Samstag, 19. November 2016

Morbide Ökonomisierung? Nichts ist umsonst - nicht einmal der Tod. Dessen Folgen aber gehen immer billiger

Von Stefan Sell
Immer wieder wird man mit dem Begriff Ökonomisierung konfrontiert - für die einen (nicht überraschend darunter viele Ökonomen) ist das positiv besetzt, verbinden sie doch damit eine konsequente(re) Orientierung an der Wirtschaftlichkeit dessen, was man tut, wodurch man unnötige Kosten einsparen und insgesamt den Wohlstand erhöhen könne. Für die anderen (auch nicht überraschend darunter vor allem Menschen, die als Betroffene die Auswirkungen zu spüren bekommen, beispielsweise als Mitarbeiter sozialer Dienste) ist das eher ein Kampfbegriff, ein Schreckensszenario der Einsparungen, des Personalabbaus, der Arbeitsverdichtung und Ausrichtung auf ökonomische Ziele, die dem eigenen Arbeitsfeld wiedergelagert sind oder erscheinen. Und es gibt auch immer wieder die Diagnose, die behauptet, dass die Ökonomisierung - und damit die Wertvorstellungen und Denkmodelle der Ökonomen - in Lebensbereiche eindringt, die (bislang) anderen Mustern folgten und die nun auch dem Ökonomischen unterworfen werden. Nehmen wir eine wirklich traurige Angelegenheit - das Sterben. Auch hier kann man besichtigen, wozu die Planierraupe der Ökonomisierung fähig ist.
Das Bestattungsgeschäft ist krisenfest, so hieß es lange. Gestorben werde schließlich immer. Ein Blick auf die Daten scheint das auch zu belegen. Aber das ist das (potenzielle) Umsatzvolumen, um schon mal gleich in die Sprache der Ökonomen zu wechseln, das andere hingegen die tatsächliche Inanspruchnahme der Dienstleistung, vor allem der konkreten Ausformung derselben.

