Sonntag, 7. Mai 2017

Darth BWL und VWL? Wirtschaftsstudenten auf der "dunklen Seite" bzw. mit "dunklen Charakterzügen" in das Studium?

Es erscheint fast schon trivial angesichts der Verhältnisse in vielen Bereichen der Wirtschaft darauf hinzuweisen, dass man als Teil des Systems bestimmte Voraussetzungen mitbringen sollte, um dort zu reüssieren. Und immer wieder wird mehr oder weniger drastisch darauf hingewiesen, dass im Wirtschaftsleben eher dunkle Charakterzüge einen Startvorteil haben. Man kann das dann so zuspitzen: "An der Wall Street arbeiten lauter Soziopathen". Das sagt Elon Ganor. Einer, der drin war im System und dann ausgestiegen ist. Er wurde 1964 in der Schweiz geboren. Er ist in Israel aufgewachsen und studierte dort Medizin. Anfang der Neunziger gründete Ganor eine Kommunikationsfirma, die als Pionier im Voice-over-Internet-Protocol-Geschäft gilt. 2006 verließ er die Tech-Branche um Kunst zu studieren. Seinen Schwerpunkt legte er auf Fotografie. Seine Sicht: »Ich verachte die Wall Street. Ich glaube, dass da jede Menge Soziopathen arbeiten; Menschen, die alles tun würden, um Geld zu verdienen. Ich habe das selbst erlebt. Ich habe mehr als zehn Jahre als Vorstandsvorsitzender eines börsennotierten Unternehmens gearbeitet. Dabei bin ich auf unmoralisches und korruptes Verhalten von Investmentbankern gestoßen. Ihnen war nur eine Sache wichtig: Geld machen - um jeden Preis.« Und auch andere Berichte werfen kein gutes Licht auf die Führungskräfte in der Wirtschaft. Jeder vierte deutsche Manager würde unethisch handeln, so David Böcking in seinem Artikel: »Das Ansehen deutscher Manager hat durch die VW-Affäre erheblichen Schaden erlitten. Eine neue Studie zeigt: Auch heute wären viele Unternehmenslenker bereit, Behörden oder gar das eigene Management zu täuschen.«

Böcking berichtet über eine Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY). Dort wurde auch nach dem Alter der Manager differenziert - mit diesem Befund: Jung und skrupellos:
"Nach all den Compliance-Seminaren und oftmals verpflichtenden Schulungen für Mitarbeiter müsste man annehmen, dass gerade die Jüngeren ein besonders ausgeprägtes Unrechtsempfinden haben", schreiben die Autoren. Tatsächlich scheint jedoch das Gegenteil der Fall zu sein.
So hielten fast drei Viertel der 25- bis 34-Jährigen weltweit unethisches Verhalten für gerechtfertigt, um ein Unternehmen über einen Wirtschaftsabschwung zu retten. Im Durchschnitt aller Altersgruppen waren es nur knapp 60 Prozent. Jeder vierte Jungmanager fand Schmiergeldzahlungen zum selben Zweck in Ordnung, insgesamt dagegen nur jeder Sechste.
Natürlich wird immer wieder und seit langem ein Auge geworfen auf die Frage, ob das auch oder gar vor allem mit Persönlichkeitsmerkmalen derjenigen, die es in das Management geschafft haben, zu tun hat. Narcissists Are More Likely To Get Promoted -- But Do They Make Better Leaders?, so beispielsweise ein Artikel von Amy Morin aus dem vergangenen Jahr. Die Studienlage zur Bedeutung narzisstischer Persönlicjkeitsmerkmale ist umfangreich (vg. beispielsweise diese Übersicht: Leader Emergence: The Case of the Narcissistic Leader).

Und das wird durch eine weitere neue Studie offensichtlich bestätigt: Wirtschaftsstudenten neigen zu Narzissmus und Rücksichtslosigkeit, so Marie-Thérèse Fleischer: »Die Persönlichkeit beeinflusst, für welches Studium wir uns entscheiden: Wer sich für Wirtschaftswissenschaften interessiert, zeigt schon vor Studienbeginn stärker ausgeprägte "dunkle" Charakterzüge als Psychologiestudierende.« Sie bezieht sich dabei auf eine Studie der beiden Wissenschaftlerinnen Anna Vedel und Dorthe K. Thomsen (The Dark Triad across academic majors, in: Personality and Individual Differences, 2017).

Der Befund ist hart: »Angehende Studenten der Volks- oder Betriebswirtschaftslehre neigten dabei am stärksten zu Selbstüberschätzung, Psychopathie und rücksichtslosem, manipulativem Verhalten.«

Offensichtlich gibt es einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Studenten, die bereits zu Beginn der Ausbildung gefangen sind von der "Dunklen Triade", wie das die Psychologen nennen: Der Erste ist selbst­gefällig und arrogant, der Zweite aggressiv und brutal, der Dritte hinterhältig und machtgierig. Doch bei diesem Trio handelt es sich nicht um eine Gangsterbande, sondern um die drei Seiten des schlechten Charakters – Narzissmus, Psycho­pathie und Machiavellismus. Nicht immer lassen sich Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus klar voneinander trennen. Viele Personen, bei denen eine dieser ­Eigenschaften stark ausgebildet ist, neigen auch zu den beiden anderen – zum Leidwesen ihrer Mitmenschen. Beispielsweise der ihnen untergeordneten Mitarbeiter in den Unternehmen.

