Mittwoch, 7. Juni 2017

Der Wirtschaftsausblick der OECD für Deutschland: Es wächst. Das eine mehr, das andere weniger

Wenn das mal keine guten Nachrichten sind: »Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft verbessern sich: Die OECD erwartet einen anhaltenden Aufschwung und ist mit ihrer Prognose sogar optimistischer als die Bundesregierung.« So dieser Artikel: OECD sagt Deutschland starkes Wachstum voraus. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde in diesem Jahr um 1,7 Prozent zulegen, erklärte die OECD. 2018 dürften es dann sogar 2,0 Prozent werden. In ihrem Länderbericht Deutschland schreibt die OECD: »Den Projektionen zufolge wird das Wirtschaftswachstum kräftig bleiben, und die Arbeitslosenquote wird weiter zurückgehen. Die geringe Arbeitslosigkeit und höhere Staatsausgaben werden den privaten Verbrauch fördern. Niedrige Zinsen und die Zuwanderung dürften die Wohnungsbauinvestitionen stützen, die Unternehmensinvestitionen werden aber voraussichtlich nur langsam anziehen. Die Exporte profitieren von der starken Nachfrage aus Asien und den Vereinigten Staaten, werden sich allerdings abschwächen, wenn der Effekt der Euro-Abwertung der vergangenen Zeit abklingt und das Einfuhrwachstum in China nachlässt. Der Leistungsbilanzüberschuss wird etwas abnehmen, hauptsächlich aufgrund höherer Energiepreise.«

Norbert Häring hat seine Zusammenfassung des OECD-Wirtschaftsausblicks im Handelsblatt so überschrieben: Starkes Wachstum, doch die Löhne steigen kaum: »Deutschlands Wirtschaft wird in diesem Jahr und 2018 kräftig wachsen – dank steigender Exporte. Allerdings machen die Löhne keine großen Sprünge. Der private Konsum kommt daher nicht in Schwung«, so seine Sicht auf die OECD-Prognose.
»Grund für die Aufwärtsrevision ist vor allem ein größerer Optimismus für das Exportgeschäft, dem mit über vier Prozent 2017 ein deutlich stärkeres starkes Wachstum zugetraut wird als 2016. Auch die Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen sollen mit 2,5 Prozent deutlich stärker wachsen als im Herbst angenommen. Dagegen hat die Industrieländerorganisation ihre Erwartungen für den privaten Verbrauch deutlich auf plus 1,3 Prozent in diesem und 1,4 Prozent im nächsten Jahr zurückgenommen.
Damit bleibt nach der Prognose der OECD das deutsche Wachstum weiterhin vor allem exportgetrieben, ein Umstand, der im Verhältnis zur Trump-Regierung in den USA bereits für beträchtliche Spannungen gesorgt hat.«
Und wie ist das mit den Löhnen? Denn eigentlich nach der ökonomischen Idealtypenlehre müsste die doch gerade in Deutschland ordentlich steigen. Dazu Norbert Häring:
»Nicht nur auf Deutschland bezogen beklagt die OECD, dass die Löhne im Verhältnis zur Produktivität zu langsam stiegen, mit ungünstigen Konsequenzen für die Wirtschaftsentwicklung und die Einkommensverteilung. „Produktivität und Reallöhne entwickeln sich auseinander, sodass sich zwar die Arbeitsmarktaussichten verbessern, aber die Grundlagen für robusten Konsum und breit verteilte Wohlstandsgewinne weniger offensichtlich sind“, schreiben die OECD-Ökonomen.
Für Deutschland ist das besonders ausgeprägt. Hier diagnostizieren sie eine Arbeitslosenquote auf oder unter dem nachhaltig durchhaltbaren Niveau und erwarten trotzdem nur eine minimale Beschleunigung des Lohnwachstums auf zweieinhalb Prozent.«
Die OECD kann sich einige kritische Hinweise nicht verkneifen:
»Eine starke Einbindung in globale Wertschöpfungsketten (die u.a. über die Auslagerung arbeitsintensiver Tätigkeiten und gestiegene Umsätze auf weit entfernt liegenden dynamischen Märkten, insbesondere in Asien, gewährleistet ist), die Euro-Abwertung und Lohnmäßigung sorgen dafür, dass das deutsche Verarbeitende Gewerbe sehr wettbewerbsfähig ist. Die Zahl der relativ gering entlohnten Arbeitskräfte ist gestiegen, die Aufwärtsmobilität der Einkommen gesunken, und die durchschnittliche Arbeitslosigkeitsdauer ist hoch, auch wenn das Armutsniveau niedrig bleibt.« 
Und was empfehlen die Wirtschaftsexperten der OECD Deutschland?
»Durch höhere Ausgaben für die Verbesserung der Ganztagskinderbetreuung sowie zur flächendeckenden Einführung von Ganztagsgrundschulen würde es – vor allem für Frauen, die davon am stärksten betroffen sind – leichter, familiäre Aufgaben mit einer Vollzeitbeschäftigung zu vereinbaren, womit das Fachkräfteangebot steigen würde. Zugleich ließen sich dadurch die Bildungsergebnisse von Jugendlichen aus ungünstigen sozioökonomischen Verhältnissen verbessern. Die staatlichen Investitionen reichen immer noch nicht aus, um den Wertverlust des Kapitalstocks auszugleichen, vor allem in einnahmeschwachen Kommunen, und sie müssen daher erhöht werden. Eine geringere Steuerbelastung für Zweitverdiener würde Frauen den Zugang zu besseren Karriereoptionen eröffnen und das große Verdienstgefälle zwischen den Geschlechtern verringern.«
Aber die OECD bleibt zugleich im altbekannten Fahrwasser der Gleichung "mehr Deregulierung = mehr Beschäftigung":
»Eine Senkung der Hürden für die Unternehmensgründung, beispielsweise in baunahen Handwerksberufen, würde Zuwanderern, die sich mit besonders hoher Wahrscheinlichkeit selbstständig machen oder eine Beschäftigung im Baugewerbe aufnehmen, größere wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen. Die Reduzierung solcher Hürden würde auch Angebotsengpässe im Baugewerbe verringern helfen und Chancen zur Erzielung höherer Einkommen schaffen. Eine Verringerung der Marktzutrittsschranken im Telekommunikations-, Post- und Schienenverkehrssektor, in den freien Berufen und in einigen Handwerksberufen könnte die Investitionstätigkeit fördern und so den Leistungsbilanzüberschuss verkleinern helfen. Auch Schritte, um zu verhindern, dass etablierte Anbieter in neuen Rechtsvorschriften begünstigt werden, sowie die Veräußerung staatlicher Unternehmensbeteiligungen im Automobil-, Telekomunikations- und Postsektor könnten der Investitionstätigkeit Auftrieb geben.«