Sonntag, 16. Oktober 2016

China geht ab. Nach oben und unten. Die Sorgen über die Entwicklung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt wachsen

Von Stefan Sell
In den vergangenen Jahren haben sich weltwirtschaftlich gesehen die Gewichte enorm verschoben - nach Asien. Nun ist Asien ein sehr großer Raum und es überrascht nicht, dass bei einem genaueren Hinschauen vor allem das ökonomische Schwergewicht China gemeint ist. Wenn wir von und über China sprechen, dann geht es um die mittlerweile zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Diese tektonische Verschiebung der Kräfteverhältnisse hat sich auch in der Welt der Weltleitwährungen abgebildet. IWF wertet Yuan zur fünften Weltwährung auf, konnte man beispielsweise Ende November vergangenen Jahres lesen: »US-Dollar, britisches Pfund, Euro, japanischer Yen - und der Yuan: Der IWF hat das chinesische Geld zur Weltwährung ab Herbst 2016 aufgewertet.«

Der IWF hat den chinesischen Yuan 2015 als fünfte Währung in den Weltwährungskorb aufgenommen - mit Wirkung ab 1. Oktober 2016. Der Yuan - auch als Renminbi bekannt - spielt damit ab Oktober 2016 in einer Liga mit dem US-Dollar, dem britischen Pfund, dem Euro und dem japanischen Yen. Die Aufnahme hat zunächst nur Symbolwert. Alle fünf Währungen bilden - gewichtet nach der Bedeutung der jeweiligen Währung in der Weltwirtschaft - eine Art Kunstwährung, das sogenannten Sonderziehungsrecht (SZR). Dabei handelt es sich um eine künstliche, 1969 vom Internationalen Währungsfonds (IWF) eingeführte Währung (da Washington nicht imstande war, den US-Dollar als Leitwährung jederzeit gegen Gold einzutauschen), die international als Zahlungsmittel verwendet werden kann. Sie wird nicht an Devisenmärkten gehandelt, sondern auf IWF-Konten wie ein Buchkredit geführt. Auch der Wechselkurs wird vom IWF festgesetzt.

In der Abbildung kann man erkennen, dass die Aufnahme der chinesischen Währung in den Währungskorb des IWF vor allem zu Lasten des Euro, des britischen Pfunds sowie der japanischen Währung gegangen ist, die haben an Gewicht verloren, während der Dollar anteilsmäßig stabil geblieben ist. Auch das ist ein Ausdruck für die angesprochene Verschiebung der weltwirtschaftlichen Gewichte in den vergangenen Jahren.

