Donnerstag, 15. Juni 2017

Man kann sich auch kaputt sparen. Hinter der Kulisse des deutschen Erfolgsmodells

Man könnte versucht sein, in dem folgenden Zitat lediglich die Jahreszahl auszuwechseln und dann als aktuelles Statement wieder abzudrucken:
»Kurz vor der Bundestagswahl 2013 schwimmt Deutschland in den Augen der Ökonomen auf einer Welle der Euphorie: Kaum ein anderes Euroland hat die Finanz- und Schuldenkrise so gut gemeistert. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt ist seit 2009 um mehr als acht Prozent gewachsen, es entstanden rund 1,2 Millionen neue Arbeitsplätze. Die öffentlichen Haushalte wurden konsolidiert, im Jahr 2012 gab es einen fiskalischen Überschuss von 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Eine glänzende Bilanz für ein Land, das vor zehn Jahren noch als der „kranke Mann Europas“ galt«, so Stefan Bach et al. in einem Aufsatz, der im DIW Wochenbericht 26/2013 veröffentlicht wurde. Allerdings unter der nicht ganz so positiv daherkommenden Überschrift Deutschland muss mehr in seine Zukunft investieren. Denn der Beitrag geht weiter und hat eine Menge Wasser in den damals bereits gelobten deutschen Wein gegossen. Beispiel gefällig? »Stark geschrumpft ist das deutsche Staatsvermögen: Lag es 1999 noch bei etwa 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, so ist es bis 2011 auf 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zusammengeschmolzen und steht damit für künftige Generationen nicht mehr
zur Verfügung.«

Man ahnt es schon - das hat was mit den Investitionen bzw. den Nicht-Investitionen zu tun. »Die Bundesrepublik ist nicht nur einer der Exportweltmeister, sondern auch einer der Sparweltmeister. Kaum ein Industrieland hat eine so hohe private Sparquote wie Deutschland. Diese hohen Ersparnisse wurden zu großen Teilen nicht hierzulande, sondern im Ausland investiert. Dort brachten sie aber nicht die erhofften Erträge. Seit 1999 haben deutsche Investoren rund 400 Milliarden Euro durch schlechte Investitionen im Ausland verloren, etwa 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Von 2006 bis 2012 waren es sogar rund 600 Milliarden Euro – das sind 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.« Aua.

Und dann legen die DIW-Ökonomen den Finger auf eine damals schon klaffende Wunde:
»Die deutsche Investitionsquote ist im internationalen Vergleich gering, und sie sinkt weiter. Im Jahr1999 lag sie bei rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, heute sind es nur noch knapp über 17 Prozent. Selbst in Ländern mit gegenwärtig schwierigem wirtschaftlichen Umfeld wie Frankreich und Italien wurde wesentlich mehr investiert. Dabei stellt Deutschland aufgrund seiner Spezialisierung auf forschungsintensive Industrien und wissensintensive Dienstleistungen vergleichsweise hohe Anforderungen an das Produktionsumfeld hinsichtlich Humankapital, Ressourcenschonung sowie Mobilität und müsste deswegen deutlich mehr investieren als andere Länder, um ein gesundes Wachstum und damit auch Einkommenssteigerungen langfristig sicherstellen zu können.«
Da hatte sich damals schon einiges aufgestaut: Im Vergleich mit dem Durchschnitt der Eurozone (ohne Deutschland) hat sich in Deutschland seit 1999 eine Investitionslücke von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts gebildet. Kumuliert seit 1999 entspricht dies etwa einer Billion Euro – das sind mehr als 40 Prozent des aktuellen BIP, so Bach et al. im Jahr 2013. Was das bedeutet? Wir leben von der Substanz. Das kann man eine Zeit lang machen, aber irgendwann geht das nicht mehr und dann wird es erst richtig teuer.

Ein Großteil der Investitionen wird von Unternehmen und privaten Haushalten geleistet. Ein anderer Teil der Investitionsleistung muss vom Staat erbracht werden.

Speziell zu dem Themenfeld Unternehmensinvestitionen meldete sich das DIW im vergangenen Jahr zu Wort: Investitionsschwäche der Unternehmen schafft Handlungsbedarf, so war der Beitrag von Marcel Fratzscher, Martin Gornig und Alexander Schiersch im DIW Wochenbericht 15/2016 überschrieben. Eine Analyse der Entwicklung der Unternehmensinvestitionen ergab, dass die hiesigen Firmen heute kaum mehr als im Jahr 2007 investieren, also vor der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. In den USA beispielsweise liegt das Investitionsniveau hingegen um fast 14 Prozent höher.

Und ganz aktuell wird man dann mit solchen Botschaften konfrontiert, die anzeigen, dass man keineswegs von einer Verbesserung der Lage sprechen kann, eher im Gegenteil: Deutschland spart sich sein Wachstum kaputt, so hat Catherine Hoffmann ihren Artikel überschrieben. Zwei Kernaussagen daraus: Obwohl deutsche Unternehmen so große Gewinne machen wie nie, nehmen die Investitionen in neue Maschinen und Computer stetig ab. Immer mehr produzieren und gleichzeitig kaum investieren - lange kann das so nicht mehr weitergehen, sind sich Ökonomen einig.

