Montag, 6. Februar 2017

Faule Kredite, dünne Kapitaldecken und Deregulierung. IMK-Studie zur Finanzmarkt-Stabilität

Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat den IMK Finanzmarkt-Stabilitätsreport 2016 veröffentlicht. Er trägt den Untertitel "Regulatorischen Fortschritt weiterentwickeln".
»Die Finanzmarktrisiken in Deutschland sind zwischen Januar 2016 und Januar 2017 etwas gesunken. Allerdings bleiben sie im langfristigen Vergleich relativ hoch und könnten in diesem Jahr wieder steigen«, kann man der Pressemitteilung zur neuen Studie entnehmen. Da werden einige an den deutschen Immobilienmarkt denken, aber: Eine akute Blasenbildung bei den Preisen und insbesondere bei den Krediten sehen die IMK-Wissenschaftler derzeit noch nicht. Die Risiken liegen nach Wahrnehmung des IMK ganz woanders: »Größer sind laut IMK die Risiken im Bankensektor: Die Kapitaldecke wichtiger deutscher Geldhäuser ist nach wie vor dünn. Um die Eigenkapitalbasis weiter zu stärken, empfehlen die Forscher betroffenen Banken, in den kommenden Jahren keine Dividenden auszuschütten und die Gehälter für Management und handelsnahe Bereiche vorerst nicht weiter zu erhöhen. In europäischen Nachbarländern sitzen viele Banken auf faulen Krediten. Hinzu kommen eine Renaissance gefährlicher Finanzinstrumente, hohe Unternehmensschulden in China und die Aussicht auf eine Deregulierung unter dem neuen US-Präsidenten.«

An erster Stelle werden die "faulen Kredite" als Risiko benannt:
»In den Bilanzen europäischer Banken stecken zu viele notleidende Kredite. Als notleidend werden Kredite eingestuft, bei denen Kreditnehmer mit der Rückzahlung mehr als 90 Tage im Verzug sind. Dies trifft auf sieben Prozent der Forderungen in den Büchern europäischer Banken zu. Das Volumen fauler Kredite im Euroraum beträgt etwa eine Billion Euro – ein Drittel davon entfällt auf italienische Institute. Dies hemmt die Kreditvergabe an die Realwirtschaft. Zudem besteht im Falle einzelner Banken hoher Sanierungsbedarf. Hiervon wären auch viele private Sparer betroffen. Eine Auslagerung der Risiken auf staatlich garantierte Vermögensgesellschaften (Bad Banks) oder Gesellschaften mit Beteiligung privater Investoren könnte die Situation entspannen, erklären die IMK-Forscher.«

Nun könnte man an dieser Stelle einwerfen, dass das speziell für die deutschen Banken kein Problem sei, denn bei ihnen ist der Anteil notleidender Kredite gering. Dafür identifiziert das IMK hier ein anderes Problem - eine dünne Kapitaldecke: »Deutsche Großbanken gehören zu den Instituten in Europa, die im Falle gravierender Finanzmarktturbulenzen die größten Kapitallücken hätten. Die IMK-Experten fordern, die Eigenkapitalanforderungen für europäische Banken weiter zu verschärfen. Das IMK rät, nicht nur auf die risikogewichteten Aktiva zu schauen, sondern auch auf das haftende Eigenkapital relativ zu den gesamten Aktiva der jeweiligen Bank. Wichtig ist in beiden Fällen eine möglichst vollständige Erfassung der Aktiva.«