Man kann diese Maßnahme nicht wirklich überschätzen hinsichtlich seiner zumindest mittel- und langfristigen Implikationen. So auch Simon Zeise in seinem Artikel Abkehr vom Dollar: »China setzt bei Transaktionen zunehmend aufs eigene Geld. Seit dem 1. Oktober hält der IWF den Yuan als drittgrößte Währungsreserve.« Die bisherige weltwirtschaftliche Bedeutung der chinesischen Währung ist marginal:
»Bislang ist die Dollar-Dominanz auf dem Weltmarkt ungebrochen. Jedes zweite Geschäft wurde in diesem Jahr mit US-Geld abgewickelt. Mit Euros wurden in 15 Prozent der Fälle Geschäfte gemacht, doch nur bei zwei Prozent der Handeltreibenden wechselte der Yuan die Hände. Das soll sich ändern. Am 20. September hat die chinesische Zentralbank ihre erste Yuan-Clearingstelle in den USA eröffnet. In der New Yorker Dependance soll ein Viertel des Handels zwischen den Vereinigten Staaten und China abgewickelt werden.«
Allerdings - alles hat seinen Preis, so auch die Aufnahme der bislang abgeschotteten chinesischen Währung in den Währungskorb des IWF, denn eine zwingende Notwendigkeit wird die Handelbarkeit der Währung sein und damit natürlich auch ihre Verletzlichkeit gegenüber spekulativen Geschäften. »Seit August 2015 hat die chinesische Zentralbank (PBC) Devisen im Wert von fast einer halben Billion Dollar gekauft, um den Yuan angesichts einer drohenden Abwertung zu stützen«, schreibt Zeise in seinem Artikel.
Erste Erfahrungen, was es bedeutet, sich den internationalen Finanzmärkten zu öffnen, hat China bereits Anfang dieses Jahres machen müssen: Seit Beginn des Jahres sind die Börsen in Shenzhen und Shanghai regelrecht eingebrochen. An mehreren Handelstagen wurde der Handel ausgesetzt, wie der Blick auf die Kursentwicklung des Index CSI 300 verdeutlicht.
Henrik Müller lies sich Anfang des Jahres sogar zu dieser Überschrift hinreißen: Für China stellt sich die Systemfrage: »Die chinesischen Börsen schmieren ab, Kapital fließt ins Ausland, und die Behörden wirken kopflos. Diese Woche brachen sie gleich an zwei Tagen den Handel ab, um den freien Fall der Kurse zu stoppen. Großen Investoren verboten sie zunächst, Papiere zu verkaufen. Dann machten sie die Entscheidung rückgängig, nur um sie kurz darauf abermals zu revidieren. Vertrauenserweckend ist das nicht gerade.«
Und er hat auch die Auswirkungen auf die chinesische Währung angesprochen:
»Auch der Wechselkurs des Yuan verliert immer weiter an Wert gegenüber dem Dollar. Anders als vor zehn Jahren, als die Notenbank den Kurs niedrig hielt, hat sie sich in den vergangenen Monaten alle Mühe gegeben, den Kurs zu stützen. Ein teure Intervention: Allein im Dezember setzte sie Währungsreserven von mehr 100 Milliarden US-Dollar ein, um eine stärkere Abwertung zu verhindern.
Binnen anderthalb Jahren hat China, das immer noch die größten Währungsreserven der Welt besitzt, rund eine halbe Billion Dollar in die Devisenmärkte gepumpt. Inzwischen aber scheint sich der Abwärtstrend so stark zu beschleunigen, dass die Notenbank lieber die Währung in den Keller rauschen lässt, als ihre Stützungsmaßnahmen aufrechtzuerhalten.«
Auch hier muss man einen massiven Umbruch zur Kenntnis nehmen:
»Die jetzige Krise hat eine lange Vorgeschichte. Und die ist durchzogen von staatlichen Eingriffen in die Finanzmärkte. Sie beginnt in den Nullerjahren mit massiven Interventionen am Devisenmarkt: Damit die Exportmaschine immer weiter laufen konnte, kaufte die Zentralbank immer größere Mengen an Dollars vom Markt, um die Währung unterbewertet zu halten. In der Spitze standen Währungsreserven im Wert von fast vier Billionen Dollar in den Büchern. Das sicherte einerseits das schnelle Wachstum der Industrie. Andererseits verzerrte es die Wirtschaftsstrukturen: Chinas Wirtschaft wurde extrem abhängig vom Export und hat über Jahre zu viel investiert. Als in der Rezession von 2008/09 das Wirtschaftswunder jäh zu Ende zu gehen drohte, entfachte Peking einen binnenwirtschaftlichen Boom, der vor allem auf Pump finanziert war. Die Kreditvergabe sei "seit der globalen Finanzkrise dramatisch gestiegen", so der Internationale Währungsfonds. Insbesondere die Unternehmen sind hoch verschuldet.«
In diesen Tagen erreichen uns weitere beunruhigend daherkommende Nachrichten: Chinas Exporte brechen ein: »Chinas Ausfuhren sind im September um zehn Prozent zurückgegangen. Das Minus weckt neue Sorgen um die chinesische Wirtschaft, ebenso wie die Lage am Immobilienmarkt.«
Von Januar bis September ergibt sich ein Exportminus von 7,5 Prozent, die Importe gingen im Vergleich zu den ersten neun Monaten des Vorjahres um 8,2 Prozent zurück.
"Die Wettbewerbssituation wird immer schwieriger", sagte der Pekinger Wirtschaftsprofessor Hu Xingdou. Die Exporte stünden unter Druck, weil wegen steigender Löhne in China immer mehr Produzenten auf Länder in Südostasien oder Indien ausweichen würden. Die schwachen Importe würden dagegen verdeutlichen, wie begrenzt die Nachfrage im Inland sei.
Ein weiteres Problem sah der Ökonom in den zuletzt rasant gestiegen Immobilienpreisen in vielen Großstädten des Landes. "Weil die Hauspreise so schnell steigen, wird Geld aus der Realwirtschaft abgezogen, und in Immobilien investiert." ... Nachdem Chinas Wirtschaft im vergangenen Jahr mit einem Plus von 6,9 Prozent so langsam wuchs wie seit 25 Jahren nicht mehr, soll das durchschnittliche Wachstum laut Regierungschef Li Keqiang in den nächsten fünf Jahren mindestens noch 6,5 Prozent betragen. Statt weiter die "Werkbank der Welt" zu sein, will das Land innovativer werden. Durch einen stärkeren Dienstleistungssektor soll auch der Binnenkonsum angekurbelt werden.
An diesen wenigen Hinweisen kann man erkennen, in welchem Umbruch sich die chinesische Volkswirtschaft befindet.

