Montag, 14. November 2016

Die herrschende Meinung und der bunte Rest. Die VWL an den Hochschulen wird heterogener und offener. Also angeblich. Eine Studie schaut genauer hin

Von Stefan Sell
Es gab sie schon immer in der VWL, die herrschende Meinung und die Abweichler. Und eine gute Ausbildung sollte eigentlich ebenfalls schon immer den angehenden Ökonomen vermitteln, dass es eben gerade nicht "die" Ökonomen gibt, die einen Sachverhalt so und nicht anders beurteilen, sondern höchst kontroverse Analysen, geschweige denn von den Interpretationen, vorlegen. Man schaue sich gleichsam als Lehrbuchbeispiel nur das neueste und die zurückliegenden Jahresgutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung an, den umgangssprachlich als "fünf Wirtschaftsweise" titulierten Gremium zur ökonomischen Beratung der Bundesregierung, die man eigentlich als "4 gegen 1"-Weise bezeichnen müsste (vgl. zum aktuellen Jahresgutachten den Beitrag Vier Herren und eine Dame. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung sieht "Zeit für Reformen". Andere sehen Stillstand und eine tiefe Spaltung. Beim Rat vom 3. November 2016). Und letztendlich ist die spezifische Konfiguration beim Sachverständigenrat - die herrschende, angebotsorientierte Ökonomie ist mit vier Mitgliedern besetzt, während ein Abweichler, Peter Bofinger, das ihm verbliebene Instrument der Protokollnotiz ("Eine abweichende Meinung") extensiv nutzt bzw. angesichts der Ausführungen der Mehrheit nutzen muss, um wenigstens die Hand gehoben zu haben gegen die Mainstream-Position - ein Spiegelbild der Kräfteverhältnisse der Disziplin (in Deutschland). Und das nur als Fußnote: Wir reden hier nur über die Wahrnehmung der abweichenden Meinung eines etablierten Ökonomen innerhalb des Sachverständigenrats und fragen noch gar nicht, wo und in welchem Umfang beispielsweise neben den Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen immer auch die oftmals völlig konträre Position der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, die ja auch jedes Jahr ihr "Memorandum" als Gegengutachten veröffentlicht, aufgerufen und behandelt wird.
Auch wenn es den kritischen Geistern weh tut, man muss die Kräfteverhältnisse zur Kenntnis nehmen, denn dann wird man grundsätzlich skeptisch sein (müssen), wenn es um die Antwort auf die Frage geht, ob die Lehre an den Hochschulen seit den verheerenden Erfahrungen mit der herrschenden Lehre im Kontext der Finanz- und Wirtschaftskrise nun endlich - wie gerade auch von vielen Studierenden gefordert - nun endlich bunter geworden ist und die anderen Sichtweise auf die Volkswirtschaft und die dort abweichenden Prozesse überhaupt und stärker beleuchtet.

Um zu prüfen, ob und wenn ja, welche Veränderungen es in der Ausbildung der angehenden Volkswirte gegen hat, machen Wissenschaftler was? Na klar, eine Studie.

Eine Zusammenfassung der Studie, die da entstanden ist, kann man hier abrufen:
Frank Beckenbach, Maria Daskalakis und David Hoffman (2016): Zur Pluralität der volkswirtschaftlichen Lehre in Deutschland (EconPLUS). Eine empirische Untersuchung des Lehrangebotes in den Grundlagenfächern und der Einstellung der Lehrenden. Zusammenfassung
Herausgekommen ist also die Studie EconPLUS. Zur Pluralität der volkswirtschaftlichen Lehre in Deutschland. Auf der Seite findet man einen Überblick über die zentralen Befunde der Befragung und der Analyse der Lehrmaterialien sowie eine Kurzversion mit den zentralen Aussagen und Konsequenzen der Studie.
»Die Forderung nach einer pluraleren Volkswirtschaftslehre prägt seit Jahren den wissenschaftlichen Diskurs. Kommt der Wandel nun wirklich? Eine Studie aus Kassel zeigt: Die Kritik an der Einseitigkeit der Wirtschaftswissenschaften findet Gehör bei den Lehrenden. Das allein verändert die Curricula jedoch nicht. Insbesondere die relevanten Grundlagenfächer verharren im Mainstream, der von der neoklassischen Theorie dominiert ist.«
So beginnt ein Artikel, der sich zusammenfassend mit dieser angesprochenen Studie beschäftigt und der bezeichnenderweise unter der Überschrift Mehr Vielfalt im Wirtschaftsstudium? Theoretisch ja, praktisch passiert wenig steht.
588 Ökonominnen und Ökonomen an 54 deutschen Universitäten beantworteten im vergangenen Sommer Fragen rund um das Thema Pluralismus in der Volkswirtschaftslehre. Zwei Jahre lang forschte das Team von Prof. Dr. Frank Beckenbach (Universität Kassel) in Kooperation mit dem Netzwerk Plurale Ökonomik und finanziell gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung an dieser Standortbestimmung der deutschen Volkswirtschaftslehre. Neben der Befragung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wurde auch eine ausführliche Analyse von Modulhandbüchern der entsprechenden Studiengänge sowie der Lehrmaterialien vorgenommen.

