Dienstag, 24. Januar 2017

Umrisse einer "Trumponomics"

Mit einem Dauerfeuer berichtet die Wirtschaftspresse in diesen Tagen von dem, was mit dem neuen US-Präsidenten Donald Trump auf uns zukommen wird, könnte, wenn, unter der Annahme, dass ... Notwendigerweise ist sehr viel Spekulation dabei, zuweilen durchsetzt mit der - allerdings langsam, aber sicher an Boden verlierenden - Selbstgewissheit, dass der sich schon beruhigen (und dann genau wie die anderen vor ihm werden) wird oder auch mit einer schnappatmigen Katastrophen-Semantik den Welthandel und die deutschen Exporte betreffend. Immer offensichtlicher wird für viele, dass man es mit einer unberechenbaren Person zu tun hat, mit ganz eigenen Vorstellungen von der ihm umgebenden Realität und noch mehr: "Trump represents a comprehensive rejection of the economic thinking that has dominated the world for a generation", notiert Anatole Kaletsky  in seinem Artikel Trumping Capitalism?. Er twittert munter weiter wie vor der Amtsübernahme (dazu Robert Reich in seinem Beitrag Government By Tweedict: »Trump’s tweets are a new form of governing by edict. They’re tweedicts«) und er schafft es, mit dieser - nun ja - sehr direkten Art der Kommunikation, ganze Konzerne in einen Schockzustand zu versetzen, wenn er sie direkt adressiert und mit Strafzöllen und anderen Folterinstrumenten droht, wenn sie eine Fabrik nicht hier, sonder da hochziehen. So werden Konzerne wie BMW darauf hingewiesen, dass sie Produkte für den amerikanischen Markt gefälligst in Amerika und nicht in Mexiko produzieren sollen. Ansonsten droht ein Einfuhrzoll von 35 Prozent. Das führt zu scheinbar skurrilen neuen Angeboten - »many companies are hiring crisis communication firms and making plans for what to do if they become targets of his Twitter attacks«, berichtet Kara Alaimo in dem Artikel How Companies Can Gird for a Trump Twitter Attack.

Man kann das mehr als befremdlich finden - oder auch Hoffnung suchend und eine gewisse Bewunderung nicht versteckend so: »Zweifelsohne hat Trumps Unbeirrbarkeit etwas Erfrischendes ... Trumps Auftreten hat etwas Disruptives und birgt darin das Versprechen, dass im Schumpeterschen Sinn Platz für Neuschöpfungen entstehen könnte«, schreibt Winand von Petersdorff-Campen in seinem Artikel Welche Wirtschaftspolitik plant Trump? Hinsichtlich der Frage nach der Wirtschaftspolitik werden in dem Beitrag drei Reformankündigungen hervorgehoben: »... die versprochene Steuerreform einschließlich der Rückführung amerikanischer Auslandsgewinne, die zugesagte Modernisierung der maroden Infrastruktur und eine durchgreifende Deregulierung der amerikanischen Volkswirtschaft.« Interessanterweise taucht hier eine wirtschaftspolitische Dimension der Trump'schen Welt, der Protektionismus, nur am Rande auf, obgleich viele der aktuellen Berichte genau darum kreisen. Am Ende fällt der Verfasser dann auch wieder zurück in eine sich bei dem Mann aufdrängende, aber dennoch unterkomplexe Psychologisierung: »Das Riskanteste an Trump sei nicht seine Wirtschaftspolitik, sagt der Ökonom Justin Wolfers. Das Riskanteste sei sein Temperament.« Das hilft nicht weiter.