Mehr als 925.000 Menschen starben 2015 in Deutschland. Doch ein sicheres Geschäft ist der Tod schon lange nicht mehr. Eine ganze Branche - Friedhöfe, Bestatter, Handwerker - leidet trotz des nun wahrlich nicht abnehmenden "Angebots" an Sterbefällen daran, dass es bei der Nachfrage nach ihren Leistungen hapert. Und an einer Verschiebung dessen, was dann nachgefragt wird, hin zu einer Nachfrage nach "immer billiger", was auch die bislang vorherrschende Selbstverständlichkeit, wo denn Bestattungen stattfinden (immerhin gibt es gut 32.000 Friedhöfe in Deutschland) auflöst. Was da passiert führt dann aktuell zu solchen Dokumentationen im Fernsehen, beispielsweise bei 3sat: Ruhe sanft - und günstig. Überlebenskampf der Bestattungsbranche. Und das, was da berichtet wird, könnte direkt einem Lehrbuch der Ökonomie entstammen, in aller (scheinbar) pietätloser Direktheit:
»Es gibt eine neue Trauerkultur, längst ist der Friedhof nicht mehr der zentrale Trauerort für alle. Immer mehr Angehörige wollen schnell wieder zur Tagesordnung übergehen, Gräber sollen nicht viel Arbeit machen und das Ganze möglichst wenig kosten. 7000 Euro sind normalerweise durchaus üblich, etwas günstiger sind Feuerbestattungen. Seitdem das Sterbegeld 2004 gestrichen wurde, müssen die Erben alleine dafür aufkommen - die Kundschaft ist kostenbewusster geworden. Kein Wunder also, dass auch in der Bestattungsbranche Discount-Angebote ihre Zielgruppe finden.«
Discount-Bestattung: Geiz am Grab, so hat Andreas Heimann seinen Artikel dazu - der dann auch noch in der Online-Ausgabe der "Ärzte Zeitung" erschienen ist - überschrieben. Immer mehr Menschen wollen nicht mehr klassisch begraben werden, immer mehr lassen sich verbrennen. Das ist schon mal schlecht - also für die Friedhöfe, weil man weniger Platz braucht, weil die Einnahmen aus der Grabpflege geringer ausfallen, weil in nicht wenigen Fällen die ganze Existenzberechtigung für die bisher anders ausgelegten Friedhöfe in Frage gestellt wird angesichts der immer größer werdenden Lücke zwischen Kosten und Einnahmen.
Abr auch bei den Feuerbestattungen selbst wird die Konkurrenz immer härter. "Krematorien in einer Rabattschlacht um die Bestatter", so heißt es in der 3sat-Doku. Heimann dazu in seinem Artikel:
»Die entscheidende Frage lautet, wer verbrennt die Leichen am billigsten? Und dabei geht es längst nicht mehr nur um Krematorien in Deutschland. Bestatter, die vor allem günstig sein wollen, lassen die Toten zum Beispiel in Tschechien einäschern.
Auch Särge werden längst in großem Stil aus Osteuropa importiert, weil das deutlich günstiger ist.
Rund 4.000 Bestatter gibt es in Deutschland, oft sind es Familienbetriebe. Einige setzen mittlerweile bewusst auf die preisbewusste Klientel, die für eine Bestattung möglichst wenig Geld ausgeben will.«
Und wir werden konfrontiert mit allen Ingredienzien der Ökonomisierung - bis hin zu Elementen der Globalisierung:
»Auch Särge werden längst in großem Stil aus Osteuropa importiert, weil das deutlich günstiger ist ... Hartmut Woite gehört dazu, ein Discount-Bestatter. Bei den Kollegen in Berlin sei er nicht gerade beliebt, räumt er ein.
Aber sein Geschäftsmodell funktioniert. Er kauft Särge preiswert in großen Mengen ein, nutzt preiswerte Krematorien jenseits der deutschen Grenze und bietet auf diese Weise Preise, mit denen seine Konkurrenten nicht mithalten können.
Und Berlin ist ein brutaler Markt für Bestatter, nirgends in Deutschland gibt es pro Einwohner so viele wie in der Hauptstadt.
Gespart wird aber auch anderswo. Statt großem Marmorstein, der schnell mehr als 10.000 Euro kostet, entscheiden sich viele Angehörige heute für die Variante schlichter Findling, die für einige hundert Euro zu haben ist. Für Steinmetzbetriebe ist das hart. Auch Bestatter müssen sich immer mehr einfallen lassen. Nicht nur, was die Bestattungsformen angeht: Urnengräber oder Baumgräber sind schon lange Standard.
Friedwälder, bei denen die Toten in kompostierbaren Urnen bestattet werden, sind im Trend. Unter einem Baum – Kostenpunkt etwa 4.000 bis 5.000 Euro – findet rund ein Dutzend Urnen Platz. Kein Grabstein, keine Grabpflege – auch hier lässt sich viel Geld sparen.«
Jürgen Ruf berichtet in seinem Artikel Sarghersteller kämpfen ums Überleben. Konkurrenz aus Osteuropa macht deutschen Firmen zu schaffen – Wachsender Preisdruck: Die Sarghersteller in Deutschland leiden unter einem zunehmenden Konkurrenz- und Preisdruck aus dem Ausland. Särge kommen immer häufiger aus Osteuropa auf den deutschen Markt, wird der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Bestattungsbedarf, Dirk-Uwe Klaas, zitiert. Dort könnten sie zu wesentlich geringeren Produktionskosten hergestellt werden als in Deutschland. Mehr als 75 Prozent der in Deutschland verkauften Särge kämen mittlerweile aus dem Ausland. Die dortigen Hersteller seien in der Lage, Särge billiger auf den Markt zu bringen. Die Auswirkungen auf die inländischen Hersteller sind massiv, eine ganze Branche ist auf dem Sinkflug:
»Die jährliche Produktionsmenge der deutschen Sarghersteller mit 20 und mehr Beschäftigten sei von 2010 bis 2015 um 21,7 Prozent auf rund 116.740 Särge zurückgegangen, der entsprechende Produktionswert sank in dem Zeitraum um 31,6 Prozent auf rund 20 Millionen Euro. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren in Deutschland noch 400. 000 Särge produziert worden, 2010 waren es 149 .000.«
Und einige Hersteller machen sich auf den Weg, - gemäß der ökonomischen Lehre - ihren Kopf aus der immer enger werdenden Schlinge zu ziehen: »Die Sarghersteller suchen ... zusätzliche Geschäftsfelder, sagte Bernhard Wurth, Chef der Süddeutschen Sargfabrik in Kappel-Grafenhausen: „Sarg alleine wird wirtschaftlich immer schwieriger.“ Viele Unternehmen verstärkten daher ihre Aktivitäten, beispielsweise im Holz- und Möbelbau.«

