Freitag, 23. Juni 2017

Die Dauerhaftigkeit der unmenschlichen Arbeitsbedingungen in der globalen Textilproduktion

Im vergangenen Jahr wurde Bekleidung im Wert von mehr als 31 Mrd. Euro nach Deutschland importiert. Auch wenn es in den vergangenen Jahren erkennbar Verlagerungen von Produktionsstandorten wieder in die Nähe der europäischen Absatzmärkte gegeben hat (beispielsweise in die Türkei und in Balkan-Staaten) - immer noch kommt ein Großteil der Waren aus den Schwitzbuden der Textilproduktion in Asien. Viele denken dabei sofort an Bangladesch und haben (noch) die Bilder des Unglücks von vor vier Jahren vor Augen, als beim Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza mehr als 1.100 Menschen getötet wurden. Damals gab es auch in Deutschland, dessen großen Textilketten von der Produktion in Bangladesch profitiert haben, ein kurzes mediales Aufbäumen im Sinne einer Debatte über die menschenunwürdigen Verhältnisse, unter denen unsere Billig-, aber auch de teuren Markenklamotten hergestellt werden. Wie so viele Themen ist das dann schnell wieder ausgelaufen.

Wenn wir beispielsweise von Bangladesch reden, dann geht es um rund vier Millionen Arbeiterinnen in der Textilindustrie des Landes. Nach der Katastrophe von Rana Plaza haben sich die mächtigen Textilhersteller des Landes beim Thema Sicherheit in den Fabriken etwas bewegt - ansonsten aber verweigern sie eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, berichtet beispielsweise Willi Germund in seinem Artikel Feuerschutz und Prügel. Offenbar glauben die Fabrikanten, mit der punktuellen Verbesserung der Sicherheit in den Fabriken ihre Schuldigkeit getan zu haben. Sei »Dezember 2016 gehen sie mit Hilfe der Regierung massiv gegen Arbeitnehmer vor, die damals eine Erhöhung des Mindestlohns verlangten. Eine Delegation der Europäischen Union, die sich zusammen mit den USA, Kanada, der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) im „Bangladesh Sustainability Compact“ zusammengeschlossen hat, versucht während eines Besuch in dieser Woche den Vorwurf zu prüfen, dass mit Ausnahme von Verbesserungen der Sicherheitsvorkehrungen ein vier Jahre alter Forderungskatalog des Bündnisses nicht erfüllt wurden.« Die Regierung, die eng mit Textilunternehmen kooperiert, war während der vergangenen Wochen verstärkt gegen Gewerkschaften vorgegangen, die allerdings immer noch schwach verankert sind: Gegenwärtig gibt es gerade mal 500 Betriebsgewerkschaften in den 4500 Textilfabriken des Landes.

Für das Land geht es hier um sehr viel. Bangladesh ist mit einem Marktanteil von 36 Prozent nach China der zweitgrößte Textillieferant der Welt. Die Exporte in Höhe von 30 Milliarden US-Dollar – 82 Prozent aller Ausfuhren von Bangladesch – haben den einstigen Sozialfall in einen Staat verwandelt, der im Jahr 2020 in die Gruppe der Länder mit einem mittleren Einkommen aufsteigen will.
In den Augen der Textilunternehmen ist dieses Ziel nur erreichbar, wenn niedrige Produktionskosten beibehalten werden. „Äthiopien ist unser gefährlichster Konkurrent“, wird Miran Ali, der selbst über ein Heer von 13.000 Angestellten herrscht, in dem Artikel von Germund zitiert, denn „die haben nur ein Drittel unserer Lohnkosten.“

Da passen dann auch solche Berichte: »Die Arbeitsbedingungen in der globalen Textilproduktion haben sich kaum verbessert, sagt Verdi. Beschäftigte und Gewerkschafter sind häufig Repressalien ausgesetzt«, so Sarah Kramer in ihrem Artikel Wer sich wehrt, wird entlassen: »Zehn bis zwölf Stunden pro Tag an der Nähmaschine, dazu immer wieder Schläge, verbale Attacken und sexuelle Belästigung durch Vorgesetzte sowie ein Lohn, der weder soziale Sicherheit noch Bildung für die Familie ermöglicht: Laut der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi sind die Arbeitsbedingungen in der globalen Textilproduktion multinationaler Konzerne in Asien immer noch menschenverachtend. Gewerkschafter, die etwa die Verhältnisse bei Zulieferern in Indien, Bangladesch oder Sri Lanka anprangerten und in ihren Fabriken für fairere Bedingungen kämpften, seien besonders häufig Repressalien ausgesetzt und würden nicht selten entlassen.«

