Mittwoch, 16. November 2016

Alles so ein (schönes) Durcheinander. Die plurale Ökonomik und die Vielstimmigkeit im wirtschaftswissenschaftlichen Konzert

Von Stefan Sell
Mein Beitrag über die aktuelle Bestandsaufnahme zur Situation der Lehre hinsichtlich der (Nicht-)Berücksichtigung der heterogenen Strömungen in der VWL ist auch auf Makronom, dem Online-Magazin für Wirtschaftspolitik, veröffentlicht worden: Pluralität in der Ökonomie: It´s the teacher, stupid! Es ist wichtig, die Fortschritte zu sehen, die unbestreitbar zu verzeichnen sind hinsichtlich der zunehmenden Aufmerksamkeit wie auch des Interesses an einer pluralen Ökonomik. Die Bewegung hin zu einer inhaltlich und methodisch wesentlich breiter aufgestellten Volkswirtschaftslehre nimmt an Fahrt auf, auch und gerade vorangetrieben durch Studierende selbst (vgl. beispielsweise Studenten protestieren gegen ökonomische Lehre), die im besten Sinne des Wortes die Sinnfrage gestellt haben und das weiterhin tun. Man denke nur an den Offenen Brief, der 2012 von Studierenden und Lehrenden der Volkswirtschaftslehre an über 50 Hochschulen aus dem deutschsprachigen Raum an den Verein für Socialpolitik geschrieben wurde. Die damals vorgetragenen drei Grundsätze für eine Neugestaltung der VWL sind eigentlich nicht zu viel verlangt und überzeugen gerade angesichts ihrer Schlichtheit auch heute noch unbedingt: 1. Theorienvielfalt statt geistiger Monokultur, 2. Methodenvielfalt statt angewandter Mathematik sowie 3. Selbstreflexion statt unhinterfragter, normativer Annahmen.
Die Forderung nach mehr Theorie- und Methodenvielfalt in Forschung und Lehre, reflexive Fächer wie die Geschichte des ökonomischen Denkens, mehr Interdisziplinarität sowie vielfältigere Lehrbücher - das ist Wissenschaft von ihrer besseren Seite.
Aber zugleich ist auch klar, dass die herrschende Meinung nicht so einfach kapituliert vor dem Ansturm der bunten Ökonomen-Häufchen auf die Festungsmauern des Mainstreams.

Aber sie haben doch offensichtlich gewackelt, die Festungsmauern, folgt man solchen Sätzen: »Richtungsstreit über eine Reform der VWL: Der Ökonomenverband VfS hat zur Diskussion über die Ökonomenausbildung geladen«, der dem Artikel mit der hoffnungsfroh stimmenden Botschaft überschrieben ist: Ökonomen zweifeln an der reinen Lehre. »Muss das VWL-Studium reformiert werden? In einem für den traditionsbewussten Verein für Socialpolitik bemerkenswerten Schritt, hat der tonangebende Ökonomenverband des deutschsprachigen Raums diese Frage auf seiner Jahrestagung in Augsburg prominent diskutieren lassen.«
Und hat nicht Michael Burda die Diskussion eröffnet mit den Worten: „Wir haben eine Krise des Vertrauens in die Ökonomik“?

Möglicherweise sind die Angelsachsen schon weiter als diese Frage zu stellen. Für den Chefvolkswirt der Bank von England, Andrew Haldane, ist die Frage acht Jahre nach Ausbruch der großen Finanzkrise längst entschieden: Die Ökonomik sei zu sehr eine Monokultur geworden, schreibt er im Vorwort eines Buches von kritischen Studenten, das demnächst erscheint, und fügt hinzu: „Ich denke, diese Kritik ist nicht mehr sehr umstritten, außer in gewissen akademischen Cliquen.“

Wie dem auch sei, auf der Ökonomen-Tagung wurde auch ein neues Lehrbuch vorgestellt, genannt Core - Economics for a changing world, übrigens finanziert von dem milliardenschweren Hedgefonds-Manager George Soros über das von ihm gesponserte Institute for New Economic Thinking (INET). Ein Lehrbuch, »das für sich in Anspruch nimmt, die nötige Reform der Ausbildung zu leisten – zumindest was die Einführungsveranstaltungen in die Ökonomik angeht.« Vgl. dazu auch die euphemistische Besprechung in dem Artikel Die Revolution des VWL-Studiums soll Krisen verhindern.
Allerdings war die Veranstaltung des Vereins für Socialpolitik ein ziemlich frustrierendes Erlebnis, bei weitem nicht nur, aber auch aufgrund des Agierens von Rüdiger Bachmann, dem Nachwuchsbeauftragten des Ökonomen-Vereins, der eigentlich gar keinen Handlungs-, hier also Veränderungsbedarf erkennen kann und will.

