Freitag, 21. April 2017

Von Medikamenten, schutzbedürftigen Innovatoren und Mondpreisen, von Indien und Aktivisten für die Menschen auf der dunklen Seite

»100 Euro Produktions-, aber 43.500 Euro Therapiekosten: Bei den Preisen neuer Medikamente geht es allein um den Profit, kritisieren Ärzte. Die Preispolitik könnte das Gesundheitssystem bald unfinanzierbar machen.« So beginnt der Artikel Medikamente immer teurer – Industrie am Pranger von Peter Thelen. Er berichtet darin von - wieder einmal - massiver Kritik an der Pharmaindustrie. Diesmal vorgetragen von MEZIS. Dieses Kürzel steht für „Mein Essen zahl ich selbst“. Dabei handelt es sich um eine 2006 entstanden Initiative von Ärzten, die nicht mehr mitmachen wollten bei der traditionellen Kooperation zwischen Ärzteschaft und der Pharmaindustrie. Die haben sich nun mit der Pharmaindustrie angelegt: »„Der gemeinsame Nenner der Pharmakonzerne ist der Profit. Der Preis eines Medikaments orientiert sich nicht an den Forschungskosten, schon gar nicht an den Produktionskosten, sondern allein am Marktwert“, sagt Christiane Fischer, ärztliche Geschäftsführerin von Mezis.« Die Medizinerin  ist zugleich Mitglied des Deutschen Ethikrats. Auch Thomas Lempert, Chefarzt der Schlosspark-Klinik in Berlin und Mitglied des Fachausschusses für Transparenz und Unabhängigkeit in der Medizin in der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Lempert wirft der Industrie eine bewusst intransparente Preispolitik vor. „Es ist nicht Aufgabe der Versichertengemeinschaft, Profitmargen von 20 bis 30 Prozent und ausufernde Marketingetats zu finanzieren“, so Lempert.

„Zwischen den von den Herstellern festgelegten Preisen und den Entwicklungskosten für neue Medikamente besteht keinerlei Zusammenhang“, wird Thomas Meyer vom GKV-Spitzenverband zitiert. Dabei wäre das, wie jeder gute Ökonom lernt, ein entscheidender Punkt für eine Rechtfertigung der Patentschutzfristen für neue Medikamente, die den Herstellern ein temporäres Monopol zugestehen. Die daraus entstehende Monopolrente (vor allem, wenn der Hersteller in der Schutzfrist bei freier Preissetzung sehr hohe Verkaufspreise festlegen darf) kann als Kompensation und Anreiz für die Unternehmen angesehen werden, die in Forschung und Entwicklung investiert haben, die Risiken eingegangen sind, die erhebliche Vorfinanzierungen in Kauf nehmen mussten - und die sollen für einen begrenzten Zeitraum nicht um die Früchte ihres innovativen Tuns gebracht werden, in dem man die Kopisten eine Zeit lang von der Nutzung des neuen Medikaments ausschließt.

Dass die Hersteller hier ordentlich hinlangen, bestätigt auch der Arzneiverordnungs-Report 2016. Für den beobachteten Umsatzanstieg bei Arzneimittel sei, so die an dem Report beteiligten Wissenschaftler, festzustellen, dass »der maßgebliche Anteil der Umsatzsteigerung auf die hohen Kosten vor allem für Patent-Arzneimittel zurückzuführen (ist). Vor allem neue Arzneimittel kommen zu immer höheren Preisen auf den Markt. Diese Neueinführungen sind mit einem durchschnittlichen ungewichteten Packungspreis von 4.780,66 € mehr als doppelt so teuer wie die Arzneimittel im gesamten Patentmarkt. Zudem entfallen rund 70% des Nettokostenanstiegs im Gesamtmarkt auf Kostensteigerungen der fünf teuersten Arzneimittel im patentgeschützten Markt.«
Die zehn teuersten Arzneimittel bei den Marktneueinführungen seien in der Apotheke 2015 teurer als 16.000 Euro pro Packung gewesen. Das teuerste Mittel kostete 99.000 Euro pro Packung. Hier sind offensichtlich echte Mondpreise realisierbar.

Noch krasser werden natürlich die Differenzen zwischen den Produktionskosten und den Preisen, die von den monopolistisch agierenden Herstellern verlangt werden. Thomas Meyer zitiert als Beispiel ein Medikament, das gleich noch eine besondere Rolle spielen wird - das neue Medikament gegen Hepatitis C, Sofosbovir:
„Während die Jahrestherapiekosten pro Patient stolze 43.500 Euro betragen, belaufen sich bei diesem Medikament die Produktionskosten für den Patienten für ein Jahr lediglich auf 100 Euro.“
Der Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller sieht das natürlich anders. „Neue Arzneimittel auf dem Markt haben nur rund zwölf Jahre Patentschutz. Danach kann jeder Hersteller sie produzieren. Diese Arzneimittel stehen dann zu sehr niedrigen Preisen weltweit zur Verfügung, was insbesondere vielen Schwellenländern hilft“, wird Verbandssprecher Jochen Stemmler zitiert.

