Dienstag, 27. Juni 2017

Eine der mächtigsten ökonomischen Kennzahlen. Das BIP. Und in Zeiten der Digitalisierung bleiben Messprobleme nicht aus

Man kann es sicher so sagen - es ist eine der wichtigsten Kennzahlen der Volkswirtschaftslehre. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP). An der Entwicklung dieser Größe wird das Wirtschaftswachstum festgemacht, die konjunkturelle Entwicklung bezieht sich auf die Veränderungsrate des BIP. Politiker und Journalisten schenken der Zahl die allergrößte Aufmerksamkeit. Die BIP-Werte werden immer mit (scheinbar) höchster Genauigkeit ausgewiesen, aber jeder, der sich damit beschäftigt, wie man diese Zahl aggregiert, wird zahlreiche Stellen finden, an denen man ins Grübeln kommt. Dass beispielsweise die Mieten, die an Vermieter gezahlt werden, in das BIP eingehen, leuchtet ein. Dass aber denjenigen, die im selbstgenutzten Wohnraum leben, eine fiktive Miete unterstellt wird, die sie an sich selbst zahlen und die dann ebenfalls als Euro-Betrag in das BIP aufgenommen wird, kann bei dem einen oder anderen zum Nachdenken anregen. Auch muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass in dem scheinbar so konkreten Betrag die volkswirtschaftliche Wertschöpfung betreffend zahlreiche Schätzgrößen enthalten sind, man denke hier nur an den Bereich der Schattenwirtschaft. Insofern sollte man lieber nicht den Fehler machen, die genauen Zahlen auf die Zahl zu genau zu nehmen.

Catherine Hoffmann skizziert uns in ihrem Artikel Die Geschichte hinter der Zahl. Denn die gibt es noch gar nicht so lange, wie der eine oder andere denken mag. Das Konstrukt BIP war vor dem Zweiten Weltkrieg noch weitgehend unbekannt. Phillip Lepenies hat ein Buch zu dem Thema geschrieben: Die Macht der einen Zahl - Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts.

Die Geschichte des BIP, so Hoffmann in ihrem Artikel, »beginnt mit dem Engländer William Petty (1623-1687). Der trug im 17. Jahrhundert Zahlen zusammen, die den "Wert der Ländereien, der Menschen, Gebäude" eines jeden Landes erfassen sollten. Besonders interessierte er sich für Großbritannien sowie seine Nachbarn Frankreich und Holland. So versuchte Petty nachzuweisen, dass England es aufgrund seines Reichtums und seiner Ressourcen in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht mit den beiden feindlichen Ländern aufnehmen konnte. Pettys Arithmetik gilt als der wichtigste historische Vorläufer des BIP. Seine Zahlen waren größtenteils erfunden.« Das mit den erfundenen Zahlen wird den einen oder anderen sicher auch an aktuelle Vorgänge erinnern.

In den folgenden 250 Jahren tat sich dann nicht viel. Es gab zwar hier und da Versuche, das Nationaleinkommen einzelner Staaten zu berechnen, aber ohne großen Erfolg.
»Das änderte sich mit der Weltwirtschaftskrise 1929. Der britische Chemiker (und Ökonom) Colin Clark (1905-1989) war frustriert darüber, wie Ökonomen die Krise zu lösen versuchten - nämlich ohne volkswirtschaftliche Daten, die ihnen die Entscheidungen erleichtert hätten. Also schlug Clark im Jahr 1932 erstmals vor, sich statistisch aus drei unterschiedlichen Perspektiven der Wirtschaft zu nähern. Er wollte wissen: Wie viel wird in einer Volkswirtschaft produziert? Wie viel wird konsumiert und wie sieht es mit der Verteilung der Einkommen aus?«
Clarks Arbeiten wurde aber von der Politik nicht weiter aufgegriffen, der Impuls für das, was wir heute Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung nennen, kam von anderer Seite:
»Der entscheidende Anstoß für die Ermittlung des Volksvermögens kam fast zeitgleich vom US-Senat. Der beauftragte 1932 den Ökonomen Simon Kuznets (1901-1985) damit, ihm ein quantitatives Bild der Wirtschaftskrise zu verschaffen. Die erste Schätzung des gebürtigen Russen, beim Blick auf die Jahre 1929-1932, brachte ein aufsehenerregendes Ergebnis: Das Volkseinkommen der USA war um 50 Prozent eingebrochen. Kuznets nutzte seine in der Frühzeit der Sowjetunion gemachten Erfahrungen mit Statistik für die Kalkulation. Seine Zahlen dienten dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt schon bald zur Begründung staatlicher Investitionen ("New Deal").« 1971 erhielt Kuznets für die Erfindung des Bruttoinlandsprodukts den Wirtschaftsnobelpreis.
Schon hier wird ersichtlich, dass wir es mit einer hoch politischen Zahl zu tun haben. Das Bruttosozialprodukt, heute Bruttonationaleinkommen, wurde erstmals 1942 in den USA öffentlich erwähnt. Es sollte im Krieg bei der Rüstungsplanung helfen.

