Donnerstag, 9. März 2017

Die Notenbanker zumindest in der EZB bleiben geldpolitisch stur. Aber was machen die Notenbanker eigentlich?

Nein, die Europäische Zentralbank will nicht weichen von ihrem geldpolitischen Kurs. »Die Europäische Zentralbank (EZB) hat erwartungsgemäß ihre Leitzinsen nicht angetastet. Der Schlüsselsatz für die Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld bleibe bei 0,0 Prozent, teilten die Währungshüter am Donnerstag in Frankfurt mit. Auf diesem Rekordtief liegt er bereits seit März 2016. Auch die Strafzinsen für Banken, wenn diese über Nacht überschüssige Liquidität bei der EZB parken, wurden nicht angetastet. Der sogenannte Einlagensatz bleibt bei minus 0,4 Prozent«, so das Handelsblatt unter der Überschrift Draghi bleibt trotz Kritik bei Nullzinspolitik. In Deutschland wird das von nicht wenigen kritisiert. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, Michael Kemmer, hat die Europäische Zentralbank dazu aufgefordert, von ihrer "ultralockeren Geldpolitik" abzurücken, kann man einem Interview des Deutschlandfunks mit ihm entnehmen ("Es wäre wichtig, dass die EZB den Einstieg in den Ausstieg beginnt"). Philip Plickert sieht Draghi und die EZB Gefangen im Nullzins. Nach Plickert »wäre es überfällig, wenigstens die Strategie für den Ausstieg vorzubereiten. Sonst wird die EZB zum Gefangenen ihrer Geldpolitik, denn sie hat Zombiebanken und Schuldenstaaten davon abhängig gemacht.« Immer wieder werden wir konfrontiert mit dem Hinweis auf die doch wieder gestiegene Inflation. Aber das kann man auch ganz anders sehen, dazu ausführlich Philipp Stachelsky in seinem Beitrag Die EZB ist noch lange nicht am Ziel. Seine Sichtweise: »Die Inflationsrate in der Eurozone ist auf 2% gestiegen. Damit ist die EZB jetzt wieder an einem Punkt angekommen, wo sie vor knapp sechs Jahren schon einmal stand. Bleibt zu hoffen, dass sie aus ihren Fehlern von damals gelernt hat – und die expansive Geldpolitik nicht erneut zu früh beendet.«

Man sieht an diesem aktuellen Beispiel, wie konträr die ökonomischen Positionen in der geldpolitischen Debatte sind. Und immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und der Kritik - die Notenbanken. Dabei müssen die Marktteilnehmer und die Wissenschaftler viele spekulieren: Wie schnell wird die Federal ­Reserve die Zinsen anheben? Wird die Bank of England auf die Inflation reagieren? Wird die Europäische Zentralbank den Beginn des Tapering (Auslaufen der Ankaufprogramme) für Januar 2018 ­ankündigen?

Aber wie legen Notenbanker eigentlich ihre Politik fest? Offensichtlich gibt es da bei einige Missverständnisse, so die These von Stefan Gerlach, Chefökonom bei der Bank BSI, ehemals Vizegouverneur der Notenbank von Irland, der sich in einem Beitrag in der Schweizer Handelszeitung unter der Überschrift Die sechs Missverständnisse zur Notenbankpolitik dazu zu Wort gemeldet hat.

1. Die Bedeutung einzelner Datenpunkte: Den Stellenwert des ersten Missverständnis kann man aktuell gerade beobachten. Gerlach schreibt: »Zeitungs- und Marktkommentatoren konzentrieren sich zu stark auf die Veröffentlichung bestimmter Daten ... Manchmal wird geschrieben, dass ein einziger Datenpunkt – wie beispielsweise die unerwartet hohe Konsumentenpreisinflation im Euro-Raum im letzten Dezember – zu einem geldpolitischen Kurswechsel führen werde.« Dem ist nicht so. Bei der Festlegung der Geldpolitik müssen Zentralbanken wirtschaftliche Veränderungen über einen längeren Zeitraum im Voraus antizipieren. Die verfügbaren Daten dazu sind immer unklar und oft widersprüchlich. Notenbanker »ändern ihre Meinung deshalb nicht aufgrund einer einzigen Zeitreihe.«

2. Die Rolle einzelner Persönlichkeiten: Eine beliebte Spielwiese gerade für die Medien, die ja oft von Personalisierung leben: » Journalisten und Marktkommentatoren spekulieren gerne darüber, wie Fed-Chefin Janet Yellen auf die Wirtschaftspolitik des neuen US-Präsidenten Donald Trump oder wie der EZB-Vorsitzende Mario Draghi auf die Kritik aus Deutschland an der Notenbankpolitik ­reagieren könnten. Sie blenden dabei aus, dass die Geldpolitik von Ausschüssen bestimmt wird.« Und die Einschätzungen der einzelnen Ausschussmitglieder im Hinblick auf die angemessene Geldpolitik gehen oft auseinander und das muss austariert werden.

3. Die Ziele der Notenbanken: Kommentatoren sind immer wieder davon überzeugt, dass Zentralbanken heimliche Ziele verfolgen, schreibt Gerlach. Seiner Meinung nach aber sei es für Zentralbanken in der Praxis schlicht unmöglich, heimliche Ziele zu verfolgen.

4. Der Stellenwert von Forschungsarbeiten: Da wird Gerlachs Position Wissenschaftler ernüchtern: »Die Bedeutung der neuesten Forschung für die Geldpolitik wird übertrieben.« Und er setzt noch einen drauf: Leider »hat ein Grossteil der Forschung eine Halbwertszeit von wenigen Jahren. Will sich die Zentralbank durch Urteilsvermögen und Glaubwürdigkeit auszeichnen, dann sollte der Forschung, die schon bald veraltet sein könnte, ­keine grosse Bedeutung beigemessen werden.«

5. Die Einflussmöglichkeiten auf die Wirtschaft: Beobachter überschätzen, wie stark die Wirtschaft auf die Geldpolitik reagiert. Die Wirtschaft reagiert auch auf insgesamt große Zinsänderungen nur langsam und vermeidet deshalb auch zu schnelle scheinbar angebrachte Kurskorrekturen.

6. Die Zuverlässigkeit von Prognosen: Journalisten und Finanzmarktkommentatoren messen Prognosen eine zu große Bedeutung bei, kippt Gerlach auch hier Wasser in den Erwartungswein. Zentralbanker wissen, dass Prognosen, die sensibel auf Annahmen hinsichtlich ­externer Variablen reagieren, ungenau sind.

Man könnte Gerlachs Beitrag auch zu zusammenfassen: Auch Notenbanker sind offensichtlich auch nur Menschen ;-)

Foto: Pixabay

Sell, Stefan (2017): Die Notenbanker zumindest in der EZB bleiben geldpolitisch stur. Aber was machen die Notenbanker eigentlich?, Aktuelle Wirtschaftspresse, 09.03.2017