Die Einschätzung der Gewerkschaft beruht neben eigenen Recherchen auf einem Papier der National Garment Workers Federation, das in diesem Monat veröffentlicht wurde. In dem Dokument listet die Organisation auf, wie schlecht Zulieferfirmen von H&M, Primark, C&A, sowie Tschibo, Aldi, Lidl und Kik ihre Beschäftigten behandeln. Kramer zitiert ein Beispiel von vielen in ihrem Artikel:
Taslima Taslima arbeitete jahrelang als Näherin in einer Textil-Manufaktur in Gazipur (Bangladesch), um den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn zu verdienen. In dem Land bezahlt die Branche Arbeiterinnen wie Taslima durchschnittlich 9,50 Euro pro Monat; die junge Frau musste dafür wie ihre rund 1000 vornehmlich weiblichen Kollegen praktisch täglich zehn oder mehr Stunden arbeiten – so lange, bis das von internationalen Modefirmen bestellte Kontingent an Hosen, Hemden oder T-Shirts fertig genäht war. „Wir saßen häufig bis in die Nacht an der Nähmaschine“, erinnert sich die 30-Jährige an ihren früheren Job. Wer das vorgegebene Pensum nicht erfüllt habe, sei mit Drohungen zum Weitermachen getrieben worden. „Nicht einmal auf Schwangere wurde Rücksicht genommen.“
Mittlerweile ist die Näherin ebenso wie mehr als 100 ihrer Kolleginnen ihre Arbeit los. „Das Management hat uns gekündigt, als wir uns zusammengeschlossen haben, um bessere Bedingungen bei unserem Arbeitgeber einzufordern“, sagt Taslima. Statt darauf einzugehen, habe das Unternehmen Leute angeheuert, um die organisierten Beschäftigten im Betrieb einzuschüchtern. Später seien fristlose Kündigungen gegen Aktivistinnen ausgesprochen worden, ohne die Arbeiterinnen für die geleistete Arbeit zu bezahlen. Für sie sei es nun praktisch unmöglich, eine neue Arbeit bei einer der großen Nähereien im Land zu finden, sagt Taslima: „Alle Gewerkschafterinnen stehen nebst Foto und Identifikationsnummer auf einer schwarzen Liste der Industrie.“
Auch Stefan Sauer beschäftigt sich mit den menschenverachtenden Arbeitsbedingungen in seinem Artikel Textilindustrie: Jugendliche arbeiten unter grausamen Bedingungen. Auch Sauer verweist auf den Einschnitt durch die Katastrophe von Rana Plaza und der dadurch ausgelöste (kurzfristige) Aktivitätsschub - oder sollte man besser sagen: Aktivitätssimulationsschub?
»Seither wurden alle möglichen Vereinbarungen zu Feuerschutz und Arbeitssicherheit unterzeichnet, Handelsketten traten einem Textilbündnis für faire und sichere Produktionsbedingungen bei, und auch H&M verpflichtete sich zur Einhaltung internationaler arbeitsrechtlicher Abkommen und Normen. So unterzeichnete der Handelskonzern am 14. Januar 2014 eine Vereinbarung mit der internationalen Gewerkschaftsorganisation Union Network International, in der sich das schwedische Unternehmen zu den Normen der internationalen Arbeitsorganisation ILO verpflichtet. Neben dem Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit werden damit das Recht auf Gründung von Gewerkschaften und kollektive Tarifverhandlungen garantiert.«
Aber: »Die Wirklichkeit in den rund 400 Zuliefer-Betrieben, in denen H&M in Bangladesch nähen lässt, wird von lokalen Belegschaftsvertretern und Gewerkschaftsaktivisten allerdings völlig anders beschrieben. Jeder Versuch, eine Arbeitnehmervertretung ins Leben zu rufen, um über Gesundheitsschutz, Löhne und Arbeitszeiten auch nur zu verhandeln, werde mit massiven Repressalien seitens der Unternehmen beantwortet, berichtet der Vorsitzende der Textilgewerkschaft NGWF, Amirul Haque Amin.« Amin ist zusammen mit Gewerkschaftsvertretern aus Indien auf Einladung der Gewerkschaft Verdi nach Deutschland gekommen.
»Die Arbeiterinnen, so Amin, müssen 12 bis 14 Stunden pro Tag schuften, oftmals an sieben Tagen in der Woche. Umgerechnet 59 Euro erhalte eine Näherin in Bangladesch pro Monat, in Indien seien es 108 Euro, berichtet Prathibha Ramanath, Textilgewerkschafterin aus dem indischen Bangalore. Sobald sich Widerstand rege, würden Beschäftigte entlassen, körperlich misshandelt, bedroht oder sogar sexuell missbraucht. Auch Fälle von Kidnapping habe es gegeben. Die Unternehmen vor Ort missachteten gesetzliche Bestimmungen zum Mutterschutz, blieben die Bezahlung von Überstunden schuldig und drückten sich um gesetzlich garantierte Lohnzuschläge. So werden Näherinnen systematisch nach mehrjähriger Betriebszugehörigkeit entlassen, weil ihnen nach fünf Jahren gesetzlich ein Bonus in Höhe von knapp drei Monatsgehältern zustünde. Zudem verfügen die „Nachrückerinnen“ aus Sicht der Hersteller über einige Vorteile: Aufgrund ihres geringen Alters meist noch unverheiratet sind sie familiär ungebunden und daher „flexibel“ einsetzbar, also auch nachts und in Doppelschichten. Aufgrund ihrer Jugend sind sie besonders leistungsfähig, aufgrund ihrer Unerfahrenheit meist fügsam.«
„Die multinationalen Handelsunternehmen geben Preise, Produktionsmenge, Lieferfristen und Qualitätsstandards vor und sind damit unmittelbar für Arbeitsbedingungen und Löhne bei ihren Zulieferern verantwortlich“, wird der Gewerkschafter Amin aus Bangladesch zitiert.

