Freitag, 16. Dezember 2016

Warum immer in die Ferne schweifen? Steueroasen vor der Haustür. Und eine große Nachfrage nach "Steuervermeidung" schafft sich ein ganz eigenes Angebot - die "Wealth-Manager"

Von Stefan Sell
Für manche Menschen scheint es eine Obsession, für andere ein sehr gutes Geschäft - für die Gesellschaft immer ein Problem. Steuerhinterziehung und Steuervermeidung. Denn gerade die, die es sich wirtschaftlich leisten könnten, entziehen sich ihrer Beteiligung an der Finanzierung der vielen Aufgaben des Gemeinwesens.
Und wenn man viel hat, mithin also auch viel vermeiden könnte, dann braucht man Profis, die dass für einen organisieren. Wo aber eine Nachfrage, da ist auch ein Angebot: »Sie sind empörend loyal und skrupellos erfinderisch, und sie werden immer mehr: die Köpfe hinter den Steuervermeidungsstrategien der Superreichen«, so Brooke Harrington unter der Überschrift Die geheime Welt der Vermögensverwalter. Ein Beispiel: »In den Vereinigten Staaten zählen die Pritzkers zu den reichsten Familien. Ihr Vermögen von rund 15 Milliarden Dollar haben sie auf 60 Firmen und 2.500 Fonds verteilt. Dabei folgen sie einer Strategie, die selbst das Magazin Forbes, der Cheerleader des Geldadels, in ungewohnt moralischem Ton als „schattig“ bezeichnet – „konstruiert, um externe Überprüfungen zu verhindern, und brillant im Ausnutzen von Schlupflöchern im Steuerrecht“ ...  So wie zehntausende andere Superreiche in aller Welt nutzt Familie Pritzker die Dienste von „Wealth-Managern“, Vermögensverwaltern. Diese Experten schirmen nicht einfach Reichtum gegen Besteuerung ab, sondern sie verschleiern die Konzentration von Wirtschaftsmacht, indem sie es schwer, wenn nicht unmöglich machen, die wahren Eigentümer von Vermögenswerten zu ermitteln.«

Natürlich gibt es sogar eine eigene Organisation dieser "Wealth-Manager" für die Superreichen, die sich auch im Netz präsentiert: Society for Trust and Estate Practitioners (STEP), so heißt die Vereinigung mit Sitz in London.

Und wir reden hier wahrlich nicht über Peanuts, sondern über die ganz große Nummer: In den letzten Jahren hat der weltweite Wohlstand ein Rekordniveau erreicht, er wird auf 241 Billionen Dollar beziffert. Ebenso aber wuchs die Ungleichheit: 41 Prozent dieser Reichtümer sind im Besitz von 0,7 Prozent der Weltbevölkerung. Wealth-Manager verwalten heute geschätzt 21 Billionen Dollar, mit der Folge, dass den Staatskassen weltweit pro Jahr rund 200 Milliarden Dollar an Steuern entgehen, so Brooke Harrington in ihrem Artikel. Der World Wealth Report aus dem Jahr 2014, erstellt von der Unternehmensberatung Capgemini, zählte 167.669 „ultra-high-net-worth-individuals“ – Menschen mit mindestens 30 Millionen Dollar frei verfügbarem Vermögen (mittlerweile ist der World Wealth Report 2016 mit aktualisierten Werten veröffentlicht worden).

Zu Brooke Harrington (vgl. auch Selected Works of Elisabeth Brooke Harrington) muss man wissen, dass hier jemand über diese Kaste schreibt, die sich ganz tief in diese Subkultur hinein begeben hat. Sie hat eine zweijährige Ausbildung absolviert, an deren Ende das Zertifikat für „Trust and Estate Planning“ (TEP) steht. Dieser Abschluss ist weltweit als Qualifikation zum Wealth-Management anerkannt. Um ihn zu erwerben, muss man Kurse in fünf Disziplinen absolvieren: Kartellrecht, Körperschaftsrecht, Kapitalanlage, Finanzwesen und Buchhaltung. Zwischen 2008 und 2015 hat sie 65 Wealth-Manager in 18 Ländern interviewt, darunter die Schweiz, Hongkong, Singapur, Mauritius, sowie auf den Kanalinseln Guernsey und Jersey und in Überseegebieten wie den britischen Jungferninseln und den Kaimaninseln. Daraus entstanden ist diese Buch-Veröffentlichung: Brooke Harrington: Capital without Borders. Wealth Managers and the One Percent, 2016).

