Mittwoch, 12. Oktober 2016

And the winner is ... Zur Verleihung des "Wirtschaftsnobelpreises" an die Ökonomen Oliver Hart und Bengt Holmström für ihre Arbeiten zur Vertragstheorie

Von Stefan Sell

Sie haben es wieder gemacht. Die Nobelpreise wurden verliehen. Für Physik, Chemie, Medizin, für Literatur und ja, auch für den Frieden.
Die einen werden sich freuen, die anderen traurig sein, dass sie nicht zum Zuge gekommen sind.

Aber war da nicht noch was? Der Nobelpreis für Wirtschaft fehlt in der Aufzählung. Nein, der ist nicht vergessen worden, gerade in einem Blog zu Wirtschaftsthemen sollte der im Mittelpunkt stehen, wenn es ihn den geben würde. Gibt es aber nicht. Weil Alfred Nobel, nun ja, von den Ökonomen keine hohe Meinung hatte. Übrigens auch nicht von der Mathematik, falls der eine oder andere sich fragen sollte, warum er denn keinen Preis für diese nun wirklich wichtige Disziplin vorgesehen hat. Der Grund - so munkelt man bis heute - soll darin liegen, dass ein Mathematiker mit seiner Frau ... Den Rest kann man sich denken, aber soll in einem seriösen Blog nicht weiter ausgebreitet werden. Alfred Nobel hatte ein mehr als angespanntes Verhältnis zur Ökonomie, er "hasse sie von Herzen", schrieb er in einem Brief, den Nachkommen 2001 in einem Zeitungsartikel zitiert haben. Sie wollten diesen "falschen Nobelpreis" loswerden, den eben nicht ihr berühmter Vorfahre gestiftet hatte, sondern die schwedische Zentralbank, 73 Jahre nach Alfred Nobels Tod.

Aber es gibt doch den Wirtschaftsnobelpreis. Richtig, aber: Nur so eine Art Nobelpreis. Korrekt heißt der The Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel. Diesen Preis, gestiftet von der schwedischen Reichsbank, gibt es auch erst seit dem Jahr 1968, die "richtigen" Nobelpreise existieren schon wesentlich länger, konkret seit dem Jahr 1901.


In diesem Jahr ist der Preis an die beiden Ökonomen Oliver Hart und Bengt Holmström für ihre Arbeiten zur Vertragstheorie gegangen. Was muss man sich darunter vorstellen? Die offizielle Begründung für die Preisverleihung kann man unter der Überschrift The long and the short of contracts nachlesen.
»Die Wirtschaftsnobelpreisträger helfen mit ihrer Forschung, konkrete Probleme in Unternehmen zu lösen: Sollte ein Manager einen Bonus bekommen, und wenn ja, wie viel?«, so der Anfang des Artikels Ein Hoch auf den Vertrag von Bastian Brauns, Alexandra Endres und Philip Ziegler. Die beiden Ökonomen haben gezeigt, »wie wichtig ein klares Design von Verträgen in unserer globalen Gesellschaft und Wirtschaft für jeden einzelnen ist. Moderne Volkswirtschaften würden durch unzählige Verträge zusammengehalten, hieß es in der Begründung.«
Sie wurden »zur Frage ausgezeichnet, wie man zum Beispiel Verträge zwischen Arbeitnehmern und ihren Arbeitgebern am besten gestaltet, zwischen Autofahrern und Versicherungen oder zwischen Firmen und Konsumenten. In den Beziehungen zwischen solchen Parteien sind Interessenkonflikte häufig programmiert. Mit dem richtigen Vertragsdesign kann man sie verhindern.«

Und dann stoßen wir auf zwei Begriffe, die seit vielen Jahren zu den Grundbegriffen der Ökonomen gehören und als Prinzipal-Agent-Theorie in den Lehrbüchern der VWL verankert ist:
»Die ökonomische Theorie zu Verträgen geht dabei von zwei Parteien aus: Der sogenannte Prinzipal will, dass eine Aufgabe erledigt wird, der Agent erledigt sie in dessen Auftrag. Doch der Prinzipal weiß nicht, wie zuverlässig der Agent seinen Pflichten nachkommt. Gutes Vertragsdesign setzt die Anreize so geschickt, dass die Aufgabe im Sinne des Prinzipals erledigt wird und der Agent auch etwas davon hat. Etwa bei Managergehältern: Arbeitet der Manager im Sinne der Firma, bekommt er einen Bonus.«
Holmströms Theorie erklärt beispielsweise, nach welchen Regeln Boni gezahlt werden sollten, damit Manager im Interesse der Eigentümer wirtschaften. Man könnte die Gehälter der Manager einfach an die Gewinne des Unternehmens koppeln. Aber Holmström zeigte, dass das zu kurz gedacht ist. Schließlich können viele Faktoren den Unternehmenserfolg beeinflussen, an denen kein Manager beteiligt sein kann: die Konjunktur beispielsweise oder die Gesamtentwicklung einer Branche. Was ist Glück und was ist Können? Hinzu kommt die Berücksichtigung eines anderen Problems: Schnelle Gewinne sind oft leichter zu machen. Gutes Vertragsdesign aber kann die Vorstände dazu bringen, auch langfristig im Interesse ihres Unternehmens zu handeln.
Der Ökonom Hart beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit sogenannten unvollkommenen Verträgen. Gemeint sind damit all jene Kontrakte, bei denen nicht jeder Fall der Fälle geregelt werden kann – zum Beispiel die Verteilung eines Gewinns, dessen Höhe noch gar nicht feststeht. Dann spielen Besitzrechte eine Rolle.
Er beschäftigte sich auch mit der Frage, wann es für die öffentliche Hand sinnvoll sein kann, Schulen, Krankenhäuser oder Gefängnisse zu privatisieren. Der Ökonom zeigte, dass private Betreiber häufig zu große Anreize haben, Kosten zu reduzieren und dabei die Qualität ihrer Arbeit zu vernachlässigen. Er äußerte sich besorgt über die Zustände in privat betriebenen Gefängnissen.