Diese Charakterzüge analysierten Vedel und Thomsen, als sie 487 angehende Studierende der Fachrichtungen Betriebswirtschaftslehre/Volkswirtschaftslehre, Jura, Politikwissenschaften oder Psychologie einen entsprechenden Fragebogen ausfüllen ließen. Zusätzlich maßen die Forscherinnen bei ihnen die "Big Five" der Persönlichkeit – Neurotizismus, Extraversion, Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit – durch das NEO-Fünf-Faktoren-Inventar, berichtet Fleischer in ihrem Übersichtsartikel (vgl. zur Bedeutung der "Big Five" auch Anna Vedel: Big Five personality group differences across academic majors: A systematic review, in: Personality and Individual Differences, 2016). Einige wichtige Befunde werden von ihr referiert:
»Männliche Studienanfänger hatten bei allen Merkmalen der "Dunklen Triade" signifikant höhere Werte als weibliche. Innerhalb der verschiedenen Studienrichtungen gab es keine nennenswerten Geschlechterunterschiede mehr, aber der Frauenanteil variierte dafür stark: Im Psychologiestudium betrug er 87 Prozent, bei Jura 80 Prozent, bei Politikwissenschaft 59 Prozent und bei Wirtschaftsstudien 43 Prozent. Wirtschaftsstudenten hatten die höchsten Werte bei Machiavellismus und übertrafen Politikwissenschafts- und Psychologiestudenten auch bei Narzissmus signifikant; nur Jurastudenten waren bei diesem Merkmal fast gleichauf. Insgesamt war Psychologie die Fachrichtung mit der geringsten Neigung zu den drei "dunklen" Persönlichkeitseigenschaften, während diese bei Wirtschaftsstudenten am stärksten ausgeprägt waren, gefolgt von Jurastudenten.«
Fleischer bilanziert: »Insgesamt scheint es also nicht erst das Studienumfeld zu sein, das die Arbeitskräfte von morgen prägt – Wirtschaftsstudenten haben anscheinend schon viel früher gelernt, ihre Ellbogen einzusetzen und sprichwörtlich über Leichen zu gehen, um ihre Ziele zu erreichen.«

Aber vielleicht ändert sich das ja, langsam, aber sicher? Solche Artikel sollen Hoffnung machen: Siegeszug der Schüchternen: »Große Klappe, großer Erfolg? Diese Formel geht nicht mehr auf. Karriereberater Martin Wehrle beobachtet, dass Maulhelden in vielen Firmen nicht mehr gefragt sind - sondern Introvertierte.« In dem Artikel finden sich interessante Aspekte. Aber selbst wenn die angesprochene Umorientierung stattfinden sollte, dann wird das ein sehr langer Weg.

Aber zur Ehrenrettung der Studierenden muss auch angemerkt werden, dass es aus ihren Reihen gerade seit der Erfahrung eines als disziplinäres Versagen wahrgenommen Zustandes vor allem der Volkswirtschaftslehre zahlreiche Aktivitäten gibt, die Sichtweisen und methodischen Zugänge der VWL deutlich zu erweitern. Und dabei treffen sie nicht selten auf den Widerstand der etablierten un in den klassischen Denkstrukturen ausgebildeten Ökonomen, die heute die Hochschulen bevölkern und beherrschen. Da ist derzeit wirklich eine Menge losgetreten worden, man schaue beispielsweise nur auf solche Seiten: Netzwerk Plurale Ökonomik (sowie die dortige Linkliste zu pluralen Institutionen, Publikationen, Studiengängen) oder die Übersicht über Student groups working for the reform of economics education auf der Seite der World Economics Association (WEA). Das macht Hoffnung.

Nachtrag (13.05.2017): Eine einführende Übersicht zur Diskussion über die Kritik der Studierenden und die plurale Ökonomik findet man in diesem Artikel vom 10.05.2017: Volkswirtschaftslehre: Denken können wir selbst! »Bereits 2012 forderten die Studenten in einem offenen Brief an den wichtigsten Ökonomenverband, den Verein für Socialpolitik, eine Öffnung ihres Fachs. Sie beklagten, dass die "Einseitigkeit ökonomischen Denkens" auch zur "anhaltenden Wirtschaftskrise und der damit einhergehenden Perspektivlosigkeit" beitrage. Ihr 2014 verfasster internationaler Aufruf für mehr Pluralität in der Ökonomik jährt sich in diesen Tagen zum dritten Mal und hat nichts an Aktualität verloren. Noch immer bemühen sich rund 40 internationale Studentengruppen um ein gemeinsames Curriculum. Dass sie nicht aufgeben, demonstrierten sie vergangene Woche mit einer Konferenz in Bologna und Aktionen an deutschen Unis.«