Donnerstag, 2. Februar 2017

Wieder einmal Export-Weltmeister, aber auf dem Thron wird man Zielscheibe der Trumponomics, vor allem, wenn man den Euro hat

Das sind doch mal auf den ersten Blick positiv daherkommende Nachrichten: Deutschland ist Exportüberschuss-Weltmeister: »Deutschland hat China nach Berechnungen des Ifo-Instituts 2016 als Land mit dem weltgrößten Exportüberschuss abgelöst.« "Die Leistungsbilanz weist voraussichtlich ein Plus von 297 Milliarden Dollar auf", wird Ifo-Experte Christian Grimme zitiert. Die Volksrepublik China kommt demnach auf den zweiten Rang mit einem Überschuss von 245 Milliarden Dollar. 2015 war die Reihenfolge noch umgekehrt. Aber dann erfahren wir auch das, von der anderen Seite der Medaille, denn wo es Überschüsse gibt, da muss es auch andere mit Defiziten geben: »Das größte Defizit weisen dem Münchner Ifo-Institut zufolge die USA auf: Es summiert sich hier auf voraussichtlich 478 Milliarden Dollar.« "Das bedeutet, dass die USA deutlich mehr verbrauchen als produzieren und sich im Ausland verschulden", so wird der Ökonom vom Ifo-Institut zitiert.
An dieser Stelle wird nun der eine oder andere zucken, denn das verheißt grundsätzlich, aber in diesen Tagen vor allem nichts Gutes. »Die Zahlen sind Wasser auf die Mühlen von Donald Trump und dürften die Kritik am deutschen Wirtschaftsmodell wieder befeuern«, so auch der Artikel mit der scheinbaren Jubelmeldung. Um es gleich voran zu stellen: Diese Ungleichgewichte werden nicht nur von den USA kritisiert: So macht der Exportüberschuss nach den neuesten Schätzungen 8,6 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus, während die EU-Kommission bereits Werte von dauerhaft mehr als sechs Prozent als stabilitätsgefährdend einstuft. Deutschland reißt diese Hürde seit Jahren.

Die Überschüsse in der deutschen Leistungsbilanz gehen zurück auf den Exportüberschuss der deutschen Volkswirtschaft. Und spiegelbildlich: Das enorme Defizit in der US-Leistungsbilanz geht ebenfalls vorrangig auf den Warenhandel zurück. Er sei insbesondere mit Asien "stark defizitär", wird Christian Grimme zitiert. "Aber auch gegenüber dem Euro-Raum ist der Saldo negativ. Dabei erklärt sich die Hälfte des Defizits gegenüber dem Euro-Raum durch den Nettoimport aus Deutschland."

