Montag, 13. Februar 2017

Kitschiger Kommerz an einem ehemaligen Gedenktag für einen enthaupteten Märtyrer. Auf alle Fälle gut für die Importseite der deutschen Außenhandelsbilanz. Der Valentinstag und die Rosen

Am morgigen Dienstag ist es wieder soweit: Die Blumenläden in Deutschland werden frohlocken, denn am 14. Februar wird der Valentinstag inszeniert, der in einigen Ländern als Tag der Liebenden gilt. Der Ursprung war wohl ein katholischer Gedenktag für einen enthaupteten Märtyrer, was zur morbiden Traditionslinie der Kirche passt. Dieser Erinnerungstag wurde von Papst Gelasius I. im Jahr 469 für die ganze Kirche eingeführt, 1969 jedoch aus dem römischen Generalkalender wieder gestrichen. Auch wenn der Valentinstag also einen blutig-nachdenklichen Ursprung hatte - heute ist er wie fast alles in unserem Leben durchkommerzialisiert. Und die Schnittblumenwirtschaft hat den Tag immer noch fest im Griff, obgleich andere Quellen darauf hinweisen, dass sich das Spektrum dessen, was an diesem Tag so verschenkt wird, erweitert bzw. diversifiziert, wie die Ökonomen sagen würden.

Die Blumen stehen immer noch an erster Stelle dessen, was nach einer neuen Studie am Valentinstag verschenkt werden soll - 61 Prozent geben diese Produktgruppe an. Offensichtlich haben wir zumindest auf der Antwortebene eine Menge Romantiker, denn auf Platz 2 kommt bereits das Candlelight Dinner, das von 50 Prozent genannt wird. Und die Pluralisierung unserer Gesellschaft kann man auch daran erkennen, dass immerhin 12 Prozent ein ganz eigenes Verständnis vom Tag der Liebenden haben und Dessous und Sex Toys verschenken wollen.

Aber bleiben wir bei den Schnittblumen und dabei vor allem den Rosen, die am Valentinstag eine immer noch so große Rolle spielen. Für das Jahr 2012 wurde berichtet, dass über 1,2 Milliarden Rosen nach Deutschland importiert wurden, 74,9 Prozent davon kamen aus den Niederlanden in die Bundesrepublik, auf dem zweiten Rank der Exporteure folgt mit großem Abstand und 15,4 Prozent direkt aus Kenia. Wobei der hohe Wert der Niederlande jedoch nicht bedeutet, dass alle der Rosen aus dem westlichen Nachbarland Deutschlands auch wirklich in den Niederlanden gezüchtet wurden. Das Land dient traditionell als Umschlagplatz für Blumen aus aller Welt. Und viele, sehr viele Rosen kommen aus Afrika.

Und dann wird man mit so einer Nachricht konfrontiert: »Der Valentinstag rückt näher - das bekommt auch die Lufthansa zu spüren. Für den Valentinstag werden etwa 1000 Tonnen Rosen oder rund 20 Millionen Stück in Lufthansa-Frachtfliegern nach Europa gebracht.« Und weiter erfahren wir in dem Artikel Lufthansa fliegt rund 20 Millionen Rosen nach Europa: »Dabei würden die Blumen aus den Herkunftsländern - meist Kenia sowie südamerikanische Staaten - nach Frankfurt am Main transportiert und von dort aus weiterverteilt, erklärte Lufthansa Cargo. Wegen der hohen Nachfrage zum Valentinstag werde der reguläre Flugplan mit Charterflügen aufgestockt, dieses Jahr mit Verbindungen von Quito in Ecuador und von Nairobi in Kenia.«
Doch, das kann man beispielsweise angesichts des ökologischen Fußabdrucks der ganzen Sache als äußerst fragwürdig, je nach Temperament auch als einfach nur obszön bezeichnen. Rosen mit dem Flieger aus armen afrikanischen Ländern einfliegen lassen, damit wir hier dann auch beim Discounter zum gewohnten Sparpreis ein paar Blümchen als Liebesbeweis erwerben können.

