Freitag, 25. November 2016

Glückliche Kinder mit Überraschungseiern aus rumänischer Kinderproduktion? Von einem "Image-Problem" bis zur Kinderarbeit in einer ganz anderen Dimension

Von Stefan Sell
Das sind Schlagzeilen, die Konzerne in große Unruhe versetzen: Ferrero: Kommen Überraschungseier aus Rumänien von Kinderhand? »Der Hersteller von Kinderüberraschungseiern geht nach eigenen Angaben Vorwürfen nach, wonach Spielzeug für die bekannten Süßwaren von Kindern hergestellt werden. Die Ermittlungen seien gründlich und würden mit Hochdruck geführt, teilte der italienische Konzern Ferrero am Mittwoch mit. Man sei über die mutmaßlichen Zustände in Rumänien entsetzt. Hintergrund ist ein Bericht der britischen Boulevardzeitung "The Sun", wonach arme Familien in dem EU-Land das Spielzeug in Heimarbeit herstellen. Das Blatt zitierte eine Familie mit drei Kindern im Alter zwischen sechs und elf Jahren. Demnach werden ihnen für 1000 Eier umgerechnet 4,43 Euro gezahlt. Dem Bericht zufolge bekommt die Familie die Einzelteile vom Ferrero-Zulieferer Romexa. Ein Manager der Firma kündigte an, die Verträge mit den betroffenen Fabriken zu kündigen, sollten die Vorwürfe stimmen. Ferrero verwies auf die Unternehmenspolitik, wonach Kinderarbeit verboten ist. Alle Zulieferer würden regelmäßig kontrolliert.« Ausgangspunkt der Berichterstattung war dieser Artikel der britischen Boulevard-Zeitung "The Sun": Kids aged SIX making toys for Kinder Eggs as ‘slave’ workers are paid just 22p-an-hour for 13 hour shifts. Bericht in britischer Presse bringt Ermittlungen in Gang – Ferrero "betrübt und besorgt", erfahren wir dann kurze Zeit später in dem Artikel Rumänien prüft Vorwurf der Kinderarbeit bei Überraschungseiern. Der Meldung kann man aber auch entnehmen: »Recherchen lokaler Medien hatten diese Darstellung allerdings in Zweifel gezogen: Die Schuldirektorin Mariana Dragos sagte der Agentur Agerpres, die Kinder seien regelmäßig in der Schule, es sei auszuschließen, dass sie mit 13-stündigen Arbeitstagen ausgebeutet würden. Die Mutter der Kinder bestritt zudem, dass diese für Ferrero arbeiten.«

Aber wenn mal die Maschinerie der Schadenbegrenzung und der Flucht nach vorn angeworfen wird, dann ist der weitere Gang der Dinge erwartbar, so dass auch diese Meldung nicht überrascht: Ferrero trennt sich von rumänischem Zulieferer, berichtet das Handelsblatt: »Es gibt zwar keine Hinweise auf Kinderarbeit, dafür aber andere Unregelmäßigkeiten.« Gemeint sind hierbei vor allem mögliche Verletzungen der erforderlichen Hygiene-Standards, denn die Plastik-Eier kommen natürlich in Kontakt mit der Schokolade.

Ebenfalls nach dem Drehbuch erwartbar ist das Aufspringen von Politikern auf solche Geschichten: Künast fordert notfalls Rückruf von Überraschungseiern, so ist einer der entsprechenden Artikel überschrieben: »Renate Künast (Grüne), die Vorsitzende des Verbraucherausschusses des Bundestags, fordert Konsequenzen.« Sie holt ordentlich aus:
»Ich war und bin sehr zornig. Das glückliche Lachen der Kinder hier bei uns soll in Heimarbeit und sogar mit der Arbeit von Kinder in Rumänien erkauft sein? Diese Praxis dürfen wir Ferrero nicht durchgehen lassen. Sie müssen das umgehend klären oder es wird der Image-Gau für das Unternehmen sein. Wir leben doch nicht mehr im 18. Jahrhundert, wo Heimarbeit geschieht und niemand weiß, ob da Kinder arbeiten ... Wer in Rumänien oder wo immer produzieren lässt, muss fragen, wo und wie. Ein Unternehmer muss die Einhaltung von Arbeitnehmerrechten sicherstellen ... Wir brauchen eine umgehende Klarstellung, sonst muss eine Rückrufaktion von Ferrero und dem Lebensmitteleinzelhandel erfolgen. Sie müssen die Überraschungseier so lange aus den Regalen nehmen, bis sie sicher sagen können: Ab dieser Charge gibt es kontrollierte Arbeitsbedingungen.«
Vor einem solchen Hintergrund ist verständlich, dass der Konzern die Notbremse gezogen hat und versucht, das Thema mit der Trennung vom rumänischen Zulieferer schnell wieder vom gedeckten Tisch zu bekommen, um genau das zu vermeiden, was Knast als "Image-Gau" aufruft.