Da kann das hier nicht überraschen: Trump-Berater wirft Deutschland Ausbeutung vor: »Nach Mexiko und China attackiert die US-Regierung zunehmend Deutschland: Der schwache Euro sei "Ausbeutung".« Trump’s trade advis​​er says Germany uses euro to 'exploit' US and EU, so ist ein anderer Artikel überschrieben: Und bei beiden geht es um Peter Navarro, dem Vorsitzenden des neu geschaffenen White House National Trade Council: »Donald Trump’s top trade adviser has hit out at Germany and accused the country of gaining an unfair trade advantage from the “grossly undervalued” euro.« Und weiter: »Germany “continues to exploit other countries in the EU as well as the US with an ‘implicit Deutsche Mark’ that is grossly undervalued”, he said.«
Deutschland profitiere also von einer "extrem unterbewerteten 'impliziten Deutschen Mark'".
Zur Person Peter Navarro vgl. auch das von Winand von Petersdorff verfasste Porträt  Der Nationalökonom im Weißen Haus: »Peter Navarro hat das Ohr des Präsidenten und erschreckt die Welt mit seinen Handelstheorien.« Düstere Polemik aus neo-merkantilistischer Perspektive dominierte eindeutig in Navarros Dokumentarfilm „Death by China“, der Trumps Aufmerksamkeit fand. Von dem neuen Präsidenten heißt es, dass er nicht viel liest. Aber den Film hat er offenbar gesehen und einen werbenden Klappentext verfasst, berichtet Wienand von Petersdorff in seinem Artikel. »Navarros Position wird aktuell zusätzlich gefestigt durch die bemerkenswerte Tatsache, dass Trump bisher noch keinen Chef des Rats der ökonomischen Berater CEA ernannt hat als Nachfolger von Jason Furman. Große Figuren wie Joseph Stiglitz,  Alan Krueger, Christine Romer und Greg Mankiw hatten diesen Posten bekleidet, der nun vakant ist. Das Gremium hat eigentlich den Auftrag, den Präsidenten mit wissenschaftlichen Analysen zu beraten. Nun gibt es Hinweise, Donald Trump könnte auf die Besetzung des Postens verzichten, und damit en passant verhindern, dass Navarros Positionen im eigenen Haus wissenschaftliche Durchleuchtung erfahren.« Und wirft man einen Blick auf die Website des Council of Economic Advisers (CEA), dann kommt derzeit tatsächlich die Meldung "Page Unavailable" und man solle gerne mal wieder vorbeischauen. Zurück zum Währungsthema: Die »von Navarro noch im September publizierte implizite Aussage, China manipuliere die Währung nach unten, scheint nicht auf der Höhe der Zeit, angesichts der Versuche der chinesischen Zentralbank, die Währung zu stärken.«
Winand von Petersdoff und Philip Plickert haben sich in einem anderen Artikel auch zu den aktuellen Vorwürfen von Navarro an Deutschland und den Euro zu Wort gemeldet: Die Taktiererei mit den Handelsbilanzen, so ist der überschrieben. Mit Blick auf die bereits zitierten Aussagen von Navarro meinen die beiden: »Ökonomen mögen die Stirn runzeln. Doch so exotisch ist Trumps Sichtweise nicht. Sie findet ihre Entsprechung in Deutschland, wo die Regierung ihren Stolz über Exportüberschüsse kaum verhehlen kann.« Und sie führen weiter aus:
»Exportweltmeister Deutschland und Importweltmeister Vereinigte Staaten repräsentieren zwei Sonderwege in der Weltwirtschaft. Der deutsche Export - gemessen als Anteil am BIP - hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten so stark erhöht wie in kaum einem anderen Land der Welt. In den frühen neunziger Jahren betrug der Exportanteil nur etwas über 20 Prozent, inzwischen 47 Prozent, so die jüngste verfügbare Zahl von 2015.«
Stellt sich nun die Frage: »Ist ein positiver Saldo zwingend günstig und ein negativer Saldo zwingend schlecht? Nicht unbedingt, sagen Wirtschaftsforscher. „Der große Leistungsbilanzüberschuss ist mit einem Kapitalexport, einem Abfluss von Ersparnis verbunden“, sagt Handelsexperte Gabriel Felbermayr vom Münchner Ifo-Institut. Deutschland hat hohe Nettoexporte, es gibt den Abnehmerländern gleich die nötige Finanzierung mit dazu, um die Güter zu kaufen.«
Mit dem überschussbedingten Kapitalexport geht eine geringe Investitionsquote im Inland einher.

Aber was hat das nun mit dem Euro zu tun? Dass die deutschen Export- und Leistungsbilanzüberschüsse in den vergangenen Jahren so stark angeschwollen sind, liegt auch am Eurokurs, wird Roland Döhrn vom RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung zitiert. „Die Euro-Krise hat den Wechselkurs gedrückt, und damit ist der deutsche Außenhandelsüberschuss gewachsen.“
Und dass der Euro-Kurs nach unten gedrückt wurde, hat eben auch damit zu tun, dass wir es mit einer Art "Gemischtwaren-Währung" zu tun haben, neben starken Volkswirtschaften befinden sich unter dem Dach des Euro eben auch sehr schwache Ökonomien und der Wechselkurs bildet die gesamte Konfiguration der Euro-Zone ab.

Allerdings ist die These, Deutschland würde enorm profitieren von einem "unterbewerteten Euro" nur auf den ersten Blick eine schlüssige Erklärung. Darauf verweist Leonid Bershidsky  in seinem Artikel Actually, Germany Hates the Undervalued Euro:
»Germany clearly benefits within the euro zone from having a currency that is weaker than a stand-alone German currency would be. Other euro zone countries get, in exchange, interest rates that are much lower than they would otherwise have had, enabling their large public debts to be serviced at low cost. But the weak euro is a facile explanation for German export success. Germany's exports to Switzerland (the country's ninth-biggest trade partner) are helped by the weak euro, but Poland (Germany's eighth-biggest trading partner) has a currency that is far more undervalued relative to the dollar. So do Hungary, Turkey, Japan and South Korea -- all top-20 destinations for German exports. Few countries with overvalued currencies are represented in the top 20.« Und auch ein genauerer Blick auf das, was Deutschland in die USA vor allem exportieren, lohnt sich: »Cars are the biggest German export to the U.S., accounting for 22 percent of the total goods export volume. But nobody buys German cars because they undercut the competition on price. On average, Germany sells the most expensive cars of all major automobile-producing nations.« Verallgemeinernd kann man sagen: »In general, Germany's export structure is not geared toward price competition. The complex machinery, precision instruments and medications the country sells overseas aren't competitive because the euro is weak, but because they are often unique or because their producers' reputation, built over decades, draws buyers despite high prices.«
Schaut man auf die Abbildung am Anfang dieses Beitrags, kann man durchaus einen Zusammengang zwischen den deutschen Überschüssen und ihrer Ausprägung mit der Einführung des Euro erkennen.

