Montag, 29. Mai 2017

Die Überschussmaschine Deutschland im Kreuzfeuer. Aber das mit den "deutschen" Autos ist nun wirklich auf der falschen Spur

Nicht nur, aber vor allem angesichts der massiven Bocksprünge des Donald Trump ist die Wirtschaftspresse voll mit Berichten über die Exporterfolge der deutschen Volkswirtschaft, wobei ganz offensichtlich nicht der Außenhandel an sich das Problem ist, sondern die Diskrepanz zwischen dem, was raus geht und was rein kommt, also die Überschüsse. Dabei muss man aufpassen, dass man nicht zu schnell Opfer einer verengten Sichtweise auf das Thema wird. Das problematisieren Mario Huzel und Philipp Stachelsky in ihrem lesenswerten Beitrag Die Opossum-Strategie: »Donald Trump hat mit seiner Kritik durchaus Recht – Deutschlands Überschüsse sind tatsächlich ein Problem, und es ist gut, dass dieses Problem dank Trump nun auch außerhalb von ökonomischen Fachkreisen debattiert wird. Denn Leistungsbilanzungleichgewichte sind aus makroökonomischer Perspektive weit mehr als nur die Differenz aus Exporten und Importen. Sie spiegeln immer auch ein Ungleichgewicht in der Kapitalbilanz wider und geben Auskunft über gesamtwirtschaftliche bzw. strukturelle Ungleichgewichte einer Volkswirtschaft. Außerdem sind sie eine Quelle für Zahlungsbilanzkrisen oder Blasenbildungen auf den Anleihemärkten.«

Aber, so die beiden Autoren, Trump setzt dabei auf das falsche Pferd:
»Leider hat sich Trump für seine Attacken die denkbar schlechteste Argumentation ausgesucht. Für den US-Präsidenten liegt das Problem – soweit man das jedenfalls seinen Äußerungen entnehmen kann – ausschließlich auf der Exportseite. So macht Trump das Problem beispielsweise an den deutschen Autos fest, die in die USA exportiert werden. „Furchtbar“ seien diese, weil Porsche, BMW und Co, so vermutet man zumindest, direkt verantwortlich für den grausamen Niedergang Detroits wären und quasi zwischen Boston und Chicago maßgeblich zur Oxidierung ganzer Produktionsanlagen beitragen würden. Daraus folgert Trump, dass diese Pkw-Invasion gestoppt werden müsse.«
Die Autos, vor allem die deutschen Premium-Karossen, haben es dem "Make America great again"-Apologeten angetan. Offensichtlich sieht er überall BMW, Mercedes, Porsche um sich herum - was vielleicht auch daran liegen mag, mit welchen Leuten der Mann so verkehrt. In bestimmten Einkommensgruppen sind diese Autos tatsächlich sehr beliebt.

Aber der gute Ökonom weiß natürlich - nur weil BMW drauf steht heißt das noch lange nicht, dass auch bayerische Arbeiter an dem Ding geschraubt haben. Insofern überrascht dann diese Überschrift auch nicht wirklich: „Die Kritik an BMW ist reiner Unsinn“. Das sagt Ferdinand Dudenhöffer, Gründer und Direktor des Center Automotive Research und Lehrstuhlinhaber der Universität Duisburg-Essen. Der bringt einige Fakten ans Tageslicht der interessierten Öffentlichkeit:

»Die deutschen Autobauer haben einen Marktanteil von 7,3 Prozent in den USA, im vergangenen Jahr haben sie 1,3 Millionen Autos verkauft. Das sind Audi, BMW, Porsche, Mercedes und VW. Jetzt könnte man noch den Mini dazunehmen, Smart, Lamborghini, Bentley, Rolls-Royce, die alle zu deutschen Konzernen gehören – dann kommen wir noch mal auf weitere 0,3 Prozent Marktanteil.«

Nun sollte man an dieser Stelle nicht den Fehler machen zu glauben, die sind alle per Schiff aus deutschen Landen frisch auf den US-amerikanischen Markt geliefert worden, wie sich das der eine oder andere vielleicht  vorstellen wird:

»Mercedes hat letztes Jahr 366.000 Fahrzeuge in USA gebaut. Das sind 19.000 Fahrzeuge weniger in den USA, als sie dort verkaufen. Ein Großteil des Verkaufsüberschusses kommt von der VW-Gruppe: Audi, Porsche, VW & Co haben dort kann 530.000 Fahrzeuge verkauft und nur 75.000 dort gebaut. Aber die Kritik Trumps an BMW ist reiner Unsinn. BMW baut in den USA fast 50.000 Autos mehr als sie verkaufen.«

Insofern, so Dudenhöffer, dürfte Trump gar nicht auf BMW herumtrampeln, sondern müsste den Bajuwaren den "Make America great again"-Verdienstorden am Bande verleihen.

Aber es gibt ja nicht nur die eine Richtung, sondern auch die andere - also der Verkauf "amerikanischer" Autos in Deutschland. Und da rechnet Dudenhöffer so:
»Ford und Opel, also General Motors, sind ur-amerikanische Unternehmen. Die haben in Deutschland einen Marktanteil von etwa 14 Prozent. Zählt man noch FiatChrysler dazu und Tesla haben die Amerikaner in Deutschland 18 Prozent Marktanteil. Das heißt, die Deutschen kaufen mehr als doppelt so viel amerikanische Autos als umgekehrt.«
Wobei das mit Opel sich in der Bilanz dann bald erledigt hat, wenn die in europäischen Besitz übergehen. Derzeit zumindest stellt sich das so dar: »Die Amerikaner haben Nachholbedarf. Trump müsste sich vielleicht mal ein deutsches Auto kaufen, damit die Bilanz besser wird.«

Man sieht an diesem Ausflug in die automobile Welt, dass es bei genauerem Hinschauen wieder einmal nicht so einfach ist, wie manche denken.

Wenn man wirklich tiefer in die fundamentale Problematik der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse und die sie verursachenden Faktoren wie aber auch die Handlungsmöglichkeiten, wenn man denn wollte, eintauchen möchte, dann einfach den Beitrag Die Opossum-Strategie von Mario Huzel und Philipp Stachelsky vollständig lesen.

Foto: Pixabay