Und auf dem Feld der Handelspolitik hat Trump seinen Worten bereits Taten folgen lassen: »An seinem ersten Tag im Amt unterschrieb er einen Erlass, mit dem Amerika aus einem der wichtigsten Freihandelsabkommen der Welt austritt. Trump kündigte die Transpazifische Partnerschaft (TPP) auf – und richtet die Wirtschaftspolitik seines Landes damit radikal neu aus. Er nimmt jenen großen Handelsvertrag zurück, den sein Vorgänger Barack so mühevoll ausgehandelt hatte«, berichtet  Stefan Beutelsbacher in seinem Artikel Trump richtet die US-Wirtschaftspolitik radikal neu aus. Er setzt dabei eines seiner zentralen Wahlversprechen um und mehr noch: diese Entscheidung muss verortet werden im Kernbereich des wirtschaftspolitischen Denkens von Trump: Seine vehemente Opposition gegen die Freihandelsabkommen, die von vielen US-Bürgern für Jobverluste und Fabrikschließungen verantwortlich gemacht werden, war ein wichtiger Grund für die Begeisterung in Teilen der Wählerschaft über Trump. In dieser Logik und vor dem Hintergrund der Stimmung in großen Teilen der Bevölkerung konsequent ist der angekündigte nächste Schritt: die Neuverhandlung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta mit Kanada und Mexiko.

Bei TPP geht es nicht um irgendein Abkommen. Das Abkommen umfasst neben den USA elf weitere Staaten, darunter Japan, Singapur und Malaysia, aber auch Kanada und Mexiko. Zusammen stehen diese Länder für rund 40 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Hinter TTP stehen nicht nur ökonomische Interessen, sondern auch das Ansinnen, darüber den Einfluss Chinas im pazifischen Raum - und damit dem neuen Gravitationszentrum der Weltwirtschaft - zu begrenzen. Genau das wird mit der Entscheidung von Trump, das Abkommen zu beerdigen, ins Gegenteil verkehrt, denn nun hat China - die vom TPP ausgeschlossen sind -  die Möglichkeit, in das entstehende wirtschaftspolitische Vakuum vorzustoßen. Genau dieses Szenario zeichnet sich nun auch ab: Australien will Freihandelsabkommen retten, lautet beispielsweise eine der hier passenden Meldungen: Australien wolle das Abkommen trotz des Ausstiegs der USA umsetzen - »und schlägt vor, dass ausgerechnet China den Platz Amerikas einnehmen könnte.«

Michael Schuman formuliert das bei Bloomberg so: Trump's Gift to China: »The future of American business lies in Asia, where hundreds of millions of people are getting richer by the day. U.S. exporters need access to these markets. Businesses need clarity of rules across borders and the ability to build inexpensive and reliable supply chains. Bilateral free-trade agreements, which Trump claims to favor, won't suffice.« Und was ist mit den behaupteten Jobverlusten durch TPP? Hier wird Schuman zynisch - die hätte es gegeben. Aber in China: » By awarding preferential treatment to exports from China’s low-cost competition, especially Vietnam, the TPP would likely have greased the flow of manufacturing jobs out of the mainland. That would've placed extra strain on a Chinese economy already struggling with fading competitiveness, an aging workforce and slowing growth.«

