Freitag, 2. Juni 2017

Der Brexit und seine möglichen Folgen. Eine Studie des ifo Instituts

Großbritannien ist nach den USA und Frankreich der wichtigste Absatzmarkt für Waren "Made in Germany": Güter im Wert von 86 Milliarden Euro wurden 2016 dort verkauft. Insofern ist das, was sich da auf der Insel rund um den Brexit abspielt, durchaus von gewichtigem Interesse. Bereits im letzten Beitrag in diesem Blog wurde das Thema Brexit und seine möglichen Auswirkungen aufgegriffen, dabei vor allem aus der Perspektive Großbritanniens: Wenn die schemenhaften Umrisse an Kontur gewinnen - der Brexit und die Folgen. Beispielsweise Rentner und Bauarbeiter auf der (umgekehrten) Flucht, so sind die Ausführungen vom 1. Juni 2017 überschrieben.

Und nun wurde eine neue Studie veröffentlicht, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums der Frage nachgehen sollte, wie denn die ökonomischen Auswirkungen im Verhältnis zwischen Deutschland und Großbritannien aussehen können.

Herausgekommen ist diese Ausarbeitung des ifo Instituts:
Gabriel Felbermayr et al. (2017): Ökonomische Effekte eines Brexit auf die deutsche und europäische Wirtschaft. Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi), München: ifo Institut, Juni 2017 
Das wurde in den Medien sofort aufgegriffen, beispielsweise hier: Brexit? Für deutsche Wirtschaft verkraftbar: »Laut einer neuen Studie für die Bundesregierung kann die deutsche Wirtschaft den Ausstieg Großbritanniens aus der EU gut verkraften. Nur drei Branchen wären etwas härter betroffen.«
"Der Brexit wird auf jeden Fall deutlich teurer für das Vereinigte Königreich als für Deutschland", schreiben die Experten in der Studie, wobei die Größenordnung des berechneten Verlustes davon abhängt, ob es nach dem Brexit zu einem bilateralen Abkommen zwischen der EU und Großbritannien kommt oder nicht.

Was sagt das ifo Institut selbst? Dazu finden wir diese Erläuterungen:

»Neben einer Bestandsaufnahme der bilateralen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen des Vereinigten Königreichs mit Deutschland bzw. der EU enthält die Studie eine Analyse der Effekte eines Brexit auf die deutsche und europäische Wirtschaft sowie auf einzelne Wirtschaftszweige. Dabei werden unterschiedliche Szenarien für die Ausgestaltung der künftigen Beziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich auf Basis bilateraler, sektoraler Handels- und Wirtschaftsverflechtungen untersucht.«

Und zu den wichtigsten Ergebnissen:

»Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass ein Brexit für das Vereinigte Königreich in jedem Fall deutlich teurer wird als für Deutschland. Im Szenario eines umfassenden und ambitionierten Freihandelsabkommens zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich würde das reale Bruttoinlandsprodukt langfristig im Vereinigten Königreich um 0,6 Prozent und in Deutschland und der EU jeweils um 0,1 Prozent niedriger liegen. Falls es zu keinem bilateralen Abkommen und somit zu einem Rückfall auf Zollsätze nach dem Prinzip der Meistbegünstigung gemäß der Welthandelsorganisation kommen würde, läge der Effekt auf das Bruttoinlandsprodukt im Vereinigten Königreich langfristig bei -1,7 Prozent, in Deutschland bei -0,2 und im EU27-Durchschnitt bei -0,3 Prozent. Ein Brexit würde unterschiedliche EU27-Staaten unterschiedlich stark betreffen. Insgesamt gilt: Je weiter die geographische und kulturelle Entfernung vom Vereinigten Königreich, umso geringer die Verluste des jeweiligen EU27-Staats.

Mit Blick auf die Wirtschaftszweige in Deutschland sind die größten relativen Wertschöpfungsverluste bei pharmazeutischen Produkten, sowie in den Automobil- und Maschinenbausektoren zu verzeichnen. Im Vereinigten Königreich würden vor allem die Fahrzeugindustrie, der Flugzeugbau, die Metallindustrie und die chemische Industrie, sowie der Großhandel zu den am stärksten negativ betroffenen Wirtschaftszweigen zählen; diese Sektoren sind typischerweise stark in die europäische Wertschöpfungskette eingebunden. Von einem Brexit könnten in Deutschland aber sogar auch einige Dienstleistungssektoren profitieren; hierzu zählen beispielsweise der Finanzsektor und IT-Dienstleistungen. Wohingegen das Vereinigte Königreich vor allem im Nahrungsmittelbereich mit Wertschöpfungszuwächsen rechnen könnte.«

Insgesamt also dürfte der Brexit für die Wirtschaft in der EU und insbesondere für die deutsche Wirtschaft verkraftbar bleiben. Insbesondere für einzelne Branchen könnten sich ungünstigere Entwicklungen ergeben: Am meisten zu verlieren haben in Deutschland die Pharma-, Kfz- und Maschinenbauunternehmen. Sie exportieren besonders viel auf die britische Insel und würden beispielsweise unter der Einführung von Zollhürden leiden.

Wie dem auch bei aller Unsicherheit solcher Vorhersagen sei - das, was in den nächsten Monaten zu bewältigen ist, sollte nicht unterschätzt werden, denn nicht nur mit der EU muss verhandelt werden. Müssen die Briten 759 Vereinbarungen neu aushandeln?, fragt beispielsweise die FAZ. Denn es muss nicht nur innerhalb der nächsten Zwei Jahre eine Einigung mit der EU gefunden werden, sondern es geht es um nicht weniger als 759 Vereinbarungen mit 168 Ländern. Diese hat die EU mit sogenannten Drittstaaten geschlossen, also Ländern, die ihr nicht angehören. Vielleicht nicht jede einzelne, aber wohl die allermeisten davon sind auch für die Briten so relevant, dass sie daran in irgendeiner Form festhalten müssen.
Darunter sind  295 zwischen der EU und Drittstaaten geschlossene bilaterale Handelsverträge. Hinzu kommen 202 Vereinbarungen über Regulierung zum Beispiel des Datenverkehrs, der Finanzbranche und von Kartellen. Dazu gibt es noch spezielle Regeln wie etwa Fischerei, Flug- und Landerechte oder heikle Fragen wie etwa die Lieferung von radioaktivem Material und Bauteilen für Atomkraftwerke inklusive des dazugehörenden Knowhows.  In der Luftfahrt etwa hängt von den Vereinbarungen ab, dass britische Flugzeuge in den Vereinigten Staaten, Kanada oder Israel landen dürfen.
Man kann nur für die Briten hoffen, dass die Fachbeamten äußerst stressresistent und Überstunden aufgeschlossen sind.