Mittwoch, 15. Februar 2017

Die Kriminalität der weißen Kragen und die Schleuser als Beispiel für die kriminelle Ökonomik der Margen

Es sollte mittlerweile bekannt sein, wie hilfreich der Blick in die Geschichte der Ideen und Theorien sein kann, um heutigen Phänomenen auf den Grund zu gehen. Beispielsweise diese Frage, ob das immer schlimmer wird mit der Wirtschaftskriminalität. Jürgen Kaube hat das getan in seinem Beitrag Gangster mit gebügelten Hemden, der mit dieser zentralen These aufmacht: Globale Konzerne haben einen neuen Typus von Verbrechern produziert. Die Täter sind kaum zu fassen. Um die zu belegen, schaut Kaube weit zurück: »Der Soziologe Edwin Sutherland dagegen ist heute nicht mehr sehr bekannt. Das war mal anders. In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts lehrte er in Chicago und hatte es nicht weit zu seinem Forschungsgegenstand, der Kriminalität. Sein Buch „The Professional Thief“ von 1939 war die erste Untersuchung, in der Verbrechen als Beruf behandelt wurde ... Im selben Jahr 1939 hielt Sutherland einen Vortrag über das, was er als erster „White Collar Crime“ nannte, Kriminalität von Leuten mit weißem Kragen.« Im Unterschied zu Verbrechen als Beruf war und ist „White-Collar Crime“ mit Verbrechen im Beruf assoziiert - und zwar in eigentlich hochangesehenen Berufen. Für Sutherland, so Kaube, waren diese Verbrechen schon deshalb interessant, weil übliche Erklärungen für Delinquenz wie Armut, schwere Jugend, Leben in schlechter Gesellschaft hier nicht oder kaum in Anschlag gebracht werden konnten. Und weil es sich um eine Kriminalität handelt, die nur im Kontext von Organisationen möglich ist.

Das hat sich Kaube nicht selbst ausgedacht, sondern er nimmt Bezug auf eine Arbeit aus dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln:
Arjan Reurink (2016): From Elite Lawbreaking to Financial Crime: The Evolution of the Concept of White-Collar Crime. MPIfG Discussion Paper 16/10, Cologne: Max Planck Institute for the Study of Societies, September 2016
Natürlich taucht hier die Finanzindustrie auch auf, die uns in den vergangenen Jahren so beschäftigt hat. Dazu Kaube in seinem Artikel: 
»Eine neue Dimension erkennen die Rechtssoziologen in Straftaten, die im Finanzsektor begangen werden. Nicht nur der immensen Summen wegen, um die es dabei geht, sondern vor allem der immensen Komplexität halber, die hier jeder Tatbestand besitzt. Schon dem Gesetzgeber kann angesichts der Möglichkeiten global operierenden Betrugs der Schweiß auf die Stirn treten, und für die Judikative gilt nichts anderes. Durch grenzüberschreitende Aktivitäten, schwer erschließbare Rechtslagen, komplexe Unternehmensstrukturen und Eigentumsverhältnisse sowie durch Finanzmarktinstrumente, die keiner mehr auf Anhieb versteht, wurde eine Unübersichtlichkeit geschaffen, die Versuche, sie kriminell auszunutzen, förmlich erzeugt. Schlecht beleuchtete Nebenstraßen sind nichts dagegen.«
Hier sei - in Analogie zur gängigen "Unterwelt" - gleichsam eine "Überwelt" entstanden. Und die verspricht, was der Ökonom kennt: Renditen, von denen man in anderen, legalen Bereichen nur träumen kann.

