Montag, 13. März 2017

Vom Weltfrauentag über Makroökonomie am Herd und den Töchtern, die weniger im Haushalt mitarbeiten als früher, bis hin zum einäugigen Bruttoinlandsprodukt

Der Internationale Frauentag – auch Weltfrauentag genannt – wird inzwischen stets am 8. März gefeiert und ist für Frauen auf der ganzen Welt ein wichtiges Datum. In einigen Ländern ist er sogar gesetzlicher Feiertag.
"Heraus mit dem Frauenwahlrecht!" war die Hauptforderung der "Mütter" des Internationalen Frauentags. Auch wenn diese Zielsetzung inzwischen erreicht wurde, so ist die Gleichstellung der Geschlechter dennoch weder in Deutschland noch im Rest der Welt eine Realität, klärt uns die Landeszentrale für politische Bildung des Landes Baden-Württemberg mit einem Beitrag auf.
Rund um den nun wenige Tage zurückliegenden Weltfrauentag erschienen zahlreiche Artikel und andere Medienberichte - die vor allem um die Frage kreisen, ob und wie stark die (strukturelle) Diskriminierung der Frauen (noch) ist. Dabei spielt die Positionierung auf dem Arbeitsmarkt eine gewichtige Rolle und viele Beiträge beziehen sich auf den sogenannten "Gender Pay Gap", also die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern (vgl. hierzu ausführlicher beispielsweise die Arbeit von Christina Klenner: Gender Pay Gap - die geschlechtsspezifische Lohnlücke und ihre Ursachen. WSI Policy Brief Nr. 7, Düsseldorf 2016). Der Gender Pay Gap beschreibt den prozentualen Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst abhängig beschäftigter Männern und Frauen. Im europäischen Vergleich lag dieser Wert für Deutschland 2014 mit 21,6 Prozent in der traurigen Spitzengruppe. Wobei ein nicht geringer Teil dieses Bruttostundenverdienstunterschieds auf strukturelle Faktoren zurückzuführen ist wie beispielsweise den unterschiedlichen Teilzeitquoten der Geschlechter, der Führungskräfteanteil oder die unterschiedliche Branchenverteilung der Geschlechter. Abgebildet wird das dann in der "bereinigten Lohnlücke", die angibt, wie hoch der Gender Pay Gap ausfallen würde, wenn sich Frauen und Männer am Arbeitsmarkt hinsichtlich der ausgeübten Berufe, der Ausübung von Führungspositionen und anderer Merkmale nicht wesentlich unterscheiden würden.

Volkswirtschaftlich auch interessant ist der Versuch einer umfassenden Sicht auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie sie von der "feministischen Ökonomie" vorgetragen wird. Dazu beispielsweise dieser Beitrag: Makroökonomie am Herd.
»Arbeit sei wie ein Eisberg, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Friederike Habermann. "Da  guckt nur die Spitze hervor, und der große Teil ist unter Wasser, den sieht man nicht."
Insgesamt 89 Millionen Stunden schuften Menschen jedes Jahr in Deutschland, ohne Geld dafür zu bekommen. Das gesamte Wirtschaftssystem fußt auf diesen Arbeiten und würde ohne sie zusammenbrechen. Und trotzdem findet diese unbezahlte Arbeit weder in der Wirtschaftsforschung noch in der Politik entsprechende Aufmerksamkeit.  Es geht um sogenannte unbezahlte Sorgetätigkeiten: Putzen, Waschen, Einkaufen, Kochen, sowie das Versorgen und Betreuen von Kindern und kranken Menschen. Und weil diese Tätigkeiten nach wie vor überwiegend von Frauen wahrgenommen werden, interessiert sich auch eine spezielle Spielart der Wirtschaftswissenschaften dafür: die sogenannte feministische Ökonomie.«
"Unbezahlte Arbeit ist so viel wert, wie das, was Industrie, Handel und Dienstleistungen in Deutschland insgesamt an Werten produzieren", wird die Politikwissenschaftlerin Christine Bauhardt  in dem Beitrag zitiert. »Zwar werden immer wieder Studien erhoben, die unbezahlte Arbeit auf verschiedene Weisen zu erfassen suchen. Entweder durch die aufgewandte Zeit, oder durch die Vorstellung eines fiktiven Stundenlohns, durch den Sorgetätigkeit quantitativ mit Erwerbstätigkeit verglichen werden kann ... Trotzdem werden diese Erhebungen in makroökonomischen Untersuchungen meistens ignoriert. Sorgetätigkeiten gelten als so selbstverständlich, dass sie nicht der Rede wert scheinen.«

Man kann es auch anders ausdrücken: Was wären die vielen "Leistungsträger" unserer Gesellschaft, wenn ihnen nicht im Alltag der Rücken frei gehalten würde?