Aber auch "Core" wurde höchst ambivalent aufgenommen: »Von dem neuen Lehrbuch ... sind die Kritiker des Mainstream weniger begeistert als die Vertreter des Mainstreams.«
Der »renommierte Keynes-Biograph Robert Skidelsky äußerte sich kritisch: „Das Hauptproblem liegt darin, dass Core in der Tradition derer arbeitet, die glauben, dass es in der Ökonomik nur eine valide Sichtweise gibt.“ Er hatte von INET ursprünglich den Auftrag, ein Konzept für eine reformierte Grundausbildung von Ökonomen zu entwickeln. Dieses fand beim INET-Vorstand jedoch keinen Gefallen und sie gaben den Folgeauftrag an Wendy Carlin, mit ihrem moderateren Reformkonzept.«
Gegen Kritiker wird "Core" so verteidigt: „Wir brauchen Reform in der Art wie Ökonomie gelehrt wird, aber keine Revolution“.
Dass das neue Lehrbuch hinsichtlich Didaktik und Breite des dargebotenen Materials erheblich besser ist als die meisten etablierten Lehrbücher, darauf können sich alle verständigen.

Wie ist der Stand der Dinge, wenn es um mehr Pluralität in der Ökonomik geht? Christoph Gran vom Netzwerk Plurale Ökonomik hat dazu Stellung bezogen in seinem Beitrag Die Plurale Ökonomik kommt – erstmal rhetorisch. Er stellt angesichts der gerade veröffentlichten und teilweise sehr ernüchternden Befunde der Studie EconPLUS. Zur Pluralität der volkswirtschaftlichen Lehre in Deutschland die Frage: Was muss passieren, damit die Veränderung weitergeht und vielleicht sogar an Tempo zunimmt? Seine Antworten:
»Erstens muss klar sein, dass es einen sehr langen Atem braucht sowie vielfältiger und gut vernetzter Akteure – auch jenseits der Studierendenbewegung – bedarf ..., um die ökonomischen Grundlagen unserer Gesellschaft zu verändern.« Man dürfe sich nicht von einem verwässerten Pluralismusansatz á la Core oder "Wir machen doch schon Verhaltensökonomik" stilllegen lassen.
»Zweitens zeigt die Studie EconPLUS Mechanismen auf, die für eine pluralere Ausgestaltung der Lehre hilfreich sein können. Das betrifft erstens die Förderung pluralismusfreundlicher Einstellungen bei den Lehrenden ... Zweitens die Entwicklung pluraler Lehrmaterialien ... Drittens ist hier v.a. die Erhöhung der Freiheitsgrade in der Lehre eine zentrale Weichenstellung, etwa durch Erhöhung des Wahlpflichtanteils (bzw. der Verringerung des Pflichtteils), das zusätzliche Angebot von Fächern mit erweiternder Perspektive und vor allem durch die Rücknahme der in den Modulhandbüchern gegebenen Standardisierung der Lehrinhalte zugunsten einer größeren Entscheidungsmöglichkeit für die Studierenden.«
Das sind doch mal wenigstens Vorschläge, die auf einen langen Marsch durch die Institutionen der Mainstream-VWL hindeuten.