Und auch Deutschland wird ins Visier des neuen US-Präsidenten geraten (müssen), denn im Außenhandel zwischen den beiden Volkswirtschaften gibt es erhebliche Ungleichgewichte: ein dicker Überschuss bei uns und tiefrote Zahlen in den USA. Das greift auch Thomas Fricke mit einer gewissen klammheimlichen Freude in seinem Beitrag auf: Wer nicht hört, kriegt Trump: »Dass wir ein Problem haben, weil wir viel mehr exportieren als anderswo einkaufen, ist ja keine Erfindung von Herrn Trump. Die Kritik gibt es seit Jahren und fachlich deutlich solider begründet - von Nobelpreisträgern, der OECD, dem IWF, der EU-Kommission und etlichen anderen. Nur dass das hierzulande bisher kaum einen zu interessieren schien. Jetzt droht der neue US-Präsident die Störung in Revolverhelden-Manier zu beseitigen.« Und salopp weiter:
»Wenn sich der deutsche Überschuss (Achtung: nicht der Export, sondern der Saldo zwischen Export und Import) mit den USA seit 2000 fast verdreifacht hat, dann liegt das ja nicht daran, dass sich die Amerikaner heute vier Mal weniger anstrengen als 2000. Oder dass die ganz plötzlich gemerkt haben, dass wir schöne Mercedes und so bauen. Das wusste J. R. Ewing schon in den frühen Achtzigern.
Das Auseinanderdriften hat ganz andere ökonomische Gründe. Etwa dass der Dollar seit 2010 im Schnitt um gut ein Fünftel teurer geworden ist - was deutsche Autos in den USA billiger macht (ohne dass wir uns dafür anstrengen müssen). Und dass Amerikas Regierende und Notenbanker die Konjunktur nach dem Crash 2008 ganz unschwäbisch angeschoben und gestützt haben - so dass die Leute mehr Geld hatten, ohne das sie ja auch keine deutschen Autos kaufen können. In dem irren Glauben, die Deutschen würden das umgekehrt auch machen. Nö, hier ist Schäuble-Doktrin. Ergebnis: Die Konsumausgaben der Amerikaner sind seit 2009 doppelt so schnell gewachsen wie die der Deutschen. Da ist es kein Wunder, dass wir so viel mehr in die USA verkaufen als die bei uns. Da können die sich eben noch so doll anstrengen.«
Wenn wir so viel mehr Geld im Export verdienen als Amerikaner und andere bei uns, heißt das nichts anderes, als dass die anderen per Saldo ständig Kredit aufnehmen, um unsere Sachen kaufen zu können (da sie das Geld für den Import ja nicht durch ebenso hohen Export zu uns verdienen), so Fricke. Was eine Zeit lang gut gehen kann, aber nicht auf Dauer. Die sanfte Methode wäre gewesen, unseren Import zu steigern. Wäre. »Mit dem Antritt des polternden Milliardärs droht jetzt erst einmal die weit unsanftere Methode: der Ausgleich über Strafen auf deutsche Exporte und den einen oder anderen Handelskampf.«

Kann man darüber hinaus derzeit schon die Umrisse einer "Trumponomics" erkennen? Dazu der Hinweis auf zwei in diesem Kontext sehr interessante Artikel.

Da wäre beispielsweise der Beitrag "Trump gefährdet den Welthandel. Die geplante Reform der US-Unternehmensteuer könnte einen globalen Handelskrieg auslösen" von Sebastian Dullien, der in der Print-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung am 16.01.2017 veröffentlicht wurde.
Seine Argumentation fokussiert auf die von den Republikanern schon im vergangenen Jahr vorgelegten Pläne für eine Reform der Unternehmensbesteuerung. Danach soll die Unternehmensteuer in den USA, die bisher wie in Deutschland Firmengewinne besteuert, durch eine Cashflow-Steuer mit einem „steuerlichen Grenzausgleich“ (dem sogenannten „Border Tax Adjustment“) ersetzt werden. »Dabei würde künftig eine Steuer auf die Differenz zwischen Unternehmenseinnahmen und Unternehmensausgaben (dem Cash-Flow) erhoben. Ein wichtiger Unterschied zur bisherigen Regelung ist, dass damit Ausgaben für die Anschaffung von Maschinen dann schon im ersten Jahr ganz abgesetzt werden können, statt über mehrere Jahre abgeschrieben werden zu müssen. Wer investiert, zahlt damit schon im Anschaffungsjahr ganz massiv weniger Steuern. Das macht Investitionen attraktiver.« Das ist die eine Komponente, die zweite ist aber noch bedeutsamer hinsichtlich der möglichen Auswirkungen auf den Außenhandel - der „steuerliche Grenzausgleich“. Danach dürften Unternehmen künftig Zahlungen für Importe nicht mehr als Ausgaben absetzen, müssten dafür aber Einnahmen aus Exporten auch nicht mehr versteuern. Dullien illustriert das an einem einfachen Rechenbeispiel:
»Wenn ein amerikanischer Einzelhändler also künftig ein Paar Schuhe in den USA für 100 Dollar verkauft, die er aus Italien für 70 Dollar importiert hat und für deren Verkauf er 25 Dollar für Personalkosten in den USA aufgewendet hat, muss er künftig auf eine Summe von 75 Dollar (100 Dollar minus 25 Dollar) einen bestimmten Steuersatz x bezahlen, obwohl der tatsächliche Gewinn nur 5 Dollar ist.
Wenn die gleichen Schuhe vom Händler aber für ebenfalls 70 Dollar von einer Fabrik in den USA gekauft werden, fällt die Steuer nur auf 5 Dollar an, weil nun diese 70 Dollar vom Cash Flow abgezogen werden dürfen. Wenn der Händler die Schuhe gar ins Ausland verkauft, fallen bei ihm gar keine Unternehmensteuern an.«
Die Effekte sind einfach zu überschauen: Importe werden für den Händler teurer und es wird gleichzeitig attraktiver, ins Ausland zu exportieren. Genau das will man ja auch erreichen. Der entscheidende Punkt auch mit Blick auf die Konsequenzen für den Welthandel insgesamt:
»Ökonomisch wirkt ein solches Steuersystem also wie ein Zoll auf Importe und eine Subvention für Exporte.«
Offensichtlich handelt es sich um ein verführerisches Instrument, um die eigene Wirtschaft gegenüber ausländischen Konkurrenten zu stärken. Nur würden die anderen das dann auch machen (müssen).

