Freitag, 12. Mai 2017

Game over!? Die Insolvenz von Solarworld und die Energiewende

Das war es dann. Solarworld ist pleite: Deutschlands letzter großer Solarzellen-Hersteller meldet Insolvenz an. Es handelt sich um den letzten nennenswerten Hersteller von Photovoltaik-Anlagen in Deutschland. Solon, Q-Cells und Conergy sind schon seit Jahren insolvent. Patrick Bernau hat eine eindeutige Meinung dazu, die er unter die Überschrift Umsonst gefördert gestellt hat: »Die Pleite der deutschen Solarbranche kann man nicht auf das Versagen einzelner Manager schieben, sie hatte Strukturgründe.
Solarzellen kommen nämlich heute billig aus China. Laut war der Vorwurf der deutschen Solarfabrikanten, der chinesische Staat habe seine Solarindustrie mit Subventionen gepäppelt. Das würde nur bedeuten, dass die Solarzellen-Käufer in Deutschland doppelt profitieren. Sie bekommen ihre Solarmodule billig, indem sie gleich von zwei Regierungen bezuschusst werden: von der deutschen mittels EEG und von der chinesischen mittels Subventionen. Profitiert haben die Hausbesitzer, gezahlt haben alle Stromverbraucher.«
Mit Aufstieg und Fall der Photovoltaik beschäftigt sich Martin Hock. Das kann man an Zahlen festmachen: »Von einst 16 börsennotierten deutschen Unternehmen, die ganz oder sehr stark in der Solarbranche aktiv waren, blieb gerade einmal vier die Insolvenz erspart. Nur die Hälfte der Aktien ist noch börsennotiert, ebenso ist etwa die Hälfte der Unternehmen ganz oder teilweise liquidiert worden.«

Wie konnte es zu diesem atemberaubenden Aufstieg und Fall der deutschen Solarindustrie kommen? Am Anfang standen die Subventionen. Dazu Martin Hock:
»Zunächst reflektiert sie das Hin und Her der deutschen Energiepolitik. Anfang der Neunziger Jahre wurden Abnahmeverpflichtung und Mindestvergütung für Ökostrom festgeschrieben, im Jahr 2000 stieg mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) die Vergütung für Solarstrom auf gut das Sechsfache, wenngleich mit eingebauter Degression. Ziel war es, eine Spitzenleistung von 350 Megawatt zu erreichen. Diese lukrative Förderung löste einen Boom aus: Photovoltaik war ein gutes und vor allem sicheres Geschäft, das planbar war.
Schon 2004 drohte aber ein Zusammenbruch der Boombranche. Denn das Leistungsziel war erreicht und die lukrative Vergütung hätte nicht mehr gezahlt werden dürfen. Mit einer Gesetzesnovelle wurden daraufhin Zielsetzung und Fördersätze geändert, so dass der Boom zunächst weitergehen konnte. Das deutsche Beispiel machte unterdessen auch international Schule, die Branche wuchs. Das kam den deutschen Unternehmen zunächst vor allen innerhalb Europas zugute.«
Wie immer in der Wirtschaft - der Boom Licht viele andere Akteure an. In diesem Fall vor allem China. Das «begann damit, riesige Kapazitäten zunächst in der Herstellung von Solarzellen und -modulen aufzubauen, weil dies der einfachste Teil der Wertschöpfungskette ist. Der resultierende Preisdruck brachte zunächst die deutschen Hersteller in Bedrängnis.«
Parallel dazu wurden überall die Subventionen abgesenkt. Auch Deutschland begann 2012 damit, die Förderung massiv zu beschneiden. Das hatte Folgen in der deutschen Solarwirtschaft: Als erstes gerieten Zellenhersteller und Modulbauer unter starken Druck. Gleichzeitig wirkte sich die Dämpfung der Nachfrage bei gleichzeitig hohen Überkapazitäten aus.

Es überrascht an dieser Stelle nicht, dass sich die Wirtschaftspresse auch auf die Person des Firmengründers stürzt - vor allem, wenn man wie in diesem Fall ein wirklich barockes Exemplar vor sich hat: »Frank Asbeck tat alles, um seinem Ruf als Sonnenkönig gerecht zu werden. Jetzt ist er gefallen – und hat einen Börsenwert von fünf Milliarden Euro verspielt.« So beginnt der Artikel Das Ende eines Heldenepos von Thiemo Heeg.

