Dienstag, 20. Juni 2017

Von solchen und anderen Konjunkturaufschwüngen

Gute Nachrichten, die da aus dem ifo Institut vermeldet werden, wo man die Konjunkturprognose aus dem Dezember 2016 für das laufende und das kommende Jahr revidiert hat. Nach oben. Im Dezember hatte das Institut noch eine Wachstumsabschwächung des Bruttoinlandsprodukts auf 1,5 Prozent in diesem und 1,7 Prozent im nächsten Jahr prognostiziert. Nun sollen es doch 1,8 und 2,0 Prozent werden.Das Institut schreibt dazu: »Der Aufschwung, in dem sich die deutsche Wirtschaft seit nunmehr 2013 befindet, gewinnt an Stärke und Breite. Das ifo Institut rechnet mit einem Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts von 1,8% im laufenden und 2,0% im kommenden Jahr. Wie schon in den vergangenen Jahren wird die konjunkturelle Entwicklung von der weiter lebhaften Konsumnachfrage der privaten Haushalte und der regen Bautätigkeit bestimmt. Einen zunehmenden Beitrag zum Aufschwung werden die Exporte leisten, die von den verbesserten Konjunkturaussichten im Euroraum und dem Rest der Welt profitieren. Deshalb dürften auch die bisher eher zur Schwäche tendierende Industriekonjunktur und die ebenfalls enttäuschenden Unternehmensinvestitionen anziehen.« Die frohe Botschaft scheint aber in Zeiten von Trumps Kritik an deutschen Handelsüberschüssen politisch extrem sensibel - meint Norbert Häring in seiner Analyse Ein politisch sensibler Aufschwung. Häring hat sich an dieser Formulierung aus dem ifo Institut festgebissen: "Wie schon in den vergangenen Jahren wird die konjunkturelle Entwicklung von der weiter lebhaften Konsumnachfrage der privaten Haushalte und der regen Bautätigkeit bestimmt."

Diese Einordnung überrascht Häring, lässt sich doch der Prognosetabelle entnehmen, dass der private Konsum in diesem Jahr nur um 1,2 Prozent und im kommenden Jahr um 1,6 Prozent zulegen soll. Das ist deutlich weniger als die rund zwei Prozent in den Vorjahren und auch deutlich weniger als das Wachstum der Wirtschaftsleistung insgesamt. Ein Wachstumstreiber, der deutlich hinter dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum zurückbleibt.
»Das sieht eher so aus, als würde das im Export und mit Bauinvestitionen verdiente Geld nur teilweise seinen Weg zu den konsumierenden privaten Haushalten finden. Das wäre Wasser auf die Mühlen derer, die wie OECD, Europäische Zentralbank und deutsche Gewerkschaften meinen, es wären etwas höhere Lohnsteigerungen angezeigt.«
Ein Blick in die ifo-Prognosedaten reicht Häring, um "die eigentliche Triebfeder des verstärkten Aufschwungs" zu identifizieren: den Export. »Er soll dieses und nächstes Jahr um jeweils viereinhalb Prozent zulegen. Der Import soll zwar noch etwas stärker steigen. Das schlägt aber wegen dessen viel geringerem Niveau weniger zu Buche.«

Auf Nachfrage erläutert Konjunkturchef Wollmershäuser, dass sein Instituts ein exportgetriebenes Wachstum prognostiziert. Der Welthandel habe ordentlich an Schwung gewonnen, und davon profitiere Deutschland, so dass sich die Konjunktur wandle „weg vom binnengetriebenen Aufschwung zu einem exportgetriebenen.“ Härings Interpretation:
»Das wäre aber wohl keine schöne Überschrift zu Zeiten, zu denen der US-Präsident wegen der jetzt schon sehr hohen Überschüsse Deutschlands mit Handelssanktionen droht.«
Und er legt den Finger in die sehr offene Wunde, die das prognostizierte Exportwachstum vertiefen wird:  Der Überschuss in der Leistungsbilanz, der misst, wie viel mehr Geld Deutschland aus dem Ausland einnimmt als im Ausland ausgibt, bleibt mit über 260 Mrd. Euro auf einem sehr hohen Niveau, über 8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.
»Es wäre das achte Jahr in Folge mit einem Überschuss von mehr als sechs Prozent und das vierte mit einem Überschuss von mehr als acht Prozent. Das gab es kaum je in einem großen Nicht-Ölexportland. Es wirft die Frage auf, wie Deutschland schadlos von diesen Überschüssen herunterkommen soll, die relativ bald an Grenzen der Verschuldungsfähigkeit der Abnehmerländer stoßen werden.«
Abbildung: Eckdaten der ifo-Prognose für die Bundesrepublik Deutschland, 20.06.2017