Schon vor vielen Jahren gab es die Forderung, die unbezahlte Hausarbeit zu monetarisieren, beispielsweise über ein "Hausfrauen-Gehalt". Dass Sorgetätigkeiten entlohnt werden, fordern hingegen die wenigsten Vertreterinnen der feministischen Ökonomie - nicht nur wegen der schwierigen Umsetzung. "Damit würde man die Sorgetätigkeiten der Profitlogik unterwerfen", so Friederike Habermann.

Aber: Sind Frauen heutzutage nicht sowieso fast alle berufstätig und emanzipiert? Und ist es dementsprechend nicht völlig überflüssig, von Sorgetätigkeiten als typischer Frauenarbeit zu sprechen? Auf der einen Seite sprechen die Daten ein andere Sprache - noch immer ist die unbezahlte Arbeit sehr ungleich verteilt zwischen den Geschlechtern, Frauen leisten doppelt so viel davon wie Männer.

Auf der anderen Seite scheint sich etwas zu verändern, wenn man den Aussagen neuerer Untersuchungen Glauben schenkt: »Mädchen im Teenageralter verbringen heute weniger Zeit mit Hausarbeit als noch vor zehn Jahren. Lag der Anteil der 15- bis 17-Jährigen, die im Schnitt über 45 Minuten am Tag mithelfen, zu Beginn des neuen Jahrtausends bei 68,2 Prozent, so sind es heute nur noch 45,7 Prozent. Damit haben die geschlechterspezifischen Rollenunterschiede der Kinder in der Familie deutlich abgenommen«, so Wido Geis vom Institut der deutschen Wirtschaft in der Veröffentlichung Töchter arbeiten weniger im Haushalt mit.
 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jugendliche heute deutlich weniger im Haushalt mitarbeiten als noch zu Beginn der 2000er-Jahre, wobei insbesondere die Aktivität der Mädchen deutlich zurückgegangen ist. Dies weist darauf hin, dass sich die Rollenbilder in den Familien gewandelt haben und nicht mehr so stark zwischen Jungen und Mädchen differenziert wird.
Ein Schelm, wer bei der Schlussfolgerung des arbeitgeberfinanzierten Instituts der deutschen Wirtschaft was Böses denken sollte: »Vor diesem Hintergrund sollte es mit der Zeit automatisch zu einer weitergehenden Gleichstellung von Mann und Frau kommen, ohne dass gezielte Maßnahmen ergriffen werden müssen, um diese weiter zu fördern.«

Und was sagt das Statistische Bundesamt zu der ganzen Materie, denn die erheben ja das Bruttoinlandsprodukt und von Seiten der feministischen Ökonomie kommt immer wieder die Forderung, die unbezahlte Arbeit auch im BIP zu berücksichtigen. Die beschäftigen sich natürlich auch mit der Sache:
»Private Haushalte wendeten im Jahr 2013 für die unbezahlte Arbeit 35% mehr an Zeit auf als für die bezahlte Erwerbsarbeit. Anfang der 1990er-Jahre waren es sogar fast 50 % mehr. In der regelmäßigen Wirtschaftsberichterstattung ist die unbezahlte Arbeit jedoch nicht enthalten. Um die Versorgung mit Waren und Dienstleistungen umfassend abzubilden, darf die unbezahlte Arbeit aber nicht ausgeblendet werden. Selbst bei einer vergleichsweise vorsichtigen Bewertung beträgt der Wert der unbe- zahlten Arbeit etwa ein Drittel der im Bruttoinlandsprodukt ausgewiesenen Bruttowertschöpfung«, kann man beispielsweise dem 2016 veröffentlichten Aufsatz Entwicklung der unbezahlten Arbeit privater Haushalte. Bewertung und Vergleich mit gesamtwirtschaftlichen Größen von Norbert Schwarz und  Florian Schwahn entnehmen.

35 % mehr Zeit für unbezahlte Arbeit als für Erwerbsarbeit, so ist eine Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes aus dem April 2016 überschrieben, wobei sich die Angaben auf das Jahr 2013 beziehen. Daraus ergibt sich »rechnerisch ein Wert für die unbezahlte Arbeit von 826 Milliarden Euro. Dieser Betrag für unbezahlt geleistete Arbeiten im Haushalt, bei der Betreuung und Pflege von Angehörigen sowie bei der Nachbarschaftshilfe und bei ehrenamtlichen Tätigkeiten liegt höher als die Nettolöhne und -gehälter aller Arbeitnehmer/-innen in Höhe von 780 Milliarden Euro.«

