Mittwoch, 18. Januar 2017

Von flüchtenden (?) Bankkunden bei Negativzinsen und Banken in einer Fragezeichen-Welt

Angesichts der Niedrig- und Nullzinswelt ist schon viel diskutiert worden über die Auswirkungen auf die Sparer und auf das klassische Geschäftsmodell vieler Banken. Aber Negativzinsen auch für "normale" Kunden wäre ein  Schritt, der eine ganz eigene Hausnummer tragen würde. Das Verhalten normaler Bankkunden angesichts von (möglichen) Negativzinsen für sie steht verständlicherweise im Zentrum vieler Spekulationen, nicht nur bei den Banken selbst.
Man kann unterschiedliche Szenarien diskutieren hinsichtlich der Optionen, die den Kunden dann bleiben. Wir bewegen uns bei der Frage natürlich ein Stück weit auf spekulativem Gelände. Aber es gibt Hinweise, wie eine Reaktion der Kunden ausfallen könnte: So kommt eine Studie aus dem Frühjahr 2016 zu dem Befund, dass bei Minuszinsen auf Bankkonten rund 50 Prozent aller Deutschen ihr Geld in bar halten würden, 40 Prozent stattdessen ihr Geld in Aktien, Fonds oder Devisen anlegen würden und nur rund 10 Prozent ihr Konto unverändert stehen ließen. Diese Befunde sowie die Antwort auf die Frage, was denn die Bankkunden mit dem abgehobenen Bargeld anstellen würden, sind in der Abbildung zusammengefasst. Man sollte aber auch die Hinweise zur Methodik, die in der Fußnote der Abbildung vermerkt sind sowie die generellen Grenzen, die bei dieser Frage methodisch vorhanden sind, beachten.

Die Economic Research-Abteilung der ING DiBa-Bank hat sich im Februar 2016 ebenfalls zu diesem Thema zu Wort gemeldet mit den Ergebnissen einer - europaweiten - Umfrage: Alles in den Sparstrumpf? Der Einfluss der Niedrigzinsen auf Sparer, so ist die Veröffentlichung dazu überschrieben. Auch dort wird das Szenario von Negativzinsen diskutiert:
»Bisher wurden die Negativzinsen ja nur teilweise im Unternehmenskundengeschäft weitergegeben. Sollte es jemals zu negativen Zinsen auf Sparkonten kommen, sollten Banken sich besser warm anziehen. Für die europäischen Sparer gibt es zwischen Null und Negativ nämlich einen großen Unterschied. Während man niedrige Zinsen noch einigermaßen hinnehmen konnte, würde sich dieses Verhalten bei negativen Zinsen auf dem eigenen Sparkonto drastisch verändern. In diesem Fall würden nämlich 76% aller befragen Europäer ihr Geld vom Sparkonto abheben ... in Deutschland fällt der Anteil mit 80 Prozent überdurchschnittlich hoch aus.«
Und auch hier wurde die Frage gestellt, was denn die Menschen mit dem Geld, das sie von den Banken abziehen, machen würden: »Nur ein Bruchteil der Befragten würde sein Spargeld bei negativen Zinsen für Konsum ausgeben. Vielmehr werden andere Anlagemöglichkeiten gesucht. 43 Prozent derjenigen, die aufgrund negativer Zinsen Geld abheben, würden dieses Geld in alternative Anlagen wie z.B. Aktien investieren. Lediglich 13 Prozent würden mehr Geld ausgeben, womit eines der primären Zentralbankziele bei negativen Zinsen auf Sparkonten verfehlt werden würde ... 44 Prozent aller Befragen würden einen ‚sicheren Ort‘ als Geldaufbewahrungsort für ihre Ersparnisse bevorzugen. Anstelle von der Realwirtschaft könnte das Spargeld es also auch nur bis in die eigenen vier Wände schaffen.«

