Mittwoch, 9. November 2016

Finanzmärkte im Trump-Schock? Am Anfang überrascht, dann aber schnell wieder auf Kurs

Von Stefan Sell
Da sind heute eine Menge Leute aufgewacht und prompt auf dem falschen Fuß erwischt worden. Waren sich doch die meisten Journalisten, Wahlforscher und sonstige Experten sicher, dass es Hillary Clinton, wenn auch beengt von ihrem Verfolger, schaffen wird. Es ab sogar eine Zeitungsausgabe, die mit einem Glückwunsch an die neue Präsidentin gedruckt und in der Nacht zugestellt worden ist.
Und jeder, den das Ergebnis voll überrascht hat, kann sich in guter Gesellschaft fühlen: Finanzmärkte im Trump-Schock: »Der Wahlsieg von Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl hat die Anleger auf dem falschen Fuß erwischt. Weltweit fallen die Kurse.«
Die Finanzmärkte seien letztlich zu unbesorgt gewesen und hätten die Risiken unterschätzt, hieß es von allen Seiten am Markt.
»Die Börse in Tokio stürzte um 5,5 Prozent ab, die Börse in Hongkong gab fast drei Prozent nach. Deutlich im Minus waren auch die Kurse in Sydney, Seoul und Bombay. Anleger flüchteten sich in sicherere Werte und investierten in Gold und den japanischen Yen.« Und mit Blick auf den deutschen Aktienmarkt wurde vorhergesagt: »Auch der deutsche Leit-Index Dax wird zum Handelsstart um 9 Uhr tief rot erwartet.« Aber offensichtlich ist die Aufregung von immer kürzerer Dauer, möglicherweise befinden sich "die" Märkte in einer besonders ausgeprägten Variante der ansonsten von Soziologen gerne diskutierten "Beschleunigungsgesellschaft". Denn nur wenige Stunden später wird man mit diesen Nachrichten versorgt: Wer hat Angst vor Trump? Die Investoren nicht: »Alles kommt anders als gedacht - der Dow Jones hält sich knapp im Plus und stemmt damit auch den Dax nach oben.« Dabei hatte die Deutsche Börse noch kurz vor dem Handelsstart den Systemstatus "Fast-Market" aktiviert, der in hektischen Ausnahmesituationen ausgerufen wird. Damit werden am Markt zulässige Schwankungsbreiten etwa für Aktien ausgeweitet, um zu verhindern, dass der Handel bei sehr großen Kursveränderungen zu schnell ausgesetzt wird. Damit reagieren die Investoren ganz anders als beim "Brexit", der die Börsen weltweit in die Knie geschickt hat.

Auch wenn das nun wieder den einen oder anderen überraschen mag mit Blick auf den, der im Januar  zum Präsidenten der größten Volkswirtschaft der Welt inauguriert wird - es ermöglicht zugleich, den Blick von dem aktuellen Auf und Ab der Kurse zu lösen und die Frage zu behandeln, was möglicherweise - wir bewegen uns in einem hoch spekulativen Bereich - wirtschaftschaftspolitisch passieren wird.

Alexander Armbrust und Aziza Kasumov haben das versucht in ihrem Artikel Steuern senken, Schulden machen, Grenzen schließen. Daraus einige der behandelten Punkte:

Da wäre beispielsweise der Bereich der Handelspolitik:
»Freihandel: Trump hält nicht viel von den Freihandelsabkommen, die Amerika gerade verhandelt oder schon abgeschlossen hat, sagt er. Das gilt für das Transpazifische Abkommen genauso wie für das geplante TTIP-Abkommen mit Europa. Stand jetzt dürfte TTIP, das zumal in Deutschland ohnehin nicht auf viel Gegenliebe gestoßen ist, vermutlich erledigt sein. Möglich sein könnten außerdem substantielle Zölle auf Importe etwa aus China (45 Prozent erwähnte Trump einmal) und Mexiko - Trump hat im Wahlkampf immer wieder China verantwortlich dafür gemacht, dass viele amerikanische Industriearbeiter ihre Arbeit verloren haben und in diesem Bereich keine neuen Stellen finden.«
Und man kennt das ja schon aus dem Instrumentenkasten der angebotsorientierten Ökonomie - allerdings von Trump verbunden mit einer Forderung, die von den Vertretern der reinen Lehre sicher als Giftcocktail wahrgenommen wird, allerdings auf eine Kerngruppe der Wähler von Trump zielt:
»Steuern runter, Mindestlohn rauf: Trump hat große Steuersenkungen angekündigt und einen höheren gesetzlichen Mindestlohn - dieser dürfte gerade auch auf die vielen enttäuschten Amerikaner zielen mit geringeren Einkommen, die sich abgehängt fühlen von Globalisierung und Digitalisierung und die in Trump jemanden sehen, der sich mehr um sie kümmern wird. Die Steuersenkungen betreffen wohl vornehmlich Vermögende (Stichwort Erbschaftsteuer), aber auch die breite Masse insgesamt und Unternehmen. Das „Commitee for a Responsible Budget“ (CFRB) schätzt, dass dadurch dem amerikanischen Staat in den kommenden zehn Jahren rund 5,3 Billionen Dollar Einnahmen fehlen.«
Einen Vergleich der möglichen ökonomischen Auswirkungen der Wahlprogramme von Clinton und Trump findet man hier:  How Clinton and Trump Could Affect Economic Growth (24.10.2016). Die im Zitat angesprochene Abschätzung der fiskalischen Folgen kann im Original hier abgerufen werden: James R. Nunns et al. (2016): An Analysis of Donald Trump's Revised Tax Plan, 18.10.2016. In der Zusammenfassung zu den Auswirkungen der Steuervorschläge von Trump heißt es, dass der Vorschlag »would cut taxes at all income levels, although the largest benefits, in dollar and percentage terms, would go to the highest-income households. Federal revenues would fall by $6.2 trillion over the first decade before accounting for added interest costs. Including interest costs, the federal debt would rise by $7.2 trillion over the first decade and by $20.9 trillion by 2036.«