Und deren Aufgaben sind wahrhaft komplex, wenn man sich das folgende Fallbeispiel anschaut, dass Brooke Harrington zitiert:
»Der Klient sei ein brasilianischer Staatsbürger, der seit 15 Jahren in Kanada lebt und dort auch weiterhin seinen Wohnsitz haben möchte. Sein Treuhänder sei eine Vermögensverwaltungsgesellschaft auf den Kaimaninseln mit einem für den Klienten zuständigen Fachmann, der auf den Bahamas ansässig ist. Das Treuhandvermögen umfasse Anteile an zwei Gesellschaften: Die Holding des lateinamerikanischen Geschäftsimperiums des Klienten sei als steuerbefreite Firma auf den Bermudas eingetragen; hinzu komme eine Firma für Auslandsgeschäfte, die auf den Britischen Jungferninseln gemeldet ist und ein Aktienportfolio hält. Befugte Nutznießer seien eine Gruppe von Personen mit Wohnsitzen in Europa und Südamerika.«
An diesem Fallbeispiel werden die drei Dimensionen des Wealth-Managements erkennbar:

  1. Sechs Staaten mit ihren jeweiligen Gesetzen sind in diese Vermögensstruktur einbezogen – die diversen europäischen und südamerikanischen Länder, in denen die Nutznießer sitzen, noch nicht mitgerechnet. Der Wealth-Manager muss sich also mit Experten in all diesen Rechtssystemen abstimmen, um auf Änderungen bei Steuergesetzen oder anderen Regeln sofort reagieren zu können.
  2. Die große Menge an Personen: Neben den Fachleuten – wie den Treuhändern und den Leitern der Firma auf den Jungferninseln – umfasst sie den Klienten selbst und die Nutznießer.
  3. Und der Strukturmix mit einer Treuhandgesellschaft, die Anteile an diversen Tochterunternehmen hält. Dieses Modell erlaubt es, Vermögensteile „wie beim Hütchenspiel zu verschieben“.
Und wir nähern uns dem zweiten Thema dieses Beitrags - den Steueroasen. Denn die spielen im Gefüge der Wealth-Manager eine gewichtige Rolle. Brooke Harrington zitiert den Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Zucman, der davor warnt, dass das Offshore-Finanzsystem derart angewachsen sei, dass es die Souveränität von Staaten in Frage stelle. Und zwar vor allem durch Steuerflucht, die „schlicht und einfach Diebstahl“ sei. Indem sie für ihre Klienten jährlich weltweit 200 Milliarden Dollar am Fiskus vorbeischleusen, fügen Wealth-Manager staatlicher Autorität und Gestaltungsmacht erheblichen Schaden zu. Mit ihren Offshore-Modellen haben die Reichen und ihre Vermögensverwalter selektiv rechtsfreie Räume geschaffen: Der Geldadel kann dort weiter von Gesetzen profitieren, die seinen Interessen dienen, während er sich an die anderen nicht zu halten braucht.

Und mit den Steueroasen hat sich auch die Hilfsorganisation Oxfam beschäftigt - und diese Tage eine neue Veröffentlichung dazu vorgelegt. Das Bermuda-Dreieck reicht bis nach Europa: Wo Profite steuerlos verschwinden, so ist die Pressemitteilung der Organisation vom 12.12.2016 dazu überschrieben. Oxfam habe recherchiert, welche 15 Länder die Unternehmenssteuern weltweit am aggressivsten nach unten ziehen.
Oxfam hat einen Prüfkatalog der schädlichsten Möglichkeiten entwickelt, durch die Unternehmen Gewinne am Fiskus vorbeischleusen können, und die einzelnen Länder auf dieser Grundlage untersucht. Zu den Kriterien gehören beispielsweise: Extrem niedrige oder gar keine Unternehmenssteuern, unverhältnismäßige Steueranreize wie Sonderregelungen für einzelne Konzerne und fehlende Mechanismen, um die Verlagerung von Gewinnen in andere Steuerverstecke zu verhindern (Erläuterungen zur Methodik gibt es in diesem Dokument: How Oxfam identified the world’s worst corporate tax Hafens). Der Oxfam-Bericht zeigt außerdem, dass auch viele andere Länder an dem ruinösen Wettlauf um niedrige Unternehmenssteuern teilnehmen. Betrug der durchschnittliche Unternehmenssteuersatz der G20 vor 25 Jahren noch 40 Prozent, liegt er heute unter 30 Prozent. In der verzweifelten Hoffnung, durch immer niedrigere Steuersätze und Sonderregelungen Investitionen anlocken zu können, verlieren Staaten die Einnahmen, die für Bildung, Gesundheitsversorgung und Armutsbekämpfung dringend benötigt werden.

