Donnerstag, 27. April 2017

Die Arbeitnehmer haben Deutschland in die "weltbeste" Ökonomie verwandelt. Sollten das andere Länder nicht einfach kopieren?

Der Kolumnist Noah Smith hat bei Bloomberg View diesen Artikel veröffentlicht: Workers Made Germany Into the World's Best Economy. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Frage, von welchen erfolgreichen Ländern die USA wirtschaftspolitisch lernen könnten. Und Deutschland sei derzeit das erfolgreichste Modell - was auch deshalb bemerkenswert sei, weil das nicht immer so gewesen ist. So zitiert der den deutschen Volkswirt Herbert Giersch, der bereits 1985 ein Diskussionspapier veröffentlicht hat mit dem Titel: Eurosclerosis. Mit diesem Begriff sollte das geringe Wirtschaftswachstum in Deutschland in den 1980er bis in die 1990er Jahre problematisiert werden. Deutschland als "kranker Mann Europas" war in der Folgezeit eine gängige Begrifflichkeit in den Medien. Es war eine Zeit, in der es in den USA boomte und in Deutschland die offizielle Arbeitslosenquote die 10 Prozent-Schwelle genommen hat.
Aber eine Dekade nach dem Ausbruch der Finanzkrise stellt sich die Lage ganz anders dar. die deutsche Wirtschaft boomt, trotz vergleichbarer Herausforderungen wie andere Länder auch, was beispielsweise die niedrige Geburtenrate und eine alternde Bevölkerung angeht. Und Deutschland hat sich auch nicht abkoppeln können der globalenVerlangsamung des Produktivitätswachstums. Und auch die Herausforderung durch die Automation und Roboterisierung stellt sich in Deutschland genau so dar - lediglich Japan hat mehr Industrieroboter im Einsatz. Wenn es denn wirklich zu einem starken Rückgang der Beschäftigung aufgrund der Digitalisierung kommen muss, dann müsste man das in Umrissen in Deutschland erkennen können.

Was also läuft hier anders? Smith weist aus seiner US-amerikanischen Perspektive darauf hin: »The country has a very large state sector, generous welfare spending and a trade unionization rate almost twice that of the U.S.« Auch wenn es Reformen und Deregulierungen gegeben hat, kann man nicht davon sprechen, dass Deutschland einer Deregulierungsmanie verfallen sei.

Was kann dann den deutschen Erfolg erklären? Es hängt alles am Außenhandel und an den Gewerkschaften, so seine pointierte Zusammenfassung eines bereits 2014 veröffentlichten Beitrags:
Christian Dustmann, Bernd Fitzenberger, Uta Schönberg and Alexandra Spitz-Oener (2014): From Sick Man of Europe to Economic Superstar: Germany’s Resurgent Economy, in: Journal of Economic Perspectives, Number 1, 2014, pp. 167–188
Darin wird mit Blick auf die Bedeutung des Außenhandels beispielsweise darauf hingewiesen: »Though the country accounts for less than 5 percent of global output, it has about 9 percent of world exports. Sales to other countries account for about half of Germany’s gross domestic product -- more than twice as much as for China.«

Warum dieser Erfolg? Dustmann et al. (2014) verweisen auf die deutsche Wettbewerbsfähigkeit durch die Löhne. Gemeint ist eine internationale Wettbewerbsfähigkeit, die durch Lohnzurückhaltung auf- und ausgebaut wurde: »German unions’ willingness to hold down wages led to lower production costs in Germany, allowing the country to export more.«

Die in Deutschland teilweise vielgeschmähten Gewerkschaften stehen nach dieser Sichtweise Pate für den deutschen Wirtschaftserfolg. Und Noah Smith setzt einen drauf und argumentiert, dass - auch wenn es kontraintuitiv erscheinen mag - Lohnzurückhaltung zu einem höheren Lohnwachstum führen kann: »German unions’ willingness to contain or forgo raises in bad times could act as an insurance policy for companies in good times, making them feel safer about building expensive factories and making risky long-term investments in the country.«

Aber Smith sieht einen weiteren Erklärungsansatz für den deutschen Erfolg, vor allem angesichts der erheblichen Überschüsse im Außenhandel - den Euro: »Germany is part of the euro zone, most of which is in an economic slump. That slump holds down the euro’s exchange rate against that of many other countries, making German exports cheap. Also, the unified currency doesn’t allow the exchange rates of slower-growing countries such as Greece or Spain to fall against Germany, meaning that Germany gets a boost to exports within Europe.«

Und dann kommt das wirtschaftspolitisch entscheidende Fazit von Smith:
»But if Germany’s success really is due to its unique method of collective bargaining, other countries -- especially those with large persistent manufacturing trade deficits, such as the U.S. -- should think about ways to emulate the German system’s advantages.«
Also Länder wie die USA sollten der Strategie der Lohnzurückhaltung folgen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.

Scheinbar plausibel - aber eben nur scheinbar. Was, wenn das alle machen oder zumindest viele? Besteht dann nicht die Gefahr einer Rutschbahn nach unten? Könnte die "Steigerung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit" in einem hoch kompetitiven Umfeld nicht auch bedeuten, dass am Ende alle verlieren? Denn ein Mehr an Wettbewerbsfähigkeit des einen Landes bedingt Länder, die ein Weniger zu verkraften haben. Denn eine Welt, in der alle wettbewerbsfähiger werden, kann es nicht geben. Und was würde das wiederum bedeuten für die Binnennachfrage in den jeweiligen Volkswirtschaften, wenn man weiterhin davon ausgeht, dass die Löhne das Rückgrat des Konsums darstellen? Fragen über Fragen.

Foto: Pixabay

Stefan Sell (2017): Die Arbeitnehmer haben Deutschland in die "weltbeste" Ökonomie verwandelt. Sollten das andere Länder nicht einfach kopieren?, in: Aktuelle Wirtschaftspresse, 27.04.2017