Natürlich, die halbseitig-kognitiv argumentierenden Ökonomen werden sofort einwenden, dass man aber bedenken müsse, dass es den Menschen beispielsweise in Kenia viel schlechter gehen würde, wenn wir jetzt auf den Kauf der importierten Rosen verzichten, denn dann geht ihnen ja das Geschäft verloren (ein vergleichbares Argumentationsmuster kann man natürlich wahlweise auf Näherinnen in den südostasiatischen Schwitzbunden der Zulieferer für die Textilkonzerne oder auch auf die Kinderarbeit in Indien oder wo auch immer anwenden, das kann überaus praktisch sein für Diskussionsrunden hier bei uns).

Und ja - das muss jetzt als Gegengewicht auch sein: »Damit in Deutschland genug frische Blumen in die Läden kommen, schuften Arbeiter in Afrika für mickrige Löhne. Wer gegen schlechte Arbeitsbedingungen protestiert, wird einfach entlassen«, berichtet Caspar Dohmen in seinem Artikel Ausgebeutet in der Rosenfabrik. Er erzählt uns von Igal Elfezouaty aus Kenia.
»Ende der 1990er Jahre gründete der amerikanische Staatsbürger mit kenianischen Wurzeln das Unternehmen Panda Flowers. Für ihn ernten hier 883 Arbeiter auf 40 Hektar jährlich 75 Millionen Stängel Rosen, wie es im Blumenjargon heißt. Elfezouaty war nicht der einzige Unternehmer und Kenia ist nicht das einzige Land, das von der Verlagerung der Blumenproduktion aus dem Norden in den Süden profitierte, die in den 1980er Jahren einsetzte. Zunächst zog es Investoren in die beiden lateinamerikanischen Länder Kolumbien und Ecuador, später entdeckten sie dann die Staaten der Subsahara vor allem für den europäischen Markt. Seit den frühen 2000er Jahren stieg der Anteil der Region an der globalen Blumenproduktion von jährlich fünf auf 13 bis 17 Prozent. Hauptproduzent ist hier Kenia, aber auch in Tansania und Uganda gibt es diverse Farmen. Vergleichsweise neu im Geschäft ist Äthiopien.«
Aber der internationale Wettbewerb in diesem Business ist hart - und das hat auch was zu tun mit Veränderungen in der Logistik:
»Verschärft wird der Wettbewerb zwischen den verbliebenen Produktionsstandorten im Norden und Süden durch Veränderungen beim Transport. Aufgrund des technischen Fortschrittes können immer mehr Blumen mit dem Schiff statt dem Flugzeug transportiert werden. Vom Blumen-Transport per Container profitieren die Niedrig-Lohn-Standorte.«
Zucht, Anbau und der Verkauf von gewöhnlichen Schnittblumen wie Rosen sind fabrikmäßig durchorganisiert. Die Margen für die Blumenproduzenten sind gesunken. Härtester Konkurrent für Kenia ist mittlerweile der Nachbar Äthiopien. Die dortige Regierung lockt mit Subventionen.
Natürlich hat der Blumenboom erhebliche Nebenwirkungen. Aus Kenia wird berichtet: Der See und das Grundwasser waren zwischenzeitlich gefährdet, wegen der hemmungslosen Wasserentnahme der Farmer, die gleichzeitig Böden und Wasser durch Pestizide vergifteten.