Auch Hoffmann beginnt ihre Ausführungen mit den Jubelzahlen, die uns derzeit wieder um die Ohren gehauen werden. Aber: Es gibt auch schlechte Wirtschaftszahlen aus Deutschland - und auf die kommt es langfristig an: Die Investitionen der Unternehmen in neue Maschinen, Computer und andere Ausrüstungsgüter sind mickrig, und das seit Jahren schon, trotz der guten Konjunktur. Für eine rosige Zukunft ist das ein Problem, denn Investitionen bestimmen die Produktivität und damit das langfristige Wachstum der Wirtschaft. "Wenn die Investitionen weiter unterdurchschnittlich bleiben, lebt Deutschland von der Substanz", wird Magnus Reif vom ifo-Institut zitiert.

Aber es läuft doch super in Deutschland, wenn man sich die Wirtschaftswachstumszahlen anschaut? Angetrieben wird das Wachstum vor allem von den privaten Konsumausgaben und dem Konsum des Staates, der beispielsweise viel Geld für Flüchtlingshilfe ausgibt. Auch der Außenhandel hilft dem Wachstum.
Nur bei den privaten Investitionen, da hakt es. An mangelndem Kapital kann es nicht liegen. "Die Unternehmen schwimmen im Geld, sie machen hohe Gewinne und kommen obendrein leicht an zinsgünstige Kredite", sagt Fabian Lindner, Konjunkturexperte beim Wirtschaftsforschungsinstitut IMK in Düsseldorf. "Investiert wird trotzdem nicht."
»Die Unternehmensgewinne der deutschen Kapitalgesellschaften (ohne Banken und Versicherungen) haben sich seit 1991 verdreifacht - sie stiegen von 173 auf 543 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Gleichzeitig schrumpften die Nettoinvestitionen von 85 Milliarden auf knapp 20 Milliarden Euro.«
Das kann auf Dauer eigentlich nicht gut gehen. Vor allem nicht, wenn die Wirtschaft rund läuft, weil eine steigende Kapazitätsauslastung dazu führt bzw. führen müsste, dass der Investitionsmotor anspringt. Eigentlich: »In der Vergangenheit haben die Betriebe immer dann mehr Geld investiert, wenn die Auslastung in der Industrie bei 82 Prozent lag, inzwischen hat sie 86 Prozent erreicht - und es rührt sich nur wenig«, so Hoffmann in ihrem Artikel.
Und dabei kommen aktuell solche Meldungen rein: Deutscher Wirtschaft droht Überhitzung: »Der deutschen Wirtschaft droht nach Einschätzung des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) eine konjunkturelle Überhitzung. "Die gesamtwirtschaftliche Überauslastung steigt weiter und ist nach einer sechsjährigen Aufschwungphase dann so groß wie seit dem Boomjahr 2007 nicht mehr", schreibt das IfW in seiner Konjunkturprognose.«
Also müsste, sollte, hätte ... aber noch schlägt das nicht durch bei den Investitionen.
»Bislang horten die Unternehmen lieber ihr vieles Geld, und so steigen die einbehaltenen Gewinne über die Jahre kräftig. Das stärkt die Eigenkapitalbasis und macht die Betriebe unabhängiger von den Banken, die schmerzhaft zu spüren bekommen, dass sie immer seltener gebraucht werden. Einen Teil ihrer Gewinne geben die Unternehmen auch an die Aktionäre zurück. Beliebt sind umfangreiche Aktienrückkäufe und üppige Dividendenzahlungen. Allein die 30 Dax-Unternehmen schütten in diesem Jahr knapp 32 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus - so viel wie noch nie. Beachtliche Summen werden auch für grenzüberschreitende Fusionen und Übernahmen gezahlt. Die Idee dabei ist simpel: Schluckt ein Konzern seinen Konkurrenten, stärkt das seine Marktmacht ... Solche Übernahmen im Ausland spiegeln sich statistisch in den Direktinvestitionen wider. Sie haben in der ersten drei Monaten des Jahres schon ein Volumen von 47,7 Milliarden Euro erreicht, im gesamten vergangenen Jahr waren es 69,3 Milliarden. Zudem legen Unternehmen ihre Gewinne zunehmend auf Finanzmärkten im Ausland an, weil sie in Deutschland zu wenige lohnende Investitionsprojekte sehen. Ergebnis: Deutschland ist auch beim Kapitalexport Weltmeister: 2016 flossen 266 Milliarden Euro Kapital ab, Geld das man auch in Deutschland hätte investieren können, wenigstens zum Teil.« 
Und dann wäre da ja auch noch der Staat als (potenzieller) Investor. Aber bei dem sieht es nicht minder traurig aus. Die auf Teufel komm raus verfolgte Strategie einer "schwarzen Null" hat ihre Einschläge auch bei den staatlichen Investitionen hinterlassen - und was besonders erschwerend hinzu kommt: Selbst wenn man jetzt die große Investitionsoffensive ausrufen würde und dafür säckeweise Geld in die Landschaft stellen würde, muss man davon ausgehen, dass das nur sehr beschwerlich umgesetzt werden kann. Weil wir jetzt in wichtigen Teilbereichen der öffentlichen Verwaltung die vergifteten Früchte des rigorosen Personalabbaus dort serviert bekommen. Es fehlt jetzt vorne und hinten an Fachpersonal, um die Investitionsprojekte zu genehmigen, zu begleiten oder selbst abzuwickeln. Die Vergangenheit kann man eben nicht einfach wegdefinieren.