Mittwoch, 23. November 2016

Wenn Manager-Söldner ihren Job machen und jede von außen herangetragene Ethik in die Gummizelle kommt. (Nicht nur) der Fall VW und die Boni

Von Stefan Sell
Warnhinweis: Die folgenden Ausführungen können zu erheblichen Schäden bei denjenigen führen, die viel Hoffnung verbinden mit dem Gedanken, dass Wirtschaftsethik mittlerweile mehr ist als ein Lippenbekenntnis, eine Sonntagsrede oder eine Alibiveranstaltung zur Beruhigung der kritischen Geister. Und kann man nicht sein Leben verbringen mit Konferenzen, Weiterbildungen und Studien über wirtschaftsethische Themen? Gibt es nicht sogar eigene Module in der Ausbildung angehender Betriebswirte (was zugleich die Skeptiker spätestens an dieser Stelle auf den Plan rufen muss, denn wie kann man Ethik in einem Modul verhackstücken?). Und haben sich nicht viele Akteuere zusammengefunden und beispielsweise mit dem DNWE ein "Netzwerk für Wirtschaftsethik (Corporate Responsibility, Nachhaltige Entwicklung, Integrität und Compliance) aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft" gebildet? Immer diese Schlagworte - aber werfen wir einen Blick in die aktuelle Wirtschaftsrealität, im Hinterkopf Integrität, Verantwortung usw. als Maßstab gespeichert.

Der VW-Konzern hat bekannt gegeben, 30.000 Arbeitsplätze streichen zu wollen - mit 23.000 die Mehrzahl davon in Deutschland. Bei der Vorstellung des „Zukunftspakts“ zeigten sich die Top-Manager gelöst, Betriebsratschef Bernd Osterloh wollte sogar wohl irgendwie witzig sein oder unterstreichen, was für ein hartes Arbeitstier er ist: Er habe in den vergangenen Wochen mehr Zeit mit Verhandlungspartnern verbracht „als mit meiner Frau“.
Nun sind die Befindlichkeiten der Führungskräfte hier völlig ohne Belang, nicht aber die Führungsqualitäten. Und die müssen wahrlich beeindruckend (gewesen) sein.


Für das Jahr 2015 kassierten die 12 VW-Vorstände laut Geschäftsbericht 35 Millionen Euro „erfolgsabhängige Vergütung“ - also Boni zusätzlich zum Grundgehalt. Das deutet darauf hin, dass die obersten Manager das Unternehmen so richtig nach vorne gebracht haben im harten Wettbewerb der Automobilindustrie.

Aber bei VW wird natürlich jeder sofort die Anschlussfrage stellen - für welchen Erfolg bitte? Der Konzern hat 1,6 Mrd. Euro Miese gemacht wegen des Diesel-Skandals und er wird in den USA 15,2 Mrd. Euro Wiedergutmachung zahlen müssen (und kommt damit noch gut weg, denn die blöden deutschen Kunden bekommen nichts und müssen in die Röhre schauen, weil das Recht in den USA in diesen Fällen weitaus verbraucherfreundlicher ist als bei uns).
Den größten Bonus erhielt Ex-VW-Chef Martin Winterkorn mit 5,9 Millionen Euro. Der heutige VW-Chef Matthias Müller kassierte 3,6 Millionen extra, der Ex-Finanzchef und VW-Chefaufseher Hans Dieter Pötsch 4,2 Millionen Euro. Wohlgemerkt - "erfolgsabhängige Vergütungsbestandteile".
Um die Öffentlichkeit zu beruhigen wurde bekannt gegeben, dass ein Drittel der Boni nicht ausgezahlt wird. Aber man glaube jetzt bloß nicht, dass die dann weg sind oder vielleicht - nur so ein Gedanke - den Tafeln oder wem auch immer gespendet werden. Pustekuchen. Man wollte nur ein wenig Ruhe haben, damit Gras über die Sache wächst. Denn die Auszahlung des (vorübergehend nicht-ausgezahlten) Drittels wurde nur in das Jahr 2019 verschoben. Und steht die VW-Aktie dann bei 140 Euro (aktuell 118 Euro), gibt es noch Zinsen obendrauf.
Nicht vergessen werden sollte: Auch die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat haben der Boni-Regelung zugestimmt. Und jetzt dem Sparprogramm.

