Dienstag, 10. Januar 2017

Hinter unserem Essen. Die Marktmacht der Agrar- und Lebensmittelkonzerne wächst kontinuierlich

»Die Marktmacht der Agrar- und Lebensmittelkonzerne steigt. Und zwar vom Saatguthersteller bis zur Supermarktkette. Die Folgen sind vielen Verbrauchern nicht bewusst.« So beginnt Carla Neuhaus ihren Artikel Großkonzerne bestimmen, was wir essen, in dem sie über den Konzernatlas 2017. Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie berichtet, eine Gemeinschaftsproduktion der Heinrich-Böll-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem BUND, Germanwatch, Oxfam  und Le Monde Diplomatique.

Beispiel Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland: Vier Großkonzerne teilen den Handel mit Lebensmitteln inzwischen hierzulande unter sich auf. Zusammen dominieren Aldi, Edeka, Rewe und die Schwarz-Gruppe mit den Lidl- und Kaufland-Läden 85 Prozent des Marktes. Aber das ist nur die für uns Verbraucher sichtbare Spitze des Konzentrations-Eisbergs. »Über die gesamte Wertschöpfungskette der Lebensmittel hinweg sei die Marktmacht der Großkonzerne zuletzt stark gestiegen: vom Hersteller der Landmaschinen über die Produzenten von Saatgut, die Lebensmittelindustrie bis hin zum Handel. Der Grund: In all diesen Bereichen hat es zuletzt Fusionen gegeben. Und zwar nicht wenige. Allein in den letzten zwei Jahren fanden fünf der zwölf kapitalintensivsten Übernahmen börsennotierter Firmen im Argar- und Ernährungsbereich statt.«

Das kann man dem Konzernatlas 2017 entnehmen. Und noch einiges mehr. So »vereinen zum Beispiel vier Großkonzerne 70 Prozent des Handels mit Agrarrohstoffen wie Weizen, Mais und Soja auf sich. Experten sprechen meist von der ABCD-Gruppe, zu der die Konzerne ADM, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus gehören.«

Für den Ökonomen nicht überraschend wird diese Entwicklung kritisiert, weil die Konzerne ihre Marktmacht ausnutzen können, in dem sie den Landwirten die Preise diktieren.

Zu beobachten sei auch, »dass die Konzerne längst nicht nur in der eigenen Branche wachsen: Statt mit den Rohstoffen zu handeln, verarbeiten sie sie verstärkt auch selbst weiter: etwa indem sie Orangensaft oder Schokolade produzieren, statt die Früchte oder Bohnen einfach zu verkaufen.«

Die Konzentration zeigt sich an vielen Stellen und mit teils hoch problematischer Intensität:
»Noch größer als bei den Rohstoffhändlern ist die Marktmacht bei den Herstellern von Saatgut und Pestiziden. Unter ihnen sind zuletzt besonders große Fusionen und Übernahmen vereinbart worden: So schließen sich die US-Konzerne Dupont und Dow Chemical zusammen, Chem China übernimmt Syngenta und Bayer kauft Monsanto. Die drei neuen Konzerne, die auf diese Weise gerade entstehen, vereinen 60 Prozent des Marktes für Saatgut und Agrarchemikalien auf sich.«
Die Spitze hat einen Namen: Der deutsche Konzern Bayer. Nach der Übernahme von Monsanto werde Bayer „die globale Nummer eins bei Saatgut, Pestiziden und Agrogentechnik“ sein.