Bermuda und Kaimaninseln - das entspricht den Vorstellungen von Steueroasen, die viele im Kopf haben. Immerhin aber schon auf Platz 3 der Oxfam-Rangliste taucht mit den Niederlanden ein EU-Mitgliedsstaat auf. Und ist da nicht aktuell was?
Genau, die Niederlande und der Modekonzern ZaraGrüne werfen Zara-Konzern Steuervermeidung vor, so einer der Artikel, die kürzlich erschienenen sind: Hunderte Millionen Euro gespart, und das völlig legal: Der Mutterkonzern der Modemarke Zara soll laut einer Untersuchung von Grünen-Europaabgeordneten massiv Steuern vermieden haben. Schwere Vorwürfe (vgl. dazu auch die Studie der Grünen: Tax shopping. Exploring Zara's tax business). Was haben u.a. die Niederländer damit zu tun?
Inditex, der Mutterkonzern des Modelabels Zara, soll mit Steuertricks von 2011 bis 2014 mindestens 585 Millionen Euro gespart haben. Das Unternehmen verwies darauf, legal gehandelt zu haben. Man habe keine Gesetze gebrochen. Kleidungsstücke etwa der Marke Zara "scheinen vor dem Verkauf erst durch halb Europa zu tingeln, um besonders günstige Steuermodelle zu nutzen". Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, Inditex habe große Gewinne in Ländern mit niedrigen Steuersätzen wie Irland, Schweiz und den Niederlanden versteuert und nicht dort, wo sie in den Modegeschäften erzielt wurden.
Der Trick: Nationale Gesellschaften müssen Lizenzgebühren für die Nutzung der Marke abführen. Diese Lizenzgebühren drücken in diesen Ländern den zu versteuernden Gewinn und fließen an eine Gesellschaft in einem Land mit niedrigeren Steuersätzen – im Fall von Inditex in die Niederlande. Die Grünen stießen aber auch auf irische Töchter, die ohne einen Mitarbeiter große Umsätze machten, ohne Steuern zu zahlen (und Irland ist ja auch in der Oxfam-Liste notiert, auf Platz 6).
Es übrig sich fast schon, darauf hinzuweisen, wer davon vor allem profitiert: Das Vermögen des Konzerngründers Amancio Ortega wächst rasant. Das "Forbes"-Magazin führt Ortega inzwischen als reichsten Europäer und zweitreichsten Menschen der Welt, 2011 hatte er auf Rang sieben gelegen. Sein Vermögen schätzt das Magazin auf fast 70 Milliarden Euro (vgl. dazu auch den Artikel Zara-Chef Ortega überholt Bill Gates als reichsten Mann der Welt).

Nun ist Zara und der dahinter stehende Mutterkonzern kein Solitär und die Erkenntnisse der Grünen keineswegs neu - sie hatten Anfang des Jahres bereits Ikea und BASF vorgeführt, um auf die Praxis aufmerksam zu machen. Beispiel Ikea: Der schwedische Möbel-Multi habe mit verschachtelten Lizenz- und Markenrechtkonstruktion seine Steuerlast um fast eine Milliarde Euro reduziert, hatte ein US-Steuerexperte im Auftrag der Grünen errechnet (vgl. dazu die Studie von Marc Auerbach (2016): Ikea: Flat Pack Tax Avoidance) - und neben den Niederlanden kommt jetzt auch - keine Überraschung - Luxemburg ins Spiel: »Ikea-Niederlassungen müssen demnach drei Prozent des Umsatzes als Lizenzgebühr an die Inter Ikea Group in den Niederlanden zahlen. Diese Gesellschaft zahlte ihrerseits von 2012 bis 2014 an eine luxemburgische Gesellschaft auch noch 972 Millionen Euro für den Kauf von Rechten. Der Steuersatz darauf habe in Luxemburg bei 0,06 Prozent gelegen«, kann  man diesem Artikel entnehmen. 

Da ist so einiges zu tun - vor der eigenen Haustür bzw. mit Blick auf die Tatsache, dass wir hier über EU-Mitgliedsstaaten sprechen, im eigenen Haus selbst, wenn es um Steuervermeidung und -hinterziehung geht.

Foto: © Rainer Sturm / pixelio.de 

Sell, Stefan (2016): Warum immer in die Ferne schweifen? Steueroasen vor der Haustür. Und eine große Nachfrage nach "Steuervermeidung" schafft sich ein ganz eigenes Angebot - die "Wealth-Manager", Aktuelle Wirtschaftspresse, 16.12.2016