Der Bedarf an einer Öffnung und konzeptionellen Alternativen zum Mainstream ist von vielen Seiten vorgetragen worden. Warum wir so dringend eine andere Wirtschaftswissenschaft brauchen, so ist beispielsweise eine Beitrag von Uwe Schneidewind überschrieben, dem Präsidenten des Wuppertal Institutes für Klima, Umwelt, Energie.
»In keinem anderen Fach macht sich wissenschaftliche Selbstbeschränkung so schmerzlich bemerkbar wie in den Wirtschaftswissenschaften. Dabei müssten gerade in Zeiten des Umbruchs die Wirtschaftswissenschaften zur „Möglichkeitswissenschaft“ werden ... Orientiert am Leitbild der Naturwissenschaft, konzentrieren sich die Wirtschaftswissenschaften auf die Produktion von Systemwissen.«
Aber was versteht Schneidewind unter "Möglichkeitswissenschaft"? Er kleidet seine Antworthinweise in Anfragen:
»Wie kann eine Ökonomie aussehen, die die Produktivitäts­fortschritte der Informationswirtschaft für einen Wohlstand nutzt, der bei möglichst vielen Menschen ankommt? Sind Postwachstums­gesellschaften denkbar, die dennoch eine hohe Lebensqualität für zehn Milliarden Menschen innerhalb der planetaren Grenzen schaffen? Wie sehen Entwicklungs­perspektiven für einen zeitgemäßen Kapitalismus aus? ... „Transformationswissen“ bedeutet, den interdisziplinären und transdisziplinären Brückenschlag zu wagen. Es heißt, als Disziplin darüber Rechenschaft abzulegen, welche vermeintlichen ökonomischen First-Best-Lösungen unter aktuellen politischen und gesellschaftlichen Transformationsbedingungen schnell an Grenzen geraten. Eine an Transformationsprozessen mitwirkende Wirtschaftswissenschaft muss sich in diese schwierigen Debatten einbringen und sie mit Beiträgen unterstützen, die vermeintliche ökonomische Second- und Third-Best-Lösungen zu effektiven Antworten machen. Auch wenn es für Ökonomen schwer anzuerkennen ist: Vermutlich retten wir diese Welt am Ende aus ökonomischer Sicht nur ineffizient.«
Im Juni 2016 wurde im Umfeld dieser Gedanken ein Aufruf von 30 Wirtschaftswissenschaftlern für eine transformative Wirtschaftswissenschaft veröffentlicht. Der Artikel Aufruf zur Nachhaltigkeit: Für eine paradigmatische Wende der Wirtschaftswissenschaften berichtet darüber. Der Aufruf wurde im Heft 2/2016 der Zeitschrift"Ökologisches Wirtschaften" veröffentlicht und kann im Original hier abgerufen werden:
Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung. Für einen neuen Vertrag zwischen Wirtschaftswissenschaft und Gesellschaft, in: Ökologisches Wirtschaften, Heft 2/2016, S. 30-34
Der Aufruf benennt große Problem- und Fragestellungen für die Wirtschaftswissenschaften, die es anzupacken gilt: Wie können Nachhaltigkeitsziele in Fiskal-, Verteilungs-, Arbeitszeit- und Außenwirtschaftspolitik integriert werden? Wie sollte sich die „Ordnung der Wirtschaft“ ändern, wie das Leitbild einer sozialen und nachhaltigen Marktwirtschaft? Wie kann letztlich ein gesamtwirtschaftlicher nachhaltiger Strukturwandel erreicht werden? Um diese Fragen zu diskutieren, schlägt der Aufruf vor, die verschiedenen kritischen wirtschaftswissenschaftlichen Strömungen zusammenzubringen und stärker aufeinander zu beziehen. Als Diskussionsaufschlag formuliert der Aufruf fünf Bedingungen für eine transformative Wirtschaftswissenschaft: Transparenz, Reflexivität, Wertebezug, Partizipation und Vielfalt.

Offensichtlich ist viel in Bewegung und der Druck auf den Kern der herrschenden VWL wird größer. Oder doch nicht? Es gibt auch Skeptiker, die man zur Kenntnis nehmen muss, gerade wenn man sich der konzeptionellen, inhaltlichen und methodischen Auffächerung der VWL verbunden fühlt.
Beispielsweise Michael Wendl, der aus der Gewerkschaftsbewegung kommt und Mitherausgeber der Zeitschrift "Sozialismus". Er hat sich kritisch zu Wort gemeldet mit diesem Beitrag: Die Vielfalt, die keine ist. Ganz offensichtlich nimmt er die Szenerie zumindest hinsichtlich der realen Machtverhältnisse anders wahr:
»Acht Jahre nach der Finanzmarktkrise ist die Arroganz und Macht der Neoklassiker ungebrochen. Ein Grund: Die Kritik der Linken an der Neoklassik ist nicht auf der Höhe der Zeit.«
Trotz der sehr lauten Rufe nach einer pluralistischeren Wissenschaft hat sich wider Erwarten der Status der in und nach der Finanzkrise grundsätzlich kritisierten Wirtschaftswissenschaft wieder gefestigt.
Auch bei Wendl taucht er wieder auf, der in diesem Beitrag bereits erwähnte neoklassische Makroökonom Rüdiger Bachmann, der "Nachwuchsbeauftragte" des Vereins für Socialpolitik. Denn an seiner Person bzw. seinen Ausführungen auf der letzten Jahrestagung der Ökonomen-Vereinigung kann man laut Wendl hervorragend die Selbstimmunisierung des Mainstreams ablesen:
» ... die neoklassische Ökonomie ... (habe) mit dem Begriff der rationalen Erwartungen bereits in den 1970er-Jahren eine Brücke geschlagen: von ihren mikroökonomischen Modellen zu den makroökonomischen, also zu volks- und gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen. Damit habe die Neoklassik folgendes geleistet: Sie habe der keynesianischen Makroökonomie eine mikroökonomische Basis verschafft, diese damit entscheidend korrigiert und zugleich diese stark korrigierte Form des Keynesianismus in die eigene neoklassische Lehre integriert.
Seit dieser Zeit werde daher, behauptet Bachmann, im Kern zwischen zwei makroökonomischen Schulen unterschieden: einer neuen neoklassischen Makroökonomie, zu der auch neue Varianten des alten Monetarismus eines Milton Friedman gezählt werden, und einem neuen oder auch neoklassischen, weil mikroökonomisch fundierten Keynesianismus. Diese auch als neuklassisch bezeichnete Theorie bezieht den Arbeitsmarkt, den Gütermarkt und den Kapitalmarkt in ihre Modelle ein und kommt dadurch zu einer Sicht, die der keynesianischen Makroökonomie ähnlich sei. Diese neuen Varianten und Erweiterungen der neoklassischen Lehre um das mikroökonomisch fundierte keynesianische Modell seien der Beweis für den faktischen Pluralismus der Volkswirtschaftslehre. Es komme hinzu, dass ein neues makroökonomisches Modell, namens DSGE (engl.: dynamic stochastic general equilibrium), entwickelt worden sei, das auch von Keynesianern angewandt werde; dieses Modell, das im Kern unverändert von neoklassischen Annahmen ausgeht, wird unter anderem von Forschungsinstituten angewandt, um die Wirkung von politischen Entscheidungen auf wirtschaftliche Prozesse einzufangen.«
Und fertig ist das abgeschlossene Gebäude: »Radikal andere Sichtweisen wie der traditionelle Keynesianismus und seine Weiterentwicklung zum Postkeynesianismus sind deshalb, so die Meinung von Bachmann und seinen Neoklassikern, mit diesem Prozess der Ausdifferenzierung der Neoklassik wissenschaftlich überholt und damit überflüssig geworden. Die Politische Ökonomie von Karl Marx, eine feministische oder eine ökologische Ökonomie werden von den herrschenden Neoklassikern nicht als Wissenschaft verstanden und akzeptiert ... Die etablierte neoklassische Volkswirtschaftslehre versteht sich selbst als »Königsdisziplin« der Sozialwissenschaft und fühlt sich über sozialwissenschaftliche Kritik erhaben.«