Es wäre ein echtes Problem, wenn sich bei einer flächendeckenden Einführung von Negativzinsen, die von vielen Sparern als Strafzinsen aufgefasst werden würden, viele Bankkunden entschließen, ihre Ersparnisse, die ja als Buchgeld bei den Banken liegen, abzuheben, also in Form von Bargeld auszahlen zu lassen. Das wird auch in Bankkreisen als Schreckensszenario diskutiert und wirkt (derzeit) immer noch als Bremse, diesen Weg einzuschlagen. Vgl. dazu nur als ein Beispiel den Artikel UBS-Ökonom warnt vor Strafzinsen für Kleinsparer vom 22.11.2016 mit Blick auf die Schweiz:
»Anlageexperten der UBS warnen vor einem „Bankrun“. Falls Strafzinsen an Kleinsparer weitergegeben werden, würden diese ihr Erspartes abheben ... „Das ist eine heikle Gratwanderung der Banken“, sagte der Chefökonom für die UBS in der Schweiz, Daniel Kalt ... Im Kleinkundengeschäft könnten die Institute die Negativzinsen nicht weitergeben. „Sonst haben sie einen Bankrun“, warnte Kalt. Die Institute fürchten ein solches Szenario, bei dem Bankkunden massenweise Bargeld abheben.«
Die Banken wiederum haben in der Schweiz ein echtes Kostenproblem, das zugleich auf die volkswirtschaftlichen Implikationen der Geldpolitik verweist: »Banken müssen für ihre Einlagen bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ab einem gewissen Freibetrag eine Strafgebühr von minus 0,75 Prozent bezahlen. Damit will die SNB verhindern, dass noch mehr Anleger in den sicheren Hafen Schweiz flüchten und der Franken weiter an Wert gewinnt – denn das bremst die Exporte.«

Bereits Anfang 2015 hat sich das ifo Institut für Wirtschaftsforschung mit dem Thema Negativzinsen beschäftigt und unterschiedliche Perspektiven in einem Dossier gebündelt. Hier besonders interessant ist gleich der erste Beitrag von Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim, der die möglichen Auswirkungen der Negativzinsen auf die Geschäftsbanken auch in ihrem Verhältnis zu den privaten Bankkunden diskutiert:
Burghof et al.: Negativzinsen bei Geschäftsbanken: Welche Effekte sind zu erwarten?, in: ifo Schnelldienst 2/2015
»Die Europäische Zentralbank erhebt seit Mitte 2014 Negativzinsen für Bankeinlagen. Seit Herbst letzten Jahres wird diese Entwicklung von einigen Banken an Privatanleger mit sehr hohen Gesamteinlagen weitergegeben. Hans-Peter Burghof, Universität Hohenheim, sieht in einem »Minuszins« einen »unmöglichen Zins«, der die Erwartungen der Sparer enttäuscht. Für Max Otte, Universität Graz, begünstigt das Niedrigzinsumfeld die Entstehung und Vermehrung großer Vermögen und behindert die Vermögensbildung bei breiten Bevölkerungsschichten. Der öffentliche Sektor sei ebenfalls Gewinner dieser Politik. Nach Ansicht von Tobias Tröger, Goethe-Universität Frankfurt am Main, können im Rahmen bestehender Einlageverträge negative Zinsen nicht erhoben werden. Für Ansgar Belke, Universität Duisburg-Essen, handelt es sich bei Negativzinsen um eine Marktverzerrung: Negative Zinssätze lassen Gläubiger für das Privileg der Schuldner zahlen, dass die Kreditnehmer das Geld der Kreditgeber verwenden dürfen – ein Arrangement, das Fundamentalprinzipien der Finanzierungslehre verletzt. Thorsten Polleit, Degussa und Universität Bayreuth, ist der Meinung, dass das Senken des Marktzinses auf 0% oder sogar in den negativen Bereich für eine Politik steht, die unvereinbar ist mit einer freien Marktwirtschaft. Ein negativer realer Marktzins beende den Zinsbezug und nehme damit den Anreiz zu sparen und zu investieren, die Volkswirtschaft verfalle dem Kapitalverzehr. Für Martin Klein, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, ist die Erfahrung mit negativen Zinsen bei der EZB und bei Geschäftsbanken bisher noch zu kurzfristig, um ein abschließendes Urteil zuzulassen. Entscheidend für die Zukunft werden, seiner Ansicht nach, vor allem die Auswirkungen der ab dem Frühjahr ins Haus stehenden massiven Liquiditätsausweitung im Rahmen der Geldpolitik der EZB sein. Sie werden das Zinsgefüge weiter nach unten verschieben.«
Die herkömmlichen Banken sind mit einer Vielzahl unterschiedlicher Probleme konfrontiert, die teilweise extern verursacht sind, man denke hier an die Niedrig-, Null- und Negativzinspolitik der EZB, teilweise aber auch strukturelle Gründe im (tradierten?) Geschäftsmodell der Banken selbst haben und sie sind zugleich konfrontiert mit neuen Wettbewerbern in bestimmten Marktsegmenten (Fintech-Unternehmen).
Dazu nur: »Wie in jedem der zurückliegenden Jahre, so wird auch 2017 kaum eine Woche vergehen, in der nicht irgendwo auf der Welt von irgendeinem Finanzexperten ein alter Spruch von Microsoft-Gründer Bill Gates zum Besten gegeben wird: „Banking is necessary, banks are not.“ Dass es keine Banken braucht, um Bankgeschäfte zu erledigen, war anno 1994 eine ebenso kühne wie provokative Aussage. Im Laufe der Jahre hat sich Gates’ Behauptung aber immer mehr zu einem realistisch erscheinenden Szenario entwickelt. Fast alles, was Banken leisten, macht heutzutage auch eine Vielzahl anderer Anbieter möglich.« So beginnt Thomas Klemm seinen Artikel Die schöne Welt des digitalen Banking, in dem er sich mit den Fintechs beschäftigt: »Kredit aufnehmen, Geld überweisen, Kapital anlegen: Das alles geht heute ohne Bank. Dabei ist das Potential des Onlinebanking noch lange nicht ausgereizt.«
Die Sparkassen spielen eine besondere Rolle im deutschen 3-Säulen-Bankensystem. Viele lokal bzw. regional agierende Unternehmen wickeln ihre Geschäfte ab über das Sparkassensystem (wenn sie nicht bei dem Konkurrenten sind, also den genossenschaftlichen Banken wie den Volks- und Raiffeisenbanken). Die klagen wie andere Banken auch über die schlimmen Folgen der Geldpolitik der EZB. Aber auch das sollte man zur Kenntnis nehmen: »Zwei Drittel aller Sparkassen schütten keine Gewinne an ihre Eigentümer, die Städte und Landkreise, aus. Sie behalten das Geld lieber«, behauptet Jonathan Sachse in seinem Artikel Kommunen werden ärmer – ihre Sparkassen fetter. Der Artikel ist Teil einer größeren Recherche, die von dem Journalisten-Netzwerk Correctiv durchgeführt wurde: Die Sparkassen-Recherche.