Und für jeden, der sich mit der Entstehungsgeschichte der großen Finanzkrise 2007/08 auseinandergesetzt hat, besonders beunruhigend ist der dritte Risikobereich: Fragwürdige Finanzmarktinstrumente erleben ein Comeback. Die von der EU-Kommission geplante Kapitalmarktunion - die eigentlich die Finanzmärkte sicherer machen soll - »sieht die Schaffung eines europaweiten Marktes für verbriefte Kredite vor. Ziel ist es, den Banken zu ermöglichen, Kreditrisiken mithilfe von Verbriefungen auszulagern.« Bei einer Verbriefung werden Forderungen, zum Beispiel Bankdarlehen, in Wertpapiere verpackt und anschließend an Investoren verkauft - wir wissen heute um die Rolle und Bedeutung dieser "Wertpapiere" für die Monster-Blase, die zum Crash geführt hat. Völlig zu Recht erheben die IMK-Wissenschaftler hier zwei wichtige Einwände:
»Erstens sei die Kreditversorgung derzeit gar nicht das größte Problem der Unternehmen. Vielmehr halte sie die mangelnde Nachfrage und hohe Unsicherheit vom Investieren ab. Zweitens gingen von Verbriefungen neue Gefahren aus. Es sei zwar richtig, dass das Risiko eines einzelnen Portfolios durch breite Streuung gesenkt werden könne. Dadurch verringere sich aber nicht das Gesamtrisiko des Finanzsystems. Durch eine stärkere Vernetzung der Finanzmarktakteure könnten die systemischen Risiken sogar steigen.«
Und ein weiteres heißes Eisen wird im IMK-Report angesprochen: Die Staatsanleihen innerhalb des Euro-Raums. Hier positioniert sich das IMK deutlich: Die Staatsanleihen der Eurostaaten sind aus Sicht der Finanzmarktteilnehmer keine „sicheren Wertaufbewahrungsmittel“ und erhöhen dadurch die Risiken für die Finanzmarktstabilität - und hier erkennt das IMK einen zentralen Konstruktionsfehler der Euro-Zone: »Wenn Investoren stets die Umschuldung von Staatsanleihen oder den Austritt einzelner Staaten aus der Währungsunion befürchten müssen, könne kein Vertrauen im Euroraum entstehen.« Die IMK-Forderung: »Die Rückzahlung von Anleihen der Euroländer müsse in jedem Fall garantiert, ein Schuldenschnitt ausgeschlossen sein – so wie bei US-Staatsanleihen, die Anlegern als „sicherer Hafen“ in Krisenzeiten dienen.«

Und China darf in einem solchen Report nicht fehlen - hier sieht das IMK ein fünftes Risiko: Chinas Unternehmen sind überschuldet. »Die Verschuldung der Firmen entspricht etwa 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – mehr als in jedem anderen großen Wirtschaftsraum. Eine Ursache: Die geldpolitischen Stützungsmaßnahmen 2015 zur Abschwächung der Folgen des Strukturwandels haben in einigen Branchen eine deutliche Ausweitung der Verschuldung ermöglicht. Besonders hoch verschuldet sind Unternehmen aus dem Bausektor, außerdem Bergbau-, Versorgungs- und Stahlkonzerne. Die Mehrzahl der betroffenen Unternehmen befindet sich im Eigentum des Staates« - und daraus könnte angesichts der mittlerweile gegebenen globalen Vernetzungen eine Gefahr für die Weltwirtschaft resultieren.

Und last but not least darf natürlich auch Donald Trump nicht fehlen als eigenständiger Risikofaktor - in vielerlei Hinsicht, wie wir gerade zu spüren bekommen, aber auch ganz speziell bezogen auf die Finanzmärkte: Unter Trump droht Deregulierung. Und zwar eine hoch riskante Deregulierung. »Sollten die USA tatsächlich einen Deregulierungskurs einschlagen, würde sich dies auch im Rest der Welt auswirken. Vorschriften, die die internationalen Finanzmärkte weniger krisenanfällig machen sollen, so wie im Regelwerk Basel III vorgesehen, ließen sich ohne Unterstützung der USA nur schwer umsetzen.«
Was genau in diesem Bereich geplant ist und wie man das einordnen muss, dazu auch schon der Beitrag Die Ketten der Regulierung sprengen. Die Banken in den USA und Donald Trump vom 3. Februar 2017 in diesem Blog.

Foto: © Andreas Hermsdorf / pixelio.de

Sell, Stefan (2017): Faule Kredite, dünne Kapitaldecken und Deregulierung. IMK-Studie zur Finanzmarkt-Stabilität, Aktuelle Wirtschaftspresse, 06.02.2017