Samstag, 4. März 2017

Bankendämmerung. Wer soll und will in Unternehmen arbeiten, die in einer strukturellen Krise sind? Die Ausbildung in einer Bank als Auslaufmodell

Auch wenn das dem einen oder anderen sicher zu weit gehen wird angesichts dessen, was man normalerweise mit Banken und den Bankern verbindet - viele von ihnen haben es in diesen Zeiten nicht wirklich leicht und man muss mal eine Lanze brechen für die Banken, die von mehreren Seiten massiv unter Druck gesetzt werden. Im Dezember 2016 konnte man beispielsweise diesen Artikel lesen: Deutscher Bankensektor in tiefer struktureller Krise. Darin wird über eine Analyse von Bain & Company berichtet. Nach dieser Analyse verdienten die Banken ein Deutschland deutlich weniger als ihre Konkurrenten in anderen Ländern wie Frankreich, den USA, Japan, Großbritannien und der Schweiz. »Die Institute in Deutschland leiden ... vor allem unter strukturellen Defiziten im operativen Geschäft. Der Zinsüberschuss trägt hierzulande mit 73 Prozent signifikant mehr zu den Einnahmen der Banken bei als in anderen Ländern. Die weltweite Niedrigzinspolitik belastet die deutschen Häuser damit besonders stark. Höhere Provisionseinnahmen scheitern unter anderem am harten Wettbewerb in einem unverändert stark fragmentierten Markt. In Frankreich etwa vereinen die fünf größten Banken mit 85 Prozent einen nahezu doppelt so hohen Anteil der kumulierten Bilanzsumme auf sich wie in Deutschland (44 Prozent). Trotz aller Sparanstrengungen stagniert auch deshalb die Cost-Income-Ratio, das Verhältnis von Kosten und Erträgen.« Vor allem der Abstand zu den US-amerikanischen Banken ist frappierend, so auch schon Alexandra Regner in ihrem Artikel Europas Banken werden abgehängt: »Die US-Banken legen glänzende Bilanzen vor – von ihren Milliardengewinnen können Europas Institute nur träumen. Die sehen nur noch die Rücklichter der Konkurrenz.«

Dafür gibt es wie immer mehrere Gründe. Zum einen die schnellen und massiven Kostensenkungsprogramme der amerikanischen Banken, aber auch, »dass die Institute Schrottpapiere aus der Zeit des Immobilienbooms über ein Regierungsprogramm loswerden und ihre Kapitalausstattung verbessern konnten. Während in Europa noch über das Wohl und Wehe von staatlichen Hilfen diskutiert und letztlich ein zögerlicherer Weg als in Übersee eingeschlagen wurde, machten die Amerikaner einen klaren Schnitt. Seit dem Krisenjahr 2008 bis Ende Juni 2016 haben die europäischen Banken ihr Eigenkapital nur um 55 Prozent aufgestockt – die US-Banken aber um 171 Prozent.«

Die Eigenkapitalrendite deutscher Banken lag 2015 nur bei 2,3 Prozent im Durchschnitt und damit deutlich niedriger als in anderen Ländern. Dabei verdeckt der Durchschnittswert wie so oft eine erhebliche Streuung, so der Bericht über die Bain-Studie aus dem Dezember 2016:
»Hierzulande klaffen Welten zwischen den verschiedenen Institutsgruppen. Insbesondere Spezialisten wie Automobil- und Direktbanken erwirtschaften mit mehr als 6 Prozent überdurchschnittliche Eigenkapitalrenditen. Die mehr als 1.000 Volks- und Raiffeisenbanken kommen im Schnitt auf 2,9 Prozent, die 415 Sparkassen auf lediglich 1,7 Prozent. Zusammen mit den vier deutschen Großbanken und den Bausparkassen bilden sie das Schlusslicht des Bain-Rendite-Rankings.«
Die zitierte Bain-Studie gibt es hier im Original: Walter Sinn und Wilhelm Schmundt (2016): Deutschlands Banken 2016: Die Stunde der Entscheider, München 2016.

