenn es in Zukunft weiterhin Banken geben wird - das Berufsbild des Bankkaufmanns bzw. der Bankkauffrau als Garant für einen sicheren und nicht schlecht dotierten Arbeitsplatz wird so sicher nicht erhalten bleiben.

(02.10.2016)

Foto: © Tilmann Jörg / pixelio.de