Mittwoch, 17. Mai 2017

Die deutsche Energiewende als falsches Vorbild? Oder doch ein "Krieg gegen die Energiewende" von fossiler und atomarer Energiewirtschaft?

Was für eine Erfolgsmeldung aus dem Land der Energiewende: »Electricity prices fell to negative figures for several hours on Sunday, as renewable sources fed so much power into the grid that supply exceeded demand«, so Charlotte England in ihrem Artikel Germany breaks renewables record with coal and nuclear power responsible for only 15% of country's total energy vom 5. Mai 2017. Aber ist das wirklich eine Botschaft der Freude?
»Deutschland hat die Energiewende erfunden. Eine Erfolgsgeschichte ist sie aber nicht: Die Haushalte bezahlen nirgends so viel für Strom wie hier. Dem Klima geholfen hat das bisher wenig. Kollateralschäden gibt es zudem in den Nachbarländern.« Das ist die niederschmetternd daherkommende Hauptaussage des Beitrags Das falsche Vorbild von Christoph Eisenring. Genüsslich zitiert er den damaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin, der 2014 gesagt haben soll: "Die Förderung erneuerbarer Energien wird einen Haushalt nur einen Euro im Monat kosten – so viel wie eine Kugel Eis."
»Stattdessen hat sich die monatliche Stromrechnung für deutsche Haushalte seit 2000 etwa verdoppelt. Elektrizität ist in Deutschland für Konsumenten mit fast 30 Cent je Kilowattstunde sogar um die Hälfte teurer als im Hochpreisland Schweiz. Die deutsche Regierung hat die Energiewende zwar bestellt, aber zahlen dürfen sie die Konsumenten.« Das hört sich weniger nach einer Erfolgsgeschichte an. Aus der Wirtschaft wird auch immer wieder auf die "untragbare Kostenbelastung" hingewiesen, aber: »Die großen Unternehmen in Deutschland verabschieden sich nach einer Analyse des „Forums ökologisch-soziale Marktwirtschaft“ (FÖS) immer mehr von der Finanzierung der Energiewende. Im Jahr 2005 lagen die Ausnahmen für die Industrie bei den Energie- und Strompreisen noch bei 10,7 Milliarden Euro. 2016 hatten diese Ausnahmen bereits ein Volumen von rund 17 Milliarden«, so Bernhard Pötter in seinem Artikel Ausnahmen für Große. Bezahlten müssen das nun wieder per Umlage die Haushalte - und die kleinen Unternehmen. Laut EU-Kommission liegen die deutschen Strompreise für Unternehmen mit etwa 15 Cent pro Kilowattstunde zwar über dem 13-Cent-Schnitt im Euroraum, aber hinter Italien und Großbritannien.

Christoph Eisenring versucht an einem Tag beispielhaft zu erläutern, warum die Energiewende den deutschen Haushalten so teuer kommt:
»Man muss sich dazu nur etwa die deutsche Stromproduktion am 24. Januar 2017 um 7 Uhr morgens anschauen. Zu dieser Zeit war die Nachfrage mit 70 Gigawatt (oder 70 000 Megawatt) ziemlich hoch. Zwar haben Windkraft- und Solaranlagen zusammen eine installierte Kapazität von 84 Gigawatt, doch um 7 Uhr (es war noch dunkel) lag die Leistung der Windkraftanlagen nur bei 0,8 Gigawatt, die der Sonne bei null – es wurde aus diesen Quellen somit nur 1% der Nachfrage bedient. Die Deutschen haben für solche Lagen den Begriff «Dunkelflaute» geprägt. Selbst wenn man doppelt oder dreimal so viele Solarpanel und Windräder baut – in Deutschland gibt es bereits 28 000 Windanlagen –, werden die Erneuerbaren zu gewissen Stunden nur einen Bruchteil des Bedarfs decken.«
Was daraus folgt liegt auf der Hand: Man ist deshalb weiterhin auf konventionelle Kraftwerke angewiesen, die in solchen Situationen die Versorgung sicherstellen. »Damit leistet sich Deutschland eigentlich zwei Energiesysteme: ein erneuerbares und ein konventionelles. Das ist kostspielig. Die konventionellen Kraftwerke müssen dabei die starken Schwankungen bei den Erneuerbaren auffangen: Sie werden hochgefahren, wenn Wind und Sonne nichts liefern, während sie bei Sturm oder strahlendem Sonnenschein heruntergefahren werden. Das ist etwa so, als würde man auf der Autobahn von Bern nach Zürich ständig bremsen und wieder beschleunigen: Es ist eine höchst ineffiziente Art der Produktion.«
Die konventionellen Kraftwerke verdienen immer weniger Geld. Deshalb melden Stromfirmen gewisse Gas- und Kohlekraftwerke zur Stilllegung an – selbst modernste Anlagen.