Natürlich werden viele an dieser Stelle den Eindruck bekommen (müssen), dass wir es hier mit einem ziemlich unethischen Verhalten zu tun haben. Wie kann man sich die sowieso (ausgehend von den Fixgehältern) nicht gerade leeren Taschen mit "erfolgsabhängiger" Kohle vollstopfen, wenn es eigentlich nur Misserfolg zu vermelden gibt? Fast schon geschenkt, wenn man bedenkt, dass es sich ja nicht um persönlich haftende Unternehmerpersönlichkeiten handelt, die ruhig mitnehmen können und dürfen, wenn es gut läuft, weil sie auch in der Haftung stehen, wenn es in die andere Richtung geht. Sondern die Konzernlenker sind Manager-Söldner, die ihre Haut verkaufen zu den höchstmöglichen Renditen, die sie dafür rausschlagen können. Und die ohne mit der Wimper zu zucken "ihre" Unternehmen verlassen und weiterziehen, wenn mehr Geld und/oder mehr Ruhm und Einfluss winken. Oder wenn man rechtzeitig vor den großen Problemen der Umsetzung visionärer Entscheidungen das Feld räumen sollte, damit nicht auffällt, dass man das gegen die Wand fährt.

Im Fall VW bekommt das ganze noch eine besondere Note durch das offensichtlich uneinsichtige Verhalten des Vorstandsvorsitzenden, der sich nicht einmal schämt (warum auch, hat er doch wie viele andere Manager-Söldner gehandelt), sondern der nach dem Motto "Frechheit siegt" auch noch die Kunden vorführt. So konfrontiert uns die FAZ mit dieser Schlagzeile: VW-Chef kritisiert Betroffene des Dieselskandals. Was für eine Chuzpe, die Opfer gleichsam auf die Anklagebank zu setzen: »Volkswagen-Chef Matthias Müller sieht nicht ein, vom Dieselskandal betroffene Kunden in Europa ähnlich zu entschädigen wie in Amerika. Mit harschen Worten wehrt sich der Manager auch gegen Vorwürfe, die deutsche Autoindustrie habe die Elektromobilität verschlafen.«
Das ähnelt ein wenig - um ein Bild zu gebrauchen - dem Ehemann, der seine Frau betrogen hat und nun, statt in Sack und Asche zu gehen, versucht, der Betrogenen das Gefühl zu vermitteln, er musste sie quasi betrügen, weil sie letztendlich daran schuld sei, dass er sich so verhalten hat.
Da fehlen einem wirklich die Worte, ein Konzern, der seine Kunde belogen und betrogen hat, macht die Opfer auch noch zu Tätern - braucht man noch andere Beispiele für umethisches Verhalten?

Dabei wird, das hier nur als Fußnote, fast schon vergessen, welche volkswirtschaftliche Problemdimension sich hinter diesem dreisten Husarenstück eines Konzernlenkers öffnet. Es geht mit der Automobilindustrie um  eine zentrale Größe der deutschen Volkswirtschaft, in der Hunderttausende Menschen (bislang) gut bezahlte Jobs finden, von denen wiederum zahlreiche andere Jobs abhängen. Die einen wichtigen Beitrag auf der Exportseite leistet. Und diese Schlüsselbranche ist in einen fundamentalen Transformationsprozess eingetreten, der nicht nur, aber auch mit der E-Mobilität verbunden wird. Dazu beispielsweise dieser Artikel: Daimlers Betriebsratschef malt Horror-Szenario. Der Übergang zur Elektromobilität gefährdet allein beim Autokonzern Daimler zehntausend Arbeitsplätze, so der Betriebsratsvorsitzende Michael Brecht. Er präsentiert wahrlich Schreckenszahlen: "Ohne Ausgleich bliebe von heute sieben Arbeitsplätzen in der Motoren- und Aggregatefertigung nur einer". Hinter dieser Einschätzung steht der schlichte Tatbestand, dass Verbrennungsmotoren mit viel mehr Personal gebaut werden als Elektromotoren.
»Dem Betriebsratschef zufolge beschäftigt Daimler inklusive seiner Lkw- und Transportersparte gut 30.000 Mitarbeiter in der Produktion von Motoren, Getrieben und Abgastechnik. Die Entwickler seien hierbei noch gar nicht eingerechnet ... "Arbeiten, die durch die Elektrifizierung neu entstehen, dürfen nicht automatisch von Dritten erledigt werden." Der Autokonzern solle etwa die Fertigung von Elektromotoren, die Daimler derzeit gemeinsam mit Bosch produziert, künftig allein übernehmen.«
Die Perspektiven insgesamt sind beunruhigend: In der gesamten Autobranche könnten bereits bis 2025 über 100.000 Stellen in Deutschland wegfallen, so hört man aus Branchenkreisen. Dies entspräche jeder achten Stelle bei Autoherstellern und -zulieferern hierzulande.