Sinn und Schmundt identifizieren vier Gründe für die Dauermisere der deutschen Banken:
»1. Abhängigkeit vom Zinsgeschäft. Der Anteil des Zinsüberschusses an den Einnahmen liegt in Deutschland mit 73 Prozent so hoch wie in keinem anderen Land. Damit leiden die hiesigen Banken besonders stark unter den Niedrigzinsen.
2. Nachhaltig hohe Kostenbasis. Trotz aller Sparanstrengungen beläuft sich die Cost-Income-Ratio im Durchschnitt von 2012-2015 immer noch auf 69 Prozent und übersteigt damit das Niveau in den USA beispielsweise um sieben Prozentpunkte.
3. Langsame Anpassungsgeschwindigkeit. Jahr für Jahr bauen die Banken zwar Mitarbeiter ab und schließen Filialen. Doch unverändert kommen hierzulande auf 100.000 Einwohner 36 Filialen, in Großbritannien sind es 14 und in den USA noch 27 – Tendenz rückläufig.
4. Fragmentierte Bankenlandschaft. In Deutschland gibt es mit rund 1.700 Instituten fast viermal so viel Institute wie in Frankreich und mehr als zehnmal so viel wie im bevölkerungsreicheren Japan. Die Zersplitterung verhindert Skalenvorteile.«
Als wenn das nicht schon genug Probleme sind, kommen neuartige Herausforderungen auf die etablierten Banken zu - was oftmals verkürzt mit dem Begriff "Fintechs" etikettiert wird:
»Wie in jedem der zurückliegenden Jahre, so wird auch 2017 kaum eine Woche vergehen, in der nicht irgendwo auf der Welt von irgendeinem Finanzexperten ein alter Spruch von Microsoft-Gründer Bill Gates zum Besten gegeben wird: „Banking is necessary, banks are not.“ Dass es keine Banken braucht, um Bankgeschäfte zu erledigen, war anno 1994 eine ebenso kühne wie provokative Aussage. Im Laufe der Jahre hat sich Gates’ Behauptung aber immer mehr zu einem realistisch erscheinenden Szenario entwickelt. Fast alles, was Banken leisten, macht heutzutage auch eine Vielzahl anderer Anbieter möglich.«
So beginnt Thomas Klemm seinen Artikel Die schöne Welt des digitalen Banking: »Kredit aufnehmen, Geld überweisen, Kapital anlegen: Das alles geht heute ohne Bank. Dabei ist das Potential des Onlinebanking noch lange nicht ausgereizt.« Klemm beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den Fintechs: Er erwähnt als Beispiel das Unternehmen Paypal, das sich im Online-Handel zum großen Spieler entwickelt hat. »Längst haben sich Kunden daran gewöhnt, die Rechnung für ihre im Internet erstandene Ware nicht mehr mit einer Überweisung zu begleichen, sondern über diesen Bezahldienst aus Amerika. Die deutschen Banken und Sparkassen sind mit einem ähnlichen Angebot namens Paydirekt nachgezogen, doch sie tun sich schwer, Händler und Kunden davon zu überzeugen. Zu Bezahldiensten wie Paypal und anderen kommen viele weitere kleine Firmen aus der sogenannten Finanztechnologie, sogenannte Fintechs. Sie erleichtern dem Verbraucher das Banking und machen damit den Banken das Geschäft streitig.«