Das bleibt nicht unwidersprochen.
»(Die) Ärzteinitiative „Mein Essen zahl ich selbst“ ... macht sich in einem Memorandum sogar dafür stark, den Patentschutz einzuschränken. Das gegenwärtige Patentrecht begünstige hohe Medikamentenpreise, führe zu wettbewerbswidrigen Praktiken, Patentmissbrauch und falschen Anreizen für die Pharmaforschung. „Daher fordern wir frühen Marktzugang für und die breite Anwendung von Generika“ heißt es im Memorandum ... Schließlich sollen die Unternehmen selbst „die Hosen herunter lassen“ und ihre Forschungs- und Entwicklungskosten offenlegen, einschließlich öffentlicher Zuwendungen in Form von Steuervergünstigungen oder staatlich finanzierter Grundlagenforschung. Die Initiative mutmaßt, dass dabei herauskommen könnte, dass echte Durchbrüche bei der Arzneimitteltherapie gar nicht aus den Labors der großen Konzerne, sondern aus den Universitäten und kleinen Start-up-Unternehmen kommen.« 
Unbestreitbar sind die massiven Verwerfungen aufgrund der Preisgestaltung bei Arzneimittel, vor allem, wenn wir den Blick über den nationalen Tellerrand richten.  Dazu der Artikel Schmuggeln oder sterben von Willi Germund: »Eine neue Hepatitis-C-Arznei bewirkt Wunder. Doch sie ist für viele zu teuer. Zum Glück gibt es Indien. Und Aktivisten«, so die sehr kompakte Zusammenfassung dessen, was er da beschreibt. Es geht hier um Hepatitis C.
Laut der Weltgesundheitsorganisation leiden weltweit rund 180 Millionen Menschen an Hepatitis. 500 000 bis 700 000 sterben jährlich an Folgen wie Leberkrebs oder Zirrhose. Hepatitis C gehört neben Tuberkulose, HIV, Malaria und Hepatitis B zu den fünf schlimmsten Infektionskrankheiten auf dem Globus.
»Seit der Pharmakonzern Gilead Ende 2013 die neu entwickelten „Direct Acting Anti-Viral“ (DAA) Pillen auf den Markt brachte, werden plötzlich mehr als 95 Prozent aller behandelten Hepatitis-C-Patienten geheilt – und dies im Gegensatz zum zuvor einzig eingesetzten Interferon fast ohne Nebenwirkungen. „Man kann die Einführung mit der Entdeckung von Penicillin vergleichen“, sagt der australische Arzt James Freeman.«
Man ahnt, was das Problem ist - der Pharmakonzern will hier richtig viel Geld machen.

»Der Konzern kaufte 2011 das Unternehmen Pharmasset, das die Medikamente mit einem Aufwand von rund 281 Millionen US-Dollar entwickelt hatte. Seither verdient Gilead laut Berechnungen von Kritikern jährlich etwa elf Milliarden US-Dollar an den Hepatitis-Medikamenten – und versteuert seine Einkünfte günstig in Irland. Die Rechtfertigung des Konzerns für seine Preispolitik: Die Behandlung müsse mit den Kosten einer Lebertransplantation verglichen werden.«

Was teuer bedeutet, kann man an dieser Information ablesen: »In Deutschland senkte Gilead, der Hersteller der Wundermedizin, nach langen Verhandlungen 2015 den Preis pro Pille von zuvor 700 Euro auf 500 Euro pro Pille.« Pro Pille wohlgemerkt.
Man kann sich vorstellen, dass das schon in einem an sich reichen Land wie Deutschland Probleme bereitet - aber Entwicklungsländer werden da keine Chance haben.

Aber es gibt Indien und dort wird der Wirkstoff zu deutlich günstigeren Konditionen hergestellt. Nun könnte man dann doch aus Indien importieren. Deutschlands Behörden und viele andere Staaten der Europäischen Union verbieten zum Wohle der Pharmaindustrie den Import von Generika-Arzneien, die nicht für den persönlichen Gebrauch bestimmt sind. Großbritannien erlaubt die Einfuhr, beschränkt aber aus Kostengründen die Behandlung mit dem Arzneimittel auf Patienten mit fortgeschrittener Leberzirrhose. Rumänien ist eine Option. Ungarn erlaubt die Einfuhr, erhebt aber 27 Prozent Steuern darauf.

Aber das das Angebot aus Indien wird von anderen genutzt: Es gibt 88 Käuferklubs, »die weltweit mit Hilfe von Aktivisten und Hilfsorganisationen aus dem Umfeld der HIV-Bekämpfung zum Selbstkostenpreis ein globales Netzwerk betreiben, um die horrend teuren Arzneien zu erträglichen Preisen zu den Patienten zu bringen, die wegen gesetzlicher Vorschriften oder blockierenden Krankenversicherungen die Medikamente nicht bezahlen können.«
Die kaufen die Medikamente in Indien bei elf Generika-Produzenten ein, die sieben Prozent ihrer Erlöse an den Pharmagiganten Gilead abführen, der die Arzneien im Westen zu Horrorpreisen vertreibt.
Auch der bereits zitierte australische Arzt James Freeman ist dabei, er betreibt von seiner Praxis aus den Käuferklub FixHepC. Die Rechtfertigung des Arztes für seinen Kampf gegen die hohen Behandlungskosten: „Es ist nicht ok, jemandem einfach so mit einem Knüppel über den Schädel zu hauen. Aber wenn ich das bei jemandem tue, der jemandem eine Pistole an den Kopf hält, ist das ok.“

Foto: Pixabay


Stefan Sell (2017): Von Medikamenten, schutzbedürftigen Innovatoren und Mondpreisen, von Indien und Aktivisten für die Menschen auf der dunklen Seite, in: Aktuelle Wirtschaftspresse, 21.04.2017