Donnerstag, 12. Januar 2017

Auf dem Weg in einen "Krieg gegen das Bargeld"?


Über das radikale Experiment einer massiven Einschränkung des Bargeldes in Indien wurde in diesem Blog bereits Anfang des Jahres ausführlich berichtet: Radikales Bargeld-Experiment in Indien. Über eine Operation am offenen Herzen ohne Narkose und über angebliche Strippenzieher vom 3. Januar 2017. Darin wurde auch auf die Ausführungen des Wirtschaftsjournalisten Norbert Häring verwiesen, der in einem Beitrag über die Hintergründe, vor allem die Verquickungen mit den USA und der Finanzindustrie geschrieben hat. Mittlerweile hat er nachgelegt: More evidence of early US involvement in Indian demonetisation, so hat er seinen Artikel überschrieben. Und nun muss man sogar in der FAZ einen solchen Artikel zur Kenntnis nehmen: Ein globaler „Krieg gegen das Bargeld“, ohne Fragezeichen und von Philip Plickert verfasst. Und auch er beginnt seinen Beitrag mit einem Blick auf die Ereignisse in Indien. Die offensichtlich sehr genau beobachtet werden in "interessierten Kreisen", so »hat Australien Interesse am indischen Vorgehen geäußert. Die australische Botschafterin Harinder Sidhu in Neu-Delhi nannte die Reform „inspirierend“ und „faszinierend“. Auch ihr Land denke über eine „Demonetarisierung“ nach, zumindest aber an den Einzug der höchsten Banknoten, sagte sie in einem Interview dem „Indian Express“.«

Plickert berichtet auch von der Vermutung, die von Norbert Häring vorgetragen wurde, dass auf höchster Ebene eine Gruppe von Bankern, Zentralbankern und Ökonomen – konkret die „Group of Thirty“ – an der schrittweisen Abschaffung von Bargeld arbeite.
Es gebe dafür zwar keine direkten Beweise, so Plickert, aber es sei schon auffällig, » dass einige Mitglieder der 30-er-Gruppe, etwa Kenneth Rogoff, der frühere IWF-Chefvolkswirt, und Larry Summers, der ehemalige amerikanische Finanzminister, zu den entschiedenen Befürwortern einer schrittweisen Abschaffung des Bargeldes gehören, angefangen bei den größten Banknoten.«

Und Rogoff legitimiert eine Abschaffung bzw. Begrenzung des Bargelds mit einem Argument, auf das sich auch die EZB gestützt hat, als sie im vergangenen April nach längerem internen Ringen die Abschaffung des 500-Euro-Scheins beschloss: Große Mengen Bargeld brauche vor allem das organisierte Verbrechen.

Aber Kenneth Rogoff liefert auch ein geldpolitisches Argument: »Ohne große Geldscheine gebe es keine Ausweichmöglichkeit mehr, wenn die Zentralbanken die Einführung von Negativzinsen beschlössen. Die bisherige Untergrenze zur Senkung der Leitzinsen entfiele.« Über Rogoffs offenen Feldzug gegen das Bargeld wurde schon an anderer Stelle berichtet, vgl. beispielsweise den Artikel
Der Fluch des Bargeldes sowie aus dem Jahr 2014 der Beitrag  Ökonom Rogoff will Bargeld abschaffen.