Die Daten zur Zeitverwendung stammen aus Haushaltsbefragungen.
»Darauf aufbauend wurde mit den Methoden der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) ein Satellitensystem Haushaltsproduktion erstellt, wodurch unmittelbar Vergleiche zu den gesamtwirtschaftlichen Größen der VGR möglich sind. Die Bruttowertschöpfung der Haushaltsproduktion wird aus dem Wert der Arbeitszeit sowie aus unterstellten Abschreibungen für die Nutzung der Wohnungseinrichtung und von Fahrzeugen für die Haushaltsproduktion ermittelt. Für das Jahr 2013 errechnet sich so eine Bruttowertschöpfung von 987 Milliarden Euro. Dies sind 39 % der im Bruttoinlandsprodukt (BIP) enthaltenen Bruttowertschöpfung (2 537 Milliarden Euro) von Wirtschaft und Staat in Deutschland.«
Obgleich mehr Zeit für unbezahlte Arbeit aufgewendet wird als für bezahlte, ergibt sich ein niedrigerer monetärer Wert. Wie kann das sein?
»Dass die Bruttowertschöpfung der unbezahlten Arbeit trotz höherem Arbeitseinsatz deutlich unter der im Bruttoinlandsprodukt gemessenen Bruttowertschöpfung liegt, ist auf die deutlich höhere Kapitalintensität in Unternehmen und einen vergleichsweise niedrigen Ansatz für die Entlohnung der unbezahlten Arbeit  zurückzuführen. Für die Bewertung der unbezahlten Arbeit wurde ein durchschnittlicher Nettostundenlohn für bezahlte hauswirtschaftliche Tätigkeiten in Höhe von 9,25 Euro angesetzt.« 
Man sieht schon - alles nicht so einfach, wenn man das in den üblichen Kategorien der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ausdrücken will. Ernsthafte Versuche haben die Bundesstatistiker vorgelegt, aber auch weiterhin bleibt die offensichtliche Wertschöpfung der unbezahlten Arbeit nicht berücksichtigt im BIP.

Das wird seit langem kritisiert. Schwarz/Schwahn (2016) beginnen mit dieser kritischen Sicht ihren Beitrag:
»Unter Wohlfahrtsgesichtspunkten ist die von privaten Haushalten geleistete unbezahlte Arbeit sowohl für das gesellschaftliche und individuelle Wohlbefinden als auch für die materielle Versorgung mit Waren und Dienstleistungen unverzichtbar. Diese Leistungen der privaten Haushalte sind aber kein Bestandteil der regelmäßigen Wirtschaftsberichterstattung. Zwar sind die Tag für Tag erbrachten vielfältigen Tätigkeiten im Haushalt, bei der Betreuung von Kindern und Pflegebedürftigen, bei der Nachbarschaftshilfe und bei ehrenamtlichen Tätigkeiten oft erst eine Voraussetzung für bezahlte Erwerbsarbeit, in das in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) ermittelte Bruttoinlandsprodukt (BIP) fließen sie jedoch nicht ein. Während einerseits reine Reparaturleistungen oder die Aufbereitung von verschmutztem Wasser werterhöhende Bestandteile des Bruttoinlandsproduktes sind, bleiben unbezahlte Tätigkeiten im Haushalt grundsätzlich außen vor. Insbesondere unter dem Aspekt der Messung des Wohlstandes einer Gesellschaft ist der Blick über das Bruttoinlandsprodukt hinaus jedoch notwendig.«
Dennoch sprechen sie sich gegen eine Implementierung in das BIP als Kernbestandteil der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung aus:
»Für ökonomische Analysen, die auf monetäre Transaktionen abstellen, ist die Beschränkung des Bruttoinlandsproduktes aber gerechtfertigt. Wesentliche Zielsetzung des Bruttoinlandsproduktes und der Vielzahl weiterer in den VGR ermittelter Größen ist die Bereitstellung von Daten für Analysen der Konjunktur-, Wachstums- und Strukturentwicklung und daraus folgenden Empfehlungen für die Wirtschaftspolitik. Daneben dienen die Daten der VGR für administrative Zwecke, beispielsweise als Bemessungsgrundlage für die zu leistenden Beiträge der Mitgliedsländer der Europäischen Union (EU) zum gemeinsamen EU-Haushalt. Hinzu kommt, dass die Bewertung der unbezahlten Arbeit nur modellmäßig möglich ist und die dafür benötigten Zeitverwendungsdaten erst mit einer Zeitverzögerung von ein bis zwei Jahren vorliegen. Das Bruttoinlandsprodukt und seine Komponenten sollen dagegen das aktuelle Wirtschaftsgeschehen abbilden.Es besteht daher international Konsens, dass die unbezahlte Arbeit nicht in das Inlandsprodukt einbezogen wird.« (Schwarz/Schwahn 2016: 36) 
Wer diese Ebene verlassen und wieder die grundsätzlichen Fragen behandeln möchte, auch und gerade mit Blick auf die Ungleichverteilung zwischen den Geschlechtern, dem sei dieses neue Gutachten empfohlen:
Sachverständigenkommission zum Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung (2017): Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten. Gutachten für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, Berlin 2017
Foto: Pixabay

Sell, Stefan (2017): Vom Weltfrauentag über Makroökonomie am Herd bis und den Töchtern, die weniger im Haushalt mitarbeiten als früher, bis hin zum einäugigen Bruttoinlandsprodukt, Aktuelle Wirtschaftspresse, 13.03.2017