Und dann gibt es ja auch noch die umgekehrte Situation: Nicht das Angebot (an erneuerbarer Energie) ist zu niedrig im Vergleich zur Nachfrage, sondern das Angebot ist deutlich größer als die gegebene Nachfrage. »Da konventionelle Kraftwerke nicht ganz abgestellt werden können, kann dies zur grotesken Situation führen, dass noch Geld erhält, wer in solchen Situationen Strom über die Börse bezieht. Letztes Jahr war der Börsenpreis für Strom in Deutschland während 97 Stunden negativ.«
Die deutsche Energiewende kann auch die Strommärkte der Nachbarländer durcheinander bringen. Denn diese dienen als Puffer, wenn sie deutschen Überschussstrom abnehmen. Die extrem schwankende Stromerzeugung überträgt sich damit aufs Ausland. Was Eisenring besonders stört aus ökonomischer Sicht: »Die Ursache ist dabei nicht eine überlegene deutsche Effizienz, was unproblematisch wäre, sondern die exorbitante Förderung der Erneuerbaren.«

Man sollte allerdings der notwendigen Vollständigkeit halber an dieser Stelle darauf hinweisen, dass auch die fossilen Energien subventioniert werden, Förderung ist kein Alleinstellungsmerkmal der erneuerbaren Energien und dort sogar vergleichend gesehen weniger stark ausgeprägt. Vgl. dazu beispielsweise Gigantische Subventionen für fossile Energien: »Weltweit werden fossile Energien laut Internationalem Währungsfonds mit rund 5.000 Milliarden Dollar pro Jahr subventioniert.«

Nun ist die Energiewende ein wirklich kompliziertes Unterfangen - und sie lässt sich seriös nicht auf einige wenige Punkte wir beispielsweise die EEG-Umlage für die Stromkunden oder die Frage des Ausbaus der Stromnetze reduzieren. Vgl. dazu die Ausführungen von Seiten der Befürworter der Energiewende am Beispiel des Beitrags Energiewende, aber ehrlich von Felix Matthes vom Öko-Institut in Berlin. Dort findet man beispielsweise diesen Passus:
»Die Kosten und Probleme des Netzengpassmanagements, vor allem für Abregelung von fossilen Kraftwerken, aber eben auch von Windkraftanlagen, sind in den letzten beiden Jahren oft übertrieben worden. Aber sie haben einen rationalen Kern. Die massiven Investitionen in die Windenergie in Norddeutschland und auf See werden dazu führen, dass künftig sehr viel Strom im Norden erzeugt wird – er wird aber ganz überwiegend im Süden gebraucht. Dieses Ungleichgewicht bleibt selbst dann, wenn der Ausbau der Solarenergie in Süddeutschland noch stärker zunehmen sollte als bisher. Und um die Energie von Nord nach Süd zu transportieren, brauchen wir Netze.«
Eine aktuelle Übersicht zum kontroversen Diskussionsstand über die Energiewende findet man in diesem von der Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln herausgegebenen Werkstattbericht Zukunft der Energiewende. Ein Bericht von Jana Bosse, der im April 2017 veröffentlicht wurde.

Man kann die derzeit wieder anschwellenden Debatten über eine (angebliche) Fragwürdigkeit der deutschen Energiewende aber auch ganz anders, viel fundamentaler deuten, wie das Claudia Kemfert  macht. Sie leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin. Der ist offensichtlich der Kragen geplatzt und sie hat ein neues Buch dazu veröffentlicht: Das fossile Imperium schlägt zurück. Warum wir die Energiewende jetzt verteidigen müssen. Die fossile Energiewirtschaft kämpft aggressiv mit Fake News gegen die Energiewende, sagt die Wirtschaftsforscherin.
Ein Interview mit ihr ist so überschrieben: "Es ist ein Krieg gegen die Energiewende". Ihre Sicht geht so:
»Die Kosten für erneuerbare Energien sinken immer weiter und weltweit fließen sehr viele Investitionen in die erneuerbaren Energien. Das alles gefällt den Industrien nicht, die mit konventionellen Energien und Atomenergie Geld verdienen. Da ist ein regelrechter Krieg zwischen der alten und der neuen Energiewelt entstanden. Das fossile Imperium schlägt zurück und dies sehr aggressiv ... Es werden Mythen und sogenannte alternative Fakten verbreitet. Man soll beispielsweise glauben, dass eine Stromversorgung mit erneuerbaren Energien nicht zuverlässig ist und dass Blackouts und ein Kosten-Tsunami drohen.
Das ist alles falsch. Aber um Interessen durchzusetzen, werden immer mehr solche Fake-News verbreitet - und zwar mit großen PR-Budgets und hinter den Kulissen. Über soziale Medien landen diese Mythen letztendlich in den Köpfen der Menschen, und Politiker fällen entsprechende Entscheidungen ... Es wird solange das Lied vom teuren Ökostrom gesungen, bis man den Ohrwurm nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Dabei wird bewusst mit zweierlei Maß informiert: Man spricht ständig über Subventionen von erneuerbaren Energien, aber über die weitaus höheren Subventionen für fossile Energien spricht man nicht. Genauso werden die gigantischen Kosten der Atomenergie verheimlicht. Niemand hat den Eindruck, dass dort Kosten-Tsunamis entstehen, obwohl es sie tatsächlich gibt und sie auch real messbar sind ... Alle wissen, dass sich die erneuerbaren Energien auf lange Sicht durchsetzen werden. Aber ein länger laufendes Kraftwerk spült jeden Tag noch ordentlich Geld in die Kassen. Also wird die Energiewende ausgebremst, zum Teil wird sogar ganz offen von Tempolimit gesprochen, angeblich zum Schutz von was-auch-immer.«
Kemfert ist der Auffassung, dass die Ökonomie langfristig für die Energiewende spricht. Aber sie sagt auch: "Der Kampf ist komplett offen".