Donnerstag, 1. Juni 2017

Wenn die schemenhaften Umrisse an Kontur gewinnen - der Brexit und die Folgen. Beispielsweise Rentner und Bauarbeiter auf der (umgekehrten) Flucht

Derzeit ist es etwas ruhiger geworden um die Brexit-Entscheidung. Also in den Medien. Aber in Wirklichkeit erkennen wir jetzt an vielen Stellen, welche und wie viele Konsequenzen mit dieser Entscheidung verbunden sind bzw. sein werden. Vor allem natürlich für die Briten selbst. Das sei an zwei Beispielen illustriert. Fangen wir mit denen an, die nicht mehr arbeiten (müssen). Den Rentnern. Von denen leben so einige jenseits der Insel in EU-Staaten. Und nun das: »Der geplante EU-Austritt Großbritanniens könnte das Gesundheitswesen des Landes teuer zu stehen kommen. Sollten alle derzeit in der Europäischen Union lebenden britischen Rentner nach Hause zurückkehren, müsste der britische National Health Service (NHS) eine halbe Milliarde Pfund – rund 576 Millionen Euro – zusätzlich pro Jahr für deren Versorgung aufwenden, warnte die Denkfabrik Nuffield Trust in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht.« So der Artikel Brexit könnte NHS Millionen kosten. Zum Hintergrund: »Derzeit leben rund 190.000 britische Rentner in EU-Ländern wie Spanien oder Frankreich. Gesundheitsleistungen werden für sie auf Basis des EU-Schemas S1 übernommen: Dieses sichert EU-Bürgern, die in einem anderen EU-Land leben, den Anspruch auf Gesundheitsleistungen zu – etwa entsandten Arbeitnehmern, Rentnern oder Beamten.«
Der Bericht geht davon aus, dass die Rentner mit einer Kündigung der S1-Absprache im Zuge des Brexits zurück gehen in das Vereinigte Königreich.

Aktuell profitiert Großbritannien von S1, da dort lebende EU-Bürger vor allem steuerzahlende Arbeitnehmer seien, heißt es im Bericht Getting a Brexit deal that works for the NHS von Mark Dayan. Und dann kann man dem Bericht auch noch das hier entnehmen, das gut überleitet zum zweiten Beispiel: »Würde mit dem Brexit die Einwanderung aus dem EU-Ausland gestoppt, fehlten Großbritannien bis zum Jahr 2025/26 zudem bis zu 70.000 Pflegekräfte.«

Apropos Zuwanderung. Das Thema und seine wirtschaftspolitischen Konsequenzen werden aufgerufen in diesem Artikel von Claudia Wanner: Mays Zuwanderungspolitik vertreibt die begehrten Gastarbeiter. Sie beginnt ihren Artikel mit Marc Vlessing, dem Vorstandschef von Pocket Living, einem erfolgreichen britischen Bauträger, der mit modularen Fertigbauteilen günstigen Wohnraum erstellt.
Drei Viertel der Arbeiter auf seinen Baustellen kämen aus Osteuropa. Aber es würden immer weniger. „Rund 30 Prozent der Arbeiter sind seit dem Brexit-Referendum weggegangen“, schätzt er. Und anders als früher kämen keine neuen mehr nach.

Vor allem zwei Gründe treiben diese Entwicklung voran: »Der gesunkene Pfund-Kurs sorge dafür, dass das Einkommen weniger wert sei. Außerdem würden die Arbeiter aus dem EU-Ausland es nicht schätzen, dass sie auch ein Jahr nach der Brexit-Entscheidung immer noch keine Klarheit über ihr künftiges Bleiberecht hätten.«

Marc Vlessing sieht noch einen weiteren Grund, der nicht unerwähnt bleiben darf: „Ich bin auf all unseren Baustellen gewesen, habe mit den Leuten gesprochen. Sie gehen, weil sie verletzt sind. Sie fühlen sich hier nicht länger willkommen.“ Zudem wüssten die Betroffenen, dass sie andere, für sie attraktivere Optionen hätten. Zurück nach Polen oder in die Slowakei würde kaum einer der Arbeiter gehen. Stattdessen fänden sie Beschäftigung auf Baustellen in Schweden, Deutschland, den Niederlanden.

Dabei gibt es schon heute nicht mehr genug Arbeitskräfte, um offene Stellen zu besetzen. Aktuelle Zahlen des Branchenverbandes für Arbeitsvermittlung (Recruitment and Employment Confederation, REC) weisen auf einen Fachkräftemangel in mehr als 60 Bereichen hin, von Ingenieuren über IT-Experten und Erziehern bis hin zu Rechnungsprüfern.

Die Regierung scheint das (noch) nicht zu beeindrucken, ganz im Gegenteil, die gießt Öl ins Feuer: »Die jährliche Abgabe, die bei der Beschäftigung von Nicht-EU-Ausländern seit April erhoben wird, die sogenannte Immigration Skills Charge in Höhe von 1000 Pfund, soll nach einem Wahlsieg der Konservativen verdoppelt werden.«

Das Wahlprogramm der Konservativen beinhaltet auch das Ziel, die Nettozuwanderung auf unter 100.000 pro Jahr zu drücken. Ein aktueller Report des Thinktanks Global Future kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass Großbritannien eine Einwanderung von gut 200.000 Beschäftigten pro Jahr brauche, um „katastrophale wirtschaftliche Folgen“ zu vermeiden. Das Centre for Economics and Business Research rechnet in einer aktuellen Untersuchung vor, dass eine Nettozuwanderung unter 100.000 das britische Wachstum bis 2025 um 1,5 bis 3,0 Prozent schwächer ausfallen lassen könnte als aktuell.

»Dabei drohen schon bald ernste realwirtschaftliche Folgen. Beispiel Bau: Fehlen die Arbeiter, verzögert sich nicht nur die Fertigstellung der Wohnungen. Der Wettbewerb um knappe Arbeitskraft dürfte auch deren Preise in die Höhe treiben. In der Bauwirtschaft führt die Knappheit mittlerweile dazu, dass Bauunternehmer versuchen, sich gegenseitig die Mitarbeiter abzujagen«, berichtet Claudia Wanner in ihrem Artikel.

Die Regierung argumentiert, dass die Einnahmen aus der Immigrationsabgabe zur Qualifizierung einheimischer Arbeitskräfte genutzt werden sollen, um mehr junge Briten einzustellen. Das klingt zunächst nicht unplausibel. Stößt aber aktuell auf strukturelle Grenzen. So existiert ein Ausbildungssystem für technische Berufe erst in den Anfängen. Hinzu kommt eine Besonderheit der britischen Baubranche: »Sie arbeitet traditionell mit wenigen direkten Mitarbeitern, dafür aber mit einem weitverzweigten System von Auftragnehmern und Unterauftragnehmern. In dieser Struktur, die auch eng mit den ausgeprägten Zyklen der Branche zusammenhängt, hätten sich bisher kaum Betriebe gefunden, denen eine Investition in Ausbildung sinnvoll erscheint.«

Wir werden in den kommenden Monaten sicher noch eine ganze Reihe an solchen Berichten zur Kenntnis nehmen müssen.

Foto: Pixabay