Mittwoch, 1. März 2017

USA: Vom Mythos der Einwanderungskrise, einem ökonomischen Suizid durch Deportationen und das es oft anders kommt, als ursprünglich geplant

Seit seinem Amtsantritt ist klar, dass Donald Trump partout nicht lassen will von dem, was er im Wahlkampf vollmundig verkündet hat. Beispielsweise eine Mauer zu bauen an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Was viele empört zur Kenntnis nehmen (müssen), beflügelt bei anderen die Instinkte für kommende Geschäfte, was dann zu solchen Meldungen führt: Hochtief erwägt Bewerbung für Mexiko-Mauer: »Deutschlands größter Baukonzern erwägt, sich um den Auftrag für den Bau einer Grenzmauer zwischen den USA und Mexiko zu bewerben.« Wie dem auch sei - die Stimmung gegen Einwanderer in den USA hat ein bislang nicht gekanntes Niveau erreicht, seit Trump im Amt ist. Was das ganz konkret für Menschen bedeutet, die als "Illegale" in den USA leben (müssen), teilweise mit Kindern, die - weil in den USA geboren - ganz legal dort sind, weil sie mit der Geburt die Staatsbürgerschaft bekommen haben, beschreibt Dorothea Hahn in ihrem lesenswerten Artikel Zwei von elf Millionen. Aber auch im engeren ökonomischen Diskurs regt sich Widerstand gegen den von Trump angekündigten Doppelschlag aus Abschottung (durch eine Mauer) und die Deportation der "Illegalen" aus den USA.

Da ist beispielsweise dieser Beitrag von Noah Smith: The Myth of the U.S. Immigration Crisis. Der Autor sieht durchaus Reformbedarf in der Einwanderungspolitik der USA, er hat im vergangenen Jahr für ein "skills-based system like Canada’s" plädiert. Aber er kritisiert an der aktuellen Debatte die Dramatisierung und Übertreibung, als hätten es die USA mit einer krisenhaften Zuspitzung zu tun. Es sieht das ganz anders:
»Illegal immigration to the U.S. ended a decade ago and, according to the Pew Research Center, has been zero or negative since its peak in 2007.«
Schaut man sich die Daten des Pew Research Center an (vgl. dazu auch Overall Number of U.S. Unauthorized Immigrants Holds Steady Since 2009), zeigt sich das folgende Bild:
Estimated unauthorized immigrant population in the U.S. rises, falls, then stabilizes

Eine Million illegale Immigranten haben die USA in der Großen Rezession verlassen, aber auch danach ist ihre Zahl nicht wieder angestiegen. Vor allem Mexikaner sind zurückgegangen - und nicht wiedergekommen. Dafür gibt es mehrere Gründe, einer davon ist der deutlich stärkere Kontrolldruck an der Grenze - übrigens vor allem in der Zeit der Präsidentschaft von Obama wurde der aufgebaut. Und auch die Deportationen illegaler Immigranten hat sich deutlich erhöht. 2001 wurden 189.000 Menschen abgeschoben, 2014 waren es bereits 414.000 Menschen. Das sollte man wissen in der aktuellen Debatte über Trump und seine Politik.

Aber die Stimmung im Land ist gegen die Einwanderer. Wirklich? 2009, auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise, haben 50 Prozent der befragten Amerikaner eine Reduzierung der Einwanderung gefordert, 2016 ist dieser Wert auf 38 Prozent abgesunken.
»Meanwhile, Pew reports that the number of Americans saying immigrants “strengthen the country” has risen to an all-time high of 59 percent, while the fraction saying they “burden the country” has fallen from 66 percent to 33 percent since 1994.«
Offensichtlich gibt es keine große Anti-Einwanderungswelle in den USA. Noah Smith schlussfolgert, »the U.S. shouldn’t succumb to the urge to enact draconian policies. The possibility of a police state poses a far greater danger to the average American than the imagined threat of immigration.«

Aber die angedeutet drakonische Politik zeichnet sich bereits ab. So hat Trump den Kongress bereits darum gebeten, »to hire the 10,000 additional immigration cops and 5,000 more border agents he wants, if he gets local sheriff’s departments to help the federal government round up undocumented immigrants«, berichtet Joe Nocera in seinem Artikel Trump's Deportation Plan Is Economic Suicide. Und die nächste Stufe wäre dann die Realisierung dessen, was er oft angekündigt hat: die Abschiebung von Hunderttausenden, wenn nicht sogar mehreren Millionen "illegalen Immigranten" im Land. Das wäre ökonomischer Selbstmord, so die These von Nocera.