Aber wieder zurück zu den Boni. Aktuell stehen die obersten "Führungskräfte" von VW am Pranger, aber beim Thema Boni werden viele Menschen sicher zuerst und immer noch an die Banken denken. Auch da tut sich einiges, worüber beispielsweise Markus Frühauf in seinem in der Print-Ausgabe der FAZ am 14.11.2016 erschienenen Artikel "Banker sollen künftig um ihre Boni" zittern berichtet: »Neue Vergütungsregeln sollen Banken dazu zwingen, ausbezahlte Boni zurückzufordern, wenn die Bank Verlust macht oder Strafen zahlen muss. Die Branche wehrt sich.«

Was sich in der Bankbranche tut, ist höchst interessant und andere Branchen werden sicher mit Argusaugen darauf schauen, wer sich hier am Ende durchsetzen wird:
»Die deutsche Finanzaufsicht Bafin will in Abstimmung mit dem Justizministerium die rechtliche Grundlage schaffen, Boni von Mitarbeitern wieder zurückzufordern, wenn sie an Handlungen beteiligt waren, die zu Verlusten oder Strafen führen. Was unmittelbar einleuchtet, galt bislang arbeitsrechtlich als kaum durchsetzbar.«
Am Flaggschiff der deutschen Bankenwelt, also der Deutschen Bank, kann man verdeutlichen, was es mit den Boni bislang auf sich hatte - wobei wir jetzt nicht über die sagenhafte Zeit vor der Finanzkrise reden, sondern über die Jahre seit der Finanzkrise:
»Seit der Finanzkrise zahlte Deutschlands größte Bank nur vier Milliarden Euro Dividende, schüttete aber vor allem ihren Investmentbankern weiterhin hohe Erfolgsprämien aus – insgesamt 24 Milliarden Euro. Ausgerechnet deren Tätigkeiten führten aber zu hohen Strafzahlungen und Verlusten aus toxischen Wertpapieren. Die drei Kapitalerhöhungen nach der Finanzkrise über insgesamt 21,5 Milliarden Euro wurde allein durch diese Strafen und Verluste wieder aufgezehrt ... seit 2013 (wurden) Boni in Höhe von 8,3 Milliarden Euro ausbezahlt, allein 5,3 Milliarden Euro im Investmentbanking.«
Da muss man keine Berechnungen anstellen, um hier eine ziemliche Unwucht erkennen zu können. Wo ist denn der Erfolg? Das Gegenteil ist der Fall, beispielsweise ablesbar am stark gesunkenen Aktienwert der Deutschen Bank.
»Seit der Finanzkrise gingen mehr als zwei Drittel Börsenwert verloren. Die Bilanz ist deutlich schlechter als bei den meisten Konkurrenten, nicht nur an der Wall Street, sondern auch in Europa. Wesentlicher Grund dafür sind die noch immer nicht gelösten Rechtsstreitigkeiten und die Risiken von Strafzahlungen in Milliardenhöhe, ausgelöst durch die mit hohen Bonuszahlungen bedachten Investmentbanker.«
Man kann es drehen und wenden wie man will - hier wäre offensichtlich und eigentlich das Gegenteil von Boni fällig. Aber wie läuft das mit der Boni-Gewährung nun genau ab in der Praxis und gibt es dort überhaupt die Möglichkeit, zugesagte Boni zurückzuziehen?
Bislang können die Banken Prämien einbehalten, wenn sich ein Fehlverhalten der Mitarbeiter herausstellt. Sie sind zu einer Haltefrist verpflichtet, weil sie die Boni nach der Zusage nur gestaffelt über einen Zeitraum von mehreren Jahren auszahlen dürfen.
»Deshalb hält der Aufsichtsrat auch seit längerem Boni für ehemalige Vorstandsmitglieder zurück. Geprüft wird, ob sie sich etwas zuschulden haben kommen lassen. Bei dem früheren Vorstandsvorsitzenden Anshu Jain hält die Bank noch 5,3 Millionen Euro und 125 000 Aktien an zugesagter Vergütung zurück. Bei seinem Vorgänger Josef Ackermann sind es 3,5 Millionen Euro und 96 600 Aktien.«
An dieser Stelle wird es spannend und hoch aktuell: Die Deutsche Bank sucht nach Wegen, frühere Vorstände für Verfehlungen persönlich zur Kasse zu bitten. Einer der Betroffenen ist Josef Ackermann. Der verteidigt sich und seine Ansprüche, berichtet das "Handelsblatt" in dem Artikel Ex-Deutsche-Bank-Chef will Boni nicht zurückzahlen. Es geht dabei nicht nur um Boni, die die Bank vorsorglich eingefroren hat, sondern auch die Rückforderung bereits ausgezahlter variabler Vergütungsteile. Dafür gibt es allerdings keine rechtlichen Grundlagen. »Der Streit um Bonuszahlungen der Deutschen Bank nimmt absurde Formen an. Nachdem sich Finanzminister Schäuble abfällig gegenüber Ex-Bankchef Ackermann geäußert hat, keilt dieser nun ähnlich heftig zurück«, kann man nun dieser Meldung entnehmen: Ackermann wirft Schäuble mangelnden Anstand vor. Verlassen wir aber an dieser Stelle die Show-Bühne und kehren wieder zurück zum Artikel von Markus Frühauf.