Die diesjährige Wahl ist bei einigen auf große Zustimmung gestoßen, fast möchte man kontrafaktisch zu dem, was die meisten Menschen mit Verträgen verbinden, formulieren: ekstatisch. »In Zeiten von Finanzkrise, Ungleichheitsdebatten und Populismusgefahren werden zwei Vertragstheoretiker mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Eine gute Wahl«, so der Anfang des Kommentars Weil sie alles regeln von Mark Schieritz.

Ein Pro und Contra zur Auswahl der diesjährigen Preisträger findet man in diesem Beitrag: Nobelpreis: Sind Hart und Holmström eine gute Wahl?

Nun wird der eine oder andere anmerken: Sind das nicht alles sehr banale Themen, mit denen die sich verdient gemacht haben? Erfolg der Alltagsökonomen, so ist zutreffend an dieser Stelle einer der Artikel überschrieben worden.

Natürlich gibt es auch ätzende Kritik an dieser Preisverleihung. Banalitäten werden prämiert, so beispielsweise die Überschrift des Kommentars von Ulrike Herrmann:
»Die diesjährigen Nobelpreise für Ökonomie zeigen erneut, wie banalste Erkenntnisse zu angeblich tiefgründigen Analysen geadelt werden – nur weil sie den theoretischen Mainstream nicht gefährden oder sogar zu bestätigen scheinen ... Hart stellte unter anderem fest, dass private Gefängnisbetreiber dazu neigen, beim Essen der Insassen zu sparen, um ihren eigenen Gewinn zu erhöhen. Wer hätte das gedacht. Da reicht schon Zeitungslektüre.«
Sie legt noch einen nach:
»Bei den Banken fiel den beiden Vertragstheoretikern auf, dass eine Bank niemals so viel über eine Firma wissen kann wie der Firmenbesitzer – weswegen sie für Kredite erstens Zinsen und zweitens Sicherheiten verlangt. „So arbeiten tatsächlich die meisten Banken“, schreibt die Schwedische Reichsbank begeistert, die den Nobelpreis vergibt. In der Tat. So arbeiten Banken – seit dem Mittelalter. Seit 700 Jahren verlangen sie Zinsen und Sicherheiten. Warum wird dafür jetzt ein Nobelpreis fällig?«
Die schwedische Reichsbank schreibt dazu: „Ökonomen haben nun verstanden, was Praktiker und Juristen schon immer wussten.“

Da bleibt abschließend nur der Blick über die beiden diesjährigen Preisträger hinaus: Der Wirtschafts-Nobelpreis ist zu marktgläubig, so Silke Bigalke. Grundlage für den Beitrag ist das Buch mit dem Titel "The Nobel Factor", verfasst von Avnet Offer und Gabriel Söderberg, beides Wirtschaftshistoriker.
Als der Preis Ende der 1960er Jahre ins Leben gerufen wurde, setzte sich die Annahme, dass freie Märkte von selbst zur effizientesten Verteilung finden würden, gerade durch. »Der Nobelpreis verlieh den marktfreundlichen Theorien dabei den Stempel wissenschaftlicher Autorität.«

Aber die beiden Autoren konzedieren auch:
»Das Komitee für den Wirtschaftspreis hat sich bemüht, ausgeglichen zu erscheinen, und den Preis ebenso vielen Vertretern der Keynesianischen wie der Chicagoer Schule zu verleihen, ebenso vielen rechten wie linken Ökonomen. Der Gipfel dieser bemühten Ausgeglichenheit wurde 1974 erreicht, als der schwedische Sozialdemokrat Gunnar Myrdal gemeinsam mit dem Marktfundamentalisten Friedrich Hayek gewann.«
In seiner Dankesrede warnte Hayek, ein Nobelpreis für Wirtschaft verleihe seinen Trägern eine Autorität, die sich anders als in der Physik nicht auf die Wissenschaft beschränke.

Wie dem auch sei - der Preis ist verliehen und im nächsten Jahr gibt es wieder die nächste Runde.

(12.10.2016)