Nun wird man sofort fragen, wie das denn finanziert werden soll. Dazu Armbrust und Kasumov in ihrem Artikel:
»Mehr Schulden: Die Steuersenkungen sind nach den bisher bekannten Plänen Trumps nicht durch Ausgabenkürzungen in gleicher Höhe gegenfinanziert. Zwar dürfte Trump vermutlich die Gesundheitsreform Obamacare (gesetzliche Krankenversicherung) zurückdrehen und dadurch gut 3 Billionen Dollar Ausgaben über diese Zeitspanne einsparen, zugleich will er aber 2 Billionen Dollar mehr ausgeben in den kommenden zehn Jahren, etwa für Verteidigung, Veteranen und das Gesundheitssystem Medicare; außerdem wird Trump ein großes Infrastrukturprogramm auf den Weg bringen wollen. Die Finanzierungslücke zwischen seinen Steuersenkungs- und Ausgabenplänen dürfte durch eine höhere Staatsverschuldung geschlossen werden. Unklar ist allerdings, ob er dafür im Kongress eine Mehrheit findet - die Republikaner dort (und auch die Demokraten) wollen tendenziell die infolge der Finanzkrise stark gestiegene Staatsverschuldung eher zurückführen.«
Ein besonders heikler Punkt und nicht ohne Grund für viele rechtspopulistische Strömungen in Europa sicher "vorbildhaft" ist Trumps radikale Position zur Einwanderungsfrage:
»Weniger Immigranten: Donald Trump hat angekündigt, mehr als 11 Millionen nicht registrierte Immigranten abschieben zu wollen. Außerdem will er eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen lassen, damit weniger Menschen von dort in die Vereinigten Staaten einwandern. Baubeginn soll in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit sein und Mexiko soll die Kosten dafür später zurückerstatten. Bereits in der Vergangenheit deportierte Einwanderer, die wieder amerikanischen Boden betreten, will Trump ins Gefängnis stecken lassen - für mindestens zwei bis fünf Jahre, je nach Vorstrafenregister. Diejenigen illegalen Einwanderer, die bereits im Land sind und hier für Straftaten verurteilt wurden, will er direkt deportieren lassen. Nimmt sie ihr Heimatland nicht zurück, sollen im Gegenzug keine Visa nach Amerika mehr für dessen Bürger ausgestellt werden. Auf legalem Wege sollen die Einwanderer kommen, streng durchleuchtet, „extremely vetted“ nennt Trump das, von den Behörden.«
Sollte er das oder auch nur einen größeren Teil davon wirklich umzusetzen versuchen, vor allem was die Abschiebung von Millionen nicht registrierter Immigranten angeht (man muss wissen, dass das auch bedeuten würde, dass Familien auseinandergerissen werden müssten, denn die Kinder leben oftmals "legalisiert" in den USA), dann hätte das enorme Potenziale für sehr weitreichende und auch gewaltsame gesellschaftliche Konflikte.
Nur als Fußnote eine Ironie bzw. in diesem Fall besser und treffender ein Zynismus der Geschichte: Die eigenen Vorfahren von Donald Trump sind selbst illegal aus der Pfalz in die USA eingewandert. Darüber berichtet der SWR in diesem Beitrag: Wie der Großvater Bordellbetreiber wurde
Die USA spielen mittlerweile eine überaus bedeutsame Rolle für den deutschen Außenhandel. Im Jahr 2015 waren die Vereinigten Staaten Deutschlands wichtigster Handels­partner: Zwischen den beiden Staaten wurden insgesamt Waren im Wert von 174,0 Milliarden Euro gehandelt. Auf Platz zwei lag Frank­reich (169,6 Milliarden Euro), das in den vergangenen vier Jahrzehnten stets der größte Handels­partner Deutsch­lands gewesen war. Insgesamt exportierte Deutsch­land 2015 Waren im Wert von 113,7 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten. Zu den wichtigsten Export­gütern zählten Kraft­wagen und Kraft­wagen­teile (34,1 Milliarden Euro), Maschinen (17,6 Milliarden Euro) und pharma­zeutische Erzeugnisse (13,4 Milliarden Euro). Die Importe amerikanischer Güter beliefen sich auf 60,2 Milliarden Euro. Wichtigste Import­güter waren Daten­verarbeitungs­geräte sowie elektronische und optische Erzeugnisse (8,0 Milliarden Euro).

