Mittwoch, 30. November 2016

Trump: Vor dem größten Treppenwitz der Wahlgeschichte und einem erneuten Sieg für Goldman Sachs & Co.

Von Stefan Sell
Vor unseren Augen baut sich ein gewaltiger Treppenwitz der Wahlgeschichte auf. Da wird uns in vielen Analysen zum Wahlausgang in den USA gesagt, die "Abgehängten", "Frustrierten", "Globalisierungsverlierer" und wie sie sonst noch etikettiert werden, hätten dem Establishment mal richtig eine zwischen die Beine gegeben und die "Wall Street"-Hillary verhindert.
Im Wahlkampf tobte Donald Trump täglich gegen die Wall Street. Er beschimpfte Banker und Trader. Er verspottete Hedgefonds-Manager als talentlose Nichtsnutze. Er warf Goldman Sachs vor, "die Arbeiterklasse zu berauben". Er versprach, "den Sumpf trockenzulegen" - einer dieser Slogans, die seine Anhänger in Sprechchören nachjubelten.
Und was bekommen sie jetzt? Eine Regierung der Milliardäre. »Mehrere Milliarden US-Dollar sind es bereits, bis zu 35 könnten es ... am Ende werden: Das gemeinsame Dollarvermögen der künftigen US-Regierung von Anti-Establishment-Kandidat Donald Trump wird jenes der Regierungsmitglieder unter den Vorgängern Barack Obama und George W. Bush wohl deutlich übertreffen.« Da wäre beispielsweise die künftige Bildungsministerin Betsy DeVos, die selbst ein Energietechnik-Unternehmen führt und deren Ehemann Dick DeVos laut "Forbes" in der Liste der reichsten US-Amerikaner auf Rang 67 steht. oder der Geschäftsmann Todd Ricketts, der das Baseballteam Chicago Cubs besitzt. Ricketts soll heißer Kandidat auf den Posten des stellvertretenden Wirtschaftsministers sein. Ein Vermögen von mehr als 14 Milliarden Dollar wird unterdessen dem Ölmanager Harold Hamm zugesprochen, der als möglicher Energieminister Trumps gilt. Auf alle Fälle ist er schon auf der monetären Sonnenseite: Er soll durch die Börsengewinne mit seinen Ölbeteiligungen seit der Wahl Trumps mehr als 1,7 Dollarmilliarden verdient haben.

Und auch die jüngsten Personalentscheidungen sind angesichts der (angeblichen) Abstimmungsmotive mehr als grotesk, wie Manuel Escher in seinem Artikel Trump holt weitere Wall-Street-Banker in seine Regierung berichtet: Gerade wurde bekannt, »dass Trump zwei weitere Investmentbanker in sein Team aufnehmen will: Der frühere Goldman-Sachs-Gesellschafter Steven Mnuchin ... soll das Finanzministerium führen und dort Trumps Versprechen erfüllen, die im Dodd-Frank-Act von 2010 geschaffenen Regelungen für die Finanzbranche in Teilen wieder aufzuheben (vgl. dazu auch den Artikel Der Trumpf der Banken von Michael Krätke). Investor Wilbur Ross, der wegen seiner Rolle bei der Sanierung insolventer Firmen als "König der Konkurse" gilt, soll das Handelsministerium leiten.«