Die etablierten Banken tun sich schwer mit den neuen Herausforderungen und vor allem mit der neuen Konkurrenz, die in die Kernbereiche (und damit in die Gewinnzonen) von Banken eindringen. Aktuell müssen sich die Banken mit der nächsten möglichen Erschütterung ihrer Position auseinandersetzen.
Darüber berichtet Nils Wischmeyer in seinem Artikel Kampf ums Konto: »Banken verfügen exklusiv über die Daten ihrer Kunden. Bald sollen sie diese aber mit anderen Dienstleistern teilen. Das könnte für Kreditinstitute zum Problem werden.«
2018 tritt eine neue EU-Richtlinie in Kraft, die sperrig klingt - aber für Verbraucher alles bequemer machen soll: "Payment Service Directive 2", kurz PSD 2.  Im Kern geht es darum, dass Banken bislang das Monopol auf Kundendaten haben, sie also exklusiv nutzen dürfen. Die Regelung würde dies ändern. Die Bankenaufsicht verspricht sich davon mehr Wettbewerb und in der Folge bessere Angebote für Kunden.
Eine wirklich einschneidende Entwicklung: »Die Banken müssen der Konkurrenz dann einen kostenlosen Zugang zu den Daten ihrer Kunden ermöglichen - wenn diese das wünschen.«
Der Kunde »kann künftig all seine Finanzgeschäfte über eine einzige Plattform, wie etwa einer App, verwalten. Von dort kann er seine Konten einsehen, Überweisungen tätigen oder Geld zwischen den Konten hin und her schieben. Dabei spielt es keine Rolle, bei welcher Bank er seine Konten hat.«
»Die Banken verlieren ihren wohl wertvollsten Schatz: exklusive Kundendaten. Über das Gehaltskonto hat die Bank bisher ständigen Kontakt zum Kunden und gilt für ihn als engster Partner in Finanzfragen. Zusätzliche Produkte wie Bausparverträge oder Versicherungen kann die Hausbank dem Verbraucher relativ einfach verkaufen. "Cross-Selling" nennen die Banken das - und machen damit große Teile ihrer Gewinne im Privatkundengeschäft.«
Da kann es dann schon mal sein, dass die Banken »im schlimmsten Fall bis zu 40 Prozent ihrer Gewinne aus dem Privatkundengeschäft verlieren könnten. Verwendet der Kontoinhaber künftig die App oder Plattform eines Drittanbieters, droht der Bank ein weiterer Verlust: regelmäßiger Kundenkontakt. Die Banken laufen deshalb Gefahr, nur noch Zahlungsabwickler zu sein.«
Besonders bitter ist für Banker, dass die Infrastruktur für Drittanbieter von den Banken kostenlos zur Verfügung gestellt werden muss. Banken sehen darin gar eine von ihnen finanzierte Starthilfe für Finanz-Start-ups. »Digitale Finanzdienstleister finden die Regelung klasse. André Bajorat, Chef der Banking-App Figo, sagt: "Für uns ist das ein Traum." Die neue Verordnung schaffe endlich die Privilegien der Banken ab. Fintechs und andere Dienstleister könnten den Wettbewerb im Markt verschärfen«
Allerdings kann man das nicht nur negativ sehen: »Denn schließlich gibt die Richtlinie auch ihnen den Zugang zu Kundendaten anderer Institute. Sie können - mit Einverständnis ihrer Kunden - auf die Konten des Kunden bei der Konkurrenz zugreifen. Das bringt ihnen einen besseren Überblick über Vermögensbewegungen.«

Wie das auch immer ausgehen mag - der Druck auf die Banken und ihre traditionellen Geschäftsmodelle wird weiter steigen. Was bedeutet das nun für diejenigen, die in den Banken arbeiten oder eine Ausbildung in diesem Bereich erwägen?

Da wäre beispielsweise die Ausbildung zum Bankkaufmann bzw. Bankkauffrau. Anne Kunz hat ihren Artikel dazu so überschrieben: Von der Traum-Ausbildung zum Auslaufmodell. Am Anfang ihres Beitrags wirft sie einen Blick zurück auf Karrieren, die früher mit diesem Ausbildungsberuf möglich waren: Beispielsweise Klaus-Peter Müller, der mit 62 Jahren zum Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance & Management berufen wurde. »Als damaliger Chef der Commerzbank hatte er das Format dafür und in seinem Alter sind solche Titel ein gern gesehener Schmuck. Das Pikante daran: Müller selbst hat nie eine Universität oder Hochschule besucht.
Genauso wie der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper schaffte er es allein mit einem Ausbildungszeugnis bis an die Spitze eines großen Finanzhauses – was früher nicht ungewöhnlich war.« Die Banklehre galt als Königin der Ausbildungsberufe. Wer ein Einser-Abitur hatte, begann nicht zwangsläufig ein Studium. Er konnte stattdessen auch eine Ausbildung hinter dem Bankschalter absolvieren, so Anne Kunz.
Und heute? Nur Postbank-Chef Frank Strauß hat kein Studium vorzuweisen, »fast alle anderen Bank-Vorstände haben internationale Elite-Unis absolviert und nicht wenige machten ihre ersten Berufsschritte beim Beratungsunternehmen McKinsey.«
Im Vergleich zu 1997 ist die Zahl der neuen Ausbildungsverträge zum Bankkaufmann/-kauffrau um 40 Prozent zurückgegangen. Früher galt: »Mit einer Banklehre könne man nichts falsch machen, hieß es jahrzehntelang. Weil es entsprechend viele Bewerber gab, konnten sich die Institute die besten aussuchen.« Das hat sich geändert.
Die Digitalisierung macht die Arbeit (und die Arbeitsplätze) in den Bankfilialen zunehmend überflüssig. »Die meisten Menschen erledigen ihre Bankgeschäfte inzwischen vom PC oder Smartphone aus. Drei Viertel der Kunden nutzen Online-Banking, etwa ein Drittel erledigen ihre Bankgeschäfte via App.«
Auch die Zahl der Beschäftigten im deutschen Kreditwesen ist seit 2000 um knapp 16 Prozent gesunken, das sind fast 126.000 Vollzeitstellen weniger. »Institute wie die Münchner HypoVereinsbank (HVB) haben ihr Filialnetz beinahe halbiert. Die Deutsche Bank schließt jede vierte Filiale und will genauso wie die Commerzbank Tausende Stellen streichen. Auch die Sparkassen und Genossenschaften müssen sparen.«
Teilweise sinken die Bewerberzahlen stärker als die Zahl der Ausbildungsstellen: »Bei den Sparkassen ist die Not so groß, dass sie nicht für alle Ausbildungsplätze geeignete Kandidaten finden. Für das vergangene Jahr wurden bei der öffentlich-rechtlichen Gruppe von 5.500 geplanten Stellen nur 5.030 besetzt.«