Und natürlich die Arbeitsbedingungen: "Je geringer die Löhne, desto besser", so wird die Position der Mehrheit der Blumenfarmer markiert.
»Immer wieder kommt es zu wilden Streiks unzufriedener Arbeiter, wie bei Twiga Roses, wo tausend Arbeiter gegen unfaire Löhne, miserable Wohnverhältnisse und dem mangelhaften Gesundheitsschutz protestierten. Danach wurden sie gefeuert«, berichtet Caspar Dohmen in seinem Artikel.
Rosen sind mit Abstand Kenias wichtigstes Exportgut – nach Schätzungen hängen 50.000 Arbeitsplätze von ihrem Anbau ab. Natürlich gibt es bei einer Minderheit der Produzenten auch positive Entwicklungen: Auf wenn Rosen Kenias wichtigstes Exportgut sind, ist der industrielle Anbau von Schnittblumen umstritten. »Die Oserian-Farm am Lake Naivasha zeigt, wie Natürschützer und Produzenten profitieren können«,  so Christian Palm in seinem Artikel Die Reise der Rosen. Und schon 2012 hatte Philipp Neumann in seinem Artikel Das große Geschäft mit der Rosenzucht in Ostafrika einen Fair Trade-Ansatz in Kenia aufgezeigt. Aber das sind leider alles überschaubare Initiativen.
Ebenfalls seit langem wird immer wieder mal über die Konsequenzen für die betroffenen Arbeitnehmer berichtet, so im August 2011 im deutschen Politikmagazin Panorama: Billig-Rosen: Afrikaner zahlen mit ihrer Gesundheit. Über den damaligen Bericht hieß es: »Bei unserem Besuch auf der Rosenfarm können wir filmen, wie Chemikalien gesprüht werden, während daneben ungeschützt weiter gepflückt wird.  Auch die Sprüher selbst sind offenbar völlig unzureichend geschützt: Arbeiter zeigen uns die einfachen Regenjacken, die sie als Schutz gegen Pestizide überziehen. Sie sind die Verlierer im blühenden Geschäft mit Billig-Rosen. Doch solange Kunden die Blumen kaufen, haben die betroffenen Discounter keine Sorgen. Die Arbeiter in Kenia sind schließlich weit genug weg.«

So ist das. Aber wir haben ja Wahlfreiheit. Man kann ja auch am Valentinstag was anderes machen, als kenianische Rosen zu verschenken, weil das andere auch irgendwie machen. Obwohl volkswirtschaftlich, also nicht menschlich gesehen, ist das ein schlechter Rat, wo wir doch gerade international am Pranger stehen, dass wir zu wenig importieren und zu viel exportieren. Da muss man dann schon überlegen, ob man der Welt nicht was zurückgeben will, in dem man Rosen aus Afrika kauft.

Foto: Pixabay

Nachtrag: Am 14.02.2017 wurde dieser Artikel passend zum Thema veröffentlicht: Valentinsgrüße aus dem fernen Kenia von Johannes Dieterich. Aus Kenia »werden fast 150.000 Tonnen Schnittblumen pro Jahr in alle Welt exportiert. 70 Prozent aller in europäischen Supermärkten verkauften Rosen kommen aus Kenia. Die ostafrikanischen Blumenbauern setzen jährlich mehr als 560 Millionen Euro um: neben Tee und Tourismus der größte Devisenbringer des Schwellenstaats. Von der Blumenindustrie hängen mehr als 500.000 Kenianer ab – mehr als zehnmal so viel wie von der Textilherstellung. Was Kenia außer seinem milden Wetter und seinen fruchtbaren vulkanischen Böden zum perfekten Blumenlieferanten macht, ist sein Flughafen und die täglichen KLM-Linienflüge nach Amsterdam: Zwei Drittel der kenianischen Ernte landen zunächst in Schiphol. Von dort wird die Fracht zum Auktionsmarkt nach Aalsmeer gebracht, in das mit einer halben Million Quadratmeter Fläche zweitgrößte Gebäude der Welt. In einer Durchschnittswoche schlagen die Aalsmeerer Blumenhändler 50 Millionen Schnittpflanzen um, am Valentinstag sind es 100 Millionen ... Zu Problemen kommt es inzwischen allerdings am Naivasha-See, an dem sich die Hälfte aller 127 großen Blumenbauern des Landes niedergelassen hat. Fachleute klagen, dass die Bewässerung der Gewächshäuser und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln den See und seine mehr als 400 Arten umfassende Vogelwelt bis zur Grenze der Belastbarkeit strapazieren ... "Die stinkende Wahrheit ihrer wunderschönen Valentinstagsrosen", titelte der britische Telegraph dazu.«

Sell, Stefan (2017): Kitschiger Kommerz an einem ehemaligen Gedenktag für einen enthaupteten Märtyrer. Auf alle Fälle gut für die Importseite der deutschen Außenhandelsbilanz. Der Valentinstag und die Rosen, Aktuelle Wirtschaftspresse, 13.02.2017