Samstag, 10. Dezember 2016

Venezuela stöhnt unter der Inflation, aber nicht nur im Euro-Raum kommt sie einfach nicht in die Gänge. Obgleich die Notenbanken Geld drucken im Akkord

Von Stefan Sell
Schauen wir nach Venezuela. Das Land mit den angeblich größten Ölreserven der Welt. Dort sind die Menschen mit einer galoppierenden Inflation konfrontiert. Nirgendwo auf dem Globus ist die Teuerungsrate derzeit höher als in Venezuela. Das hat für die Menschen dort neben den katastrophalen wirtschaftlichen Auswirkungen auch ganz praktische Konsequenzen, was die Zahlungsmittel angeht. Auf dem Schwarzmarkt werden derzeit für einen Dollar bis zu 4.400 Bolivars gezahlt - vor ein paar Monaten lag der Schwarzmarktkurs erst bei 1 Dollar zu rund 1.000 Bolivars.
Da ist es äußerst unpraktisch, dass derzeit der größte Geldschein im Land der 100-Bolívares-Schein mit dem Konterfei des südamerikanischen Befreiers von der spanischen Kolonialmacht, Simon Bolivar, ist. Also braucht man 44 Scheine, um einen Dollar eintauschen zu können. Und sollte der Bürger auf die Idee kommen, mit einer Kreditkarte zu bezahlen, dann wird der deutlich schlechtere offizielle Umtauschkurs (rund 1 zu 700) berechnet. Das hat Folgen, beispielsweise für Hotels - mit Tüten voller Geldscheine werden dort von den Gästen die Rechnungen beglichen. Und was ist der Lösungsversuch der Regierung? Venezuela führt größere Geldscheine ein: Der sozialistische Präsident Nicolás Maduro kündigte in Caracas entsprechende Maßnahmen der Zentralbank an: „Wir werden Millionen von 500-Bolívares-Scheinen in Umlauf bringen und danach Millionen von 5000-Bolívares-Scheinen.“ Im Juli 2016 wurde in dem Artikel Geld gibts nur kiloweise über Venezuela berichtet: »Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass sich die Teuerung in diesem Jahr bei 720 Prozent einpendelt. 97 Prozent seiner Deviseneinnahmen erzielt das Land mit dem Verkauf von Erdöl - dessen Preis in den vergangenen Jahren um mehr als die Hälfte abgestürzt ist. Weil das Land so gut wie alles importieren muss, reichen die Einnahmen nicht mehr - und auch Nahrungsmittelimporte werden zurückgeschraubt.«

Die EZB hat mit ganz anderen Herausforderungen zu kämpfen - sie hätte gerne überhaupt eine spürbare Inflation. Das wäre eine Verbraucherpreissteigerung von knapp unter 2 Prozent, wovon die Menschen in Venezuela nur träumen können. Und das, obgleich hier doch etwas passiert, was man als Geld drucken im Akkord bezeichnen kann - was in den USA schon vor den Europäern in extensio praktiziert wurde und wird.
Seit die FED im Dezember 2008 damit begonnen hat, ihre Nullzinspolitik durch den Kauf von Anleihen im großen Stil zu unterstützen, sind die Verbraucherpreise in den USA lediglich um 1,7 Prozent pro Jahr im Durchschnitt gestiegen. In diesen acht Jahren gab es darüber hinaus sogar deflationäre Phasen mit sinkendem Preisniveau. Und das alles, obwohl die US Wirtschaft relativ robust gewachsen ist und die Arbeitslosenquote von nahezu 10 Prozent Ende 2009 auf derzeit unter 5 Prozent gefallen ist - so Andreas Sauer in seinem Artikel, der unter der Fragestellung Warum lockere Geldpolitik heute keine Inflation mehr macht steht.
Er versucht sich abzuarbeiten an der alten volkswirtschaftlichen Lehrbuchweisheit: „Geld drucken“ führt zu Inflation. »Doch trotz einer inzwischen jahrelang andauernden „ultralockeren Geldpolitik“ der großen Notenbanken ist noch keine entscheidende Preissteigerung am Horizont zu erkennen. Warum bleibt der altbekannte Effekt aus?«