Die Liste der Herausforderungen ist lang: »Neben den zu schnell steigenden Immobilienpreise und hohen Industrie-Überkapazitäten muss Peking vor allem ein Mittel gegen die zuletzt rasant gestiegene Verschuldung finden, die nach Ansicht von Experten der Hauptgrund dafür ist, dass das Wachstum nicht noch schwächer ausgefallen ist.«

Offensichtlich machen sich so einige Sorgen über den Zustand und die Aussichten der chinesischen Volkswirtschaft. Beispielsweise der bereits angesprochene IWF: Chinas Boom-Jahre sind vorbei: »Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet mit einer kontinuierlichen Verlangsamung des Wachstums in China. Ab 2020 werde die chinesische Wirtschaft um weniger als sechs Prozent wachsen ... Die kommunistische Regierung will weg von der reinen Export-Orientierung und den Konsum im Inland stärken. Das geht aber seit längerer Zeit mit einem geringeren Wirtschaftswachstum einher.«

Und auch von dieser Seite wird die Verschuldungsproblematik mehr als deutlich angesprochen: Internationaler Währungsfonds prangert Chinas Schuldenexzesse an: Der IWF zeigt sich besorgt über Chinas "rasant" steigende Unternehmensschulden. Das Land steuere auf "ernste Probleme" zu, wenn es die hohe Verschuldung seiner Staatsfirmen nicht in den Griff bekomme. Und auch hier stoßen wir immer wieder auf den Strukturwandel der chinesischen Wirtschaft, der von der Regierung angestrebt wird:
»Die Regierung in Peking baut die Wirtschaft um, hat eine Öffnung angekündigt und den Abbau von Überkapazitäten. In China steigen vor allem die Schulden staatlicher Industrieunternehmen seit Jahren, weil sie mehr Fabriken betreiben und Arbeiter beschäftigen als eigentlich nötig wären, um die Nachfrage zu decken. Die chinesischen Unternehmen seien in Höhe von 145 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes verschuldet, wovon mehr als die Hälfte auf ineffiziente Staatsunternehmen entfielen, kritisierte der IWF.«
Selbst den Chinesen wird es mehr als mulmig. "Nun warnt selbst Peking vor einer Blase", meldet die FAZ (Print-Ausgabe vom 14.10.2016): »Verzweifelt versucht Chinas Regierung, den überhitzten Häusermarkt zu steuern.« Die Regierung hat seit Beginn des Monats Oktober in rund 20 chinesischen Städten den Kauf von Wohnungen eingeschränkt.
»Chinas amtliche Warnung ist der bisherige Höhepunkt einer seit zwei Jahren geführten Debatte, ob sich im Reich der Mitte eine Hauspreisblase bildet, die dessen Finanz- und Wirtschaftssystem zu destabilisieren vermag. In diesem Fall wären auch die von China abhängigen Ökonomien im Rest der Welt betroffen. Wie Pekings Zentralbanker haben sich bereits viele Stimmen sorgenvoll über den Häusermarkt im Reich der Mitte geäußert, in dem die Preise innerhalb von zwölf Monaten um über 30 Prozent und in Städten wie Peking, Schanghai und Shenzhen seit Beginn des Jahres 2015 teilweise um 76 Prozent gestiegen sind. Zu den Warnern gehören unter anderem Deutsche Bank und Goldman Sachs, die eine wachsende Verwundbarkeit Chinas durch „explodierende“ Wohnungspreise sehen. Breche der Markt ein und sänken die Hauspreise um 30 Prozent, könnten Kredite im Wert von 4 Billionen Yuan (596 Milliarden Dollar) ausfallen, rechnen Analysten vor. Das wären 4 Prozent der insgesamt ausstehenden Kredite im Land.«
Der reichste Chinese, Wanda-Gründer Wang Jianlin, der sein Vermögen von geschätzt 34 Milliarden Dollar durch Immobilieninvestitionen verdient hat, die Häusermarktentwicklung „die größte Blase in der Geschichte“. Hört sich nicht wirklich beruhigend an.

(16.10.2016)