Und einem anderen Artikel (Ex-Goldman-Banker Mnuchin soll US-Finanzminister werden) können wir entnehmen, mit welchem Auftrag die beiden Finanzprofis die Regierung kapern (sollen):
»Mnuchin und der künftige Handelsminister Wilbur Ross setzen kurz nach ihrer Nominierung bereits erste Akzente. "Unsere oberste Priorität hat die Steuerreform", sagte Mnuchin. "Wir werden die Unternehmenssteuern senken ... Sie sollen auf 15 Prozent halbiert werden.«
Marc Pitzke beschäftigt sich in seinem Artikel Trumps Anti-Populist etwas genauer mit der Person des degnierten Finanzministers: Der 53-Jährige Steven Mnuchin hat zwar keine Erfahrung in der Politik - dafür aber mit Kungeleien an der Wall Street während der Finanzkrise. Die Kurzfassung geht so:
»Mnuchin, 53, ist ein Goldman-Sachs-Veteran. Später managte er einen Hedgefonds, der arglose Investoren abzockte. Er scheffelte außerdem Millionen, indem er Hausbesitzer auf die Straße setzte. Häufig traf es Arme, Alte und Minderheiten. Das also ist der Mann, der künftig für die Finanzen der USA verantwortlich sein soll. Sie nennen ihn "The Worst of Wall Street" oder den "Anti-Populisten aus der Hölle" - genau das Gegenteil von Trumps Image. Besser lässt sich die Scheinheiligkeit der Trump-Ära kaum zeigen. Die mittellosen, vom System vergessenen Amerikaner, die in Scharen für Trump gestimmt haben, damit er sie aus ihrem Elend befreien möge, werden sich noch wundern. Als jüngster Goldman-Sachs-Mann, der in ein Ministeramt aufrückt, ist Mnuchin ein Repräsentant genau dieses Systems, gegen das sie bei der Präsidentschaftswahl aufbegehrten: reich, entrückt - und rücksichtslos.«
Immer wieder wird ja auch darauf hingewiesen, wie stark der Einfluss der Herkunft und Familie auf die Besetzung der Schlüsselpositionen in Wirtschaft und Politik ist. Bei Mnuchin kann man das wie aus einem Lehrbuch der Elite-Soziologie zeigen: Sein Vater Robert Mnuchin war ein erfolgreicher Partner bei Goldman Sachs. Er stieg bis ganz nach oben auf, ins Management der Wall-Street-Bank - und in die New Yorker Society. Sein Vermögen steckte er in eine Galerie auf der feinen Upper East Side und in ein Palasthotel in Connecticut.

Die Welt der Finanzelite ist letztendlich klein und überschaubar - was sich auch am weiteren Weg von Mnuchin zeigen lässt: »Mit Unterstützung des legendären Investors George Soros - den Trump später als korrupten Strippenzieher der Demokraten denunzierte - machte sich Mnuchin schließlich selbständig: Er gründete den Hedgefonds Dune Capital Management, benannt nach den Dünen bei seiner Strandvilla in den Hamptons«, berichtet Pitzke in seinem Artikel.
Und dick im Geschäft war er auch in den Untiefen der Finanzkrise:
»2009 übernahm seine Investorengruppe die insolvente IndyMac Bank. Die kalifornische Bank war tief in den Ramschhypotheken-Skandal verstrickt und in der Kreditkrise kollabiert. Mnuchin zahlte weit unter Wert, wälzte einen Großteil der Entschädigung für abgezockte Hauseigentümer an den Staat ab - und genehmigte sich selbst siebenstellige Dividenden. Unter dem neuen Chairman Mnuchin ging die umgetaufte OneWest Bank nicht gerade nachsichtig mit ihren Kunden um. Im Gegenteil zog sie zahlreiche Zwangsvollstreckungen durch, die manche säumige Zahler um ihre Existenz brachten.«
Die demokratische Senatorin Elizabeth Warren wird in der Los Angeles Times zur Person Mnuchin so zitiert: Dieser sei ein "Forrest Gump der Finanzkrise", der bei allen der "schlimmsten Methoden der Wall Street" dabei gewesen sei. Anschließend habe er von der mit Steuergeld finanzierten Bankenrettung profitiert.

»A populist candidate who railed against shady financial interests on the trail is putting together an administration that looks like an investment banker's dream«, so bringt das Ben White in seinem Artikel Bankers celebrate dawn of Trump era auf den Punkt. Und er zitiert den Finanzhistoriker Charles Geisst mit diesen Worten:
"You would have to go back to the 1920s to see so much Wall Street influence coming to Washington. It’s the most dramatic turnaround one could imagine. That’s the truly astonishing part."
Und dann schließen wir mal den Kreis zwischen den Herren der Welt und der neuen US-Regierung. Das ist noch der völlig zu Recht aufgrund seiner rechtsextremen Einstellungen höchst umstrittene Chefstratege von Donald Trump, Steve Bannon, der mit Trump ins Weiße Haus einziehen wird. Auch er hatte vor seiner Zeit als Chef des rechten Internetportals "Breitbart" fast zehn Jahre als Investmentbanker bei Goldman Sachs gearbeitet.

Wie heißt es so schön? Die Bank gewinnt immer.

(30.11.2016)

Foto: © Jochen Schulze / pixelio.de