Das morbide Thema wird immer mehr zu einem Beispielfall für die ökonomische Lehre - selbst die Themen Wagniskapitalfinanzierung und "Start-up"-Unternehmen kann man hier abbilden. Wie ein Berliner Start-up ein Geschäft mit dem Tod macht, um ein Artikel dazu zu zitieren:
»Wenn von "einem besonders attraktiven Marktsegment" die Rede ist, denkt man eher nicht an Tod und Trauer. Doch genau so beschreibt der Manager eines Berliner Wagniskapitalfonds das Bestattungsgewerbe. Der VC Fonds Kreativwirtschaft Berlin der landeseigenen Investitionsbank und eine Investorengruppe unterstützen seit dem Frühjahr die Start-up-Firma Mymoria. Sie betreibt eine Online-Plattform, die die Planung einer Bestattung "sicher von zu Hause" verspricht, und das "bei voller Kostenkontrolle".«
Die neue Firma will selbst als Anbieter auf den Markt - Vergleichsportale im Internet gibt es schon seit langem, beispielsweise www.bestattungen.de oder www.bestattungsvergleich.de. Oliver Wirthmann, der Sprecher des Bundesverbands Deutscher Bestatter, meint dazu: "In diesem Segment gibt es kein Preisgefühl." Statistisch werde man alle 18 Jahre mit dem Tod eines engen Angehörigen konfrontiert, den Kunden fehlten deshalb Erfahrungswerte. Wirthmann als Vertreter der etablierten Branche ist von den Online-Wettbewerbern nicht begeistert: "Viele wissen nicht, dass diese Portale provisionsbasiert sind. Das ist ein großes Problem", sagt er. "Wir raten davon ab, solche Vergleichsportale zu nutzen. Besser ist ein Preisvergleich von mehreren Bestattern in der Region und dabei Kostenvoranschläge einzuholen." Und natürlich gibt es hier auch eine Gegenposition: »Verbraucherschützer halten hingegen neue Angebote von Online-Portalen und Discountern grundsätzlich für positiv. "Wir freuen uns über Alternativen", sagte der Jurist Matthias Wins von der Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern in Rostock und erinnert an die Optiker, die erst nach Jahrzehnten Konkurrenz durch Filialketten bekamen.«
Apropos Verbraucher - seit Jahren unterwegs ist mit Aeternitas eine "Verbraucherinitiative Bestattungskultur, auch mit einer umfangreichen Website im Netz vertreten.

Das Thema ist ja nicht neu, der eine oder andere wird sich an Berichte aus den zurückliegenden Jahren erinnern, in denen immer wieder dieser Aspekt aufgegriffen wurde.

So hat beispielsweise Laura Hertreiter am 19.03.2015 in der Print-Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung" einen Artikel unter der Überschrift "Letzte Unruhe" veröffentlicht: »Umsonst ist nur der Tod, und der kostet das Leben. Aber wenigstens ist die Trauerfeier mittlerweile spottbillig, zumindest in Berlin: In der Hauptstadt tobt ein schäbiger Preiskampf unter den Bestattern. Es fehlt an Leichen«, so die kompakte Zusammenfassung ihrer damaligen Analyse der Situation speziell in Berlin: Zu viele Bestatter, zu wenig Tote. »Weil die Bevölkerung Berlins immer jünger werde, die Lebenserwartung immer länger. Demnach sterben dort jeden Monat etwa 2.700 Menschen. 1990 seien es allein in West-Berlin noch 3.300 gewesen. Gleichzeitig gibt es in der Stadt 300 Bestattungsunternehmen. In den vergangenen zehn Jahren sei ihre Zahl um zehn Prozent gestiegen.« Die Preisschlacht tobt vor allem zwischen den vielen Anbietern im Niedrigpreissegment. Zur Angebotsseite erfahren wir: In Berlin drängen ungelernte und schlecht ausgerüstete Leute auf den Markt - für »den Beruf gibt es zwar eine Aus- und Fortbildung, aber keine Zulassungsbeschränkung. Viele ungelernte Quereinsteiger arbeiten erst einmal als mobile Bestatter, ohne eigene Fahrzeuge, ohne Geschäftsräume. Die Kunden beraten sie in deren Wohnzimmern und geben die Aufträge dann an Fuhrunternehmen weiter. Für Kofferbestatter und Subunternehmer ist die Gewinnspanne kleiner, der Druck zur Profitmaximierung größer als bei klassischen Bestattern wie Lenzen, die sich um das Gesamtpaket von Sarg, Transport, Versicherungskündigungen, Sterbebild, Erd-, Feuer- oder Seebestattung, Blumenschmuck und Trauerfeier kümmern.«
Hertreiben hat in ihrem Artikel aus dem vergangenen Jahr auch auf den Anbieter Sarg-Discount hingewiesen: »Im Netz wirbt er mit einem unschlagbaren Angebot, grellorange auf weiß: „Tiefstpreis-Garantie – Sollte jemand ein günstigeres Angebot abgeben als wir, unterbieten wir um 30 Euro“. Die Bestatter-Innung hat schon vor Jahren vergeblich versucht, den Namen Sarg-Discount aus Pietätsgründen verbieten zu lassen.« Das hat sich - siehe die Abbildung - bis heute nicht geändert.