Selbst wenn an den Vorwürfen vielleicht sogar gar nichts dran ist, denn verifiziert sind die (noch) nicht, verweist der Fall auf zwei Dimensionen, von denen die erste hin und wieder, vor allem anlassbezogen immer wieder mal aufploppt in der öffentlichen Debatte: Zum einen die grundsätzliche Dimension der Auslagerung von Arbeit in Billig- und Billigstlohnländer, man denke hier nur an die immer wieder an die Oberfläche gezogenen Zustände in der Textilindustrie. Und zum anderen die Dimension der weltweit verbreiteten Kinderarbeit, deren Ausmaße wie auch Ausformungen die Menschen im reichen Westen erschrecken und erschaudern lassen, wenn denn mal was darüber bekannt wird, was allerdings noch seltener der Fall ist als das, was in den Schwitzbuden der internationalen Textilindustrie abgeht.

Und aus einer globalen Sicht ist Kinderarbeit von enormer ökonomischer Bedeutung. Man braucht nur einen Blick in die sporadische Thematisierung des Problems in der Presse werfen. Beispiel Afrika: »Kinderarbeit ist in Ghana und anderen westafrikanischen Staaten nicht nur auf Kakaoplantagen weit verbreitet ...  Kinderarbeit ist in Ghana kein Skandal, sondern Normalität. Zwei Fünftel der Kinder zwischen fünf und 17 Jahren leisten der Studie »Ghana Child Labour Survey« (2003) zufolge Lohnarbeit«, berichtet Felix Riedel in seinem Artikel Der Ältere hat immer recht.

Man liegt nicht falsch, wenn man annimmt, dass man fündig wird zu diesem Thema bei der Internationalen Arbeitsorganisation, der ILO. Die haben eine eigene Seite dazu: Child Labour. Und nach Angaben der ILO hat sich die Kinderarbeit weltweit gesehen so entwickelt:
»Global number of children in child labour has declined by one third since 2000, from 246 million to 168 million children. More than half of them, 85 million, are in hazardous work (down from 171 million in 2000).
Asia and the Pacific still has the largest numbers (almost 78 million or 9.3% of child population), but Sub-Saharan Africa continues to be the region with the highest incidence of child labour (59 million, over 21%).
There are 13 million (8.8%) of children in child labour in Latin America and the Caribbean and in the Middle East and North Africa there are 9.2 million (8.4%).
Agriculture remains by far the most important sector where child labourers can be found (98 million, or 59%), but the problems are not negligible in services (54 million) and industry (12 million) – mostly in the informal economy.«
Wir sehen also auf der einen Seite unglaubliche Zahlen, was die Gesamtheit der von Ausbeutung betroffenen Kinder angeht. Auf der anderen Seite wird von einem erfreulichen Rückgang der Kinderarbeit berichtet, die Zahl der arbeitenden Kinder ist seit 2000 um ein Drittel zurückgegangen.

Die letzte quantitative Abschätzung der weltweiten Kinderarbeit findet man in diesem ILO-Report: Marking progress against child labour. Global estimates and trends 2000-2012. Zahlreiche detaillierte Länder-Berichte finden sich auf dieser Seite: Publications on child labour.

(25.11.2016)

Foto: © Gabi Schoenemann / pixelio.de