Damit wären wir bereits bei den Schleusern angekommen, die man ja - folgt man den öffentlichen Verlautbarungen - ganz radikal bekämpfen möchte. Aber auch deren Existenz folgt ökonomischen Gesetzmäßigkeiten und die haben erneut was mit Renditen zu tun, die man aus dem eigenen Handeln ziehen kann. Schlepper-Netzwerke machen enorme Profite. Der Handel mit Flüchtlingen ist so attraktiv, dass organisierte Verbrecherbanden das Geschäft kapern: Die Mafia mischt mit im Schleuser-Geschäft, so hat Ulrike Scheffer ihren Artikel überschrieben.
So bekommt die italienische Küstenwache nicht nur Anrufe aus Deutschland mit dem Hinweis auf in Seenot befindliche Flüchtlingsboote, sondern auch von diesem selbst:
»Manchmal drücken die Schleuser ... einem der Bootsinsassen ein Satellitentelefon in die Hand, in dem die Telefonnummer der Küstenwache eingespeichert ist. Schließlich wissen die Schlepper ganz genau, dass ihre Schlauchboote die Überfahrt nach Italien nicht schaffen würden. Der Anruf bei der Küstenwache gehört praktisch zum Service professionell organisierter Schlepper, die ihre Dienste ganz offen auf Facebook anbieten.«
Gute Organisation und gute Vernetzung - diese betriebswirtschaftlichen Erfolgsfaktoren gelten für das Schleuser-Business: »Auch über die sogenannte Balkanroute dirigieren kriminelle Banden nach wie vor tausende Flüchtlinge, wie die Bilder der vergangenen Wochen aus Serbien belegen. Das Balkanland ist laut Europol Zentrum der Schleppermafia in der Region. Seit die Grenzen der Balkanstaaten für Flüchtlinge offiziell geschlossen sind, organisieren kriminelle Gruppen von hier aus Schleusungen per Zug oder Lkw nach Österreich und Deutschland.« Serbiens Nachbarland Kosovo hat sich zu einer Art Umschlagplatz für minderjährige Flüchtlinge entwickelt.
Und wir haben es mit einer Art multinationalen Unternehmen zu tun:
»In Griechenland wiederum wurde kürzlich eine Fälscherbande ausgehoben, die Asylbescheide, Pässe und Aufenthaltsgenehmigungen verkaufte. Teile der Gruppe waren auch in Tschechien aktiv. Die Mitglieder stammten aus dem Sudan und Bangladesch – ein Beleg dafür, dass die Netzwerke global aufgestellt sind.«
Das Geschäft mit den Flüchtlingen ist so einträglich, dass auch Drogenkartelle und andere organisierte Banden mitmischen wollen. „Sie kapern das Geschäft regelrecht“, so wird Michael Rauschenbach zitiert, der bei Europol die Abteilung für schwere Verbrechen und Organisierte Kriminalität leitet.

Insgesamt sollen Menschenschmuggler jährlich rund vier bis sechs Milliarden Euro mit Schleusungen in die EU verdienen. Die Preise für eine Schleusung seien kontinuierlich gestiegen. „Während früher der ganze Trip von Afrika nach Europa zwischen 3.000 und 5.000 Euro kostete, wird dies heute teilweise schon für eine einzelne Etappe verlangt.“

Die EU erscheint machtlos: »Faktisch konnten in den vergangenen Jahren auf dem Mittelmeer ... nur 655 Schlepper gestellt werden. In Serbien oder dem Kosovo gehen die Behörden ohnehin nur zögerlich gegen Schlepper vor. Schließlich verdienten dort viele gut am Elend der Flüchtlinge.«

Und das hat im Mittelmeer im wahrsten albtraumhaften Sinne des Wortes tödliche Konsequenzen:
»Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind 2016 etwa 4400 Menschen auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute zwischen Nordafrika und Italien ertrunken. 2015 waren es knapp 3000. Hauptgrund dafür ist die schlechte Qualität der Boote, auf denen die Schleuser die Flüchtlinge auf die Reise schicken. Von Ägypten aus starten meist klapprige Fischkutter aus Holz mit vielen Hundert Menschen an Bord.«
Und es ist eine humanitäre Pflicht und Schuldigkeit, den Menschen zu helfen, um sie vor dem Ertrinken zu bewahren. Ökonomisch gesehen - so bitter das klingt - hat das aber fatale Konsequenzen, die sich aus den dadurch ausgelösten Anreizen ergeben:
»In Libyen, wo Schätzungen zufolge derzeit rund 300 000 Menschen auf eine Überfahrt warten, sind die Schleuser auf Schlauchboote umgestiegen. Das Material dafür lassen sie sich aus China liefern. In kleinen Werkstätten hinter der libyschen Küste werden die Planen zusammengeschweißt und mit einem provisorisch zusammengezimmerten Holzboden versehen. Allerdings wird immer dünneres Plastik verarbeitet, und meist haben die Boote nur ein oder zwei Luftkammern. Ein kleines Loch führt da unweigerlich zur Katastrophe. Innerhalb weniger Minuten geht das Boot unter. Die Schleuser setzen offensichtlich darauf, dass die Retter nicht weit sind.« 

Foto: Pixabay

Sell, Stefan (2017): Die Kriminalität der weißen Kragen und die Schleuser als Beispiel für die kriminelle Ökonomik der Margen, Aktuelle Wirtschaftspresse, 15.02.2017