Nach der klassischen Lehre »führen niedrige Zinsen und „Gelddrucken“ zu einer erhöhten Investitions- und Konsumnachfrage, die bei einem begrenzten Angebot zu einem Anstieg des allgemeinen Preisniveaus führen. Folgt man dieser einfachen Kausalität, dann kann Inflation nur ausbleiben, wenn entweder der Nachfrageanstieg nicht stattfindet und/oder das Güterangebot nicht hinreichend begrenzt ist.«
Sauer argumentiert, dass »wir in den westlichen Ländern mit einer alternden Bevölkerung und historisch großem Wohlstand an einer Art „Konsumzenit“ angekommen (sind). Niedrige Zinsen allein steigern unser Kaufverhalten nicht. Dies erklärt unter anderem auch die seit den siebziger Jahren insgesamt rückläufigen Inflationsraten.«
In so einem Umfeld verliert die Geldpolitik an Schlagkraft, wie ein Blick auf die Effekte der Zinspolitik der amerikanischen Notenbank FED verdeutlichen soll.

Und man sollte seiner Meinung nach außerdem bedenken, dass der Ankauf von Anleihen wie derzeit nicht bedeutet, dass damit wirklich „Geld gedruckt“ wird. Die Auswirkungen des Vermögenstausches zwischen dem Inhaber einer Anleihe und der Zentralbank auf das allgemeine Preisniveau hängen alleine davon ab, was der bisherige Besitzer der Anleihe mit der neuen Liquidität unternimmt. »Wahrscheinlich ist, dass diese neue Liquidität zunächst in andere Wertpapiere der gleichen Risikoklasse und damit in festverzinsliche Wertpapiere investiert wird, was die Abwärtsspirale der Zinsen weiter befeuert.«

»Die FED hat ihr Anleihenkaufprogramm zum Höhepunkt der Subprime-Krise begonnen, die EZB am Gipfel der Eurokrise. Anlass waren in beiden Fällen nicht vordergründig Deflationssorgen – diese kamen erst viel später dazu. Stattdessen muss vermutet werden, dass hier finanzielle Krisenhilfe geleistet wurde«, so Sauer.

Aber dennoch - auch bei "der" Inflationsrate muss man natürlich genauer hinschauen, denn auch sie leidet unter den Einschränkungen, die mit Durchschnittswerten verbunden ist. Die Veränderungsrate wird ermittelt aus mehreren hundert Gütern und Dienstleistungen, die mit einem spezifischen Wägungsschema einen Durchschnitt abbilden (sollen) - wobei wie immer die Frage der Streuung relevant wird. Denn viele Haushalte haben ein Konsummuster, was teilweise erheblich abweicht von der Abbildung des Verbraucherpreisindex. So kann es zu erheblichen Abweichungen kommen zwischen der "offiziellen" und der (nicht nur) "gefühlten" Inflation und hinter einer scheinbar niedrigen allgemeinen Preissteigerung kann für bestimmte Haushalte in deren Wirklichkeit eine weitaus höhere Preissteigerungsrate verborgen liegen. Das trifft nicht wirklich überraschend oftmals Menschen mit niedrigen Einkommen, die nicht nur eine Konsumquote von 100 Prozent haben, sondern bei denen Preise von Gütern, die im allgemeinen Index enthalten sind, die aber für sie keine Rolle spielen (beispielsweise Neuwagenkauf), die tatsächliche Belastung, die eher in Güterbereichen liegen, bei denen die Preissteigerung deutlich höher ist, nach unten rechnen.
Und hier trifft sich eine These der Anhänger, dass es auch weiterhin in einem durch Geldpolitik geschaffenen "inflationären Umfeld" letztendlich früher oder jetzt eben später auch reale Inflation geschaffen wird, mit den Erfahrungen von Haushalten, die beispielsweise überdurchschnittlich viel für Mieten ausgeben müssen, den Gewicht also für diese Menschen weitaus höher ist als im offiziellen Wägungsschema. Denn - so die These dieser Ökonomen - das Fluten mit billigem Geld führt zuerst aufgrund des Anlageverhaltens derjenigen, die von diesem billigen Geld profitieren können, zu einer Vermögenspreisinflation (beispielsweise durch den Anstieg der Immobilienpreise, weil dort Kapital angelegt wird, vgl. dazu neben vielen anderen den Artikel Boom und Blase), was dann mit einem teilweise erheblichen Zeitverzug auch auf die Mieten durchschlagen wird.
Und wenn man sich die Entwicklung der Veränderung des Verbraucherpreisindex am aktuellen Rand anschaut (vgl. die Abbildung am Anfang des Beitrags), dann erkennt man, dass die offizielle Inflationsrate auf 0,8 Prozent angestiegen ist, für viele Haushalte liegt deren reale Quote sicher noch höher - und das in einem Umfeld, in dem gerade diese Haushalte, wenn sie denn überhaupt sparen (können), so gut wie keine Zinsen mehr erwirtschaften können.

