Montag, 17. April 2017

Ostern 2017: Von für andere teuer erkauften Schokohasen bis zu Martin Luther und den Gemeingütern

Millionen Schokohasen, Schokoeier und Pralinen verkaufen die Supermärkte in diesen Tagen. Für wenige Euro sind die Süßigkeiten in den Läden zu haben. Doch der wertvolle Rohstoff, der Kakao, stammt häufig aus problematischem Anbau. Meint Tanja Tricarico in ihrem Artikel Die bittere Seite des Süßen. Warum das?
»Rund 60 Prozent der Kakaobohnen, die in Deutschlands verkaufter Schokolade stecken, kommen aus der Elfenbeinküste. Tausende Bauern leben von der Ernte der Pflanzen in dem westafrikanischen Land. Die ivorische Regierung zahlt ihnen seit 2011 einen Mindestpreis ... Dank garantiertem Preis können die Bauern mit einem konkreten Einkommen rechnen.« Also alles gut - oder? Für die Abnehmer in Europa ist eine andere Einrichtung und die von dort ausgehenden Signale relevant - die an der Terminbörse in London gehandelten Preise für Rohkakao. Und von dort erfahren wir: Dank spekulativem Handel ist der Preis für Rohkakao seit 2013 stark gestiegen. »Angetrieben wurden die Spekulanten – also Hedgefonds und Finanzinstitute – durch die hohen Ernteverluste, bedingt durch das jüngste Klimaphänomen El Niño. Bis heute leiden viele Regionen Afrikas an dessen Folgen.«

Und wir werden Zeugen einer ganz eigenen Art und Weise der Preisbildung: Vor einem Jahr waren die Ernteerwartungen schlecht, was von den Spekulanten sofort genutzt wurde und sie trieben den Preis des Rohstoffs nach oben. Erwartungen müssen bekanntlich nicht eingelöst werden, es kann auch anders kommen. So auch hier: »Doch nun ist wieder mehr Ware auf dem Markt, und der Preis fällt – als Folge der Auflösung spekulativer langfristiger Warentermingeschäfte.«
Die Regierung der Elfenbeinküste wurde von den sinkenden Preise voll erwischt und hat die an die Bauern weitergegeben: »Seit dem 1. April bekommen die Bauern 30 Prozent weniger für ein Kilo Kakaobohnen.«

Die Bauern haben in den vergangenen Jahren ihre Produktivität steigern können - das fällt ihnen jetzt im Kontext spekulativ getriebener Preissenkungen im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf. Um welche konkreten Beträge es hier geht, kann man dem Artikel auch entnehmen:
Den »Kakao­bauern­familien (stehen) pro Tag zwischen 50 und 80 Cent zur Verfügung – das ist deutlich weniger, als ein Schokohase bei uns kostet. „Um aus der absoluten Armut herauszukommen, müssten sie mindestens viermal so viel verdienen“,« wird Evelyn Bahn von der Kam­pagne „Make Chocolate fair“ zitiert. »Teurer müssten Schokohasen und Pralinen hierzulande aber nicht werden. Nur ein geringer Teil des Verkaufspreises landet bei den Bauern. Den größten Anteil verdienen die Industrie und der Lebensmittelhandel.«
Und damit die Dimensionen noch etwas deutlicher werden: »Rund 5,5 Millionen Kakaobauern weltweit leben von der Ernte. Der Anbau ist harte Arbeit, der Verdienst gering. Viele Kinder müssen auf den Feldern mithelfen, der Arbeitsschutz ist oft dürftig. Um die Nachfrage zu stillen, werden Boden und Felder ausgebeutet. Viele junge Erwachsene zieht es daher eher in die Städte, als auf die Plantagen.«

Zuweilen kann auch ein süß daherkommender Schokohase eine bittere Note haben.

Und wenn wir schon bei Themen rund um einen christlichen Feiertag sind, dann darf in diesem Jahr das "Reformationsjahr 2017" nicht unerwähnt bleiben. 500 Jahre Reformation und damit auch die Erinnerung an Martin Luther begegnen einem an vielen Stellen. Und letztendlich kann man das, was damals passiert ist, auch, wenn nicht sogar primär ökonomisch verstehen. Wieder einmal wie so oft ging es um den schnöden Mammon. Damit befasst sich dieses Feature, das vom Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt wurde: Reformation und Ökonomie: Gottes Güter umsonst, so hat Christoph Fleischmann sein Werk überschrieben. Und er weist nicht nur auf den monetären Ausgangspunkt dessen hin, was zur Kirchenspaltung und mehr geführt hat, sondern schlägt einen interessanten Bogen hin zu einem spannenden Thema aus den Gefilden abseits der Mainstream-Ökonomie - den Gemeingütern (vgl. dazu nur als ein Beispiel aus der Literatur das Heft Gemeingüter der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte", 28-30/2011).
»Am Anfang der Reformation standen keine theologischen Streitfragen, sondern Geldsorgen: Albrecht von Brandenburg wollte Erzbischof von Mainz werden, obwohl das kirchenrechtlich verboten war. Der Papst machte den Weg mittels Sondergenehmigung frei – allerdings nur gegen Geld. Die enormen Kosten von 24.000 Dukaten ließen sich aber abwälzen auf die Menge der Gläubigen. Denen wurde Ablass ihrer Sündenstrafen verkauft, damit Albrecht die Karriereleiter hoch klettern konnte. Das Geschäft mit dem Ablass florierte allerdings nicht mehr so gut: Wer einmal vollkommenen Ablass der Sündenstrafen erworben hatte, brauchte keinen zweiten Ablassbrief mehr. Also gingen die Päpste dazu über, für die Zeit einer neuen Ablasskampagne die vorher verkauften Briefe außer Kraft zu setzen.
Das empörte auch den Mönch Martin Luther, dass mit solchen billigen Tricks den Menschen das Geld aus der Tasche gezogen wurde: Dem Papst ging es offensichtlich ums Geld, und nicht um der Seelen Seligkeit, bemerkte Luther spitz. Rom war alarmiert, weil es ums Geschäft ging: Gottes Gnade umsonst für alle, nicht mehr als kostenpflichtige Ware des Papstes - diese Botschaft drohte das Geschäft kaputt zu machen. Eine Botschaft mit einer ökonomischen Konsequenz - auch heute noch: Dass die Menschen an allen Gütern der Gemeinschaft teilhaben können unabhängig von ihrer Leistung, das wäre - so der Reformationshistoriker Berndt Hamm – die Überführung der Gnadenlehre Luthers in eine Gesellschaftstheorie. Commons, Gemeingüter als Konsequenz aus Luthers Gnadenlehre: Weil wir Menschen sind, nimmt uns Gott an. Weil wir Menschen sind, steht uns zu, was wir zum Leben brauchen – nicht aufgrund irgendeiner Leistung.«
Wen das interessiert, der kann sich das Manuskript zur Sendung "Reformation und Ökonomie: Gottes Güter umsonst" als PDF-Datei downloaden. Wer es lieber direkt aufs Ohr bekommen möchte, der findet das Feature hier auch direkt als Audio-Datei.

Foto: © Joujou / pixelio.de


Stefan Sell (2017): Ostern 2017: Von für andere teuer erkauften Schokohasen bis zu Martin Luther und den Gemeingütern, in: Aktuelle Wirtschaftspresse, 17.04.2017