Mittwoch, 3. Mai 2017

Mittelalter schlecht, Kapitalismus gut? Eine wirtschaftshistorische Irritation zu Glaubenssätzen und die Frage nach einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

Hin und wieder ist es gewinnbringend, ansonsten umhinterfragte Gewissheiten über das, was besser oder schlechter war und ist, auf den Prüfstand zu stellen. Dazu gehört beispielsweise die Sichtweise, dass der moderne Kapitalismus mit seiner Dynamik die Menschen aus dem dunklen Loch des Mittelalters befreit und seine segensreichen Wirkungen entfaltet hat. Für viele Ökonomen ist das Mittelalter verbunden mit Stillstand, stationärer Wirtschaft, kaum Innovation, einer Kartellierung der Unternehmensseite durch Zünfte, mithin also ein Schreckensbild von Wirtschaft. In diesem Kontext ist ein Beitrag interessant, weil er irritiert und gewohnte Perspektiven verschiebt - und zugleich in einem gewissen Maße anschlussfähig ist an sehr aktuelle gesellschaftspolitische Debatten: »In den mittelalterlichen Städten waren die Vermögensunterschiede wesentlich geringer als heute. Sie waren Zentren der Innovation, Ursprung der modernen Gesellschaft. Dabei waren die Möglichkeiten, Gewinn anzuhäufen, begrenzt«, behauptet Dietrich Heißenbüttel in seinem Artikel Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. Seine Ausgangsfrage formuliert er so: »Ist Kapitalismus und Marktwirtschaft dasselbe? Oder könnte es auch eine marktbasierte Wirtschaft geben, die nicht auf einer Akkumulation schwindelerregender Kapitalmengen, sondern auf wechselseitigem Interesse beruht?«

Und Heißenbüttel meint, eine vom herrschenden Kanon abweichende Antwort gefunden zu haben: »Mittelalterliche Reichsstädte bieten geradezu ein Modellbild der Marktwirtschaft. Aber den Möglichkeiten, sich auf Kosten der Anderen zu bereichern, waren lange Zeit enge Grenzen gesetzt.«

Er nimmt uns mit auf eine interessante Exkursion ein paar Jahrhunderte zurück. »Der Grund, dass sich überhaupt Städte mit fünf- bis zehntausend Einwohnern herausbilden konnten, besteht in der Diversifizierung der handwerklichen Tätigkeiten. "Am Anfang des städtischen Lebens steht der Handwerker", fasst der Historiker Gerd Wunder kurz und bündig zusammen.«

Und die Figur des Handwerkers muss man sich überaus ausdifferenziert vorstellen - mit interessanten, ambivalenten Formen der Kollektivierung:
»An die 100 Handwerksberufe verzeichnet das 1568 veröffentlichte Ständebuch des Jost Ammann. Handwerker eines Berufs oder verwandter Berufe schlossen sich zu Zünften oder zunftähnlichen Gemeinschaften zusammen, auch Gilde oder schlicht Handwerk genannt. Ihre Zunftstuben waren ein Ort geselligen Beisammenseins, aber auch Versammlungsorte, wo alles Wichtige besprochen wurde. Der Begriff Gilde kommt von einem Trinkgelage, Zunft verweist dagegen darauf, was sich ziemt: Die Zunft legte die Regeln fest, nach denen in einem Handwerk gearbeitet wurde.
Sich gegenüber Kollegen desselben Berufsstandes hervorzuheben, war fast unmöglich. Die Meisterprüfung stellte an alle höchste Ansprüche. Die Meister arbeiteten in der Regel allein, allenfalls mit einem Gesellen oder ein bis zwei Lehrlingen. Wenn wandernde Gesellen in eine Stadt kamen, wurden sie von einem Zuschickmeister denjenigen Betrieben zugewiesen, die noch keinen hatten. Selbst über gerechte Preise wachte die Zunft.«
Heißenbüttel weist darauf hin, dass die Vermögensunterschiede damals relativ gering waren. Innerhalb einzelner Handwerksgruppen herrschten nahezu egalitäre Verhältnisse. »Und doch waren die Städte des späteren Mittelalters die Keimzellen der modernen Gesellschaft. Erstmals konnte sich ein Bürgertum gegenüber Adel und Klerus emanzipieren: Der Begriff des Bürgers ist von Burg abgeleitet, im Mittelalter ein Synonym für Stadt. Die freien Reichsstädte waren demokratisch verfasst, lange vor der französischen Revolution: In Hall etwa regierten zwei Stättmeister in jährlichem Wechsel, damit keiner zu viel Macht anhäufen konnte. Der Schwörtag, an dem jährlich der Bürgermeister gewählt wurde, war in vielen Städten das zentrale Ereignis des Jahres.«

Vom 13. Jahrhundert an entwickelte sich die große Zahl der Handwerke, die bis heute unsere Berufsbilder prägen. Die Städte waren Motoren der Innovation. Jedes Handwerk, jede Stadt hatte den Ehrgeiz, ein Maximum an Qualität zu erreichen. Um 1600 war ein Höchststand erreicht.
Und wie so oft in der Geschichte kam der Bruch durch "externe Schocks". Der Niedergang kam mit dem Dreißigjährigen Krieg. Truppenbesetzungen, Geldforderungen und Krankheiten ließen die Städte ausbluten.

Aber Heißenbüttel will nicht missverstanden werden als jemand, der die Uhren zurückdrehen möchte und führt dementsprechend aus:
»Zu den Wirtschaftsformen des Mittelalters und der frühen Neuzeit führt kein Weg mehr zurück. Aus der Perspektive späterer Jahrhunderte erscheinen sie auch wenig attraktiv. Der Begriff der Zunft assoziiert nur noch den Zunftzwang oder ein zünftiges Trinkgelage. Schon im Absolutismus durch fürstliche Privilegien für landeseigene Manufakturen ausgehebelt, wurde der Zunftzwang in der bürgerlichen Epoche des 19. Jahrhunderts vollends aufgehoben.«
Die Kapitalisten haben sich im 19. Jahrhundert, mit angehäuften Kapitalien und Hunderten von Arbeitern, die für wenig Geld einer unterqualifizierten, entfremdeten Tätigkeit nachgingen, gegenüber der kleinteiligen Handwerkswirtschaft durchgesetzt. Das Handwerk »muss sich seither ... mit einer Nischenposition begnügen. Es überlebt nur in den Bereichen, die im großindustriellen Maßstab nicht zu bewältigen sind – nicht zuletzt aufgrund der in der Ausbildung verankerten Qualitätsmaßstäbe.«
An die Stelle der Zünfte sind andere Zusammenschlüsse getreten: Die Interessen des Handwerks vertreten die Kammern, die allerdings als anonyme Körperschaften agieren, sehr viel weniger bestimmt vom direkten Kontakt ihrer Mitglieder. Auf der Ebene einer persönlichen Begegnung entstand das Vereinswesen.

Fazit: »So zweifelhaft der Ruf des Zunftwesens heute sein mag: Die Zünfte waren für ihre Mitglieder in erster Linie nicht von Zwang, sondern von Solidarität bestimmt. Infolge ihrer Aufhebung entstanden auch die Gewerkschaften, ohne die es einen Wohlstand für alle wiederum nicht gegeben hätte. Globalisierung und Prekarisierung haben sie jedoch wenig entgegenzusetzen.«

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