Ansonsten, so die ernüchternde Bilanz von Wendl, stabilisiert sich das System über die tragenden Komponenten jenseits der Selbstimmunisierung gegen Kritik. Die Neoklassiker dominieren unverändert die Lehrstühle an Universitäten und die Arbeit der Wirtschaftsforschungsinstitute. Die auf der Basis von Zitationen in einschlägigen Fachzeitschriften gemessene "Bedeutung" der Wissenschaftler erzeugt ein »selbstreferentielles System, das diejenigen ausgrenzt, die von der Zunft als Außenseiter ignoriert werden.« Sie dominieren auch über ihre in Postgraduierten-Kollegs getrimmten Ökonomen die Bürokratien in den zuständigen Ministerien. Sie beeinflussen auch, an wen Studienaufträge von Ministerien und unternehmensnahen Stiftungen vergeben werden. Auf den kritischen Punkt gebracht: » Es handelt sich zugespitzt formuliert: um eine quasi-religiöse Sekte mit eng regulierten Zugang und hoher Gefolgschaftstreue.«
Aber abschließend bekommen auch die Kritiker von links ihr Fett weg: »Deren Einfluss wird auch gestützt, weil die unter Linken verbreitete Kritik an den einfachen und realitätsfremden Modellen der neoklassischen Volkswirtschaftslehre den aktuellen akademischen Status dieser Disziplin nur unzureichend analysiert.«

Bekanntlich soll man nicht mit einer deprimierend stimmenden Botschaft enden, deshalb gleichsam zur Aufhellung hier einige wenige Hinweise auf interessante Seiten im Netz, die das bunte und damit per se schöne Universum der pluralen Ökonomik in Umrissen erkenn- und erfahrbar machen.
Da wäre für Deutschland unbedingt zu nennen das Netzwerk Plurale Ökonomik. Und beispielsweise der in diesem Umfeld entstandene Masterstudiengang Plurale Ökonomik an der Universität Siegen. Auch von Seiten der Studierenden gibt es viele Aktivitäten im Netz, beispielsweise die KriWis Berlin, das steht für Kritische WirtschaftswissenschaftlerInnen Berlin oder der AK Real World Economics Heidelberg, ebenfalls eine studentische Initiative.
Zu empfehlen sind auch die folgenden Seiten: Heterodox Economics Directory. Your Guide to Heterodox Economics. Die Association for Heterodox Economics (AHE). Die World Economics Association (WEA). Die ist auch Herausgeber der frei zugänglichen Fachzeitschrift Real-World Economics Review. Das sind nur einige wenige Quellen im Netz. Surfen lohnt sich.

(16.11.2016)

Foto: © Stefan Sell