Reinhard Lange, ein Kritiker der Energiewende, hat sich mit diesem Beitrag zu Wort gemeldet: Das Ende des deutschen Solarzeitalters?, so ist der Beitrag überschrieben.
»Die Politik in Deutschland beabsichtigte in den 90er Jahren eine Energiewende, die Abkehr von fossilen Brennstoffen und Kernkraft und deren Ersatz durch „saubere“ Energie aus Wasser, Wind, Sonne und Bioenergie. Die Idee bestand darin, diesen „erneuerbaren“ Energien mittels eines Gesetzes, eigentlich eines Gesetzes für eine Stromwende, privilegierte Netzeinspeisung sowie feste, hohe Vergütungssätze zu garantieren. Die Hoffnung bestand darin, dass mittels dieser Anschubfinanzierung diese Erzeugungsarten wettbewerbsfähig werden sollten. Und nicht nur das. Sie sollten gleichzeitig Motor von Innovationen und Basis künftiger Exporterfolge werden. Die Verabschiedung des ersten Erneuerbare-Energien-Gesetzes Im Jahre 2000 sollte genau das bewirken und der „Startschuss“ für das „Solarzeitalter“ in Deutschland sein.«
Mit Blick auf die installierte Kapazität, die dieser Förderansatz ins Leben gerufen hat, muss man von einer Erfolgsgeschichte sprechen - sie stieg von Null auf 40,86 GB im Jahr 2016, das entspricht der Hälfte der Spitzenlast in Deutschland. Und dennoch - 2016 lieferte die Photovoltaik keine 6 % der deutschen Bruttostromerzeugung, die Erzeuger kassierten aber 40,8 % der gesamten EEG-Umlage.

»Die gesamten EEG-Auszahlungen erreichten im vergangenen Jahr insgesamt über 25 Mrd. Euro, davon flossen gut 10 Mrd. Euro in die Solarbranche«, so Lange.
Wie kann es zu den Differenzen kommen? Es ist schlichtweg die Lage unseres Landes: »Solaranlagen bringen es hierzulande auf keine 1.000 Volllaststunden im Jahr. Ein Jahr hat aber 8.760 Stunden.« Windkraftanlagen kommen auf 1.500 Stunden im Jahr. »Da es immer wieder auch längere Zeiten gibt, in denen weder aus Wind noch aus Sonne nennenswerte Strommengen generiert werden können (von Anfang Dezember 2016 bis Ende Januar 2017 betraf das in Deutschland insgesamt über 20 Tage), besteht die Notwendigkeit von Backupkraftwerken, die wetter- und tageszeitunabhängig Strom produzieren können.«

Auch Lange konzediert, dass deutsche Massenhersteller dem Wettbewerbsdruck asiatischer Produzenten nicht gewachsen waren. Mitte 2016 hat dann auch noch China den Ausbau der Solarindustrie im eigenen Land abgebremst. Auf dem globalen Markt sanken Nachfrage und Preise. Mit fatalen Folgen hier bei uns:
»Hersteller wie Solarworld, welche im Grunde ein durchschnittliches Produkt zu überdurchschnittlichen Preisen anboten, verschwanden endgültig vom Markt. Diese Entwicklung war seit Jahren absehbar. 2010 lag die Beschäftigtenzahl der Solarbranche noch bei 133.000, im Jahre 2015 waren es dann nur noch 31.600. Nach der Insolvenz von Solarworld werden es noch einmal rund 3.000 weniger sein.«
Bedeutet das, dass es keine Solarwirtschaft mehr geben kann und wird in Deutschland? Dazu Lange:
»Die derzeit noch überlebenden deutschen Unternehmen der Branche sind eher kleine Mittelständler, die Marktnischen ausnutzen und zum Beispiel preiswerte hochwertige Speicher mit Solaranlagen kombinieren und Komplettlösungen für Einfamilienhäuser anbieten. Das kann sich bei den hohen deutschen Strompreisen durchaus rechnen. Oder sie orientieren sich auf Projekte im Ausland, insbesondere in Gegenden mit intensiverer Sonneneinstrahlung, wo die Anlagen naturgemäß effizienter arbeiten.« 
Aber man müsse zur Kenntnis nehmen, dass die deutsche Solarindustrie ihren Zenit schon lange überschritten hat. »Innovative Unternehmen werden weiterhin Nischen besetzen. Bei sehr hohen Haushaltsstrompreisen können sich deren Produkte rechnen. Einen Ersatz für konventionelle Kraftwerke kann die Branche aber auf absehbare Zeit nicht bieten.«
Und er weist auch noch darauf hin, dass die Energiewende einen enormen Kollateralschaden verursacht habe, denn den »Anstieg der Strompreise können sozial schwache Familien kaum kompensieren. Das ist kein allein deutsches Phänomen, wo von Energiearmut gesprochen wird. Im englischen Sprachraum hat sich das geflügelte Wort von „Heating or eating“ eingebürgert.«