Montag, 12. Dezember 2016

Steigt er nun (wieder)? Ganz sicher? Oder doch nicht? Fragen über Fragen zum Ölpreis

Von Stefan Sell
Bereits Ende November hatten sich die in der Opec (Organization of the Petroleum Exporting Countries) zusammengeschlossenen Erdölförderländer auf Produktionskürzungen verständigt, am Wochenende legten die Opec und rund ein Dutzend Nicht-Opec-Länder nach. Sie einigten sich auf eine weitere Kürzung der Ölförderung um 558.000 Barrel (je 159 Liter) am Tag – mit von der Partie sind unter anderem Russland, Mexiko, Kasachstan, Aserbaidschan, Sudan und Bahrain. Die Länder wollen mit dieser Maßnahme den Ölpreis in die Höhe treiben, der 2014 noch bei über 100 Dollar pro Barrel stand, zum Jahresanfang auf knapp 30 Dollar einbrach und aktuell bei gut 54 Dollar notiert.

Manche scheinen sicher zu sein: Der Sprit wird teurer. Aber nur in der Überschrift, denn liest man weiter, stößt man auf diese Einschätzung: »Müssen sich Verbraucher nun darauf einstellen, dass der Sprit an der Tankstelle immer teurer wird und die Heizkosten durch die Decke gehen? Nein, sagt Claudia Kemfert, allerdings werde es starke Schwankungen geben. Derzeit würden die Preise zwar leicht anziehen, meint die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Das mache das Tanken und Heizen teurer. Kemfert glaubt aber nicht, dass dieser Trend lange anhält.« Das nun wiederum hat was mit Angebot und Nachfrage zu tun. „Noch immer herrscht ein großer Überschuss an Öl auf den internationalen Märkten“, wird Kemfert zitiert. Ob Saudi-Arabien oder Russland tatsächlich – wie vereinbart – die Ölproduktion reduzieren, sei fraglich. Andere Opec-Staaten wie der Iran würden die Produktion sogar steigern, auch die USA hätten bereits angekündigt, mehr Öl fördern zu wollen. Daher bleibe es beim Überangebot. Wenn der Ölpreis nach oben geht, dann durch Spekulation.

Die Antworten auf die Frage, ob der Ölpreis nun steigen wird, fallen unterschiedlich aus, wie der Deutschlandfunk in der Wirtschaftspresseschau vom 12.12.2016 berichtet:
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG wertet die Verständigung als "historischen Schritt" und ist sich sicher: "Die Folgen wird man schon bald an deutschen Tankstellen besichtigen können: Die Preise für Benzin und Diesel, und auch jene für Heizöl, werden steigen. Und doch ist die OPEC nicht mehr so mächtig wie zur Jahrtausendwende. Denn ausgerechnet die USA sind mittlerweile zum weltgrößten Erdölproduzenten aufgestiegen. Das billige Öl hat die amerikanische Wirtschaft in den letzten Jahren befeuert. Die neue Regierung wird deshalb an deutlich höheren Erdölpreisen kein Interesse haben."
DIE TAGESZEITUNG - TAZ - hält es für unwahrscheinlich, dass Öl deutlich teurer wird: "Denn die Ölländer reduzieren vor allem ihr Überangebot. Bisher haben sie etwa 1,1 Millionen Barrel pro Tag mehr gefördert, als nachgefragt wurde. Ab Januar sollen durch die Pipelines 1,8 Millionen Barrel weniger fließen. Macht ein Minus von ganzen 700.000 Barrel am Tag. Und die Ölländer haben einen fiesen Feind. Er heißt 'Lagerbestände'. Die OPEC müsste ihr Förderlimit jahrelang durchhalten, wenn sie die Preise wirklich beeinflussen will."
Und das mit dem jahrelangen Durchhalten wird auch an anderer Stelle bezweifelt: »Es ist ein historisches Abkommen: Mehr als 20 Länder wollen ihre Ölförderung kürzen. Die Preise dürften dennoch nur moderat steigen. Denn die globale Allianz ist fragil und von begrenzter Wirkung«, meint Stefan Schultz in seinem Artikel Der verzweifelte Pakt des Ölkartells. »Das Abkommen von Wien hat vor allem ein Problem: Es ist fraglich, ob sich wirklich alle Staaten daran halten. Ob sie wirklich ihre Förderung, wie auf dem Papier zugesichert, kürzen ... Zwar soll ein Komitee aus fünf Opec- und Nicht-Opec-Ländern die Einhaltung der vereinbarten Förderkürzungen überwachen. Es sind aber keine Sanktionen bei Verstößen vorgesehen.«
Und nicht vergessen werden sollte: »In der Weltölallianz fehlt zudem ein wichtiger Player: die USA. Deren Ölfirmen könnten die niedrigere Förderung der übrigen Staaten mittelfristig kompensieren. Denn wenn sich das Angebot auf dem Weltmarkt verknappt und die Ölpreise steigen, dann lohnt sich die in Nordamerika verbreitete Förderung durch sogenanntes Fracking wieder stärker ... hier liegt die magische Grenze bei 60 Dollar pro Fass.«

Allerdings müsste der Preisanstieg schon ganz erheblich sein (was derzeit unwahrscheinlich ist), denn Saudi-Arabien braucht eigentlich sogar einen Preis von knapp 80 Dollar pro Barrel (Fass mit 159 Litern), um wieder einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu haben, meint Daniel Wetzel in seinem Artikel Ausgerechnet Russland überwacht den globalen Öl-Pakt.

Die USA, das Fracking und die besondere Rolle Saudi-Arabiens spielen auch eine gewichtige Rolle in der Argumentation von Lukas Zdrzalek in seinem Artikel Die Rückkehr des Ölkartells. Für die Zeit bis zu dem nun neuen Versuch einer Mengenbegrenzung schreibt er:
»Gerade Saudi-Arabien sprach sich immer wieder gegen Obergrenzen aus und versuchte, mit den niedrigen Preisen zum einem den Erzfeind Iran zu schwächen, mit dem das Land um die Vormachtstellung in der Region kämpft. Zum anderen versuchte die Regierung in Riad, andere Produzenten ganz aus dem Markt zu drängen, etwa die boomende Ölindustrie in den USA, die das Fracking-Verfahren nutzt. Sie benötigte zum Überleben lange Zeit relativ hohe Preise.
Doch die Strategie Saudi-Arabiens ging nicht so recht auf: Die US-Förderer schafften es, immer effizienter zu werden. Statt den Wettbewerb gegen den Golfstaat zu verlieren, führte das zusätzliche Öl zu immer weiter fallenden Preisen. Die Ölsorte Brent beispielsweise verlor zwischen Sommer 2014 und Anfang 2016 mehr als 70 Prozent an Wert. Dadurch gerieten Förderländer wie Venezuela und ausgerechnet Saudi-Arabien selbst unter Druck. In Venezuela grassiert inzwischen die Inflation, und für die saudi-arabische Regierung wurde es immer schwieriger, ihre sozialen Wohltaten zu finanzieren.«
Man wird abwarten müssen, aber derzeit gibt es keine wirklich fundierten Hinweise auf einen starken Preisanstieg beim Öl. Das wird viele beruhigen, andere hingegen eher beunruhigen. Gemeint sind hier wenige die Förderländer, sondern diejenigen, die den Ölpreis insgesamt für viel zu niedrig halten, weil dadurch die aus ihrer Sicht notwendigen Umsteuerungen in der Wirtschaft blockiert bzw. verzögert werden. Aber das wäre dann ein ganz eigenes Thema.

(12.12.2016)