Mittwoch, 19. Oktober 2016

Wer vor Glück schreit, ist immer eine Frage des Standorts. Günstige Schuhe aus Indien für uns, mit Folgen für die in Indien

Von Stefan Sell
Hin und wieder, beispielsweise nach Fabrikbränden mit vielen, sehr vielen Toten, erreichen uns Nachrichten aus einer so fernen Welt derjenigen, die uns doch anderseits mit ihren Produkten, die wir anziehen und tragen, täglich so nahe sind. Dann werden die armseligen Näherinnen in den Schwitzbuden Bangladeschs für einen Moment wieder durch die Medien gezogen und man erklärt sich betroffen ob der Menschenausbeutung. Im weiteren Verlauf der Diskussion wird dann irgendwann darauf hingewiesen, dass aber die Näherinnen in Bangladesch den Ball lieber flach halten sollten, denn im Vergleich mit anderen Ländern geht es ihnen noch "gut" und wenn sie den Bogen überspannen, dann wird das die bereits ablaufende Verlagerung der Produktionsstätten in andere, derzeit noch billigere Länder nur weiter anheizen.
Was in der Vergangenheit am Beispiel der Jeans oder anderer Textilien immer wieder mal anberichtet wurde, dass gilt auch für Schuhe. Es soll ja laut Werbung eine Menge Menschen bei uns geben, die vor Glück schreien, wenn wieder einmal ein oder zwei oder mehr Schuhpaare durch entnervte und nicht selten wirklich schlecht bezahlte Mitarbeiter von Paketdienstleistern zugestellt werden. Viele dieser Schuhe, vor allem die günstigen, billigen Exemplare wurden und werden nicht in Deutschland hergestellt, sondern in China und anderen (Noch-)Billiglohnländern. Darunter auch in Indien, wobei man feststellen kann, dass Schuhe aus Indien im Vergleich zu denen aus China drei- bis viermal so teuer sind. Wobei "teuer" bekanntlich immer ein relativer Begriff ist. Bei uns jedenfalls kommen auch die Schuhe aus Indien als Billigware an.

Schuhe und Indien? Dazu einige Fakten: 2015 war Indien nach China der zweitgrößte Schuhproduzent der Welt. Mit 2,2 Milliarden Paaren kam fast jedes zehnte von dort. Mehr als eine Million Menschen sind in den Schuhfabriken des Landes beschäftigt und mehr als 2,5 Millionen in der gesamten Lederindustrie. Größter Abnehmer ist mit Fußbekleidung im Wert von 800 Millionen US-Dollar die Bundesrepublik, auf Platz zwei folgen mit 768 Millionen Dollar die Vereinigten Staaten, danach Großbritannien, Italien, Hongkong, Frankreich und Spanien.

Jana Frielinghaus berichtet in ihrem Artikel Überstunden als Pflicht über eine neue Studie zu den Arbeitsbedingungen »in der Leder- und Schuhindustrie Indiens: Stücklohnsystem, kaum Gewerkschaften. Viele Profiteure sitzen in Deutschland.«
»Eine neue Studie belegt: Arbeiterinnen und Arbeiter der Branche leiden nicht nur unter mieser Bezahlung, sondern auch unter mangelndem oder fehlendem Gesundheitsschutz einschließlich überlangen Arbeitszeiten. Dazu kommen vielfach das faktische Verbot von Gewerkschaften sowie Diskriminierung und Ausbeutung aufgrund des althergebrachten, wenn auch offiziell schon 1949 abgeschafften Kastensystems. Fast alle Beschäftigten in den Schuhfabriken und Gerbereien gehören den niedrigen Kasten oder »anderen sozial marginalisierten Gruppen« an.«
Entnehmen kann man diese Informationen einer neuen Untersuchung der Kampagne Change Your Shoes, in der sich 18 europäische und asiatische Organisationen zusammengeschlossen haben.
Die Studie im Original:
Anton Pieper, Shashi Kant Prasad, Vaibhav Raaj: Auf der Stelle (ge)treten. Arbeitsrechtsverletzungen in der indischen Leder- und Schuhindustrie, Bonn: SÜDWIND e.V. – Institut für Ökonomie und Ökumene, September 2016
»Für die Studie wurden 119 Interviews mit Beschäftigten von Schuhfabriken in der Region Agra im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh geführt. Außerdem sprachen die Autoren mit 113 Menschen, die in der Schuh- und Lederherstellung in der Region Ambur im südindischen Tamil Nadu tätig sind. Die Einkünfte der meisten Befragten liegen zwar über dem Mindestlohn, aber die Autoren führen dies darauf zurück, dass fast durchgehend exzessiv Überstunden geleistet werden. Denn viele Beschäftigte werden nach einem Stücklohnsystem bezahlt. Um von ihren Einkünften leben zu können, arbeiten zahlreiche Frauen und Männer zwölf Stunden am Tag und länger. Überstundenzuschläge gibt es ebensowenig wie eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Auch bezahlten Urlaub kennen die meisten Betroffenen nicht«, berichtet Jana Frielinghaus in ihrem Artikel.

Ein Arbeiter bzw. eine Arbeiterin in Indien muss mindestens 18.700 Rupien (251 Euro) pro Monat verdienen, um davon leben zu können. Alle Einkommen der für die Studie Befragten lagen weit darunter. Sie bewegten sich zwischen 1.500 und 12.000 Rupien bzw. 20 und 161 Euro. In Agra verfügte keine der untersuchten Fabriken über eine Gewerkschaft.

Besonders gruselig sind die körperlichen Schäden für die betroffenen Arbeitnehmer, denn: In den Gerbereien wird mit toxischen Chemikalien das Leder produziert. Nahezu 95 Prozent des für Schuhe verwendeten Leders wird mit Chrom gegerbt, das in den Produktionsländern des Südens verheerende ökologische und gesundheitliche Folgen hat.

Auch für China als dem (Noch-)Hauptproduktionsland für Schuhe wurde eine vergleichbare Studie erstellt:
Anton Pieper: So wird ein Schuh draus. Arbeitsbedingungen in der chinesischen Schuhindustrie, Bonn: SÜDWIND e.V. – Institut für Ökonomie und Ökumene, Mai 2016
Wäre es denn besser, wenn die Produktionsstätten in Europa wären? Dazu ernüchternd Jana Frielinghaus:
»Die Arbeitsbedingungen in der Branche in Süd- und Osteuropa sind kaum besser. Anfang Juli hatte »Change Your Shoes« eine Untersuchung zu den Verhältnissen in Schuhfabriken in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Rumänien, Polen, Mazedonien und der Slowakei veröffentlicht, in der die Verfasser eben dies feststellen mussten. Zum Teil seien die Löhne niedriger als in China. Die Beschäftigten müssten eigentlich das Vier- bis Fünffache verdienen, um von ihrem Einkommen leben zu können. Wie in Indien sei auch in diesen Ländern der »Akkorddruck« so hoch, dass die Arbeiter keine Atemmasken oder Schutzkleidung gegen den Gestank von Leim und das Gift der Chemikalien trügen, weil dies das Arbeitstempo verlangsame.«
Alles hat seinen Preis. Und für viele ist der viel höher, als man ansonsten so denken mag.

(19.10.2016)