Und was für Erkenntnisse präsentiert uns die Studie?
»77,2 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass es einen Mainstream in der Lehre gibt. Diesen verorten sie im Gedankengerüst der neoklassischen Ökonomik, charakterisiert durch das Menschenbild des Homo oeconomicus sowie die damit verbundenen Optimierungsansätze und Gleichgewichtsannahmen. Gleichzeitig stimmen 92,8 Prozent der Befragten – 34,7 Prozent sogar stark – der Aussage zu, dass es wichtig ist, Studierende mit verschiedenen Lehrmeinungen vertraut zu machen. Und 84 Prozent der Befragten wären tendenziell bereit, ihre Lehre auch entsprechend plural auszugestalten und andere ökonomische Theorien und Konzepte aufzugreifen.«
Das hört sich doch schon mal interessant an. Wie so oft stellt sich Ernüchterung ein, wenn man dann weiterliest:
»In der eigenen Lehre schlägt sich das allerdings kaum nieder: 69,7 Prozent der befragten Ökonominnen und Ökonomen gaben an, in den Bachelor-Grundlagenfächern eher Mainstream-Ökonomik zu lehren, in den fortgeschrittenen Bachelorfächern sind es noch 47,2 Prozent. Das bedeutet: Gerade in den Grundlagenfächern, in welchen die tragenden Säulen des weiteren Studiums gelegt und die Art und Weise ökonomische Vorgänge wahrzunehmen geprägt werden, findet eine einseitige Ausbildung der Studierenden statt.«
Und dieser skeptische Befund wird dann verfestigt durch einen Blick in die Modulhandbücher:
»Die Auswertung der Modulhandbücher bestätigt die Ergebnisse der Befragung. Sie zeigt ein starkes Überwiegen des Mainstreams in den untersuchten Grundlagenfächern. Besonders deutlich wird dieser Umstand, wenn nach einer in der Studie entwickelten Unterscheidung in orthodoxe und heterodoxe Begriffe ausgewertet wird: Dann findet sich etwa in den Modulbeschreibungen der Mikroökonomik an 46 der 52 untersuchten Studiengänge – also knapp 90 Prozent – kein einziger Begriff, welcher auf heterodoxe Lehrinhalte hindeutet.« 
Und auch in dieser Studie die VWL-Lehre an Hochschulen betreffend reproduziert sich eine Erkenntnis, die man auch der Lehrer-Forschung im Schulbereich entnehmen kann: It's the teacher, stupid, könnte man formulieren, also der Hinweis auf die ganz besonders wichtige, oftmals entscheidende Rolle der Lehrkraft:
»Die Befragung identifiziert darüber hinaus noch weitere Gründe, warum viele Lehrende zwar theoretisch offen für Methoden- und Theorievielfalt sind, in der Lehre aber im Mainstream verhaftet bleiben. So zeigt sich, dass die Bereitschaft zu pluraler Lehre sehr stark von der Einstellung der Befragten geprägt ist: Je größer die subjektive Relevanz von Pluralität und Interdisziplinarität ist, umso höher ist die Bereitschaft zur pluralen Lehre. Als ein Hinderungsgrund erweist sich der Umstand, dass plurale Inhalte nicht in den relevanten wissenschaftlichen Fachzeitschriften untergebracht werden können. Auch der Umfang des Pflichtstoffes, den die Befragten zu absolvieren haben, ist ein Hinderungsgrund.«
So kann es nicht überraschen, dass Pia Ratzesberger ihren Artikel dazu überschrieben hat mit: Wenig Neues in der VWL-Vorlesung. Dort findet man nach einer Zusammenfassung der auch hier schon präsentierten Ergebnisse der Studie aber auch diesen Hinweis:
»Wer sich traut, hat allerdings einen Vorteil. Man hat weniger Konkurrenz. An der Universität Siegen zum Beispiel gibt es jetzt einen Masterstudiengang, der sich "Plurale Ökonomik" nennt, der mit alternativen Ansätzen wirbt - noch ein Alleinstellungsmerkmal.«
Das ist sicher ein ganz wichtiger Ansatz in der ansonsten eher (mit Blick auf die Breite der Inhalte) als Lehr-Wüste zu bezeichnenden Hochschullandschaft in Deutschland. Dennoch darf und muss man natürlich kritisch anmerken, das ein oder selbst zwei oder drei solcher Studiengänge mit einer stärkeren Gewichtung "abweichender Ansätze" in Gefahr laufen, als Außenseiter und Orchideen marginalisiert zu werden, wenn sich flächendeckend nichts ändert in der Ausbildung der angehenden Volkswirte. Insofern, folgt man den Ergebnissen der Studie, gibt es noch eine Menge zu tun.

(14.11.2016)

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