Ein Beispiel: So gibt es 1,5 Millionen Saisonarbeiter in der US-amerikanischen Landwirtschaft, davon sind zwischen 50 und 80 Prozent Migranten.
»Native-born citizens ... simply don’t want to pick crops, so farmers would have to either plant fewer acres or pay significantly higher wages to lure legal immigrants. The result would be two-fold: higher prices at the grocery store and an increase in imported fruits and vegetables. Oh, and what country would most likely be exporting those fruits and vegetables to the U.S.? Mexico.«
Auch aus der Bauwirtschaft werden vergleichbare Probleme gemeldet. Und aus der Industrie werden ähnliche Sorgen vorgetragen. Joe Nocera zitiert Don Charney, der vor über zwei Jahrzehnten die Bekleidungsfirma American Apparel gegründet hat und 2014 das Unternehmen verlassen musste, zum einen wegen Vorwürfen, bei denen es um sexuelle Belästigung ging, zum anderen wegen der schlechten Geschäftszahlen. Aber dieser Hintergrund (vgl. dazu auch diesen Artikel: The Resurrection of Dov Charney) soll hier mal ausgeblendet werden, denn es geht um diese Aussage:
“You are not going to have a 'Made in America' manufacturing resurgence with native Americans,” he said. Again, it is not the kind of work most American-born citizens want to do — even though Charney offered decent wages and benefits. “It is the motivated immigrant you need,” he added. “I employed thousands of immigrants. The secret of American Apparel was that very few of our workers were Americans.”
Und zur Abrundung des Themas und die These aus der Überschrift dieses Beitrags betreffend, dass es oft anders kommt, als man denkt, sei auf diesen wirklich lesenswerten Artikel von Wienand von Petersdorff verwiesen: Wie die „Gringos“ sich mal schwer verrechnet haben. Wir werden konfrontiert mit einem ökonomischen Lehrstück par excellence.

Vor gut 50 Jahren hatte die Regierung der Vereinigten Staaten erfolgreich den Versuch unternommen, rund 500.000 mexikanische Arbeiter aus dem Land zu werfen. Da bietet es sich förmlich an, einmal genauer hinzuschauen, was denn daraus geworden ist.
Der demokratische Präsident Lyndon B. Johnson hat 1964 das „Bracero“-Programm beendet. Dieses Abkommen ermöglichte jedes Jahr Hunderttausenden Arbeitern aus Mexiko die zeitlich befristete Arbeit in den Vereinigten Staaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg halfen Jahr für Jahr knapp eine halbe Million Mexikaner vor allem den amerikanischen Farmern, ihre Ernte einzubringen („Bracero“ ist der spanische Begriff für Erntehelfer).
»Schon unter Johnsons Vorgänger John F. Kennedy hatte die Regierung Zweifel am „Bracero“-Programm formuliert und erste Verordnungen erlassen, die die Beschäftigung mexikanischer Saisonkräfte weniger attraktiv machen sollten: Die Farmer wurden verpflichtet, den Mexikanern höhere Löhne zu zahlen. Johnson beendete das Programm dann komplett.«
Die interessante Parallele zu den Trump'schen Tagen im Jahr 2017: Auch damals ging es um die Formel „America first“ (Amerika zuerst): »Die Mexikaner standen im Verdacht, die Löhne zu drücken und braven amerikanischen Landarbeitern die Arbeit zu stehlen.«
Die Beendigung des Bracero-Programms hast weitreichende Folgen: Sie veränderte die Wirtschaftsstruktur Mexikos und die Landwirtschaft der Vereinigten Staaten. Nur anders, als man sich das damals wohl so gedacht hat. Zum einen: »Das eigentliche Ziel des Programms, die Anhebung der Erntearbeiterlöhne für Amerikaner durch Verdrängung der mexikanischen Konkurrenz, wurde nicht erreicht.«
Petersdorff bezieht sich dabei auf diese neue Studie: Michael A. Clemens, Ethan Gatewood Lewis, Hannah M. Postel: Immigration Restrictions as Active Labor Market Policy: Evidence from the Mexican Bracero Exclusion, Bonn, January 2017.
Manche Bundesstaaten verloren zwar ein Drittel ihrer Erntehelfer. Und doch stiegen die Löhne in diesen Bundesstaaten danach nicht schneller als in jenen Bundesstaaten, die von der Ausweisung der Mexikaner gar nicht betroffen waren.