Und unter der verheißungsvollen Überschrift "Die Logik der Trumponomics" hat sich am 24.01.2017 Jens Südekum, Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Universität Düsseldorf, in der Print-Ausgabe der FAZ mit einem Beitrag zu Wort gemeldet.
Auch Südekum erwähnt den von Dullien herausgearbeiteten Mechanismus eines Importzolls bei gleichzeitiger Exportsubvention durch den steuerlichen Grenzausgleich. Kurzfristig kann das sogar einen (scheinbaren) Erfolg generieren, denn es ist »möglich, dass sie wie ein Konjunkturpaket für den heimischen Arbeitsmarkt wirkt, weil extreme Anreize für heimische Produktion geschaffen werden. Die amerikanische Jobmaschine springt an, insbesondere im Verarbeitenden Gewerbe. Dieses ist räumlich konzentriert im Mittleren Westen, wo Trump die entscheidenden Stimmen für seinen Wahlerfolg eingesammelt hat. Kurzfristig löst er also seine Wahlkampfversprechen ein. Im gleichen Atemzug würde sich das große amerikanische Handelsbilanzdefizit (und spiegelbildlich dazu der deutsche Überschuss) verkleinern.« Neben der Tatsache, dass ein solches Vorgehen ein Desaster für viele amerikanische Konzerne wäre, die existentiell von globalen Wertschöpfungsketten abhängen, sieht auch Südekum entsprechende Gegenmaßnahmen der anderen Länder.
Und er weist auf einen weiteren Wirkungskanal hin - der flexible Wechselkurs des Dollars gegenüber den anderen internationalen Leitwährungen. Würde es wir von Trump gewünscht zu einer Beschäftigungsexpansion in den USA kommen, dann läuft das auf eine Stärkung des Dollars hinaus. Doch an einer Aufwertung des Dollars kann der wirtschaftsnationale Trump kein Interesse haben, würde die doch seine Zielerreichung wieder konterkarieren.
Trump spricht davon, dass er den Dollar insgesamt für zu stark hält („it is killing us“). Südekum kann sich in diesem Rahmen vorstellen, »dass er seine geplante Handels-, Steuer- und Fiskalpolitik noch um gezielte Währungsmanipulationen ergänzen will, die den Dollar künstlich verbilligen. China hat das schließlich mit seiner Währung auch jahrelang so gemacht.« In das Trump'sche Weltbild würde das passen.
Langfristig würden die Effekte verpuffen, weil die anderen Staaten in eine Abwertungsspirale eintreten werden. Aber kurzfristig können ein paar Erfolge mitgenommen werden, vor allem, wenn es so groß und mächtig ist wie die Vereinigten Staaten.

Insgesamt sind wir auch hier mit zahlreichen Vermutungen konfrontiert, so dass man sicher noch nicht von einer "Logik der Trumponomics" sprechen kann. Aber erste schemenhafte Umrisse lassen sich erkennen bzw. erahnen. Sie versprechen reichlich Konfliktstoff für die vor uns liegende Zeit.

Nachtrag: Der zitierte Beitrag Die Logik der Trumponomics von Jens Südekum ist jetzt auch online verfügbar.

Foto: © O. Fischer / pixelio.de 

Sell, Stefan (2017): Umrisse einer "Trumponomics", Aktuelle Wirtschaftspresse, 24.01.2017