Seitdem wird das BIP selbstverständlich genutzt. Aber die Zeiten ändern sich und schon lange wird diese zentrale Kennzahl der Ökonomen auch kritisch diskutiert. Vgl. dazu beispielsweise die Auseinandersetzung mit der Frage Wie lässt sich Wohlstand messen? So ist ein Zeitgespräch mehrerer Autoren im "Wirtschaftsdienst" im Jahr 2009 überschrieben: »Die Stiglitz-Kommission hat Empfehlungen zur Weiterentwicklung der statistischen Berichterstattung vorgelegt und das Bruttoinlandsprodukt als nicht ausreichend für die Messung der Wirtschaftsleistung, der Lebensqualität und der Nachhaltigkeit bewertet. Tatsächlich gibt es auch in der Bevölkerung ein Unbehagen in Hinblick auf die amtliche Statistik. Allerdings sind Zufriedenheitsindikatoren als alternative Zielwerte für die Politik kritisch zu beurteilen.«

Aber um diese Diskussionslinie soll es hier gar nicht gehen, sondern um einen anderen Aspekt, den Catherine Hoffmann unter der Überschrift Falsch gerechnet diskutiert: »Das Bruttoinlandsprodukt war mal das Maß aller Dinge, doch es erfasst das Tempo und die Dynamik der digitalen Wirtschaft nur schlecht - vor allem den Wert der vielen kostenlosen Daten.«
2016 schufen die Menschen und Unternehmen in diesem Land Produkte und leisteten Dienste im Wert von 3.134 Milliarden Euro. Soweit die offizielle Zahl der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung. Aber es werden methodische Zweifel vorgetragen:
»Zweifel an der Zuverlässigkeit der Messung sind angebracht. Der MIT-Ökonom und Buchautor Erik Brynjolfsson ("The Second Machine Age") kritisiert schon seit einigen Jahren, dass das BIP die Leistung einer modernen Wirtschaft nur unzuverlässig misst, weil es den Wert unentgeltlicher Leistungen wie Facebook, Wikipedia, Youtube oder der Suchmaschine Google nicht einfängt. Das Wachstum dieser Dienstleistungen und ihre große Bedeutung für viele Menschen spielen in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung schlichtweg keine Rolle. Die Digitalisierung, glaubt Brynjolfsson, werde vom BIP systematisch unterschätzt.«
Wo genau soll das Messproblem liegen?
»Berücksichtigt wird nur, was einen Marktpreis hat. Kosten Waren und Dienstleistungen nichts, ist ihr Wert null. So geht der Nutzen zahlloser Produkte, die im Internet gratis verfügbar sind, nicht ins BIP ein. Viele dieser Dienstleistungen werden mit etwas anderem bezahlt als Geld - mit personenbezogenen Daten. Das ist der große Unterschied zu früheren technologischen Innovationen. Im Zeitalter der Digitalisierung werden Werte nicht mehr dinglich hergestellt, sie bemessen sich nicht mehr in örtlich zurechenbaren Stückzahlen von Lastwagen, Toastern oder Ziegelsteinen, sondern in Daten.« 
Das hier angesprochene Grundproblem kann man also so ausdrücken: Das BIP kennt nur zwei Kategorien, Güter und Dienstleistungen, aber keine Daten.

Aber warum soll das ein Abbildungsproblem für das BIP sein, wenn dieses die Datennutzung und -bereitstellung nicht oder nur marginal erfasst?
»Dass man seine Steuererklärung im Internet abgibt, die Dienstreise mit dem Handy organisiert oder die Fakten fürs Deutschreferat bei Wikipedia recherchiert, steigert das BIP nicht. Früher hätte man dafür vielleicht einen Steuerberater gebraucht, ein Reisebüro bezahlt und ein Lexikon gekauft.« 
Vermutlich hat der technische Fortschritt, so wie er derzeit gemessen wird, sogar negative Auswirkungen auf das Wachstum. Geld- und Versicherungsgeschäfte, Reisen oder Job- und Wohnungssuche würden viele Menschen heute selbst im Internet erledigen. Das nimmt den klassischen Banken, Versicherungen, Reisebüros und Maklern einen Teil ihres Geschäfts weg, der dann aus dem BIP verschwindet.
»Für die Messung von Produktion und Produktivität hat dies enorme Folgen, wenn statistisch nur herkömmliche Güter und Dienste erfasst werden, während die Nutzung der neuen Apps und anderer digitaler Helfer nicht in der Statistik erscheint.« Mit der Konsequenz, dass "Messfehler" ein Grund sein könnten für das enttäuschende Produktivitätswachstum der vergangenen zehn Jahre.