Und bereits im Jahr 2012 - um nur einen weiteren rückblickenden Verweis zu geben - hatte der SWR eine entsprechende Reportage unter dem Titel Das Geschäft mit dem Tod ausgestrahlt. Darin heißt es: »Kreative Geschäftsmodelle und öffentlichkeitswirksame Marktstrategien sind ... gefragt. Je schriller, desto besser.« Ja, die reden hier tatsächlich nicht von Smartphones, sondern - von Krematorien. Da wird berichtet von „Kaffeefahrten“ zu Krematorien für Interessierte, die sich informieren wollen über preisgünstige Angebote der Entsorgung. Nicht nur in die Niederlande oder nach Belgien. »Inzwischen bieten auch Bestatter aus Berlin und Chemnitz Touren zu tschechischen Krematorien an ..., weil auch in dieser Branche der Konkurrenzdruck wächst.«

Berlin wird auch in der aktuelle 3sat-Doku aufgegriffen: »Lange galt Wettbewerb unter den Bestattern als unmoralisch, mittlerweile tobt in Berlin ein erbitterter Kampf um Verstorbene. Das führt angeblich so weit, dass Provisionen an Mitarbeiter in Altenheimen, Pflegeheimen oder Kliniken gezahlt werden, die dann Angehörigen einen ganz bestimmten Bestatter empfehlen.«

Auf der anderen Seite bekommt man auch Hinweise, dass die fortschreitende Ökonomisierung zu dem führt, was die Befürworter als eine positive Folge hervorheben würden: Das bislang starre Angebot verändert sich und muss auf die neuen Bedarfe reagieren, sich "dem Markt" anpassen. Zu den Friedhöfen heißt es beispielsweise in der Doku:
»Viele Friedhöfe haben mit sinkenden Gebühreneinnahmen zu kämpfen, es ist daher zu einer Überlebensfrage geworden, auf die unterschiedlichsten Bedürfnisse einzugehen: Baumgräber, Anlagen nur für Frauen oder Schwule und vor allem pflegeleichte Lösungen werden angeboten. Denn Friedhöfe bleiben bei Gräbern, um die sich niemand mehr sorgt, immer öfter auf den Pflegekosten sitzen. Viele Särge und Urnen liegen mittlerweile unter Gemeinschaftsflächen, die vom Friedhofspersonal gemäht und mit Blumen bestückt werden.«
Und Andreas Heimann berichtet in seinem Artikel über David Roth, einem Bestatter in Bergisch Gladbach. Der bietet Angehörigen nicht nur, auf seinem privat geführten Friedhof Gräber ganz nach ihrem Geschmack zu gestalten, bunt und ausgefallen, wenn ihnen danach ist. Er  setzt auch auf neue Formen der Trauerbewältigung: Er bietet Lesungen, Kochkurse und Konzerte für solche Trauernde an, denen ein anonymes Urnengrab nicht genug ist.

Man kann darüber den Kopf schütteln und das alles mit skeptischen Blick als eine weiteres trauriges Kapitel der Durchökonomisierung unseres Lebens abhaken. Oder man nimmt das als ein weiteres Beispiel für das Wirken des Grundmodells ökonomischen Denkens: Alles ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Auch der Tod und dem Umgang damit. Oder man betrauert die ökonomischen Opfer des bisherigen Systems, die unter die Räder des Wandels geraten - oder man fokussiert auf die Gewinner der Entwicklung, die mit den "innovativen Ideen", mit denen man weiterhin Geld verdienen kann.

Eines ist aber sicher: Dem Gestorbenen wird das alles total egal sein. Wenigstens diese Botschaft kann als gesichert gelten. Wahrscheinlich, weil mit letzter Gewissheit ...

(19.11.2016)