Mit diesem Gedankengang steht Rogoff offensichtlich nicht allein: »Die Idee eines „Schrumpfgeldes“ propagierte vor gut hundert Jahren schon der umstrittene, heute weithin vergessene Ökonom Silvio Gesell, an dessen Schriften vergangenes Jahr überraschenderweise ein IWF-Papier erinnerte«, so Plickert.
Das ist vor dem Hintergrund der von Gesell entwickelten "Freiwirtschaftslehre" (vgl. dazu die 1916 im Eigenverlag veröffentlichte Schrift Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld) tatsächlich ein interessanter Hinweis. Die geldpolitische Kernbotschaft von Gesell lautete: »Das Geld in der Hand eines Geldbesitzers müsse wie menschliche Arbeitskraft und Waren mit der Zeit an Wert einbüßen; dann habe es auf dem Markt keine Vormachtstellung mehr. Geld wäre einem ständigen Weitergabedruck unterstellt. Jeder Geldbesitzer werde sein Geld nicht zu lange zurückhalten, sondern damit Waren oder Dienstleistungen kaufen, laufende Rechnungen begleichen oder es ohne Zinsforderung verleihen, um so der Wertminderung zu entgehen.« Dieses Geld nannte Gesell „Freigeld“. Es wird auch als "umlaufgesichertes Geld" bezeichnet oder – mit dem von Otto Heyn geprägten Begriff – Schwundgeld genannt.
Und tatsächlich taucht Silvio Gesell in dem IMF Working Paper Breaking Through the Zero Lower Bound von Ruchir Agarwal and Miles Kimball, das im Oktober 2015 publiziert wurde, an mehreren Stellen auf, so bereits in der Einleitung (p. 3): »This paper builds on a long line of work on how to get a non-zero nominal rate of return on paper currency. First, Silvio Gesell in 1906 proposed the idea of stamped currency which allows the government to effectively tax paper currency, thereby discouraging massive paper currency storage when interest rates go below zero.«
Als Reaktion auf den Beschluss des EZB-Rats, den 500-Euro-Schein nach 2018 einzuziehen, veröffentlichte der für Bargeld zuständige EZB-Direktor Yves Mersch, der sich gegen den Beschluss gestemmt hatte, im Mai 2016 einen kritischen Kommentar: Bares bleibt Wahres: »Der 500-Euroschein wird nicht weiter produziert. Sollte man jetzt Bargeld gleich ganz abschaffen? Drei Interessengruppen sind dafür. Doch ihre Argumente überzeugen nicht«, so seine These. Mit Blick auf die Bargeld-Gegner unterscheidet Yves Mersch drei Lager: die Alchemisten, die Finanz-Tech-Allianz sowie das Recht-und-Ordnung-Lager. Die bilden ein "Anti-Bargeld-Kartell" und er beschreibt die drei Gruppen so:
»Für die Alchemisten stellt Bargeld eine störende Hürde dar, da es verhindert, die Leitzinsen tief in den negativen Bereich abzusenken, um die wirtschaftliche Aktivität anzukurbeln. Denn über die Flucht ins Bargeld können Haushalte und Firmen der nominalen Entwertung ihrer Bankeinlagen entgehen. Lieber halten sie eine endlos laufende Nullzinsanleihe der Zentralbank - und nichts anderes ist eine Banknote -, bevor sie selbst Zinsen auf ihr Giralgeld entrichten ... Ohne Bargeld - so die Alchemisten - könnte die Zentralbank mit immer niedrigeren negativen Zinsen die Wirtschaft zusätzlich stimulieren.«
»Auch der Finanz-Tech-Allianz ist Bargeld ein unliebsamer Konkurrent. Für die Kreditwirtschaft stellen Lagerung, Bearbeitung, Transport, Ausgabe am Schalter oder Automaten vor allem immense Kostenblöcke dar. In Zeiten niedriger Margen würde sie gerne darauf verzichten. Für die sogenannte Fintech-Branche eröffnen sich profitable Chancen im elektronischen Zahlungsverkehr. Diese fallen natürlich umso lukrativer aus, je mehr Geschäft im unbaren Bereich abläuft. Welch Wunder, dass Vorschläge, Bargeld komplett abzuschaffen, vor allem von Bankern oder bankfinanzierten Ökonomen stammen - wenn auch gerne in akademischer Garderobe gekleidet.«
»Das Recht-und-Ordnung-Lager plädiert dafür, Bargeld abzuschaffen, um kriminelle und zwielichtige Aktivitäten finanziell auszutrocknen. Dabei geht es nicht nur um große Summen und Scheine sowie die Bargeldlager von Drogenbossen und Terroristen. Auch Drogen- und Waffenhandel, Prostitution sowie Steuervermeidung soll so der Garaus gemacht werden.«
Wieder zurück zum Artikel von Philip Plickert: »Auch in entwickelten Ländern geht der Druck zur schrittweisen Aufgabe von Bargeld weiter. Vorreiter sind die skandinavischen Länder. Hierzulande gibt es mehr Bedenken. Die Bundesbank hält daran fest, den Bürgern Bargeld als Zahlungsoption zu erhalten. Den vielfältigen Druck zur Abschaffung oder Einschränkung des Bargeldes spüren die Bundesbanker. Von einem weltweiten „Krieg gegen das Bargeld“ sprach der für Bargeld zuständige Zentralbereichsleiter Stefan Hardt in einer Anhörung des nordrhein-westfälischen Landtags. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) will Barzahlungen oberhalb von 5000 Euro verbieten.«

