Samstag, 1. April 2017

Amazon mal wieder. Diesmal mit einer "Anwesenheitsprämie" für "Gesunde"und die dann auch noch gekoppelt an das ganze Team

Amazon mal wieder - dieses Unternehmen ist ja immer wieder im Mittelpunkt der Berichterstattung. Die eine beklagen die Arbeitsbedingungen in den Versandzentren des Online-Händlers und einige streiken immer wieder und seit Jahren, um den amerikanischen Konzern in einen deutschen Tarifvertrag zu zwingen, bislang ohne erkennbaren Erfolg. Die anderen weisen darauf hin, dass bei aller Kritik der Konzern allen Bewerbern eine Chance auf Einstellung gibt und über Mindestlohn zahle.
Das aber soll hier gar nicht Thema sein. Sondern diese Meldung: Amazon belohnt Gesunde. Dabei handelt es sich um eine Zusammenfassung des Artikels Gold für Gesunde von Martin Scheele in der Süddeutschen Zeitung. Und darum geht es konkret:
»Fieber, Rücken, Magen-Darm: Krankheiten sind bekanntlich ein Teil des Lebens. Doch der Versandhändler Amazon will sich nicht so mit ihnen abfinden. Mitarbeiter, die nicht so oft krank sind, sollen eine Prämie bekommen - allerdings nur, wenn das gesamte Team mitzieht.«
Um den Krankenstand in seinen Logistikzentren zu senken, gibt es beim Online-Versandhändler Amazon seit vergangenem Jahr eine Anwesenheitsprämie für die Mitarbeiter. Die Mitarbeiter bekommen aktuell in fünf der neun Versandzentren als Bestandteil einer aus mehreren Komponenten bestehenden Erfolgsprämie auch mehr Geld, wenn sie sich seltener krank melden.
Nun kann man schon darüber diskutieren, ob solche Prämien für das Fehlen krankheitsbedingter Ausfalltage wirklich sinnvoll sind - man kann sich viele Gegenargumente vorstellen, selbst betriebswirtschaftliche im engeren Sinne, beispielsweise wenn sich kranke Mitarbeiter zur Arbeit schleppen oder andere Kollegen anstecken, nur um den eigenen Bonus nicht zu gefährden.

Aber Amazon legt gleich noch eine ordentliche Schippe drauf:
»Dabei koppelt Amazon diesen Gesundheitsteil an einen Gruppenbonus. Um die maximal mögliche Prämie von zehn Prozent des monatlichen Bruttogehaltes zu erhalten, zählen nicht nur die Krankheitstage des einzelnen Mitarbeiters, sondern auch der Krankenstand des gesamten Teams, in dem er arbeitet. Jeder, der sich krank meldet, gefährdet damit nicht nur seinen eigenen Bonus, sondern schwächt auch den Wert, den seine Kollegen erreichen können.«
Durch einen Gruppenbonus würden die Mitarbeiter gegeneinander ausgespielt, so die Kritik der Gewerkschaft Verdi. Nun kann man einwenden, natürlich kritisieren Gewerkschafter so ein Verhalten eines Unternehmens. Aber auch der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte und die Technikerkrankenkasse kritisieren das Prämienmodell von Amazon scharf.
»Als "komplett ungerecht", bezeichnete Anette Wahl-Wachendorf vom Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte das Prämiensystem. Ältere Mitarbeiter oder chronisch Kranke würden darin überhaupt nicht berücksichtigt. Die Leiterin des Gesundheitsmanagements bei der Technikerkrankenkasse, Sabine Voermans, sagte, mit einer Prämie werde gefördert, dass Menschen krank zu Arbeit gingen.«
Dass eine Firma einen Teambonus zahlt, ist für den Verband Deutscher Betriebs- und Werkärzte eine neue Stufe.