Denn »im kommenden Jahr tritt die Institutsvergütungsverordnung (IVV) in Kraft, mit der die deutsche Finanzaufsicht Bafin die Empfehlungen der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) umsetzt. Dann werden die Vergütungsregeln strenger. Die wichtigste Neuerung ist die Einführung der Rückforderungsmöglichkeit, in der Fachsprache Clawback genannt, die lange Zeit als schwer durchsetzbar galt, weil es kein entsprechendes Gesetz gab. Durch die IVV werde nun eine rechtliche Grundlage geschaffen, erklärt ein Sprecher der Bafin.«
Die finale Fassung wird im Dezember erwartet.
Die Banken fordern, auf die Einführung von Clawbacks zu verzichten. Diese würden der Vergütungspraxis in Instituten, zunehmend variable in fixe Vergütung umzuwandeln, weiteren Vorschub leisten. Die Banken warnen zudem vor Rechtsstreitigkeiten, sollten ausbezahlte Prämien zurückgefordert werden. »In der Schweiz hat die Finanzmarktaufsicht von den Clawbacks wieder Abstand genommen. Eine solche Bestimmung wäre aus gesetzlichen und steuerlichen Gründen schwer durchzusetzen, hieß es in dem Rundschreiben. Bei der Rückzahlung von Boni stellt sich auch die Frage, was mit den Steuern und Sozialabgaben geschieht«, berichtet Frühauf in seinem Artikel.
Man sieht, alles nicht so einfach, aber im Vergleich zu VW hat sich bei den Banken zumindest schon mehr getan. Deutlich mehr.

Abschließend ein Friedensangebot an die Verfechter der Bedeutung wirtschaftsethisch fundierten Handelns. Vielleicht bewegen wir uns mit VW und den Großbanken auf der Schattenseite des ethischen Mondes, steigt man runter in das Wirtschaftsleben vor Ort, dann wird man gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen jeden Tag eine Menge ethisch sehr lobenswerten Verhaltens finden können, wenn man nur hinschaut. Aber: Viele der Akteure werden noch nie was von Corporate Social Responsibility oder wie die ganzen Powerpoint-Folien beschriftet werden, gehört haben. Sie machen das einfach und versuchen, sich halbwegs ordentlich zu verhalten, gegenüber den eigenen Mitarbeitern ( indem sie den beispielsweise Tariflöhne zahlen), gegenüber den Kunden und den Lieferanten. Das sind dann auch Unternehmer, die sich genau so aufregen über Manager-Söldner wie die von VW, die auch noch die Kunden durch den Kakao ziehen, wie wir alle, die noch einen Rest Anstand haben.

(23.11.2016)

Foto: © Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de