Und abschließend ein weiteres Update zur Regierungsbildung in den USA. In dem Beitrag Trump: Vor dem größten Treppenwitz der Wahlgeschichte und einem erneuten Sieg für Goldman Sachs & Co. vom 30. November 2016 wurde ja bereits ein kritischer Blick geworfen auf die Goldman Sachs-Packung, die wir serviert bekommen beim Spitzenpersonal von Donald Trump.

Die Geschichte geht weiter und eines muss man Trump ja lassen - er zeigt es seinen angeblich aus dem Lager der "Modernisierungsverlierer" stammenden Wähler mit der Besetzung der höchsten Regierungsposten mal so richtig, wo sie ihr Kreuz gemacht haben. Nicht nur die Berufung einer ganzen Reihe an Goldman Sachs-Bankern in ein "Kabinett der Milliardäre" gehört dazu, ein weiterer Höhepunkt der Trump'schen Konsequenz ist das hier: Neuer Arbeitsminister der USA wird der Inhaber einer Fast Food-Kette. Burger-Brater an die Macht, kann man da nur sagen.
Und das ist nicht irgendeiner. Trumps Wahl fiel auf den Multimillionär Andrew F. Puzder, den Chef von CKE, mit den Fastfood-Ketten Carl's Jr. or Hardee's, Autor in Medien wie dem Wall Street Journal und Mitglied des konservativen Thinktanks American Enterprise Institute. In den USA sind in 370 Restaurants 75.000 Angestellte beschäftigt, in 40 Ländern gibt es Filialen.
Puzder strebt "angestelltenfreie", vollautomatische Restaurants an und lehnt eine Erhöhung des Mindestlohns ebenso entschieden ab wie die Bezahlung von Überstunden. Er ist Anhänger der neoliberalen Ideologie des Trickle-Down-Effekts, also dass man Reichtum erst einmal schaffen müsse, der sich dann auf alle anderen Schichten bis nach unten verteilt. Schon von vielen anderen ist belegt worden, dass das nicht funktioniert (vgl. nur als ein Beispiel den Vortrag der Wirtschaftswissenschaftlerin Lisa Herzog zum Tricken-Down-Effekt: Warum das Geld immer  da bleibt, wo es ist).
Wundern muss man sich auch nicht, dass der Arbeitsminister in spe auch ein Gegner von Gewerkschaften ist. Den Bock zum Gärtner machen, nennt man das wohl.

Apropos Goldman Sachs. Die machen offensichtlich einen Betriebsausflug in die neue Regierung:
»Der designierte US-Präsident Donald Trump will einem Medienbericht zufolge den Goldman-Sachs-Manager Gary Cohn zu seinem Top-Wirtschaftsberater machen. Trump habe den Präsidenten der Investmentbank, der auch für das Tagesgeschäft zuständig ist und als potenzieller Nachfolger von Vorstandschef Lloyd Blankfein gilt, gefragt, ob er den Nationalen Wirtschaftsrat leiten wolle, berichtete der Sender NBC News am Freitag«, kann man diesem Artikel entnehmen: Trump will Goldman-Sachs-Manager als Wirtschaftsberater. Und Justin Fox weist in dem Artikel Economists Are Out. Goldman Is Back In auf eine Art "Konstante" hin bei der Besetzung der Spitzenposition des National Economc Council (NEC): »The first director of the NEC, which President Bill Clinton created in 1993 to coordinate economic policy among the sometimes-warring government agencies responsible for it, was Robert Rubin, the former co-chairman and co-senior partner of Goldman  ... Then, in 2002, the other half of Rubin's Goldman-running duo, Stephen Friedman, became director of George W. Bush's NEC. If Cohn in fact takes the job, there will have been as many former top Goldman executives in charge of the NEC as Ph.D. economists ... The continuing prominence of Goldman Sachs alumni in Washington is a remarkable thing. In the throes of the financial crisis it seemed hard to imagine that the old Goldman-to-Washington pipeline could continue to operate.« Aber offensichtlich funktioniert diese "Pipeline" weiter sehr gut.

Da werden sich noch manche die Augen reiben bis es schmerzt.

(10.12.2016)