Es ist mehr als offensichtlich, dass das Berufsbild des Bankkaufmanns dringend renoviert werden müsste. Aber: »Die Institute können sich nicht einigen, ob man die Ausbildung künftig stärker auf den Vertrieb ausrichten sollte, da alle übrigen Aufgaben zunehmend von Computern erledigt werden, oder ob die Azubis auch künftig alle Arbeitsschritte in einer Bank kennen lernen sollten.«

Mittlerweile verdichten sich die Befürchtungen, dass das Berufsbild des Bankkaufmanns/der Bankkaufrau - über eine betriebliche Ausbildung - ein Auslaufmodell darstellt. Dass die immer weniger bis gar nicht mehr gebraucht werden in Zukunft. Auch in Österreich gibt es diese Debatte. Der dortige Arbeitsmarktservice (AMS), also die Bundesagentur für Arbeit der Österreicher, hat sich vor kurzem mit einer Analyse der Beschäftigungsentwicklung im (österreichischen) Bankensektor zu Wort gemeldet:
Arbeitsmarktservice Österreich: Banken – ein interessanter Arbeitsmarkt in einem herausfordernden Umfeld, Oktober 2016
»Anfang der 2000er-Jahre hat der Strukturwandel der österreichischen Banken begonnen. Bereits in den Jahren vor der Krise (2008) kam es in Österreich zu Filialschließungen, die Beschäftigung blieb aber relativ konstant bzw. zeigte zwischen 2004 und 2008 deutliche Zuwächse. Seit der Finanzmarktkrise 2008/2009 hat sich der Personalstand im Bereich der Finanzdienstleistungen entgegen der allgemeinen Beschäftigungsentwicklung spürbar verringert. Im Bankensektor sind weitere Umstrukturierungen, Sparmaßnahmen und Personalabbau zu erwarten. Die fortschreitende Digitalisierung stellt das Bank-, Finanz- und Versicherungswesen vor Herausforderungen, bietet aber auch neue Chancen.« So heißt es in der Beschreibung des Textes.

Für Deutschland liegt beispielsweise diese Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) aus dem Jahr 2014 vor: Entwicklungen und Perspektiven von Qualifikation und Beschäftigung im Bankensektor. Darin heißt es:
»Rund 780.000 Erwerbstätige arbeiten in der Bankenbranche. Sie verfügen überwiegend über eine abgeschlossene Berufsausbildung als Bankkaufmann/-kauffrau und arbeiten überproportional häufig in Vollzeit ... Die Einkommen liegen absolut und in den Veränderungsraten über dem Durchschnitt aller Berufe und die Arbeitslosigkeit ist gering ... Jährlich beginnen über 13.000 junge Männer und Frauen eine Ausbildung zum/zur Bank­kaufmann/-kauffrau ... der Anteil der Studienberechtigten im Beruf Bankkaufmann/-kauffrau liegt mit 72 % weit über dem Durchschnitt ... die Zahl der Neuabschlüsse (hat sich) – aufgrund massiver Umstrukturierungsprozesse zu Beginn der 1990er-Jahre – im Vergleich zu 1992 fast halbiert ... Bankkaufleute (weisen) hohe Abwande­rungstendenzen in andere berufliche Tätigkeiten außerhalb des Bankensektors auf ... Da der zukünftige Bedarf an Erwerbstätigen im Bankensektor schneller sinkt als das Angebot, könnte die Arbeitslosigkeit bzw. Abwanderung in andere berufliche Tätigkeiten unter Bankkaufleuten zunehmen. Auch die Attraktivität des dualen Ausbildungsberufes könnte massiv darunter leiden.«

Foto: Pixabay

Sell, Stefan (2017): Bankendämmerung. Wer soll und will in Unternehmen arbeiten, die in einer strukturellen Krise sind? Die Ausbildung in einer Bank als Auslaufmodell, Aktuelle Wirtschaftspresse, 04.03.2017