Apropos Skandinavien: Zentralbanken arbeiten am digitalen Geld, konnte man Ende Dezember 2016 in "Finanz und Wirtschaft" lesen: »Für manche sind Banknoten und Münzen «geprägte Freiheit», für andere ein Auslaufmodell, das nur noch von Terroristen und Steuersündern gebraucht wird. Die Schweden scheinen sich auf die Seite der Bargeldverächter zu schlagen ... In keinem anderen Industrieland sind so wenige Banknoten und Münzen im Vergleich zur Wirtschaftsleistung noch im Umlauf ... Die Schweden nutzen lieber Kredit- und Bankkarten, um im Supermarkt einzukaufen. In Stockholm findet man Läden mit dem Schild «Vi hanterar ej kontanter» – «Wir nehmen kein Bargeld» ... Die schwedische Zentralbank, die Riksbank, arbeitet schon konkret daran, eine «e-Krona» zu entwickeln ... Auch wenn es kein Vorbild für eine digitale nationale Währung gibt, glaubt Skingsley, gibt es doch eine historische Parallele. So hatte man früher Wertpapiere wie Aktien oder Anleihen in Papierform zu Hause oder im Schliessfach. Das hat sich völlig verändert: Heute macht es niemandem mehr Sorgen, dass die Wertpapiere nur noch digital existieren und man die Aktien im Portfolio bloss noch im Depotauszug nachverfolgen kann.«

Und die Schweden sind nicht alleine. Schon seit Februar 2015 ist digitales Geld auf der Forschungsagenda der Bank of England. »Die britische Notenbank hat einen eigenen Fintech Accelerator eingerichtet: Das ist ein Laboratorium für Unternehmen in der Finanztechnologie, um neue Anwendungen zu schaffen.«

Und aus Österreich wird berichtet: Auch in Österreich wird das Bargeld langsam verschwinden. In diesem Artikel findet man auch einen interessanten Hinweis darauf, dass man genau hinschauen muss, wenn es um die Frage geht, wer denn ein besonderes Interesse an der Entwicklung hat - und wer vielleicht eher zu den Verlierern gehören könnte: »... die Banken profitieren kaum davon. Denn in diesem Segment „konkurrieren die Banken mit reinen Digitaldienstleistern und Angeboten großer Onlinehändler, die oft noch näher am Kunden sind“, sagt A.-T.-Kearney-Experte Pratz. Zu den klassischen Einnahmequellen der Banken gehören traditionelle Zahlverfahren wie Überweisungen, Lastschriften und die Ausgabe von Karten. In diesem Bereich wird sich das Geschäft allerdings nicht so stark entwickeln. Das größte Wachstumspotenzial liegt laut A. T. Kearney im Händlergeschäft und im Geschäft mit alternativen Zahlungsmethoden. In diesem Segment haben nicht die Banken, sondern große internationale Anbieter von alternativen Bezahlmethoden wie beispielsweise PayPal oder Sofortüberweisung das Sagen. Der Siegeszug dieser alternativen Anbieter wird laut A. T. Kearney dafür sorgen, dass der Marktanteil der Banken am europäischen Payment-Umsatz von derzeit zwei Dritteln bis 2025 auf voraussichtlich die Hälfte sinken wird.«

Fast wäre man versucht zu sagen - die Banken haben es heutzutage auch wirklich nicht leicht.

Foto: © yurchello108 / Fotolia 

Sell, Stefan (2017): Auf dem Weg in einen "Krieg gegen das Bargeld"?, Aktuelle Wirtschaftspresse, 12.01.2017