Alein an diesen wenigen Daten kann man ablesen, dass die weitere Entwicklung in den kommenden Monaten aus volkswirtschaftlicher Sicht gerade für Deutschland besonders bedeutsam sein wird.

Und aktuell muss man wieder einmal zur Kenntnis nehmen, wie mega-flexibel Unternehmensführer so sind, wenn sich die Verhältnisse und die Entscheidungsträger ändern. Während Journalisten und - naturgemäß noch langsamer - Wissenschaftler über mögliche Konsequenzen des Wahlsiegs von Donald Trump nachzudenken beginnen, haben Praktiker aus der Wirtschaft schon die Fährte hin zu neuen Geschäften und Gewinnen aufgenommen. Ein Beispiel:
"Mittelfristig bin ich positiv gestimmt", sagte der Chef des Baukonzerns HeidelbergCement, Bernd Scheifele. Es sei damit zu rechnen, dass der Staat unter Trump mehr in Infrastruktur investiere. Und: Falls Trump tatsächlich die angekündigte Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen lasse, könne HeidelbergCement davon als Lieferant profitieren. (Quelle: Spiegel Online, 09.11.2016)
Man könnte - wenn man zynisch veranlagt ist - ergänzend für das Bewerbungsschreiben an Trump noch anfügen: Mit Mauerbau kennen wir uns im deutschsprachigen Raum nun wirklich aus.

Enden wir da, wo wir angefangen haben - auf den Finanzmärkten. Nach den anfänglichen Meldungen über einen "Trump-Schock" werden wir jetzt mit solchen gegenteilig daherkommenden Nachrichten versorgt: Trump-Wahl treibt Kurse der Bankaktien: »Die Bankaktien profitieren vom Wahlsieg Donald Trumps.« Wie das denn nun, müsste es nicht genau umgekehrt sein, wenn man an die zurückliegenden Wahlkampfmonate denkt?
Dabei war doch eine vermeintliche Nähe zur Finanzbranche im amerikanischen Präsidentschafts- und Kongresswahlkampf gefährlich.
»Die unterlegene demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton wurde in den Vorwahlen erst vom ihrem innerparteilichen Konkurrenten Bernie Sanders attackiert, weil sie nach ihrer Zeit als Außenministerium für sechsstellige Summen Reden bei Goldman Sachs und der Deutschen Bank gehalten hatte. Dann stieß Donald Trump ins gleiche Horn und  kritisierte im TV-Duell Clintons Werbespots, die „von Deinen Freunden an der Wall Street bezahlt wurden, die so viel Geld gespendet haben, weil sie wissen, dass Du sie beschützen wirst“.«
Und die sollen nun von Trump profitieren? Weil wieder einmal Rhetorik und Realität auseinanderlaufen. Ein wichtiger Grund dürfte Trumps Position zur Finanzmarktregulierung sein. Und da will der neue Präsident offensichtlich bankenfreundlich agieren:
»Trotz aller populistischen Kritik an den Verbindungen Clintons zur Wall Street will Trump nämlich das 2010 von einer demokratischen Mehrheit im Kongress verabschiedete Dodd-Frank-Gesetz kippen. Das Gesetz war eine Reaktion auf die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise des Jahres 2008 und verschärfte die Regulierung der Branche.
Unter anderem wurde der Eigenhandel von Banken mit Wertpapieren beschnitten und eine Verbraucherschutzbehörde für Finanzprodukte geschaffen. Einer der Gründe für die Krise war eine zu lockere Vergabe von Hypotheken, die als verbriefte Wertpapiere von Banken gehandelt wurden. Die neue Verbraucherschutzbehörde machte erst kürzlich mit einer Strafe für die drittgrößte Bank Wells Fargo Schlagzeilen. Tausende Mitarbeiter, der für aggressive Vertriebsmethoden bekannten Bank hatten ungefragt fiktive Konten für Kunden eröffnet, um ihre ambitionierten Vertriebsziele zu erreichen.
Trump macht das Gesetz aber für eine schleppende wirtschaftliche Erholung nach der Krise verantwortlich, weil Banken aufgrund schärferer Regulierung nicht genug Kredite an Unternehmen vergeben hätten. „Wir müssen Dodd-Frank abschaffen. Die Banken verleihen kein Geld an Leute, die es brauchen“, sagt Trump. Aufsichtsbehörden hätten die Kontrolle über die Banken übernommen.«
Zum angesprochenen Dodd-Frank-Gesetz vgl. auch ausführlicher Deutsche Bank Research (2010): US-Finanzmarktreform. Die Ökonomie des Dodd-Frank Acts, Frankfurt, 6.12.2010.

Den Banken ist es letztendlich egal, könnte man schlussfolgern, wer unter ihnen Präsident ist. Hauptsache, die Kugel rollt weiter im Casino.

(09.11.2016)

Foto: © moritz.rothacker / pixelio.de