Ist also was dran an den Vorwürfen, die über den großen Teich herüberschwammen? Trump sei Dank - der wahre Kern des Deutschland-Bashings, so hat Daniel Stelter seinen Beitrag bzw. seinen Kommentar dazu überschrieben. Seiner Meinung nach sollten wir Donald Trump und seiner Beraterriege dankbar sein: »Trump hilft, uns von einer Lebenslüge zu befreien: Dass wir als Exportriese und globaler Gläubiger eine wirtschaftliche Zukunft haben.«

Es war nur eine Frage der Zeit, bis uns die einseitige Exportfokussierung auf die Füße fällt, so Stelter. Seiner Meinung nach erreichen wir jetzt den Punkt, an dem wir merken, »dass wir in einer Wohlstandsillusion leben und in Wirklichkeit unsere Exporte und damit die gute Konjunktur mit eigenem Geld bezahlt haben, welches wir zu einem guten Teil abschreiben können.«

Und der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sekundiert (jedenfalls etwas) unter der Überschrift: Warum die US-Kritik an Deutschland teilweise stimmt: Die deutsche Politik müsse diese Kritik aus den USA ernst nehmen. »Sie kommt seit vielen Jahren auch von anderen Europäern, der EU-Kommission, dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Industrieländerorganisation OECD und anderen.«

Allerdings weist Fratzscher darauf hin, dass die aktuell vorgetragenen Argumente aus dem Trump-Lager zum Teil falsch und unsinnig sind:
  • Der Euro ist gegenwärtig keine "implizite D-Mark". Die Bundesbank und die deutsche Politik haben über Jahrzehnte hinweg eine Politik der starken D-Mark verfolgt. Die starke D-Mark hatte einen enormen Druck auf Exportunternehmen ausgeübt, produktiver zu werden, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können.
  • Falsch sei der Vorwurf, die deutsche Politik versuche den Euro zu schwächen. Das Gegenteil ist der Fall. »Die zum Teil harsche Kritik in Deutschland an der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) zielt darauf, dass die EZB ihre lockere Geldpolitik aufgibt. Dies würde aber den Euro stärken und nicht schwächen.«
  • Nicht der Euro sei schwach, sondern der US-Dollar ist stark: »Nicht nur der Euro, sondern viele andere Währungen weltweit haben in den vergangenen Jahren gegen den US-Dollar abgewertet.«
  • Außerdem sei der Euro gegenüber dem US-Dollar derzeit nur leicht unterbewertet. Die meisten Schätzungen eines fairen, langfristigen Euro-Wechselkurses liegen bei 1,15-1,30 Dollar pro Euro.
Aber Fratzscher erkennt auch an, dass es einen wahren Kern der Kritik geben würde. Der Leistungsbilanzüberschuss ist »viel zu hoch und spiegelt massive Ungleichgewichte und Probleme in der deutschen Wirtschaft wider.« Er identifiziert als zentrales Problem, dass Deutschland zu wenig investiert und damit zu wenig importiert. Insofern würde Deutschland am meisten vom Abbau des hohen Überschusses profitieren (können).

Wie dem auch sei, die nationalistischen Ökonomen und ihr Trump laufen möglicherweise in eine Art "Dollar-Falle": Um die Ungleichgewichte im Außenhandel zu bekämpfen, werden bekanntlich Zölle oder Importsteuern in verschiedenen Varianten diskutiert und demnächst auf den Weg gebracht. Aber das und mehr hat Folgen, worauf Winand von Petersdorff und Philip Plickert hinweisen: »Eine Aufwertung des Dollars ist die Konsequenz nach herrschender Lehre, was amerikanische Exporte verteuert und einen Teil der Importzölle in der Wirkung neutralisiert. Ein ähnlicher Effekt wird von der geplanten Steuersenkung in Kombination mit dem Infrastrukturprogramm erwartet: Ein steigendes Haushaltsdefizit, steigende Zinsen und ein erstarkender Dollar scheinen die zwangsläufige Konsequenz zu sein.«

Es bleibt spannend und konfliktbeladen.

Sell, Stefan (2017): Wieder einmal Export-Weltmeister, aber auf dem Thron wird man Zielscheibe der Trumponomics, vor allem, wenn man den Euro hat, Aktuelle Wirtschaftspresse, 02.02.2017