Die Organisation Oxfam überschreibt ihren Bericht über den neuen Konzernatlas mit dieser Frage: Wer hat die Macht über unser Essen? Auch hier an erster Stelle: »Immer weniger, dafür immer größere multinationale Konzerne kontrollieren die Märkte vom Acker bis zur Ladentheke. Zu viel Macht ist in wenigen Händen.«
»Heute bestimmen einige wenige globale Konzerne die großen Trends in der Landwirtschaft und beim Nahrungsmittelkonsum. Viele der heute führenden Konzerne bestehen seit vielen Jahrzehnten: Nestlé, Unilever, Coca-Cola, der Agrarhändler Cargill oder der Maschinenhersteller John Deere. Seit den 1980er Jahren sind verstärkt Fusionen und Übernahmen zu beobachten. Dies führt dazu, dass die Konzerne immer größer werden. Statt die Marktkonzentration zu beschränken, ebnete die Politik den marktmächtigen Konzernen in den letzten Jahrzehnten auch noch den Weg. Freihandelsabkommen, der Abbau staatlicher Regulierung und unzureichende Wettbewerbsregeln ermöglichten ihnen zu expandieren. Die deutsche Politik erhöhte beispielsweise noch im Jahr 2013 den Schwellenwert, bei dem kartellrechtlich eine Marktbeherrschung eines Unternehmens vermutet wird. Er stieg von einem Marktanteil von mindestens einem Drittel auf 40 Prozent.
Neuerdings kaufen große Konzerne verstärkt andere große Konzerne auf. 12 Mega-Fusionen sind seit 2015 zu verzeichnen, im Durchschnitt also eine alle zwei Monate. Die Marktmacht der fusionierten Konzerne vergrößert sich damit immens und sprunghaft. Fünf der zwölf größten Zusammenschlüsse fanden im Bereich Agrarchemie, Nahrungsmittel, Getränke und Tabak statt. Das Übernahmevolumen betrug 347 Milliarden US$ im Jahr 2015 und war damit fünf Mal so hoch wie für die Branchen Pharma und Öl.
Neu ist auch, dass verstärkt große Finanzinvestoren hinter den Mega-Fusionen stehen. Die Investmentgesellschaft 3G-Capital war im Jahr 2015 an zwei Übernahmen mit einem Transaktionsvolumen von über 100 Milliarden US$ beteiligt: Der Brauereikonzern Anheuser-Busch übernahm seinen Rivalen SABMiller und der Ketchuphersteller Heinz seinen Konkurrenten Kraft.«
Das hat Auswirkungen bis in den Bereich der Börsen und der Spekulation. An der Terminbörse in Chicago dominieren mittlerweile Banken, Hedgefonds und Investmentfonds den Handel mit Weizen. Der Anteil der reinen Spekulation am Handel stieg von 12 Prozent Mitte der 1990er Jahre auf 70 Prozent heute.
»Investmentfirmen wie BlackRock sind an Konzernen entlang der ganzen Lieferkette beteiligt: von Monsanto über den Maschinenhersteller John Deere zu dem Agrarhändler ADM und die Supermarktkette Wal-Mart. Die größten Händler von Agrarrohstoffen wie Cargill, ADM und Dreyfuss haben sogar eigene Investmentgesellschaften gegründet. Sie verfügen wie niemand sonst über Wissen zu Ernten, Lagerbeständen und Preisentwicklungen, das sie beim Kauf bzw. Verkauf von Agrarrohstoffen sowie an den Terminbörsen gewinnbringend für sich nutzen können. Seit Anfang 2000 gibt es auch spezielle Agrarflächenfonds, die zu einer Welle von Landkäufen beigetragen haben.«
Zu dem Investmentunternehmen BlackRock vgl. auch den Artikel Angst vor dem schwarzen Riesen von Stefan Kaiser aus dem September 2015: »Still und leise ist Blackrock zum weltgrößten Vermögensverwalter aufgestiegen. Doch mittlerweile wächst die Kritik an der Machtfülle des 4,7 Billionen Dollar schweren Finanzkolosses.«

Aus ökonomischer Sicht besonders spannend ist, dass einem in diesem Bereich auch wieder die Digitalisierung begegnet:
»Die Digitalisierung der Landwirtschaft ist ein weiterer neuer Trend, der enge Kooperationen aller vorgelagerten Unternehmen mit sich bringt: vom Saatgut, über Pestizide und Düngemitteln zu Maschinen. Der Mähdrescherhersteller Class arbeitet bereits mit Bayer und dem Saatguthersteller KWS zusammen. Ein Branchenkenner erwartet, dass es zwei mächtige Konsortien geben wird: eines um John Deere und Monsanto und eines rund um Claas. Aus „Wachse oder Weiche“ wird „Digitalisiere oder Weiche“. Die Großkonzerne sind entlang der Lieferkette immer stärker miteinander vernetzt. Der Wettbewerb „Konzern gegen Konzern“ weitet sich zu einem Kampf „Lieferkette gegen Lieferkette“ aus.«
Hier schließt sich dann auch wieder der Kreis zu den eingangs erwähnten Supermarktketten: An den Supermarktketten kommt kein Lebensmittelunternehmen vorbei. Sie nehmen als „Türsteher“ eine zentrale Rolle in der Lieferkette ein. Die Supermarktketten bestimmen wesentlich, wer wie Lebensmittel produziert und welche Lebensmittel Konsumenten im Regal vorfinden. Die vier bereits erwähnten marktbeherrschenden Ketten in Deutschland treiben wiederum die Konzentration in anderen Bereichen voran:
»Sie missbrauchen ihre Marktmacht, indem sie unfaire Einkaufspraktiken wie rückwirkendende Konditionenänderungen einsetzen, die Preise drücken und Risiken und Kosten auf die Lieferanten abwälzen. Damit treiben sie die Konsolidierung in der Lebensmittelverarbeitung und Konzentrationsprozesse entlang der ganzen Lieferkette voran.«
Das alles hat massive Auswirkungen auf die Menschen, die über den Globus verstreut in diesem Bereich arbeiten müssen. Mehr als nur ein Beispiel:
»Erhielt ein Kakaobauer oder eine Kakaobäuerin 1980 noch 16 Prozent des Preises einer Tafel Schokolade, so sind es heute kaum mehr sechs Prozent. Der Preisdruck der Supermarktketten und Lebensmittelkonzerne entlang der globalen Lieferkette ist eine der Hauptursachen für schlechte Arbeitsbedingungen, für die Marginalisierung von kleinbäuerlichen Produzenten und für Armut. Die Großkonzerne und finanzkräftigen Kapitaleigner treiben die Industrialisierung entlang der Lieferkette voran. Mit der Expansion der großflächigen, industriellen Landwirtschaft werden kleinbäuerliche Produzenten vom Land vertrieben („Landgrabbing“) und lokale Ernährungssysteme zerstört. Die Umwelt wird geschädigt.«
Sell, Stefan (2017): Hinter unserem Essen. Die Marktmacht der Agrar- und Lebensmittelkonzerne wächst kontinuierlich, Aktuelle Wirtschaftspresse, 10.01.2017