Sonntag, 12. Februar 2017

Die Griechen, klar. Aber vielen Italienern geht es auch nicht gut. Und die Geldpolitik macht angeblich den Kapitalismus kaputt

Ja klar, Griechenland mal wieder. Und der Euro. Die Streitigkeiten ob der anstehenden nächsten Tranche des Rettungsprogramms sind Thema in der Wirtschaftspresse (und wurden auch hier behandelt, zuletzt in diesem Beitrag Griechenland - Wie sollen die da raus kommen? Eine Abbildung verdeutlicht die Misere. Und ein Grieche hat ein Buch geschrieben, ein anderer ein Interview gegeben vom 8. Februar 2017). "Schäuble spielt mit dem Feuer", mit diesem Ausspruch des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras ist ein Artikel überschrieben: »Im Sommer muss Griechenland sieben Milliarden Euro zurückzahlen, diese können nur beglichen werden, wenn aus dem 86-Milliarden-Euro-Hilfsprogramm weitere Zahlungen freigegeben werden. Premier Tsipras wehrt sich nun gegen Vorwürfe aus Deutschland - die Kanzlerin solle ihren Finanzminister zur Ordnung rufen.« Gut, das hat er gesagt bei der Eröffnung eines Parteitags seiner Syriza-Partei. Schäuble hatte Griechenland zuletzt erneut vorgeworfen, Reformen zu verschleppen. Er hatte Athen auch vorgeworfen, sich einen höheren Lebensstandard zu leisten, als das Land selbst erwirtschaften könne. Ohne weitere Reformen "können sie nicht in der Währungsunion bleiben", so Schäuble. Aber Italien?

Ja, auf Italien sollte man den Blick richten, nicht (nur) wegen der Bankenprobleme in dieser nun wirklich großen Volkswirtschaft des Euro-Raums. Sondern auch wegen solcher Tatsachen:
»Die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise hat Italien sehr viel härter getroffen als andere europäische Staaten. Armut und Arbeitslosigkeit haben im letzten Jahrzehnt entsprechend stark zugenommen. Lebten vor Beginn der Krise 2007 noch 1,8 Millionen Italiener unter der Armutsgrenze, waren es 2015 fast 4,6 Millionen, das heisst rund 8 Prozent der Bevölkerung. Die Arbeitslosenquote ist derweil von 6,7 Prozent (2008) auf 10,9 Prozent (2016) gestiegen. Vor allem Schul- und Universitätsabgänger finden kaum mehr Stellen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent. 2008 war sie noch halb so hoch.«
Das berichtet Andrea Spalinger in ihrem Artikel Italiens Mittelstand verarmt. Und den sollte man wirklich lesen.
»Bereits Anfang der neunziger Jahre hatte Italien eine schwere Krise erlebt. Damals litten ... vor allem die unteren Schichten; die sozialen Ungleichheiten nahmen stark zu. Die jüngste Krise jedoch, die 2008 einsetzte und bis heute anhält, hat zu einem Einbruch des Lebensstandards auf sehr viel breiterer Ebene geführt. Nicht nur die Ärmsten haben heute zu kämpfen. Auch der breiten Mittelschicht – sie macht laut der Zentralbank rund drei Viertel der Bevölkerung aus – geht es heute deutlich schlechter als noch vor zehn Jahren. Sinkende Löhne, steigende Lebenskosten und der ständig zunehmende Steuerdruck haben vor allem in den Grossstädten zu einer Verarmung des einst gutsituierten Bürgertums geführt. Mit Abstand am schwersten betroffen ist die junge Generation. Obwohl junge Italiener durchschnittlich besser ausgebildet sind, verdienen sie deutlich weniger als einst ihre Eltern. Selbst viele, die eine feste Arbeitsstelle haben, kommen kaum mehr über die Runden.«
Das hat enorme gesellschaftliche Folgen: »Zwei Drittel der unter 34-Jährigen wohnen heute bei den Eltern; in den achtziger Jahren war es ein Viertel. Im übrigen Europa lächelt man darüber, dass sich die Italiener ewig bemuttern lassen. Die jungen Leute bleiben aber vor allem deshalb so lange zu Hause, weil sogar ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft für sie zu teuer ist.« 60 Prozent der Italiener unterstützen ihre erwachsenen Kinder finanziell, berichtet eine Studie.
Spalinger illustriert das dann in ihrem Artikel anhand einiger ganz konkreter Menschen.