Auch die Sparkassen müssen sich mit dem hier besonders interessierenden Thema Negativzinsen herumschlagen: Stadtsparkasse: Trifft's jetzt die Privatkunden?, so hat Felix Müller seinen Artikel in der Münchner Abendzeitung überschrieben. Die Stadtsparkasse München »hat Negativzinsen für ihre Firmenkunden angekündigt. Jetzt wird deutlich, welche bitteren Pillen auch auf Münchner Kleinanleger zukommen könnten.« Im Dezember 2016 wurde bekannt, dass die Sparkasse erstmals Negativzinsen erheben will. »Privatkunden nahm die Sparkasse von dem Modell aber aus. Noch.«
Die Europäische Zentralbank (EZB) verlangt von Banken 0,4 Negativzins – diese 0,4 Prozent gibt die Stadtsparkasse ab April an Firmenkunden weiter, die mehr als 250.000 Euro eingelegt haben. Der Vorstandsvorsitzende Ralf Fleischer stellt die Situation der Stadtsparkasse problematisch dar: „Wir haben 14,5 Milliarden Einlagen – mit denen wir voraussichtlich ab 2018 nichts mehr verdienen werden“, sagt er. 2016 habe die Stadtsparkasse zehn Millionen Euro Strafzinsen an die EZB gezahlt – „die wir nicht an die Kunden weitergegeben haben.“

Und die Privatkunden sollten sich nicht in falscher Sicherheit wiegen, dass sie nicht betroffen sein werden von den Negativzinsen. Dazu der Vorstandsvorsitzende:  „Wir wollen Negativzinsen für Privatkunden so lange vermeiden, wie es irgendwie geht.“ In dem Moment, in dem das erste große Institut sie einführt, werde es aber „nicht mehr anders gehen“. Hier zeigt sich das Dilemma, in dem die Banken beim Thema Negativzinsen für Privatkunden stecken - wer sich zuerst bewegt, hat verloren, solange es andere gibt, die nicht mitmachen.

