Freitag, 26. Mai 2017

Die EZB als Schreckgespenst des deutschen Sparers. Über eine hilfreiche Studie für die Ökonomie des Ressentiments

Wenn man für das Sparen keine relevanten Zinsen mehr bekommt, dann hört der Spaß aber auf. Vor allem in Deutschland. Und die deutschen Sparer würden sich sicherlich in einer Befragung nach den Erfahrungen der letzten Jahre als in der Folterkammer einer "perversen Geldpolitik" eingesperrt empfinden, die das Grundrecht auf Zins wie ferne Himmelstöne erscheinen lassen. Und Schuld daran sind die Banker aus Frankfurt mit dem Fürst der Nullzins-Finsternis, also Mario Draghi. In so eine - natürlich zugespitzte, aber mit einem wahren Kern versehene - Landschaftsmalerei passt dann das hier wie die Faust aufs Auge der vermeintlich miesen Geldpolitik: EZB-Politik kostet deutsche Sparer 436 Milliarden Euro. Das sitzt. Und das kommt auch noch von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS). Dann muss das ja stimmen. 436 Milliarden Euro - was man damit alles hätte machen können, so der naheliegende Impuls des Lesers. Aber wie kommen die überhaupt darauf?

Die milliardenschwere Zahl sei das Ergebnis einer aktuellen Berechnung der DZ-Bank, die der FAS exklusiv vorlag. »Die Fachleute der Bank haben aus Daten der Bundesbank und anderen offiziellen Statistiken berechnet, wie stark die Zinseinbußen ausfallen, die die Deutschen durch die lockere Geldpolitik seit 2010 hinnehmen mussten.«

Aber dazu braucht man natürlich irgendwie einen Maßstab, an dem man die (angeblichen) Verluste bemessen kann: »Als Vergleichszeitraum dienten ihnen die Jahre 1998 bis Ende 2008«, kann man dem Artikel entnehmen. Offensichtlich ist man hingegangen und hat berechnet, was die deutschen Sparer bekommen hätten, wenn Verhältnisse wie vor der Finanzkrise bestehen würden. Man hat also die Jahre 1998 bis 2008 als „Normalzinsniveau“ herangezogen - ein Punkt, über en man sicher streiten kann. Das ist zugleich wie die rechnerische Abbildung eines gefühlten Grundrechts auf Zins.
Auf so einer Basis kommen die rechnenden Ökonomen der Bank zu diesem Befund:
»In den Jahren 2010 bis 2016 entgingen den Deutschen Zinseinnahmen in Höhe von rund 344 Milliarden Euro – in diesem Jahr werden nach Schätzungen der DZ Bank noch einmal 92 Milliarden Euro hinzukommen.«
Nun kann man natürlich nicht völlig ausblenden, dass die Niedrig- und Nullzinspolitik auch zu günstigeren Krediten geführt haben. Also wird auch das flugs überschlagen:
»Diese Kreditersparnis, die die Deutschen zu ihren Gunsten verbuchen können, beziffert die DZ-Bank für die Jahre 2010 bis 2017 auf 188 Milliarden Euro.« 
Daraus folgt eine andere Zahl als in der Überschrift des FAS-Artikels: »Unter dem Strich bleibt aber immer noch eine Einbuße von 248 Milliarden Euro.«

Nun ist es immer hilfreich, in das Original zu schauen. Das findet man hier:
Michael Stappel (2017): Weiter wachsende Zinseinbußen privater Haushalte in Deutschland, 19.04.2017
Diese "Studie" ist aber auf heftige Kritik unter den Ökonomen gestoßen. Gewohnt deutlich hat sich Norbert Häring in seinem Blog zu Wort gemeldet: Von wegen deutsche Sparer leiden unter EZB-Politik, so ist der Beitrag überschrieben: »Die deutschen Sparer sind die Hauptleidtragenden der Niedrigzinspolitik der Notenbanken, heißt es immer wieder. Sie bekommen keine Zinsen mehr auf das Ersparte. Das stimmt, ist aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Wer Vermögen hat, profitiert massiv von der EZB-Politik.«