Jetzt stellen wir uns mal theoretisch vor, es würde gelingen, die Arbeit- und Lebensbedingungen der Millionen Näherinnen in Bangladesch zu verbessern - es könnte zynischerweise tatsächlich so kommen, wie die lokalen Schwitzbudenbetreiber behaupten: Viele Arbeitsplätze würden verloren gehen, was übrigens jetzt schon in Ansätzen trotz der miesen Verhältnisse passiert. Weil und so lange es noch billigere Alternativen gibt. Beispielsweise in Myanmar.

Nach Jahren der Sanktionen floriert der Handel mit Myanmar (ehemals Burma) wieder. Niedrige Löhne und günstige wirtschaftliche Rahmenbedingungen ziehen die Bekleidungsproduktion nach Myanmar. Zahlreiche europäische Marken, darunter bekannte Größen wie H&M, C&A und Primark, machen mit bei diesem „race to the bottom“.

Darüber berichtet die Kampagne für Saubere Kleidung in ihrem Beitrag Weit entfernt von fair: Bekleidungsindustrie von Myanmar. Dabei stützt man sich auf einen neuen Report:
Das “Centre for Research on Multinational Corporations“ (SOMO) legt in einem neuen Bericht detailliert die miserablen Arbeitsbedingungen dar: The Myanmar Dilemma. Can the garment industry deliver decent jobs for workers in Myanmar?, so ist der Bericht überschrieben.
Myanmar ist für die Bekleidungsindustrie so attraktiv, weil es billig ist – aufgrund niedriger Löhne und vorteilhafter Geschäftsbedingungen. Unter dem Druck der Bekleidungsmarken haben auch chinesische und koreanische Fabrikbesitzer ihre Produktion nach Myanmar verlagert. Diese Abwärtsspirale verursacht einen ungesunden Wettbewerb zwischen den produzierenden Ländern in der Region.
Der gesetzlich festgeschriebene Mindestlohn beträgt lediglich 2,48 Euro am Tag. Um Geld zu verdienen, sind sie auf Überstunden angewiesen, oft bis zu elf Stunden täglich. Im Hochbetrieb werden sie zu unbezahlten Überstunden gezwungen. Zudem kommt es häufig vor, dass Gehälter einbehalten werden, wenn Angestellte aus Krankheitsgründen nicht arbeiten können. Auch unter 15-jährige Mädchen finden eine Arbeitsstelle. Dies alles sind schwerwiegende Verletzungen internationaler Arbeitsgesetze. Ganze Dörfer wurden ohne Absprachen oder angemessene Entschädigung von ihrem Land vertrieben, um Platz für Industriegebiete und Sonderwirtschaftszonen zu schaffen.
Ein Traum für die Manchester-Kapitalisten unserer Tage, ein Albtraum für die Menschen, die unter diesen unseligen Bedingungen ihr Dasein fristen müssen. Die Folgen sind für uns nicht weit weg, wir tragen sie am Körper. Jeden Tag.