Dafür kommen bekannte andere unangenehme Maßnahmen für die Kunden: Filialschließungen werden in einem Atemzug mit höheren Kontogebühren genannt. In punkto Gebühren gibt es immer weniger Tabus bei den Banken. Bei den Privatkunden tut sich an der Gebührenfront so einiges, wie man diesem Artikel entnehmen kann: Aus für das kostenlose Girokonto: »Kostenlose Girokonten werden immer mehr zu einem Auslaufmodell. Hatten Banken und einige Sparkassen das Gratiskonto lange gezielt zur Kundenakquise eingesetzt, zwingen Kostendruck, teure Filialen und die anhaltenden Niedrigzinsen die Institute zum Umdenken. Als eine der größten deutschen Banken hatte zuletzt die Postbank ab 1. November 2016 mit einer Umstellung das bedingungslose Gratis-Girokonto endgültig abgeschafft.«
Banken arbeiten heute im Prinzip mit zwei Modellen - einer Flatrate, also einem monatlichen Festbetrag, der alle Dienstleistungen abdeckt oder eine Einzelabrechnung für jeden Bankvorgang. Dazu gehören Überweisungen ebenso wie das Geldabheben am Automaten. Um eigene Erträge aufzubessern, kassieren Banken nun auch für bisher kostenlose Leistungen oder machen einzelne Leistungen teurer.

Auch das Thema Arbeitsplätze in den Banken wird in dem Artikel über die Stadtsparkasse München angesprochen: »Die Sparkasse geht offenbar davon aus, viele Arbeitsplätze streichen zu müssen. Fleischer verspricht, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. „2020 werden wir nicht mehr so viele Mitarbeiter haben. Aber wir werden das über die Fluktuation und das Ausscheiden älterer Mitarbeiter hinbekommen.“«
Früher war eine Ausbildung zum Bankkaufmann gleichsam eine sichere Bank. Guter Verdienst, Arbeitsplatzsicherheit, was will man mehr. Mittlerweile gibt es Befürchtungen, dass das Berufsbild des Bankkaufmanns/der Bankkaufrau ein Auslaufmodell darstellt. Dass die immer weniger bis gar nicht mehr gebraucht werden in Zukunft.
Dazu ein Hinweis auf Österreich. Der dortige Arbeitsmarktservice (AMS), also die Bundesagentur für Arbeit der Österreicher, hat sich vor kurzem mit einer Analyse der Beschäftigungsentwicklung im (österreichischen) Bankensektor zu Wort gemeldet:
Arbeitsmarktservice Österreich: Banken – ein interessanter Arbeitsmarkt in einem herausfordernden Umfeld, Oktober 2016
»Anfang der 2000er-Jahre hat der Strukturwandel der österreichischen Banken begonnen. Bereits in den Jahren vor der Krise (2008) kam es in Österreich zu Filialschließungen, die Beschäftigung blieb aber relativ konstant bzw. zeigte zwischen 2004 und 2008 deutliche Zuwächse. Seit der Finanzmarktkrise 2008/2009 hat sich der Personalstand im Bereich der Finanzdienstleistungen entgegen der allgemeinen Beschäftigungsentwicklung spürbar verringert. Im Bankensektor sind weitere Umstrukturierungen, Sparmaßnahmen und Personalabbau zu erwarten. Die fortschreitende Digitalisierung stellt das Bank-, Finanz- und Versicherungswesen vor Herausforderungen, bietet aber auch neue Chancen.« So heißt es in der Beschreibung des Textes.

Sell, Stefan (2017): Von flüchtenden (?) Bankkunden bei Negativzinsen und Banken in einer Fragezeichen-Welt, Aktuelle Wirtschaftspresse, 18.01.2017