Häring weist darauf hin, dass eine richtige Bewertung von den unterschiedlichen Anlageformen ausgehen muss: »Während es für Giro- und Sparguthaben und für Anleihen kaum noch etwas gibt, haben Immobilien, Aktien und Betriebsvermögen in den letzten Jahren kräftig an Wert zugelegt, angetrieben insbesondere von den niedrigen Zinsen. Immerhin drei Viertel des Bruttovermögens der Deutschen, also des Vermögens vor Abzug der Schulden, besteht aus Immobilien und Betriebsvermögen.« Festverzinsliche Anlagen haben nur bei den unteren 40 Prozent in der Vermögensverteilung einen höheren Anteil als das Sachvermögen. »Im vermögensmäßig mittleren Fünftel der Bevölkerung liegt der Immobilienanteil bei gut der Hälfte, in der gehobenen Mittelschicht und bei den Wohlhabenden bei knapp 70 Prozent.«
»Weil aber Sachvermögen durch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) und ihrer Anleihekäufe stark im Wert gestiegen ist, haben allenfalls die unteren 40 Prozent einen Nachteil. Allerdings ist deren Vermögen so gering, dass dieser Nachteil kaum ins Gewicht fällt.«
Auch hier haben wir es mit "klassischen" Verteilungsfragen zu tun, die immer auf Ungleichheit in der Verteilung abstellen - nicht nur beim Einkommen, sondern auch beim Vermögen und mit Blick auf die Folgen der Geldpolitik der EZB auch hinsichtlich der Verteilung der Verluste und Gewinne. Dazu die Darstellung bei Norbert Häring:
»Für die untersten 40 Prozent in der Vermögensverteilung ist die Rendite auf ihr bescheidenes Vermögen kaum von Relevanz. Sie haben im Durchschnitt nur Vermögenswerte von gut 15.000 Euro. Ihre Schulden sind etwas höher, so dass sie kein Nettovermögen haben. Das bei Banken und in Anleihen verzinslich angelegte Vermögen beläuft sich auf wenige Tausend Euro. Als Mieter gehören sie zu den Leidtragenden höherer Immobilienpreise.
Die untere Mittelschicht, das mittlere Fünftel der Verteilung und die obere Mittelschicht (60-80 Prozent) profitierten dagegen merklicher von Wertsteigerungen ihrer Vermögenswerte. Um gut drei Prozent pro Jahr ist ihr Portfoliowert seit 2010 gestiegen. Nach Abzug von Inflation und Gebäudeabnutzung dürfte das eine reale Rendite von rund einem Prozent ergeben.  Noch stärker profitieren die reichsten zehn Prozent der Haushalte. Sie haben einerseits mit durchschnittlich deutlich über einer Million Euro ein weit größeres Bruttovermögen, das im Wert steigen kann. Andererseits waren die jährlichen Wertsteigerungen dank höherer Anteile von Betriebs- und geringerer Anteile von Geldvermögen im Portfolio mit 5,5 Prozent pro Jahr seit 2010 mit Abstand am höchsten. Wer hat, dem wird gegeben, auch von der EZB.«
Schon im September 2015 haben Reint E. Gropp und Vahid Saadi diesen Beitrag veröffentlicht: “The German Saver” and the Low Policy Rate Environment. Auch sie haben zeigen können, dass man "den" deutschen Sparer wesentlich differenzierter betrachten muss.

Wieder einmal zeigt sich außerdem, dass Geldpolitik auch eine sozialpolitische Dimension haben kann, worauf Häring in seinem Blog-Beitrag hinweist: »Haushalte ohne eigene Immobilie und größeres sonstiges Vermögen bleiben gänzlich außerhalb des von der Bundesbank beschriebenen positiven Rückkopplungssystems niedriger Zinsen ... Sie müssen zusehen, wie ihnen die Immobilienpreise immer weiter davonlaufen, und sich auf ein Leben als Mieter einrichten, mit ständig steigenden Mieten, auch relativ zu ihren Einkommen.«
Häring schlussfolgert zu Recht: »Es sind also nicht die kleinen Sparer, die unter der Notenbankpolitik leiden. Es sind diejenigen ohne nennenswerte Vermögen und vor allem ohne Immobilienbesitz.«

Aber mit "Studien" wie der eingangs zitierten wird enorm Stimmung gemacht in der Bevölkerung (wobei die meisten davon gar nicht entsprechend betroffen sind) - aber wer hat ein Interesse daran?
Häring hat da so eine Vermutung: »Geschädigt durch die Niedrigzinspolitik der EZB werden die Banken und Versicherer, vor allem die deutschen. Die Banken können bei den meisten ihrer Kunden keine Negativzinsen durchsetzen und können daher ihre gewohnten Zinsmargen bei Nullzinsen nicht dauerhaft aufrecht erhalten. Die Versicherer, die überwiegend im festverzinslichen Bereich anlegen (müssen), leiden unter niedrigen Renditen auf ihr Anlagekapital.« Sollte die EZB ihre Unterstützung für die Krisenländer der Euro-Zone herunterfahren, dann können die deutschen Banken und Versicherungen, die viele deutsche Staatsanleihen halten, davon ausgehen, das Fluchtkapital noch stärker in die Bundesanleihen des ökonomischen Schwergewichts des Euroraums fließen würde, was natürlich die Preise der Anleihen nach oben treiben würde.

Schlussendlich könnte man bei der Gegenrede zum Bild des geschröpften deutschen Sparers auch noch anfügen, dass man bedenken müsste, wie es ökonomisch bei uns aussehen würde, wenn die EZB nicht die Geldpolitik zur Stabilisierung des Euros gemacht hätte. Wie dem auch sei - die sogenannte Studie der DZ Bank ist nicht nur fragwürdig, sie befeuert auch die Ressentiments, die wir gerade in Deutschland gegenüber der EZB und ihrer Geldpolitik haben - vor allem bei Leuten, die sowieso nichts oder nur ein paar Krümel von den angeblichen 436 Milliarden Euro Zinseinnahmen gesehen hätten. Aber es reicht ja, wenn sie glauben, dass Herr Draghi ihnen Geld weggenommen hat, auf das sie einen Anspruch haben, weil früher gab es ja auch Zinsen.

Foto: Pixabay