Viel entscheidender waren diese Folgen der Maßnahme:
»Die Landwirte reagierten auf zwei Arten auf den Ausschluss ihres Personals: Sie bauten weniger personalintensive Ackerfrüchte an, und sie setzten, wo die Ackertechnik es zuließ, Pflückmaschinen ein.«
Als Beispiel werden Kaliforniens Tomatenfarmer ins Feld geführt. Für keine Frucht wurden mehr „Braceros“ eingesetzt als für die Tomatenernte. Und in keinem Bundesstaat wurden mehr Tomaten geerntet als in Kalifornien. 1963, im Jahr vor der Beendigung des Bracero-Programms, haben vor allem mexikanische Landarbeiter die Tomaten ausschließlich mit der Hand geerntet. Fünf Jahre später setzten fast alle Farmer in Kalifornien Erntemaschinen ein. 
Und mit der Entwicklung von Tomatenerntemaschinen wurden auch gleich die Tomaten verändert, damit sie zu der neuen Technik passen. Die Geräte pflegten nämlich trotz permanenter Optimierungen die Tomaten gnadenlos zu zermanschen. Es gelang, gerade rechtzeitig die Züchtung von Tomaten mit deutlich zäherer Haut und einer weniger runden Form zu realisieren. Mit der Folge, dass die Tomaten besser maschinell zu ernten sind und schlechter schmecken.

Aber damit nicht genug. Die Erntemaschine ersetzte nicht nur mexikanische Erntehelfer, sie verdrängte auch kleine Farmen:
»Denn die Maschinen waren teuer und brauchten große Felder, um profitabel zu bleiben. Die Folge war, dass binnen fünf Jahren nach ihrer Einführung sage und schreibe 4400 der 5000 kalifornischen Tomatenfarmer aufgaben, ihre Felder den großen Konkurrenten überließen oder sich auf andere Ackerfrüchte konzentrierten. Zudem verloren laut Carlisle-Cummins 32.000 amerikanische Landarbeiter ihren Job und komplettierten damit den Fehlschlag der „America first“-Politik.«
Und damit immer noch nicht genug. Was passierte in Mexiko? Im Norden Mexikos, wo viele Millionen „Braceros“ lebten, drohte Massenarbeitslosigkeit, in einigen Grenzstädten war jeder Zweite ohne legale Beschäftigung. Die mexikanische Regierung startete ein Industrialisierungsprogramm in den Grenzstädten - es bildete die Grundlage für die vielen hundert Fabriken, die in den mexikanischen Grenzstädten entstanden: die „Maquiladoras“. Dahinter stand die Idee der zollfreien Produktionszonen in Asien. Auf das Jahr 1965 lässt sich die Geburtsstunde der „Maquiladoras“ taxieren - sie »durften Rohmaterialien, halbfertige Produkte und Maschinen zollfrei einführen. Ferner konnten für die Fabriken ausländische Manager und Techniker eingesetzt werden, um die Produktion in Schwung zu bringen. Die Bedingung war, dass die Erzeugnisse der Fabrik komplett exportiert wurden.«
Mit einer interessanten und bis heute fortgeschriebenen Folge: »Damit hatte die amerikanische Industrie plötzlich eine nach Mexiko verlängerte Werkbank, die die Produktionskosten senkte. Denn mexikanische Arbeiter erhielten ein Viertel bis ein Drittel des Lohns, den die Leute nördlich der Grenze verdienten.« Und: »Heute arbeiten mehr als eine Million Menschen in den rund 3000 Fabriken, die Konzernen aus der ganzen Welt gehören. Wichtigster Abnehmer der Erzeugnisse sind die Vereinigten Staaten.«

Das Fazit von Petersdorff entbehrt nicht einer gewissen Ironie: »Ohne die Beendigung des „Bracero“-Programms hätte sich Amerikas Landwirtschaft längst nicht so schnell restrukturiert und technisiert. Mexiko hätte keinen unmittelbaren Anlass gehabt, seine Nordprovinzen schnell zu industrialisieren.«

Und an den Folgen der damaligen "America first"-Politik laboriert jetzt Donald Trump mit einer Wiederbelebung dessen herum, was zu dem geführt hat, was Trump & Co. so sauer aufstößt.

Aber vielleicht kommt essen am Ende dann ja doch nicht so schlimm, wie man es den Worten des Donald Trump entnehmen kann. Trump gibt sich kompromissbereit, so ist eine neue Meldung überschrieben, die uns gerade erreicht: »Erst hatte US-Präsident Trump mögliche Abschiebungen von Einwanderern ausweiten wollen, jetzt rudert er ... zurück: Diejenigen, die friedlich in den Vereinigten Staaten leben, sollen bleiben dürfen.«

Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung, denn hinter den Dingen stehen ganz konkrete Menschen und was das für die bedeutet, da sei hier erneut auf den Artikel Zwei von elf Millionen von Dorothea Hahn verwiesen.

Foto: Piaxabay

Sell, Stefan (2017): USA: Vom Mythos der Einwanderungskrise, einem ökonomischen Suizid durch Deportationen und das es oft anders kommt, als ursprünglich geplant, Aktuelle Wirtschaftspresse, 01.03.2017