Zu dem Prämiensystem selbst kann man dem Original-Artikel in der Süddeutschen Zeitung entnehmen:
»Am Logistikzentrum in Pforzheim etwa gilt: Wer keinen Tag im Monat wegen Krankheit fehlt, der ist Gold-Mitarbeiter. Wer einen Tag zu Hause war, hat Silber-Status. Bei zwei Krankheitstagen gibt es Bronze.«
Und weiter erfahren wir zu Amazons Prämienmodell:
»Die Gesundheitsprämie ist, dies zeigen die Dokumente, kompliziert konstruiert. Unter dem Strich können die Angestellten ihr Bruttomonatsgehalt durch die Prämie um maximal zehn Prozent steigern. In die Zahl fließen einerseits leistungsbezogene Kriterien ein, die insgesamt vier Prozent ausmachen. Das Kriterium Gesundheit wird mit sechs Prozent gewichtet.
Diese Gesundheitskomponente wiederum gliedert sich einen individuellen Teil und einen Gruppenanteil. Das heißt: Ist die ganze Abteilung weniger krank, erhält jeder Einzelne mehr Geld. Erreicht eine Gruppe, die aus etwa 50 Mitarbeitern besteht, Gold-Status, steigt die Wahrscheinlichkeit des Einzelnen, eine höhere Prämie zu erhalten. Ein Logistikzentrum-Mitarbeiter verdient anfangs etwa 2000 Euro brutto im Monat. Nach Angaben von Amazon-Mitarbeitern kann er realistischerweise einen Bonus von 70 bis 150 Euro im Monat erreichen. Vorausgesetzt natürlich, die ganze Abteilung zieht mit. Das kann enormen Druck auf den Einzelnen ausüben.«
Peter Fahrenholz kommentiert die Vorgänge bei Amazon unter dieser Überschrift: Perfide. Der Versandhändler stigmatisiert kranke Mitarbeiter. das Perfide sei dieser Mechanismus: »Um die maximale Prämie zu erhalten, reicht es für den einzelnen Mitarbeiter nämlich nicht, wenn er selber keinen Tag fehlt. Auch die Kollegen seines Teams dürfen nicht krank werden. Denn Bestandteil des Systems ist ein sogenannter Gruppenbonus. Wer krank wird, schadet automatisch auch seinen Kollegen, denn er zieht damit den Wert des ganzen Teams nach unten. Auf raffinierte Weise wird die Belegschaft dazu gebracht, selber dafür zu sorgen, dass es möglichst wenig Krankmeldungen gibt - da braucht kein Chef mehr den Buhmann spielen. Krankheit ist in der Welt von Amazon nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern sie wird zu einem sozialen Makel. Wer krank ist, so die Logik, schadet der Gemeinschaft. «

Aber Amazon steht ja nicht allein mit dem Versuch, die aufgrund der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall in der ersten Zeit einer Arbeitsunfähigkeit anfallenden betrieblichen Kosten zu drücken. Anwesenheitsprämien sind seit 1996 im Entgeltfortzahlungsgesetz verankert. Und ein Teil der Unternehmen nutzt diese Option bzw. man hat mit damit experimentiert.
»Eingeführt hat sie im Januar 2017 etwa der Daimler-Konzern, anfangs gegen erheblichen Druck des Betriebsrats. Im Bündel mit vielen gesundheitspräventiven Angeboten hat die Arbeitnehmerseite schließlich das Prämiensystem akzeptiert. Im Kern: Wer 2017 jeden Tag zur Arbeit geht, bekommt 200 Euro mehr.«
Ein anderes Beispiel mit einer anderen Ausgestaltung wäre der Sanitärarmaturenhersteller Grohe AG:
»Personalvorstand Michael Mager sagt: "Wir wollen damit die Verantwortung des Einzelnen für seine Gesundheit unterstützen." Prämienberechtigt ist jemand, der weniger als 21 Tage im Jahr gefehlt hat. Damit will das Unternehmen Erkrankungen wie Grippe und Ähnliches berücksichtigen. "Seit Einführung der Prämie ist die Zahl der Abwesenheitstage um ein Viertel bis ein Drittel zurückgegangen", sagt Mager. Auch gibt es Krankenrückkehrgespräche, die als Betriebsvereinbarung festgeschrieben sind sowie diverse Angebote zur Gesundheitsprävention.«
Oder die Stadtwerke in Bad Homburg, die haben eine solche Prämie vor zwölf Jahren eingeführt:
"Diejenigen, die Montag und Freitag gerne mal krankgemacht haben, tun dies jetzt kaum noch", sagt Direktor Ralf Schroedter. "Die Fehlzeiten bei Kurzzeiterkrankungen sind um etwa 20 Prozent zurückgegangen." Wer nicht mehr als einen Tag im Jahr gefehlt hat, erhält eine Prämie von 900 Euro. Für jeden weiteren Tag wird ein Neuntel des Betrags abgezogen. Bei mehr als neun Fehltagen gibt es nichts.
Allerdings: Manche Unternehmen haben die Prämie wieder abgeschafft. Dazu gehört etwa die Rheinbahn AG, die den öffentlichen Nahverkehr in Düsseldorf betreibt. Dort hat sich das Anreizsystem nicht bewährt.

Foto: Pixabay

Sell, Stefan (2017): Amazon mal wieder. Diesmal mit einer "Anwesenheitsprämie" für "Gesunde"und die dann auch noch gekoppelt an das ganze Team. Aktuelle Wirtschaftspresse, 01.04.2017