Aus Angst vor einer Wirtschaftskrise halten die Zentralbanken die Zinsen niedrig. Doch genau damit schaffen sie erst die Voraussetzungen für den nächsten Crash und den Aufstieg von Populisten - meint zumindest der in Leipzig lehrenden Ökonom Gunther Schnabl. Und das Interview mit ihm ist so überschrieben, dass man zweimal hinschauen muss: "Die Geldpolitik macht den Kapitalismus kaputt". Hört man doch ansonsten eher den Hinweis darauf, dass die Geldpolitik die kapitalistischen Kohlen aus dem Feuer holen müsse.

Schnabel hat es mit Blasen. Das ist auch biografisch bedingt - am Anfang seiner Laufbahn als Ökonom hat er sich mit einer solchen beschäftigt, konkret mit der in Japan, »wo sich zwischen 1985 und 1989 eine erste große Blase entwickelte. Japans Zentralbank hatte damals die Zinsen stark gesenkt. Das sollte eigentlich die Wirtschaft und das Wachstum beleben, beförderte aber die Bildung der Blase.«
Und die eine befeuert die andere: Das billige Geld der japanischen Zentralbank »wurde in andere Märkte umgeleitet. Nach dem Absturz des Nikkei 1990 haben viele japanische Banken Konzerne finanziert, die Anteil am Aufschwung Südostasiens nahmen. Die Kurse an der Börse in Malaysia verdoppelten sich ab 1992 innerhalb weniger Jahre. Dann kam der nächste Crash.«
1997 brachen in Malaysia, Südkorea, Indonesien und anderswo die Aktienkurse ein. Das Wachstum des Kreditvolumens lag im Schnitt acht bis zehn Prozent über dem der Gesamtwirtschaft. Das Geld floss in den Aufbau von Überkapazitäten in der Industrie, befeuerte aber auch einen Boom an den Börsen und den Immobilienmärkten.

Nach der Asienkrise zogen viele Anleger ihr Kapital wieder ab und verlagerten es in vermeintlich sichere Häfen wie den USA. Dort wurden die Zinsen gesenkt - das wiederum befeuerte die Dotcom-Blase, die im März 2000 platzte - und noch weitere Zinssenkungen auslöste. Die Geschichte geht nach Schnabl munter weiter: »Danach kamen die Übertreibungen am US-Immobilienmarkt, im Süden der Eurozone und auf den Rohstoffmärkten.« Mit dieser Folge: »Wir haben es mit einer Kette wandernder Blasen zu tun, die von der Geldpolitik getrieben werden. Die neue Blase bildet sich nie dort, wo zuvor die alte geplatzt ist.«

Und auch die Regulierung als Antwort auf Krisen hechelt der Entwicklung hinterher. Die Banken seien heute wesentlich stärker reguliert (man ist versucht zu ergänzen noch), und dafür sehen wir: »Heute finden die Feuerwerke woanders statt: Der Dax hat seit seinem Tiefpunkt 2009 220 Prozent zugelegt, obwohl die Realwirtschaft im gleichen Zeitraum gerade einmal um 14 Prozent gewachsen ist.«
An dieser Stelle adressiert Schnabl einen konkreten Vorwurf an die Politik des billigen Geldes seitens der EZB: »Viele Anleger agieren nur deshalb so kühn, weil sie völlig zu Recht davon ausgehen, dass die Zentralbanken im Falle eines Crashs die schlimmsten Folgen abfedern werden.«

Das habe Verteilungsfolgen, die man nicht unterschätzen sollte - und er wird hier auch persönlich: »Die ohnehin bereits Vermögenden gewinnen, weil sie Aktien haben oder Immobilien. Wer ärmer ist oder jung, verliert. Ein Beispiel: Ich habe mir 2008 in Leipzig eine Wohnung gekauft, für 1.900 Euro pro Quadratmeter. Heute liegen die Preise bei 3.700 Euro.«

Sein Fazit: »Die Verteilungseffekte dieser Geldpolitik befördern die aktuelle politische Radikalisierung. Es entstehen große Gruppen extrem unzufriedener Bürger. Diesen Menschen ist nicht bewusst, was die Gründe für ihre Misere sind, aber ihre Stimmung wird immer gereizter. Das ist Nährboden für populistische Strömungen.«

Foto: © Andrea Damm / pixelio.de

Sell, Stefan (2017): Die Griechen, klar. Aber vielen Italienern geht es auch nicht gut. Und die Geldpolitik macht angeblich den Kapitalismus kaputt, Aktuelle Wirtschaftspresse, 12.02.2017